Yannis Philippakis: “Die Leute verbrennen Musik heute viel schneller“

Musik verbrennt heute schneller am Konsumhimmel, Künstler müssen immer schneller liefern. Das neue Foals‘ Doppelalbum entstand wohl auch in diesem Kontext, bleibt jedoch ein verdammt gutes Album. Die Jungs lassen sich nicht hetzen.

Dass selbst Bands, so groß wie Foals, heute Kunst und Business mehr denn je zusammen denken müssen, sollte jedem klar sein, der weiß, dass selbst Millionen Streams gerade mal für einen Teller Spaghetti Bolo reichen. Live-Event sind daher Gebot und Chance für heutige Bands. Ob es vielleicht auch daran liegt, dass das neue Foals-Album „Everything Not Saved Will Be Lost“ zweigeteilt wird und einmal am 8. März (erster Teil) und dann nochmal im Herbst erscheint? Mehr Output, mehr Buzz, mehr Konzerte? Typische Wirtschaftsjournalistenfrage eben. „Die Idee des geteilten Albums kam später im Prozess“, sagt Sänger Yannis Philippakis. „Es hätte sich, denke ich, nicht authentisch angefühlt, sie unterschiedlich zu benennen. Ich mag die Idee, dass die Platten zwei Teile eines Ganzen sind.“ Wenn es um seine Musik geht, bleibt Philippakis also ganz Künstler.

Trotzdem ist er ein routinierter Profi, der sein Business versteht. „Die Leute verbrennen Musik heute viel schneller. Der Kreislauf des Musikkonsums hat sich beschleunigt“, weiß Philippakis, der nach Berlin gekommen ist, um über das neue Album zu reden. Er weiß auch, dass man als Frontmann eben auch mal sechs Journalisten hintereinander wegfrühstücken muss, um weiterhin aufmerksamkeitsmäßig in den oberen Indie-Ligen mitzuspielen. Diese kurzen Aufmerksamkeitszeiträume sind es eben auch, in deren Kontext man heute die Veröffentlichung eines Doppelalbums betrachten muss. Und natürlich weiß Philippakis das: „In der Vergangenheit konntest du eine Platte veröffentlichen und sie blieb länger frischer. Heute bedeutet die Konsumrate, dass sie eine kürzere Verkaufsspanne hat.“

Auf der Suche nach Grenzerfahrungen

Aber reden wir über das, was zumindest Teil eins des neuen Albums im Innersten zusammenhält. Musikalisch bis an die äußersten Grenzen sei man diesmal gekommen, hieß es vor einiger Zeit in einem Statement. Daran gemessen muss die erste Single zumindest erstmal enttäuschen, so gleichmäßig und träge wie der Track vor sich hin tröpfelt. Guter Pop zwar, nur sicher keine Grenzerfahrung. Aber es wäre unfair, mit dem Song das Album voreilig abzuurteilen, dazu ist es zu vielfältig und interessant. „On the Luna“ zum Beispiel ist ein Track, den man ohne Umschweife als absoluten High-Energy-Indie-Disco-Smash-Hit bezeichnen könnte. Mit seinem treibenden Bass und seiner Upbeat-Struktur hätte „In Degrees“ auch viel Platz in der Indie-Disco. „Café d’Athens“ wiederum ist ein Wink an „Total Life Forever“, dem nervösen, intensiven und druckvollen zweiten Album von 2010. Mit „Sunday“ haben wir dann eine leicht „Beirut“-ige Indie-Ballade, die gegen Ende hin das Kunststück vollbringt zum housigen Clubhit zu werden.

Ein ziemlich zusammengewürfelter Stil-Eklektizismus also. Vielleicht war das ja die Grenzerfahrung? So vieles zusammenzubringen? „Wir gingen die Songs anders an“, sagt Philippakis. „Ich habe zuvor zum Beispiel nie Software benutzt. Intern haben wir ziemlich viel anders gemacht.“ Aber der Sänger ist auch niemand, der Leute überzeugen will. Niemand müsse diese Grenzerfahrung hören, die die Jungs im Studio hatten, das sei vollkommen okay. Ohnehin ist Philippakis keiner, der seine Kunst gerne erklärt: „Wenn du es nicht hörst, ist das eben so.“

Trotzdem passiert da etwas auf diesem Album, so viele Dinge fließen da zusammen. Jene Band, die einst mit ihrer komplexen, mathematischen Verspultheit bekannt wurde, hat hier endgültig ein absolut eingängiges und facettenreiches Pop-Album vorgelegt, das in seiner Inkonsistenz durchaus den verwirrten Zustand der Welt widerspiegelt, auch textlich. „So viele Dinge sind in Gefahr. Ob das ökologische Sorgen sind oder die Enttäuschung über das Versprechen utopischer Technologien“, erklärt Philippakis. „Die Songs finden um diese Dinge herum statt.“

Das stimmt in gewisser Weise. Nur in einem muss ich Philippakis dann doch widersprechen, nämlich dass sich auf dem Album ein verzerrtes, labyrinthisches Weltgefühl widerspiegelt, in dem nichts mehr sicher scheint, egal ob das nun Echos vom Brexit sind, von Trump oder eben dieses utopische Technologie-Versprechen, das sich in sein dunkles Gegenteil verkehrt. Denn dafür ist das Album einfach nicht nervös genug, es befindet sich zu wenig Angst und Verwirrung darauf. Dafür ist es einfach nur ein sehr gutes Pop-Album.


Julian Daum

Julian hat beruflich auf Wörter gesetzt, schreibt und liest daher oft. Meistens über Berlin, Migration und Popkultur – hauptsache irgendwas mit Internet. Mag Print genauso gern wie Online, je nachdem wie schnell es gehen muss.

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