Review Dem Kollegen gehts schlecht? Vier Expert*innen geben Rat

Dem Kollegen gehts schlecht? Vier Expert*innen geben Rat

Jan Kolthoff, Gründer und Geschäftsführer der move UP GmbH:

Copyright: move Up GmbH

„Einem der Teilnehmer unserer bewegten Mittagspause ging es offensichtlich nicht gut. Sonst war er stets motiviert und begeistert beim Training, an dem Tag aber wirkte er lustlos, erschöpft und ausgebrannt. Zu den Kursen kam er irgendwann nur noch unregelmäßig. Auch den anderen Teilnehmern war die Veränderung aufgefallen und es wurde geredet. Mit einer solchen Situation umzugehen ist immer eine Gratwanderung. Ansprechen, klar. Aber wie, bei einem möglicherweise heiklen Thema?

Als externer Anbieter von Gesundheitskursen habe ich die Chance, so etwas auf der persönlichen Ebene anzugehen – eventuell sogar außerhalb des Unternehmens und auf neutralem Boden. Dem Mitarbeiter wird die Gelegenheit geboten, Probleme anzusprechen, ohne dass seine berufliche Leistungsfähigkeit direkt infrage gestellt wird. Außerdem sprechen die Teilnehmer in den Kursen über alle möglichen Gesundheitsthemen. Sie berichten von ihren Rücken- und Nackenschmerzen oder vom Stress, der zu Verspannungen führt. Da ist der Weg zu persönlicheren Problemen nicht mehr weit.

Ich schlug besagtem Teilnehmer nach einem der Trainings einen Spaziergang um den Block vor und sprach meine Beobachtungen direkt an. Weiterführend stellte ich den Kontakt zu einer außerbetrieblichen psychologischen Beratungsstelle her.“

Melanie Kohl, Expertin für gesunde High-Performance und Mental Coach:

Copyright: Ira Kaltenegger

„Das Thema mentale Gesundheit und berufliche Leistungsfähigkeit sind die Schwerpunkte in meiner Arbeit. In meiner Coaching Praxis begegnen mir häufig Fälle wie der von Bettina: Sie ist 33 Jahre alt, Abteilungsleiterin in einem mittelständischen Unternehmen, geht gerne zur Arbeit und jeder weiß: Wenn er ein Problem hat, wird Bettina es lösen. Schon in ihrer Kindheit wurde sie zu Bestleistungen animiert, zum Beispiel mit Frühförderung wie Lesen und Schreiben noch vor Schuleintritt. In der Grundschule, im Gymnasium und im Studium schrieb sie nur Bestnoten. Schon früh erhielt sie eine Führungsposition. Aber nach einigen Jahren im Job bestimmten Gereiztheit, Lustlosigkeit und Gleichgültigkeit ihr Familien- und Arbeitsleben. Trotz ihrer guten Arbeit entwickelte sie enorme Selbstzweifel. Ein Burnout kam ihr nicht in den Sinn.

Bettina und ich lernten uns in einem meiner Seminare kennen und als ich ihr mitteilte, dass sie sich auf dem direkten Weg in ein Burnout befindet, wurde sie wachgerüttelt. Ihre Kollegen hatten sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht angesprochen und sie hatte Angst, mit ihrem Chef zu sprechen, Angst davor, abgestempelt zu werden. Nach unserem Gespräch hat sie sich entschieden, das Gespräch mit ihrem Chef zu suchen und ihm ein Coaching vorgeschlagen. Der war sehr erleichtert, dass sie den ersten Schritt gemacht hat, weil er sich mit der Situation überfordert gefühlt hat und deshalb lieber geschwiegen hat. So wie Bettinas Chef geht es vielen Führungskräften, mit denen ich arbeite. Sie sagen lieber gar nichts aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Dabei ist eine offene nicht wertende Kommunikation das A und O.

Bettina und ihr Chef haben regelmäßige Meetings vereinbart, um im Gespräch zu bleiben. Hier werden konkrete Vereinbarungen zum weiteren Vorgehen getroffen und Gespräche reflektiert. Heute ist Bettina wieder mit voller Energie im Job und hat gelernt, wo ihre Grenzen sind und vor allem auch mal nein zu sagen und den Perfektionismus zurückzufahren. Das Unternehmen hat nach dem Fall von Bettina angefangen, mit mir gemeinsam alle Führungskräfte zum Thema „Gesunde Führung und Umgang mit belasteten Mitarbeitern“ zu trainieren, so dass es inzwischen Gesprächsleitlinien gibt, die Führungspersonen in Mitarbeitergesprächen mit belasteten Mitarbeitern unterstützen. Zusätzlich wurde Coaching als Personalentwicklungsinstrument speziell für den Bereich Gesundheit im Unternehmen integriert. Damit können Ausfallzeiten verhindert oder reduziert werden.“

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