Review Dem Kollegen gehts schlecht? Vier Expert*innen geben Rat

Dem Kollegen gehts schlecht? Vier Expert*innen geben Rat

Über psychische Probleme am Arbeitsplatz sprechen? Für viele Menschen ist das ein absolutes No-go. Jeder dritte Arbeitnehmer fühlt sich europaweit dabei unwohl. Das hat die Studie „The Workforce View in Europe 2019“ ergeben, für die insgesamt 10.000 Arbeitnehmer*innen befragt wurden. Was aber tun, wenn man mitbekommt, dass es einem Kollegen, einer Mitarbeiterin oder dem eigenen Chef augenscheinlich schlecht geht? Ansprechen oder wegschauen, des Friedens wegen? Vier Expert*innen geben Rat.

Farina Schurzfeld, Mitgründerin und CMO von Selfapy:

Copyright: Farina Schurzfeld

„Eine brandneue Studie der YouGov zeigt, dass das Thema Mental Health am Arbeitsplatz noch immer tabuisiert wird und psychische Erkrankungen nicht salonfähig sind. Bei uns ist das nicht so: Als Online-Programm für psychologische Beratung gibt es bei uns fast keinen Mitarbeiter, der nicht schon einmal mit dem Thema Mental Health in Berührung gekommen ist. Nicht nur die knapp 60 Psychologen aus dem Team, sondern auch Mitarbeiter aus dem Marketing oder Tech Team teilen offen ihre Erfahrungen zu dem Thema. Das ist auch wichtig, denn Weggucken und Stillschweigen ist der falsche Ansatz.

Den einen richtigen Weg für das Ansprechen von Betroffenen gibt es aber auch nicht, denn es hängt von der Person ab. Was ich nicht empfehlen würde, sind Sätze wie “Das wird schon wieder” oder “Erfreu’ dich an den kleinen Dingen des Lebens”. Wohlgemeinte Fragen nach dem Befinden und ein offenes Ohr sind die besten Herangehensweisen. Und ein bisschen Aufmerksamkeit gibt es ja schon. Bei Selfapy haben wir Pullover mit dem Spruch #tschüßdepression. Ich trage den gern, da er muckelig warm und bequem ist. Wenn ich ihn im Supermarkt trage, ist es mir schon mehrfach passiert, dass mich Leute an der Kasse vorgelassen haben. In diesem Fall lag das bestimmt nicht an meinem netten Lächeln.“

 

Diana Doko, Vorstandsvorsitzende des Vereins Freunde fürs Leben:

Copyright: Tom Wagner

„Die erste Reaktion auf Anzeichen einer psychischen Erkrankungen bei Kollegen oder im Bekanntenkreis ist bei vielen Menschen der Versuch zu helfen. Das ist toll! Oft denken wir, gute Ratschläge, ein Auf-die-Schulter-Klopfen und eigene Erfahrungen anzubringen wäre die richtige Lösung. Tatsächlich sollten wir aber erst einmal zuhören und den Betroffenen sprechen lassen. Denn bei dem Verdacht, dass ein Kollege oder Freund an Depressionen leidet oder Suizidgedanken hat, ist Zuhören der erste Schritt aktiver Hilfe. Keine Ratschläge und Lösungen anbieten, sondern auf das Gegenüber eingehen, ihm Verständnis entgegenbringen und ihn ernst nehmen. Wichtig ist dabei, deutlich zu machen, dass die betroffene Person eine Krankheit hat, die sich behandeln lässt – und nicht etwa verrückt ist oder sich nur gehen lässt. Denn wie eine Grippe oder ein gebrochener Arm sind Depressionen behandelbar.

Natürlich ist besonders im Berufsleben das Arbeitsumfeld wichtig. Ein gutes Verhältnis zwischen den Kollegen, aber auch zu den Vorgesetzten, ist unabdingbar, damit Vertrauen entstehen und bei Krisen und psychischen Erkrankungen geholfen werden kann. Jeder Mensch ist anders und hat auch andere Ansprüche, was die passende Therapie angeht. Die Suche nach dem richtigen Therapeuten kann oft sehr mühselig sein, dabei kann man als Kollege sehr gut unterstützend zur Seite stehen und den Betroffenen zum Beispiel zum Arzt begleiten. Es ist wichtig, dass man sich traut, seine Nächsten oder das eigene Umfeld einzubinden. Depressive sind in bestimmten Phasen ihrer Krankheit für Familie, Freunde und für das Umfeld anstrengend, keine Frage. Es gibt jedoch Werkzeuge, die einem helfen können, eine solche Krankheit in den Alltag zu integrieren und mir ihr zu leben. Aber dafür braucht man eben professionelle Hilfe. Mit der richtigen Unterstützung und einem positiven Umfeld sind Depressionen behandelbar und Suizide vermeidbar.“

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