Alex Will: „Calm ist erfolgreich, weil Schlaf ein universelles Thema ist“

Axel Will ist Teil des Gründungsteams, Chief Strategy Officer und Vorstandsmitglied bei der Meditations-App Calm. Er verantwortet die Bereiche Business Develpoment, International, Partnerships und Unternehmenskommunikation. Eine seiner Stategien: morgens mit allen Kolleg*innen eine zehnminütige Meditation zu machen. Wie er seine Meditationen vom Eso-Vorwurf befreien will, erklärt er im Interview.

Ihr habt 2018 in einer Finanzierungsrunde 27 Millionen Dollar gesammelt, 2019 88 Millionen und ihr seid auf Platz 19 der am schnellsten wachsenden Unternehmen in Amerika. Habt ihr mit dem Erfolg gerechnet?

In den ersten Jahren saßen wir zu siebt in einem Ein-Zimmer-Appartement und hatten ziemlich große Probleme damit, Geld zu verdienen. Investor*innen haben geglaubt, dass unsere Idee nur so ein San-Francisco-Ding ist, das den Rest der Welt nicht interessiert. Aber wir hatten acht Millionen Downloads, ohne einen einzigen Euro in Marketing zu investieren. Das kann man nur schaffen, wenn die Köpfe hinter dem Unternehmen eine Menge Liebe reinstecken. Mittlerweile haben wir zwei Millionen Mitglieder, 55 Millionen Downloads und 75 Mitarbeiter*innen bei Calm.

Macht ihr nie Fehler?

Doch, täglich. Aber das Gute ist, dass Michael, Alex und ich schon Erfahrung aus früheren Gründungen mitbringen. Deswegen wiederholen wir bestimmte Dummheiten nicht noch mal. Ich zum Beispiel habe schon mal ein Unternehmen schneller wachsen lassen, als es vertragen hat. Das mag sich zwar im ersten Moment gut anfühlen, aber wenn das Produkt oder das Team nicht dafür bereit ist, ist es zum Scheitern verurteilt. Den Fehler mache ich nicht noch mal.

Ist es nicht traurig, dass ihr als First-Mental-Health-Billion-Dollar-Business so erfolgreich seid? Immerhin sieht es so aus, als wären immer weniger Menschen imstande, selbstständig einzuschlafen.

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin 35 und in einer Welt aufgewachsen, die aus heutiger Perspektive schon fast altmodisch ist: Handyspiele waren damals noch nicht so groß wie heute. Aber das ist längst passé. Mittlerweile hat jeder ein Handy. Wir verzeichnen fast 100.000 Downloads jeden Tag. Wenn wir Menschen durch unsere App helfen können, Stress abzubauen oder besser einzuschlafen, kann das aus meiner Perspektive nur eine gute Sache sein.

Es heißt, ihr hättet ziemlich viele Downloads bekommen, nachdem Trump zum US-amerikanischen Präsidenten gewählt wurde.

Klar ist: Der Stress ist heute viel größer, im Leben wie in der Politik. Wir verbringen mehr Zeit mit Arbeit, benutzen den ganzen Tag unsere Telefone und Computer. Ich will nicht sagen, dass unsere Mental Fitness in Gefahr ist. Aber was stimmt, ist, dass die ganze Welt gerade kapiert, dass sie mindestens genauso wichtig ist wie der Körper. In 20 Jahren schauen wir bestimmt zurück und sagen: Das ist der Anfang, an dem wir gemerkt haben, dass wir uns darum kümmern müssen. Meditation und Schlaf sind universale Themen.

Alex Will

Man könnte auch behaupten, dass die Probleme woanders liegen, zum Beispiel in Strukturen. Menschen bekommen schlechteren Schlaf, wenn sie im Job unzufrieden sind, von armen Menschen ganz zu schweigen. Müsste man also nicht ganz woanders ansetzen?

Erst mal können wir feststellen, dass Menschen jeglichen Einkommens unsere App nutzen. Das ist uns wichtig und wir versuchen, die Preise gering zu halten. 40 Euro – so viel kostet der Mitgliedsbeitrag im Jahr in Deutschland – finde ich nicht viel. Wichtig ist uns, dass sie für alle zugänglich ist: Unsere App nutzen kleine Kinder genauso wie Menschen, die 70plus sind. Das liegt auch daran, dass man nicht besonders viel darüber nachdenken muss, sondern einfach auf Play drücken kann. Aber natürlich können wir nicht alle strukturellen Ungerechtigkeiten dieser Welt mit unserer App lösen.

Wobei Mindfulness bisher eher einen öko- und esomäßigen Touch hat.

Dieses esoterische Image wollten wir von Anfang an nicht bedienen. Deswegen schauen wir uns wissenschaftliche Studien an, die zeigen, welche Geräusche stressreduzierende Wirkung haben kann. Pink Noise ist ein aktuelles Beispiel. Außerdem sagen uns die Nutzer*innen, welche Geräusche sie als angenehm wahrnehmen. Dann überlegen wir, ob wir das mit reinnehmen. Damit bedienen wir schon mal nicht gängige Stereotype. Außerdem sieht man in unserer App jetzt nicht unbedingt klischierte Bilder vom traditionellen Buddhismus, sondern eher von Bergen, Regen und Seen. Mit Natur kann jede Person was anfangen.

Für eure Schlafgeschichten sprechen Sebastian Koch oder Stephen Fry, ihr spielt Musik von Moby. Wie wählt ihr die Menschen aus, mit denen ihr zusammenarbeitet?

Das ist eine Kombination aus Menschen, die die App schon kennen und auf uns zukommen, aber auf der anderen Seite auch Celebrities, die wir gezielt ansprechen. Was sie auf jeden Fall haben müssen, sind schöne Stimmen zum Lesen. Das führt manchmal auch zu witzigen Situationen. Sebastian Koch zum Beispiel, der deutsche Schauspieler, meinte zu uns, er sei noch nie dafür engagiert worden, um langweilig zu sein. Das war mit uns in seiner Karriere wohl das erste Mal.

Stimmt es, dass ihr jeden Morgen zehn Minuten alle miteinander meditiert?

Ja, und das finde ich auch wichtig. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass das die Stimmung verändert – wie man aufeinander reagiert und wie man einander wahrnimmt. So können wir einerseits unsere Nutzer*innen besser verstehen und sehen andererseits das Ganze nicht nur als Business. Das ist auf unternehmerischer Ebene ziemlich wichtig. Diese zehn Minuten, die man sich am Anfang des Tages nimmt, sind es auf jeden Fall wert.


Juli Katz

Juli Katz liebt Wirtschaftsthemen erst seit Kurzem, dafür aber intensiv.

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