Das „Wellenwerk“: Von der verrückten Idee, mitten in Berlin surfen zu wollen

„Landlocked“ heißt der Zustand von Surfer*innen, die sich in einem Leben fernab des nächsten Ozeans wiederfinden. Berlin ist so ziemlich der Superlativ von Landlocked. Doch seit Mitte November gibt es dank des „Wellenwerks“ eine echte Alternative zu teuren Fernreisen – der alte Surflehrer*innenspruch „Wirf mal einer ’n Euro in die Wellenmaschine“ wurde gewissermaßen von der Realität überfahren. Genauso eine Maschine, mit schickem Holzgewand versehen, steht nämlich seit kurzer Zeit in Berlin-Lichtenberg. In den kommenden Monaten soll die Anlage noch mit Bar, Restaurant, Biergarten, Surfshop und Motorradmanufaktur zum ultimativen Surfszenespot vervollständigt werden.

Vorerst ging nur das Herz der Komposition in den öffentlichen Betrieb: die stehende Welle des Münchner Wellenmaschinenbauers Citywave. Stehende Welle deshalb, weil sie und mit ihr die Surfer*innen auf ihr, immer an derselben Stelle bleibt. Dafür wird Wasser über eine Bodenwelle geschossen und dann wieder vor die Welle gepumpt. Wie auf dem inzwischen berühmten Vorbild, der Eisbachwelle in München, können Surfer*innen so minutenlang ihre Manöver üben.

Die Welle in Lichtenberg befindet sich – passenderweise – auf dem ehemaligen Gelände des Zwischenpumpwerks der Berliner Wasserwerke. Eine Stunde Surfen inklusive Ausrüstung und Surflehrer*in gibt es ab 38 Euro. Verantwortlich für das Ganze ist eine Gruppe junger Berliner Surfer*innen um die Geschäftsführer Kilian Hohls und Robert Havemann sowie Julius Niehus, den Co-Founder und Pressesprecher.

Letzterer hat uns erzählt, wie die Welle nach Lichtenberg kam und was eigentlich so schwierig daran ist, eine künstliche Welle aufzubauen:

Wie kamt ihr auf die Idee, eine stehende Welle nach Berlin zu bringen?

Zwei Sachen: Zum einen wussten wir immer, dass wir mit dem Freundeskreis was aufbauen wollen. Wir sind immer zusammen surfen gegangen, auf Bali und in Zentralamerika. Jedes Mal, wenn wir aus den Urlauben zurückkahmen, dachten wir uns: Scheiße, was machen wir jetzt den ganzen Winter über? Als die ersten Videos von stehenden Wellen aufkamen, hat Kilian uns eingeredet, dass er so eine Welle in Berlin haben will. Wir haben ihn natürlich alle für verrückt erklärt. Dann haben wir im Sommer 2017 diese Location hier gefunden und uns war klar, dass wir irgendwas machen müssen. Wir haben gesagt: Ob man jetzt hier einen Trampolinpark hinpackt, oder eine Indoor-Motocross Strecke, völlig egal. Diese Location ist zu gut, um wahr zu sein, weil es in Berlin solche Locations nicht gibt.

Die Ursprungidee war wahrscheinlich auch: Geil, wir haben eine Welle, wir können so viel surfen gehen, wie wir wollen?

Natürlich, klar! Wir sind alles Surfer*innen…

Das hat sich auch während der zweieinhalb Jahre nie geändert, auf die sich Planung und Bau gestreckt haben?

Auf keinen Fall! Wir sind einfach wahnsinnig froh, dass wir jetzt jeden Tag den Sport, den wir lieben, vor unserer Haustür machen können. Wir können trotzdem in Berlin leben, bei unseren Familien und Freunden und das Ganze CO2 positiv betreiben, ohne irgendwohin zu fliegen.

Foto: Theresa Lange

Die Welle an sich und das Heizen der Halle bedeuten aber doch einen enormen Energieaufwand?

Stimmt, wir haben aber 100 Prozent Ökostrom aus einem Wasserkraftwerk aus der Donau. Außerdem haben wir ein sehr innovatives Wärmerückgewinnungssystem installiert: Mit der Abwärme der Pumpen heizen wir das gesamte Gebäude, das Brauchwasser von Duschen und Geschirrspüler, alles. Wir sind sogar ein Nahwärmeheizkraftwerk, weil wir alle Gebäude, die auf dem Gelände sind, ein Wohnhaus, die Büros und in Zukunft einen Coworking-Space mit unserer Abwärme versorgen können.

Viele der Leute, die sich bei euch auf Jobs bewerben, wollen wahrscheinlich einfach surfen, oder?

Wir haben wahnsinnig viele tolle Bewerbungen bekommen. Unser Anforderungsprofil war im Wesentlichen, dass die Leute zu dem passen, wofür wir hier stehen. Wir haben auch viele Freund*innen eingestellt, weil wir uns gern mit unseren Freund*innen umgeben. Alle freuen sich darüber, dass wir hier regelmäßig unsere Teamsessions machen. Das gehört auf jeden Fall dazu, klar.

Ein Grund, warum viele über einen Job zum Surfen kommen wollen, ist wohl der Preis. Mit rund 40 Euro seid ihr zwar im Vergleich zu anderen Citywaveanbietern eher günstig, trotzdem ist das natürlich viel Geld für eine Stunde geteiltes Surfen. Wer ist denn eure Zielgruppe?

Die Zielgruppe ist sehr breit gefächert, von Leuten, die zum ersten Mal surfen und das als Event oder Erlebnis ausprobieren möchten bis zu Leuten, die hier regelmäßig trainieren möchten. Wir vergleichen uns neben den anderen Citywaves weltweit vor allem mit den Berliner Wakeboard-Anlagen, und da können wir durchaus mithalten.

Foto: Theresa Lange

Der Eröffnungstermin wurde mehrfach verschoben. Worin bestand der große Hustle?

Der Bauablauf war recht komplex, vor allem die Koordination der verschiedenen Handwerker*innen. Außer der Holzbaufirma hat es keine geschafft, zum Liefertermin zu liefern. Was uns sehr gewundert hat, aber wir sind natürlich auch keine erfahreneren Bauherr*innen. Uns wurde gesagt, dass das in Berlin ganz normal sei und dass wir eine der schnellsten Baustellen der Stadt seien – was wir kaum glauben konnten, weil uns alles sehr langsam vorkam.

Wollt ihr mit Flatrate Anbieter*innen wie dem Urban Sports Club zusammenarbeiten?

Wir haben mit Urban Sports gesprochen, sind aber bei den Bedingungen nicht zusammengekommen. Das wäre für uns ein Verlustgeschäft gewesen. Wir werden aber Surfyoga und Surfskatesessions in Zusammenarbeit mit Urban Sports Club anbieten.

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