Franzi von Kempis hat gute Argumente gegen Populist*innen

Die Journalistin wurde im Web als „Besorgte Bürgerin“ bekannt. In Clips bei Youtube kämpfte sie ab Ende 2014 bis Mai 2017 mit faktenbasiertem Videocontent gegen Falschinformationen und Hetze.

Frau von Kempis, Ihr Buch „Anleitung zum Widerspruch“ dient als Spickzettel für Diskussionen mit Populist*innen und Verschwörungstheoriker*innen. Klingt sinnvoll, aber gibt es nur die eine Wahrheit?

Das hängt davon ab, welche Antworten man sucht. Wenn ich etwas propagiere und Sie sagen: „Bis hierhin gehe ich mit, aber XY sehe ich anders“, dann kann da­raus eine Diskussion entstehen. Da hilft es, eine fundierte Grundlage zu haben, anhand derer man sachlich argumentieren kann. Damit diese auf öffentlich zugänglichen, wissenschaftlichen Quellen basiert, habe ich Expert*innen interviewt und die wichtigsten Hardfacts im Buch zusammengefasst.

Ihr Buch deckt sechs Themen­felder ab. Wieso genau die?

Als „Besorgte Bürgerin“ sind mir auf Youtube und Co. bestimmte Fragen immer wieder begegnet: Was antwortet man, wenn jemand Antisemitismus verbreitet, an Verschwörungstheorien glaubt, gegen Geflüchtete hetzt, ein Problem mit Frauen hat, den Klimawandel leugnet oder behauptet, der Islam zerstöre das Abendland? Mit derartig komplexen Themen ist man verständlicherweise oft überfordert. Deswegen wollte ich eine Art Nachschlagewerk schreiben, das genau diese Parolen, Verschwörungstheorien und Vorurteile schon mal durchdacht hat. Mir ist aber natürlich klar: Diese Themen sind nur ein Ausschnitt und können nur einen Anfang darstellen.

Was sagen Sie jemandem, der behauptet, Frauen wären in der Wirtschaft gleichberechtigt?

Dass Männer und Frauen laut Gesetz in Deutschland natürlich gleichberechtigt sind, in der Wirtschaft aber noch Luft nach oben ist. 2017 waren hierzulande nur 29,2 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt. Diese Zahl stammt aus der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts mit dem Titel „2017: 29 % der Führungskräfte in Deutschland waren Frauen“, die am 24. August 2018 veröffentlicht wurde. Das kann man online nachlesen. Den Link dazu habe ich in den Fußnoten meines Buches angegeben, wie auch die Quellen für die anderen Kapitel. So können die Leser*innen alles noch mal selbst prüfen.

In eine solche Diskussion einzusteigen kostet aber auch Energie und Nerven. Wieso nicht zynisch werden, die Klappe halten und das Gegenüber reden lassen?

Es ist für mich keine Option, falsche Fakten stehen zu lassen. Aber ich würde auch sagen: „Context is key.“ Natürlich gibt es Momente, in denen man nicht widersprechen kann oder will. Denn es braucht oft eine Menge Vorbereitung, Geduld und eine konsequente Grundhaltung. Es gibt aber auch Themen, bei denen ich nicht diskutiere. Menschenfeindliche Aussagen will ich nicht entzaubern, sondern mich klar dagegen positionieren.

Franzi von Kempis: „Anleitung zum Widerspruch. Klare Antworten auf populistische Parolen, Vorurteile und Verschwörungstheorien“ Mosaik Verlag.


Wie kriegt man die Leute dazu, öfter den Mund aufzumachen?

Man muss sich bewusst sein, dass es dauert, eine Gesellschaft für so eine Entwicklung mitzunehmen – und konsequent die Menschen unterstützen, die aktiv dagegenhalten. Sonst bleibt es bei einer schweigenden Mehrheit, die von einer lauten, omnipräsenten Minderheit niedergeschrien wird. Was die meisten aber vergessen: Widersprechen heißt nicht nur, auf die Barrikaden zu gehen. Es bedeutet auch, sich für etwas einzusetzen. Wenn ich mit meinem Buch einen kleinen Beitrag leisten kann, damit ein paar Menschen sich beim Argumentieren sicherer fühlen, bin ich froh.

Um ein konstruktives Gespräch zu führen, müssen sich die Leute ja erst mal zuhören. Schaut man sich die Onlinedebattenkultur an, scheint das kaum zu klappen.

Natürlich wollen manche nur ihre Meinung preisgeben. Und man darf nicht vergessen: Verschwörungstheoretiker*innen haben oft ein geschlossenes Weltbild, daran lässt sich so schnell nichts ändern. Das sind aber auch nicht diejenigen, die ich in erster Linie mit meinem Buch erreichen will.

Sondern?

Mir geht es um die Menschen, die sich in Diskussionen sicherer fühlen wollen, die hilflos sind, wenn sie mit bestimmten Argumenten konfrontiert werden. Zum Beispiel im privaten Umfeld, bei der eigenen Verwandtschaft oder im beruflichen Kontext, wenn etwa Kolleg*innen falsche Informationen verbreiten. Da kann es helfen, gut vorbereitet zu sein und sachlich zu argumentieren. Auch wenn man das in der Realität natürlich nicht immer leisten kann. Allerdings halte ich es auch für Blödsinn, Monologe rauszuplärren, nur weil man recht haben will. Man muss fair bleiben.

Wie meinen Sie das?

Wenn jemand zum Beispiel unter einem Posting mit einem Foto von blauem Himmel und Kondensstreifen kommentiert: „Guck, die Chemtrails, sie sprühen wieder“, und ein anderer antwortet: „Ach, du mit deinem Aluhut“ – wem genau ist damit geholfen? Es bringt nichts, noch mal draufzukloppen und Menschen in Ecken zu stellen. Das verhärtet nur die Fronten. Sinnvoller wäre es, einen Link zu einer Quelle zu posten, die Chemtrail-Theorien widerlegt, um Mitlesende aufzuklären und zu verhindern, dass Unwissende auf die Verschwörung aufspringen.

Business Punk wird zehn und das feiern wir mit der dicksten Ausgabe ever. Auf 180 Seiten erwarten euch jede Menge Storys: Zehn Jahre nach ihrer ersten Reise besuchen Nikolaus, einer der Erfinder unseres Mags, und sein damaliger Chef erneut für 24 Stunden London. Ritesh Agarwal will seine indische Hotelkette OYO zur größten Hotel-Marke der Welt ausbauen. Deichkind erklären ihr knallhartes Business. Und wir waren in der Toskana, wo uns ein Manager aus Barbados gezeigt hat, wie er gerade einen Steinbruch digitalisiert. Das sowie vieles, diesmal wirklich vieles, vieles mehr in der aktuellen Business Punk. JETZT AUSGABE SICHERN!


Juli Katz

Juli Katz liebt Wirtschaftsthemen erst seit Kurzem, dafür aber intensiv.

Zum Autor

Das können wir Dir auch empfehlen

placeholder
placeholder