Quasi-Monopol: Wie Disney weltweit das Kinoprogramm beeinflusst

Auch wenn immer neue Angreifer*innen ins Biz drängen, erarbeitet sich Disney ein Quasi­monopol. Schlimm? Nicht unbedingt: Die gesamte Entertainment-Branche wittert erstaunlicherweise eine reizvolle Chance.

von Rüdiger Sturm

George Lucas war im Dezember 2015 bemerkenswert schlechter Laune. Obwohl der neue Film seiner „Star Wars“-Saga, „Das Erwachen der Macht“, am ersten Wochenende fast 250 Mio. Dollar einspielte. Obwohl ihm schon vorher allein für die Rechte an seiner Franchise über vier Milliarden Dollar in die Tasche geflossen waren.

Gekauft hatte diese Rechte The Walt Disney Company – einschließlich Lucas’ Entwürfen für die nächsten drei Filme. Die neuen Herren über das Jedi-Universum kümmerten sich nicht um seine Befindlichkeiten. Seine Konzepte für die neue Trilogie? Zack, ab in die Tonne damit. Das kreative Resultat des ersten Films blieb allerdings ernüchternd. „Es bietet nichts Neues“, beschwerte sich sogar Disney-CEO Bob Iger. Der wollte nichts beschönigen: „George fühlte sich verraten.“ Das Imperium hatte gesiegt.

George Lucas. Enttäuschung: Erst veräußerte der „Star Wars“-Erfinder die Rechte an seiner bunten Space-Operette, dann beschwerte er sich über die neue Umsetzung. (Foto: Gustavo Caballero/Getty Images)

Betrachtet man mal die jüngsten Jahre von Disney, dann muss man sagen, dass der Konzern einen massiven Lauf hat. Und er expandiert immer weiter. Mit Stand Ende September lag der Marktanteil von Disney im US-Kinogeschäft bei über 34 Prozent. Universal folgte abgeschlagen mit 13,6 Prozent. In diese Rechnung ist noch nicht einmal der am 19. Dezember startende „Der Aufstieg Skywalkers“, der neueste „Star Wars“-Film, eingeflossen.

Dass Disney seine Hoheit über den Entertainment-Markt ausbaut, dürfte sich nur noch verstärken. Denn im März dieses Jahres schnappte sich der Konzern für rund 71 Mrd. Dollar das Film- und Fernsehgeschäft des Medienkonzerns 21st Century Fox, darunter auch das Studio 20th Century Fox – wieder ein Konkurrent weniger. Am 12. November ging in den USA der Streamingdienst Disney+ an den Start. Mag Netflix sich mittlerweile an immer wieder aufpoppende Konkurrenz gewöhnt haben, einen so großen Gegner bekommt man nicht alle Tage vorgesetzt. Netflix muss nämlich fortan ohne die Filme des Megastudios im Katalog auskommen. Und: Die Abogebühr für Disney+ ist bedeutend billiger.

Aber was war in den vergangenen Jahren die Strategie, die diese Erfolge ermöglichte? Kurz: eine gnadenlose Konzentration auf die großen Markennamen. Noch wichtiger als Lucas’ Erbe, das auch noch die „Indiana Jones“-Reihe umfasst, sind die Marvel Studios, die Disney 2009 für rund 4 Mrd. Dollar eintütete. Während die Comicverfilmungen anderer Studios für gelegentliche Flops wie in diesem Jahr Fox’ „Dark Phoenix“ sorgten, ist die Erfolgssträhne von Disneys Superhelden ungebrochen. Kaum hatte „Captain Marvel“ in diesem Jahr weltweit über 1,1 Mrd. Dollar eingespielt, folgte schon „Avengers: Endgame“, das an den Kassen mit knapp 2,8 Mrd. Dollar – ohne Inflationsbereinigung – zum erfolgreichsten Film aller Zeiten avancierte. Abgesehen davon sitzt Disney auf einem ganzen Schatz eigener Marken, die, technologisch auffrisiert, neu ausgeschlachtet werden. Aus Zeichentrickklassikern wie „Aladdin“ oder „Das Dschungelbuch“ werden regelrechte cineastische Cyborgs: Kombinationspackungen aus menschlichen Darstellern und Computergeschöpfen. Längst schon Teil des Imperiums ist Pixar, die Hitschmiede von Animationsfilmen wie „Toy Story“. Und mit 20th Century Fox kontrolliert Disney nun auch weitere Kinofranchises von „Alien“ bis „Avatar“.

Totale Markenmacht

Die Kreativen können da nur staunen: „Disney ist einfach großartig. Die kriegen alles hin“, so Regisseur André Øvredal, dem in diesem Jahr mit „Scary Stories to Tell in the Dark“ ein Nummer-eins-Erfolg für die Konkurrenz gelang. Auch Sony Pictures, das die Rechte an „Spider-Man“ besitzt und mit Marvel bei den letzten Filmen kooperierte, muss sich geschlagen geben. Als Mutter Disney auf einen höheren Anteil pochte, wollte Sony die künftigen Filme alleine produzieren, doch dann wählte man doch lieber wieder die Partnerschaft zu neuen Konditionen.

Bob Iger: Der derzeitige CEO machte Disney zum hungrigen 360-Grad-
Konzern, der Konkurrenten übernahm und den Wert für seine Aktionäre steigerte.

Gründer Walt Disney hat mit seinen gezeichneten Visionen von alten Märchen und Kinderbüchern das kollektive Bewusstsein von Generationen geprägt. CEO Bob Iger und sein Studiochef Alan Horn wiederum drücken den modernen Mythen den Stempel auf. Disney+ gibt die Möglichkeit, das Franchise-Universum weiter expandieren zu lassen. Zu den ersten Highlights des Streamers zählt die zum „Star Wars“-Kosmos gehörende Serie „The Mandalorian“. Außerdem belebt man unter anderem „High School Musical“ neu, das bei seiner Ausstrahlung auf dem Disney Channel die Teenager der Nullerjahre in Verzückung versetzte.

Disney scheint die Zeichen der Zeit nicht nur früher als alle Mitbewerber erkannt zu haben, es setzt die Lektionen auch radikaler um: Noch mehr als alle anderen Studios baut man auf Franchises, aus denen man Blockbuster um Blockbuster presst. Disney etabliert sich mit Disney+ schneller als alle anderen Hollywoodstudios auf dem Streamingmarkt. Und es weiß auch Synergien zu nutzen. So soll Kevin Feige, der Chef der Marvel Studios, nun einen „Star Wars“-Film produzieren. Regisseur Jon Favreau verantwortete die Reboots von „Das Dschungelbuch“ und „Der König der Löwen“, nun steuert er die Geschicke von „The Mandalorian“.

All diese Faktoren zusammengenommen ergeben ein Wort, das nicht so recht zur bunt zusammengewürfelten Unterhaltungsbranche passen will: Monopol. Doch de facto beeinflusst Disneys Marktmacht die Art und Weise, wie Filme ins Kino kommen. Mit seinen Blockbustern belegt das Studio speziell in den USA die Startdaten, die die höchstmöglichen Einspielergebnisse versprechen. Die Konkurrenz wiederum keilt sich um die frei gebliebenen Termine. Für die Universals und Sonys dieser Welt bleiben zumindest noch ein paar Krümel übrig: Im Spätsommer 2018 etwa konnte Warner Bros. in den USA innerhalb kürzester Zeit mit dem Monsterfilm „Meg“, der Komödie „Crazy Rich“ und der Horrorschmonzette „The Nun“ punkten. Aber: „Alle diese Filme kamen heraus, als kein Disney-Blockbuster im Kino war“, wie Medienanalyst Paul Dergarabedian sagt. Jeff Blake, der ehemalige Marketing- und Vertriebschef von Sony, sagt: „Disney hat ständig einen Film zu den bestmöglichen Startwochenenenden draußen. Du wärst verrückt dagegenzusetzen.“ Und Glen Basner, einer der wichtigsten Produzenten und Finanziers des In­de­pen­dent­kinos („Arrival“, „The King’s Speech“), erwartet noch einen größeren Shift: „Disney hat einen enormen Einfluss darauf, wann und wie Filme künftig ins Kino kommen.“

Indes: Dem Publikum kann das egal sein. Effektiv bedeutet das nur, dass es übers ganze Jahr hinweg mit Hochglanzprojekten versorgt wird. Folgenreicher wäre eine andere mögliche Konsequenz dieser Monopolstellung. Peter Bradshaw, Chefkritiker des „Guardian“, etwa wetterte über einen „Alpha-Kapitalismus, der zu nichtssagendem, fadem Entertainment führen wird.“

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