Selbstversuch: Wie man mit Milchproteinen selber Bioplastik herstellen kann

Eine geborene Küchenfee bin ich nicht. Ich lasse lieber von allem die Finger, was über Spaghettitüte aufreißen und die Teigwaren ins kochende Salzwasser werfen hinausgeht. Zu hoch ist das Brandrisiko, zu nah der Asia-Imbiss. Doch als ich hörte, dass in Berlin ein Workshop angeboten wird, bei dem Bioplastik im Kochtopf zubereitet wird, wurde ich neugierig und war schnell bereit, meine Aversion gegen die Küche aufzugeben. Und ich habe ja auch einen guten Grund: Plastik, wissen wir, ist das Teufelszeug, das bis zu 450 Jahre braucht, um sich vollständig zu zersetzen. Also her mit dem Selbstversuch als Bioplastikköchin.

Der findet bei Produktdesignerin Anneli Anglas Rodriguez statt. Sie ist Gründerin von Onno Bruu, einem Onlineshop für nachhaltige Produkte, und Anneli experimentiert schon seit geraumer Zeit mit natürlichen Stoffen, um eine Alternative zu Plastik zu finden. Ihre Lösung: Biokunststoff auf der Grundlage von Casein. Casein ist der Proteinanteil von Milch – besser bekannt als das Zeug, was sich Pumper*innen im Gym reindrücken. Ich lerne: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde Casein zur Herstellung von Alltagsgegenständen eingesetzt. So lange, bis das heute handelsübliche Plastik als praktischeres Upgrade auf den Markt kam.

Nun also back to the roots, back to Casein.

Chemie: Casein plus Kreide gleich Plastik

Zwischen veganen Dönerbuden und ­Secondhandshops befindet sich die kleine, im lauten Friedrichshain unscheinbare Werkstatt der Materialexpertin. Kaum zur Tür herein, wird uns Workshop-Teilnehmern ein Rezept mit dem Titel „How to Bioplastic“ ausgehändigt. Neben Casein braucht man lediglich Wasser, etwas Kreide, Essig, ein paar Farbpigmente und eine Handvoll Eierschalen, die für eine fancy Sprenkel-Optik sorgen. Fertig soll der Brei, äh, das Bioplastik sein.

„Für einen kurzen Moment befinde ich mich im Zaubertrankunterricht“

Es geht los: Wir geben Casein, Wasser und Eierschalen in einen Topf, verrühren alles gut und erhitzen es bei 60 Grad. Anschließend werden ein paar Tropfen Essig hinzugegeben, und binnen wenigen Sekunden zieht sich der gräuliche Schleim zu einem zähen Kaugummiball zusammen. Für einen kurzen Moment befinde ich mich im Zaubertrankunterricht, doch schnell verfliegt die Magie, als Anneli den chemischen Prozess hinter dem Vorgang erklärt: Durch den Essig wird Casein von der Molke gespalten und bildet auf diese Weise Proteinketten. Übrig bleiben etwas Wasser und eine klumpige, klebrige Masse, die wir vom Topfboden kratzen.

Um die noch sehr unspektakuläre Optik aufzupimpen, wird der graue Bioplastikball anschließend mit Farbpigmenten bestreut. Ich entscheide mich für grün, wodurch die Masse mehr und mehr jenem Schleim aus der Tube ähnelt, mit dem Kinder in der Welt vor dem iPad dröge Autoreisen durchstehen konnten. Jetzt nur noch in eine Muffinform pressen – fertig. Fast.

48 Stunden dauert es, bis der bunte Biokunststoff vollständig aushärtet und der Kerzenständer einsatzbereit ist

Denn kaum, dass ich den ersten Anflug von Erleichterung verspüre, da die Werkstatt noch nicht meinetwegen in Flammen steht, drückt Anneli mir Kupferrohr und Rohrschneider in die Hand. Nicht genug damit, dass ich kochen musste, jetzt soll ich noch meine nicht vorhandenen Handwerk-Skills unter Beweis stellen. Aber, verblüffend lässig, als würde ich das regelmäßig machen, trenne ich kleine Kupferringe ab, die wir jeweils in einen bunten Teigklumpen steckten. Zack, steht ein grüner Kerzenständer vor mir, der nach zwei Tagen Aushärtungszeit einen Platz auf meinem Nachttisch finden soll.

Nach 90 Minuten gehe ich mit gutem Gefühl nach Hause. Zwar kann ich mir nicht vorstellen, dass Biokunststoff das Verpackungsmüllproblem lösen wird. Doch wenigstens kann ich künftig meine Deko, sollte ich mich daran sattgesehen haben, ohne schlechtes Gewissen auf den Kompost werfen. Oder, sollte die Zukunft dann doch düster werden, im Falle einer Zombieinvasion als letztes Mahl genießen.


Julia Heyroth

Julia ist die Ambivalenz auf zwei Beinen. Sie lebt einerseits mit Dinosauriern und Shakespeare in der Vergangenheit, ihr (seit drei Jahren) fast vollendeter Debüt-Roman spielt jedoch in der Zukunft. Sie wollte mit Lehramt etwas "Sicheres" studieren und ist jetzt blöderweise im Journalismus gelandet. Dort ist sie ganz nebenbei Mate-abhängig geworden und mit ihrer Tastatur verwachsen.

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