„Da herrscht Goldgräberstimmung“ – fabfab-CEO Andreas Seifert im Interview

Schaut man sich den Erfolg des Heimwerkers Fynn Kliemann an, kommt man zu dem Schluss: Kaufen war gestern, heute ist cool, wer selber macht. In Zeiten der Selbstisolation ist der Bedarf nach erfüllenden Hobbys und kreativen Aktivitäten wahrscheinlich so hoch wie nie.

Mit einem Onlineshop für Stoffe, Schnittmuster und Bastelanleitungen liegt fabfab mit ihren Plattformen Stoffe.de und Makerist voll im DIY-Trend der Zeit. CEO Andreas Seifert war früher unteranderem Managing Director bei der Karstadt Quelle Bank und Barclays, ehe er sich dem Nähen verschrieb.

Wir haben mit ihm über die Auswirkungen der Coronakrise auf sein Business sowie selbstgenähte Masken gesprochen und uns Tipps für eigene DIY-Projekte geben lassen.

Warum ausgerechnet fabfab? Hast du dich vorher schon für Stoffe und das Nähen interessiert?

Meine Mutter ist Schneiderin, ich bin also mit dem Thema aufgewachsen. Die Nähmaschine lief den ganzen Tag und ich musste auch immer die Sachen anziehen, die sie genäht hat. Was allerdings ein voller Erfolg war. Ich bekomme heute noch auf Klassentreffen sehr gutes Feedback zu den selbstgenähten Klamotten. Irgendwie erinnern sich die Menschen eher an die selbst gestrickten Pullover und nicht an die Mainstream-Klamotten.

Zum Zweiten habe ich jahrelang Kredite und Kreditkarten gemacht. Also nicht unbedingt ein schönes Produkt. Wenn du aber mit geilen Stoffen und Schnittmustern den Leuten bei ihren Projekten hilfst, dann ist es etwas anderes. Man hat das Gefühl, etwas Gutes zu tun.

Wir haben letztes Jahr eine repräsentative Kundenstudie gemacht. Das Ergebnis war, dass die Hauptgründe für das Stricken und Nähen erstens Entspannung und zweitens Freude sind. Man kann seinen Tag einfach nicht besser verbringen, als an sowas zu arbeiten.

Wie hat es sich angefühlt, nach den ganzen Zahlen etwas zu machen, was man viel leichter fassen kann?

Es war eine Umgewöhnung, was das Produkt angeht. Was aber diese Werkzeugbox im Management angeht oder wie man Geschäfte aufbaut, ist es schon ziemlich ähnlich. Ob du Stoffe verkaufst, Lieferdienste zusammenbringst oder Kreditkarten verkaufst, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle.

Es macht allerdings sehr viel mehr Spaß bei fabfab. Wenn ich ab und zu schwierige Momente habe – und das Unternehmen hatte ja auch schwierige Phasen, als ich es übernommen hatte – dann gehe ich zehn Minuten bei uns ins Lager, durch die Regale mit den Stoffen und dann geht’s mir auch schon wieder besser.

©fabfab GmbH

Warum glaubst du, wird der Trend des DIY immer größer?

Es trifft voll den Zeitgeist. Die Nutzungszeit von mobilen Geräten ist enorm – teilweise zehn bis 12 Stunden am Tag. Aktuell durch die Coronakrise noch viel mehr. Was unsere Kundenstudie auch herausgefunden hat: Wenn du das Handy weglegst, gehst du in einen Tunnel und bist hochkonzentriert – dein Gehirn arbeitet dabei komplett anders.

Wenn wir irgendwann mal kurz davor sind, ins Grab zu gehen, dann wirst du dich nicht an die vielen Stunden auf Facebook erinnern, sondern daran, was du selber gemacht hast. Du wirst dich nicht an das Mainstream-Shirt erinnern, aber an den selbstgenähten Pullover.

Wir haben jetzt eine Aktion, „Basteln mit Kindern“. Damit sich Familien zusammentun und wieder zusammen ein oder zwei Stunden konzentriert etwas zusammen machen – etwas bauen oder basteln. Es kommt wieder zurück in die Familien, zurück in den Gemeinschaftssinn. Das ist so ein bisschen das Gegenprogramm zu der digitalen Welt. Auch der Anteil der Männer nimmt in unserer Kundschaft immer weiter zu. Warum auch nicht? Auch Männer dürfen nähen.

In welche Richtungen siehst du noch Entwicklungspotential beim Thema DIY oder hat der Trend schon das Ende seiner Fahnenstange erreicht?

Wir starten erst gerade. Wenn man die Supply-Chain zurückgeht, sieht man: Die gesamte Industrie – ob Fabriken, Zwischenhändler oder Logistiker – ist bei der Digitalisierung zehn bis 15 Jahre hinterher. Viele, auch große Lieferanten aus Europa, tun sich schwer mit einer digitalen Schnittstelle in ihrem Lager. Das ist erst der Anfang der Digitalisierung.

Wir sind da schon etwas weiter. Über Makerist haben wir sehr viele digitale Schnittmuster und haben europaweit schon 1200 Designer*innen ans Unternehmen gebunden, die ihre Schnittmuster auf unsere Plattformen bringen.

Unsere Kundenstudie hat auch gezeigt, dass es in Europa 50 Millionen Menschen gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen und für uns potenzielle Kund*innen darstellen. Das ist wie der Wilde Westen, da herrscht Goldgräberstimmung. Und das treibt auch uns alle an.

Inwieweit merkt ihr, dass gerade jetzt, durch die angeordnete Selbstisolation, der Bedarf an einem neuen Hobby wie dem Nähen wächst?

Es dreht sich im Moment fast alles um Masken. Wie nähe ich eine Maske? Wie komme ich an den Stoff? So kommen die Leute schon ein bisschen ans Nähen heran. Die Nachfrage ist enorm. Wir sind im Moment in der glücklichen Lage, dass wir so viel Nachfrage haben, dass wir nicht wissen, wie wir das alles bewältigen sollen.

Wir gehen jeden Tag an unsere Grenzen. Wir arbeiten Tag und Nacht durch, weil es eben nicht nur die Masken sind, sondern auch Bastelsets und viele andere kreative Dinge, die gerade stark nachgefragt werden.

Wir haben jetzt über Makerist eine Aktion gestartet, Masken zu nähen, für die, die es brauchen. So wurden schon über 20.000 Masken von unserer Community genäht und gespendet. Es ist gerade einfach die Zeit, Dinge selber zu machen. Das merken wir auch.

Habt ihr Pläne für neue Ideen während der Selbstisolation? Video-Tutorials für kleinere DIY-Projekte, die man im eigenen Wohnzimmer umsetzen kann oder spezielle Online-Nähkurse?

Wir sprudeln vor Ideen. Über Makerist haben wir angefangen Live-Sessions zu machen, die liefen enorm gut und denken jetzt auch verstärkt über neue Inhalte für Instagram nach. Auf Makerist haben wir auch Ideen für das Basteln mit Kindern, um die Zeit in Selbstisolation etwas schöner zu gestallten. Außerdem bieten wir auf Stoffe.de verschiedene „stayhome“-Bastelsets an, mit denen man ganz einfach Dinge Zuhause basteln kann.

Wir müssen aber im Moment vor allem darauf achten, dass die kompletten Operations des Lagers funktionieren, dass alles komplett geschützt ist, dass die Gesundheitsstandards extrem hoch gehalten werden.

Ich muss auch ehrlich sagen, wir kommen im Moment kaum hinterher mit all den Nachfragen. Wir haben zurzeit eher ein Personalproblem, was aktuell ein Luxusproblem ist. Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir die Ruhe im Sturm bewahren. Das ist im Moment unsere größte Herausforderung.

Welche Tipps hast du, wenn man im DIY-Bereich erfolgreich sein will?

Grundsätzlich gehören vier Dinge dazu – und das würde ich nicht nur aufs DIY beziehen: erstens ein sehr gutes Produkt. Ohne das brauchst du gar nicht erst anfangen. Das muss auch besser sein als andere Produkte.

Zweitens musst du es in die Wahrnehmung der Menschen bringen. Drittens musst du einen herausragenden Service machen. Bei uns bedeutet das: Lieferzeit und Verpackung müssen on point sein.

Und als vierter und vielleicht wichtigster Punkt gehört die radikale Ausführung deiner Ideen dazu. Denn gute Ideen haben wir alle, jeder könnte morgen zehn neue Unternehmen starten. Aber dieses radikale, disziplinierte Umsetzen ist es, was den Unterschied macht. Man braucht schon einen extremen Willen, um mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, wenn es sein muss.

Was ist für dich der spannendste DIY-Trend für diesen Sommer?

Verdunklungsstoffe für Gardinen. Das ist im Moment auch mein Projekt, mit dem ich mich privat beschäftige. Passt auch gut in die Jahreszeit, jetzt, wo es immer wärmer wird. Damit bleibt es etwas kühler im Raum.

Die wirklichen Trends des Sommers heißen aber eher Makramee, Bienenwachstücher, Acrylic Pouring oder Handlettering. Damit sollte den Sommer über für jeden etwas dabei sein.

Aber die Coronakrise ändert die Situation schon und ändert auch das, was wir tragen. In dieser Zeit bringen Menschen mehr bunte Farben in die Welt. Was wir wieder vermehrt sehen werden, sind florale Muster.

Ich hoffe, dass die Menschen durch die weltweiten Beschränkungen anfangen, mit ihren Klamotten ihre Persönlichkeit auszuleben und wieder mehr bunte und verrückte Sachen tragen werden. Wir sollten das Beste aus der Krise machen und uns in dieser neuen Welt ein bisschen verrückt benehmen und kleiden.


Ole Wetjen

Ole hat Medienpsychologie in Köln studiert – klang irgendwie nice, war aber eher so hmm. Nach einem Praktikum bei einer Tageszeitung in Ghana war klar: in die Welt der Schreiberlinge soll es gehen. Hat er gerade mal kein Stift oder Keyboard zur Hand, baut er fleißig neue Sachen aus alten Dingen für seinen Balkon oder Wohnzimmer.

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