Damit Restaurants den Lockdown überstehen: unu verleiht E-Roller an Gastro-Betriebe

Der Corona-Lockdown zwingt viele Startups dazu, schnelle kreative Lösungen zu finden, um sich über Wasser zu halten. Das E-Roller-Startup unu hat sich deswegen mit lokalen Kleinunternehmen in Berlin zusammengetan, damit sie Essen oder ihre Waren an ihre Kundschaft ausliefern können. Unter ihnen: das Zero-Waste Restaurant Frea, der Lunchspot Klub Kitchen und der lokale Lieferdienst Blutop, eine nachhaltige Alternative zu Amazon. Das Startup leiht ihnen einen Teil ihrer Flotte, um Auslieferungen machen zu können. Auch in den Niederlanden läuft das Projekt.

Warum sich hinter der Aktion mehr steckt, als ein Zeichen der Solidarität, erzählt unu-Gründer Pascal Blum im Interview.

Wie hat euch die Coronakrise getroffen?

Wir hatten Anfang des Jahres die Produktion unserer Roller für Sharing-Unternehmen gestartet und mussten hier einen dreimonatigen Stopp einlegen, als das Virus in China ausbrach. Dadurch verzögert sich auch die Zertifizierung und der Produktionsstart der neuen unu-Scooter für Privatkund*innen. Sowohl in Berlin, als auch in Paris und Amsterdam befinden sich unsere Teams momentan im Homeoffice. Da während der letzten Wochen insgesamt so viele Menschen zu Hause blieben, haben wir Umsatzeinbußen in allen Märkten, aber auch die Hoffnung, dass sich nach dem Lockdown mehr Leute für einen Elektroroller entscheiden werden, da sie auf öffentliche Verkehrsmittel verzichten wollen und Autos in den städtischen Zentren weniger Sinn machen.

Welche internen Veränderungen sind bei euch entstanden?

Wie viele andere haben wir Mitte März entschieden, den Großteil unseres Teams ins Homeoffice zu schicken. Lediglich einige Ingenieure und wenige andere Mitarbeitende befinden sich noch im Büro, ohne sich dabei zu nahe zu kommen. Schließlich kamen auch wir nicht drum herum, mit Teilen unseres Teams Kurzarbeit zu vereinbaren, um das gesamte Unternehmen sicher durch die nächsten Wochen und Monate zu navigieren. Obwohl die Einschnitte für uns alle nicht einfach sind, sind wir beeindruckt davon, wie sich alle gegenseitig unterstützen und eigenständig Initiativen finden, um auch in Isolation miteinander verbunden zu bleiben und unsere offene Kultur aufrecht zu erhalten. Das schätzen sogar neue Mitarbeitende, die wir momentan remote willkommen heißen müssen.

Ihr stellt lokalen Businesses eure E-Roller zum Ausliefern von Essen und Ware zur Verfügung. Warum habt ihr euch gerade jetzt diese neue Aufgabe gesucht?

Es handelt sich dabei nicht wirklich um eine neue Aufgabe, da wir im Marketing schon immer einen Teil unserer Flotte verliehen haben, um Aufmerksamkeit für unser Produkt zu schaffen. Viele Marketingmaßnahmen laufen aber momentan ins Leere oder sind nicht besonders sensibel, weswegen wir die Roller lieber für etwas Sinnvolles zur Verfügung stellen wollten. Obwohl das ganze zunächst aufwändig erschien, nachdem der Kontakt zu Beginn möglichst eingeschränkt werden sollte, sind wir sehr froh zu sehen, dass unsere Flotte während dieser Zeit nicht stillsteht.

Warum bietet ihr den Service Unternehmen an und nicht zum Beispiel Menschen, die im Medizinsektor arbeiten oder in Supermärkten?

Tatsächlich war das unsere erste Idee und entsprechend waren wir auch mit möglichen Partner*innen im Gespräch. Gerade zu Beginn der Krise war das ganze aber mit einem hohen organisatorischen und sicherheitstechnischen Aufwand verbunden. Wir wollten auch kein medizinisches Personal damit belasten, ihren ohnehin schon schwierigen Alltag für unser Projekt zu begleiten. Schnell haben sich auch Unternehmen wie Berlkönig und ShareNow bereit erklärt, diese Sektoren zu unterstützen, sodass wir überlegt haben, wie wir unsere vergleichsweise kleine Flotte aus verfügbaren Marketing-Rollern möglichst effektiv und effizient einsetzen können. Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie gerade für kleine lokale Geschäfte enorm. Dabei sind es gerade sie, die unsere Städte so lebenswert machen. Daher hoffen wir, dass wir mit unserer Hilfe dazu beitragen, dass diese Unternehmen die Zeit des Lockdowns überstehen.

unu-Gründer Pascal Blum ©unu

Welche Vorteile habt ihr dadurch?

Wir selbst haben dadurch keinen direkten Vorteil, da wir auch sonst mit Kreativen und Influencer*innen zusammen arbeiten. Für unsere Partner*innen ermöglichen sie aber zum Beispiel Lieferungen, wo vorher gar keine Infrastruktur dafür bestand. Auf diese Weise sind sie den ganzen Tag auf den Straßen unterwegs und bereichern viele Menschen mit kleinen Freuden, anstatt jemanden nur einmal morgens und abends auf dem Arbeitsweg zu begleiten. Wir hoffen außerdem, dass auf diese Weise einige Menschen aufmerksamer werden für die Vorteile, die so ein unkompliziertes, sauberes und kompaktes Fahrzeug mit sich bringt.

Wollt ihr die Kooperationen langfristig laufen lassen?

Das wird unter anderem auch davon abhängen, ob die provisorischen Lieferdienste weitergeführt werden sollen, wenn die Maßnahmen nachlassen. Generell sind wir momentan auch mit weiteren potenziellen Partner*innen im Gespräch, zum Beispiel auch aus dem ehrenamtlichen Bereich. Ideal wäre es, wenn wir im Laufe der Krise genau diejenigen unterstützen können, bei denen die Roller in jenem Moment den sinnvollsten Einsatz finden. Ansonsten freuen wir uns natürlich darüber, wenn nun Lokale auf den Geschmack kommen, die zuvor andere Fahrzeuge genutzt haben oder gar nicht lieferten.

Wie wichtig ist es, als Startup sozial zu sein und Solidarität zu zeigen?

Für uns geht es nicht darum etwas zu zeigen, sondern unsere Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Momentan befinden wir uns in einer Situation, in der jedes Unternehmen und jeder Mensch vor großen Herausforderungen steht. Unser Ziel ist es, den Menschen das volle Potenzial ihrer Stadt zu ermöglichen. Als die Ausgangsbeschränkungen eintraten, wurde uns klar, dass wir Restaurants, Geschäften und Partner*innen, die wir selbst sehr schätzen, ermöglichen sollten, zu den Leuten nach Hause zu kommen.

Habt ihr ein paar Tipps oder motivierende Worte für andere Startups, die gerade in der Krise stecken?

Die aktuelle Situation ist definitiv ein Stresstest für viele Startups, davon sind wir nicht ausgenommen. Obwohl wir flexible Arbeitszeiten und Remote Work schon lange unterstützen, haben wir uns direkt zu Beginn der Krise bemüht, unserem Team alle Werkzeuge, Methoden und Freiheiten zur Verfügung zu stellen, die sie für diese Zeit benötigen. Das heißt auch, untereinander Verständnis zu schaffen, zum Beispiel für die besonderen Bedürfnisse von Eltern oder reduzierte Arbeitszeiten von Teams in Kurzarbeit. Startups haben den Vorteil, sich viel schneller und agiler anpassen zu können und sollten diese Fähigkeit für eine umfassende Notfallplanung nutzen. Wir bilden als gesamtes Team unsere Workflows so transparent wie möglich ab, vertrauen einander aber auch sehr und nutzen als Gründer unsere Netzwerke so gut es geht, um Erfahrungen mit anderen Unternehmen und Partner*innen auszutauschen.


Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.

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