Schluss mit Krise: Wer Opfer bleibt, ist selber schuld!

Ein Gastbeitrag von Sebastian Wächter

Wenn sich unser Leben schlagartig verändert, kommen die Auslöser häufig von außen. So ist es etwa bei Change-Prozessen in Unternehmen oder – ganz aktuell – mit den Auswirkungen des Corona-Virus. Bei meinem Unfall vor 13 Jahren war es ein falscher Schritt beim Wandern: Ich bleibe mit dem Fuß in einer Baumwurzel hängen und falle kopfüber in einen Bach. Diagnose: Genickbruch. Seitdem bin ich querschnittsgelähmt. Nach dem Unfall prophezeiten mir die Ärzte, dass ich nie wieder eigenständig und ohne fremde Hilfe würde leben können.

Ich war damals erst 18 Jahre alt und mit so einer Prognose völlig überfordert. Voller Selbstmitleid fragte ich mich immer wieder: „Warum ich? Wieso bin ich an diesem Tag Wandern gegangen?“ Meine Gedanken kreisten nur noch darum, was ich alles nicht mehr machen kann, weil ich nun behindert bin. Natürlich hat mich das kein Stück weitergebracht. Damals habe ich einen Satz gehört, der mir auch heute noch hilft, in scheinbar aussichtslosen Situationen meinen Handlungsspielraum auszuschöpfen.

Wer Opfer wird, hat vielleicht Pech gehabt. Wer Opfer bleibt, ist selbst schuld.

So konnte ich aus meinem Selbstmitleid hinaus in eine neue Selbstwirksamkeit finden. Statt in der Opferrolle zu verharren und mich auf die 95 Prozent meines Körpers zu konzentrieren, die ich nicht mehr bewegen kann, habe ich aus den verbliebenen fünf Prozent das Bestmögliche gemacht. Mein Fokus hat sich also gewandelt.

Mehr Selbstwirksamkeit in Zeiten von Veränderung

Viele Menschen stehen durch die Corona-Krise und die wirtschaftliche Rezession vor radikalen Veränderungen. Längst nicht alle sehen sich dieser Aufgabe gewachsen, sondern fühlen sich dem, was passiert, hilflos ausgeliefert. Sie fühlen sich als Opfer. Eins ist jedoch sicher: Jammern bringt auch dieses Mal nichts! Was wir jetzt brauchen, ist Selbstwirksamkeit: das Gefühl, handlungsfähig zu sein und etwas erreichen zu können!

Je selbstwirksamer wir uns fühlen, desto eher sind wir auch bereit, Verantwortung für Veränderungen zu übernehmen, die jetzt anstehen. Wenn wir dagegen unsicher sind und das Gefühl haben, dem Außen ausgeliefert zu sein und sowieso nichts ändern zu können, dient uns das oft als Vorwand, es gar nicht erst zu versuchen. Genau das erlebe ich als Coach auch bei vielen Change-Prozessen in Unternehmen: Die Gedanken stehen oft unserem Handeln im Weg. Wir müssen also bei unserem Mindset (bzw. dem unserer Mitarbeitenden) ansetzen, um in die Selbstwirksamkeit zu kommen.

Die vier wichtigsten Bausteine dafür sind:

Schau auf deine Stärken

Richte deinen Fokus bewusst auf deine Stärken und Erfolge: Was ist dir in deinem Leben alles schon gelungen? Dabei zählen nicht nur die Erfolge im Beruf, sondern auch in anderen Lebensbereichen wie Sport, Beziehung, Freundschaft, Finanzen und so weiter.

Unternehmer*innen oder Führungskräften, die aktuell vor einem Change-Prozess in ihrer Firma stehen, rate ich, den Mitarbeitenden regelmäßig Rückmeldung darüber zu geben, was sie als Team schon alles erreicht haben – und dabei auch Einzelne in ihrem ganzheitlichen Umfeld nicht aus den Augen zu verlieren. Oft höre ich dann von Mitarbeitenden die Aussage: „Ich habe schon so viel geschafft, das bekomme ich auch noch hin.“ Ein schönes Zeichen von Selbstwirksamkeit.

Tipp: Aus- und Weiterbildungen und die damit verbundenen Erfolgserlebnisse können uns zusätzlich Sicherheit geben, über die notwendigen Fähigkeiten zu verfügen. Mit diesem Gefühl fällt es leichter, neue Projekte anzugehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Hinterfrage deine Glaubenssätze

Was wir jetzt brauchen, ist ein Growth Mindset. Menschen, die über ein solches Wachstumsdenken verfügen, benutzen äußere Einflüsse nicht als Vorwand à la „Jetzt in der Krise finde ich sowieso keinen Job“, „Zurzeit wird unser Produkt eh niemand kaufen“ etc., sondern sehen sie als Herausforderung, um daran auch persönlich zu wachsen. Sie vertrauen darauf, dass sie ihre Fähigkeiten entwickeln und Ziele erreichen können: „Ich kann besser in der Akquise werden.“, „Ich kann lernen, zu delegieren.“, „Ich kann für mein mentales Wohlbefinden sorgen.“ Ja, sie lieben es sogar, sich weiterzuentwickeln und werden häufig von einer großen Neugierde angetrieben.

Sebastian Wächter

Menschen mit einem Fixed Mindset dagegen sind der Ansicht, dass ihre Fähigkeiten durch ihre Talente vorbestimmt sind und haben entsprechende Glaubenssätze. „Ich bin schlecht in der Akquise.“, „Zahlen liegen mir nicht.“

Tipp: Wenn du dich mutlos und erstarrt fühlst, mache dir deine inneren Glaubenssätze bewusst, um sie dann zu verändern: „Bisher war ich schlecht in der Akquise, nun werde ich mich einlesen und mit Sparringspartner*innen üben, um besser zu werden.“. So können sich aus den statischen Denkmustern neue, offenere entwickeln. Du erkennst deine Möglichkeiten und dass du selbst Einfluss auf die Ergebnisse deines Handelns hast.

Frag nach dem Wozu

Um selbstwirksam auf ein Ziel hinzuarbeiten, müssen wir erstmal wissen, Warum wir es erreichen möchten. Ich habe festgestellt, dass Klient*innen dabei häufig Antworten in ihrer Vergangenheit suchen, die sie zwar irgendwann motiviert haben, sich ein Ziel zu setzen, aber nicht die Zukunft im Fokus haben. Was uns durchhalten lässt, ist vielmehr der Blick nach vorn – und den nehme ich ein, wenn ich die Frage nach dem Wozu stelle: Wozu willst du dein Ziel erreichen?

Tipp: Wir sollten uns nicht mit zu schnellen Antworten zufriedengeben, sondern tiefer bohren. Nehmen wir an, jemand möchte Gewicht verlieren. Dann reicht es nicht aus, zu sagen: „Ich möchte etwas für meine Gesundheit tun“ oder „Es ist bald wieder Bikini-Zeit“. Wir müssen noch weiter zum Kern vordringen: „Ich möchte abnehmen, weil ich diese verurteilenden Blicke nicht mehr ertrage“ oder „Ich möchte abnehmen, weil ich mit meiner Tochter spielen möchte, ohne nach zwei Minuten aus der Puste zu sein“. In diesen Sätzen steckt echte Energie.

Erlaube dir Fehler

Veränderung bringt immer auch Unsicherheit mit sich. Unsicherheit wiederum bedeutet, dass Fehler gemacht und falsche Entscheidungen getroffen werden. Genau davor haben viele Angst – und diese Angst kann uns lähmen und steht im völligen Kontrast zur Selbstwirksamkeit.

In Unternehmen kann eine gute Fehlerkultur dieser Angst entgegenwirken. Die oberste Frage sollte hier nicht sein, wer schuld an etwas ist, sondern: „Was können wir aus diesen Fehlern lernen und wie können wir diese in Zukunft vermeiden?“

Tipp: Halte dir selbst immer vor Augen, dass Fehler passieren. Statt „Failure is not an option“ lautet meine Devise hier: „Failure must be an option but giving up is not an option.“

Für mich war es ein weiter Weg, von dem Moment, als ich zum Pflegefall wurde, hin zu einem eigenständigen und glücklichen Leben, wie ich es heute führen darf. Daher weiß ich: Mit dem richtigen Change-Mindset können wir auch in heftigen Krisen handlungsfähig bleiben, die Opferrolle verlassen und letztlich erreichen, dass aus Veränderung Fortschritt wird.

Sebastian Wächter ist Coach, Speaker und Buchautor („Change Mindset – Veränderungsprozesse ins Rollen bringen!“, BoD, 2020) und unterstützt kleine und mittelständige Unternehmen ebenso wie internationale Konzerne dabei, ihre Change-Projekte zu bewältigen.


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