Den Kopf frei bekommen? Wir haben Selbsthypnose ausprobiert

Tief ein- und ausatmen. Schneidersitz, Arme auf den Beinen, Augen geschlossen. Aus meinem Smartphone erklingen eine weibliche Stimme und Meeresrauschen. Eine gute halbe Stunde spricht die angenehme, sanfte Stimme mit mir und befördert mich in einen tranceartigen Zustand. Was ist hier los? Nun, ich werde zum ersten Mal in meinem Leben hypnotisiert. Aber nicht von einem Hypnotiseur oder Therapeuten, sondern von einer App. Tja, harte Zeiten kennen ungewöhnliche Lösungen.

Bernhard Tewes hat die App Hypnobox entwickelt, mit der ich mich selbst hypnotisieren kann. Klingt irgendwie komisch. Funktioniert das überhaupt? Vorweg: Ich bin von Hypnose nicht gerade überzeugt. Ich habe mich zwar ein paarmal an Yoga probiert, aber so richtig darauf eingelassen hat sich der noch verborgene Hippie in mir nicht. Aber egal, angesichts der aktuellen Weltlage vielleicht eine Chance, Körper und Seele zu entspannen. Angebliche Benefits, die man immer wieder liest: Kurzurlaub für die Seele und Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Körpers. Also los.

Eine Session besteht immer aus Einleitung, unterschiedlichen Suggestionen, Ausleitung und passenden Hintergrundsounds (Foto: Chantal Nawroth)

Beim ersten Öffnen der App erscheint ein kleines Männchen auf meinem Display. Der Protagonist eines einleitenden Erklärungsvideos. Die Infos daraus: Mein Geist besteht aus meinem Bewusstsein und meinem Unterbewusstsein. Nichts Neues. Was ich aber nicht wusste: Nur fünf Prozent meiner Entscheidungen treffe ich bewusst, 95 Prozent unbewusst. Außerdem entscheidet laut dem Männchen unser Unterbewusstsein oft anders, als wir bewusst wollen. Grund: Das Unterbewusstsein wird von einem Türsteher bewacht, der bestimmte Veränderungen und neue Gedanken nicht reinlässt. Okay, ich kann es mir ungefähr vorstellen.

Sinn und Zweck der Hypnose ist es jetzt, den Türsteher loszuwerden, sodass neue Gedanken und Verhaltensweisen ins Unterbewusstsein kommen.

Die Gratisversion der App bietet verschiedene vorgefertigte Sessions und zehn Sprach- und Soundbausteine, aus denen man sich seine eigene Session zusammenbasteln kann. Als Anfängerin suche ich mir erst mal eine vorgefertigte Suggestion aus der Liste aus. Zur Auswahl stehen: Entspannung, erholsamer Schlaf, besseres Gedächtnis, Machen und – tatsächlich – Zuversicht in der Krise.

Ich entscheide mich für die Session Entspannung (habe ich mal wieder dringend nötig). Also, wie eingangs beschrieben: Ich sitze also in meinem Sessel, meine Augen sind geschlossen, und ich atme ruhig. Schon nach ein paar Minuten beginnen meine Muskeln zu entspannen. Kenne ich sonst nur vom Sonnetanken an freien Tagen. Ab und zu höre ich durch die geschlossenen Fenster eine S-Bahn vorbeifahren. Aber das stört mich nicht. Umgeben von Meeresrauschen, fühle ich mich pudelwohl.

Was soll es heute sein? Mehr machen oder besser entspannen?

Die Frau in der App suggeriert angenehm leise: „Ich entspanne nun vollkommen und fühle mich dabei sehr wohl. Jede einzelne Muskelfaser lässt los, und ich atme gleichmäßig mit dem Bauch.“ Die Ich-Perspektive hilft mir, mich voll und ganz auf mich zu konzentrieren. Also Entspannung vom Scheitel bis in die Zehenspitzen. Eine Welle Gänsehaut schlägt über meinen Körper. Bis hierhin klappt es wirklich gut, was ich vorher nicht gedacht hätte.

Die Stimme der App beginnt von zehn rückwärts zu zählen. Mit jeder Zahl soll ich mich mehr entspannen und mich immer wohler fühlen, je tiefer ich gehe. Auch das klappt. Ich stelle mir eine Treppe vor, auf der ich mit jeder Zahl eine Stufe heruntergehe. Die Stimme wird immer positiver: „Mein Geist ist ruhig und friedlich. Ich erlaube mir, jederzeit wieder in diesen wundervollen Zustand zu gehen.“

Wie in einer anderen Welt fühle ich mich jedoch nicht. Ich kann jedes Geräusch um mich herum wahrnehmen und bin die ganze Zeit wach. Später finde ich heraus, dass das von den Macher*innen auch so vorgesehen ist. Nach einer guten halben Stunde ist die Session vorbei.

„Jede einzelne Muskelfaser lässt los“, sagt die App (Foto: Chantal Nawroth)

Ergebnis: Ich fühle mich ausgeruht. Und der Türsteher, der vor meinem Unterbewusstsein patrouilliert? Keine Ahnung. Viele neue Gedanken sind mir während der Session nicht gekommen. Zumindest bin ich in diesem Moment so ausgeruht wie noch nie seit Beginn der Coronakrise – und zufrieden bin ich auch. Die App hat es also tatsächlich geschafft, die Kritikerin ruhigzustellen.

Ich bezweifle jedoch, dass ich auch für eine Face-to-Face-Hypnose gemacht bin, die vielleicht sogar über eine Wach-Hypnose hinausgeht. Wer weiß, vielleicht mache ich mir aus Neugier einen Termin bei einer Hypnotiseurin, wenn die Coronakrise irgendwann mal überwunden ist. Und wenn das alles doch noch länger dauert als gedacht: Ich bin vorerst gegen jede Anspannungswelle gewappnet.

Freunde und Freundinnen, die neue Ausgabe ist da! Mit einem großen Titel-Dossier zum Thema Sport: in Zeiten, in denen Großveranstaltungen gestrichen werden, entdecken die Hersteller die Herde an Freizeitsportlern – und die werden in Corona-Zeiten immer mehr. Wie wollen Peloton, On Running und Under Armour diese neue Chance nutzen?
Außerdem: Say Say: Ein Anwalt kündigt seinen Job, um einen Hiphop-Radiosender aufzubauen. Blocksize Capital: Zwei junge Frankfurter wollen mittels Blockchain den Finanzmarkt komplett neu aufstellen. Max Siedentopf: unser Cover-Artist im großen Portrait mit Werkschau.
Und wie immer vieles, vieles mehr.  Viel Spaß beim Lesen!


Katharina Boecker

Katharina hat Germanistik und Anthropologie in der westfälischen Provinz Münster studiert, welche sie für den Journalismus verlassen hat. Sie lebt jetzt in Berlin und sammelt dort an allen Ecken Inspirationen fürs Schreiben - und fürs Leben im Allgemeinen. Wenn sie nicht gerade nach vergessenen 80er-Hits im Internet sucht, interessiert sie sich für Politik, Popkultur und Sport.

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