„Eine sehr moderne Form des Medienvertriebs“ – Nilz Bokelberg im Interview über Fiction Podcasts

Beiseite Podcasts, jetzt kommen Fiction Podcasts! Oder zumindest erst mal einer, nämlich Spotifys „SUSI“. In acht Folgen wird die Geschichte der Protagonistin namens Sara und der künstlichen Intelligenz „SUSI“ erzählt. Passend für die Generation Netflix gingen heute direkt alle sieben Folgen online, es kann also fleißig gebingt werden.

Da Spotify lieber klotzt als kleckert, hat man für diese Adaption eines Gimlet-Podcasts sehr bekannte Schauspieler*innen verpflichtet. Dabei sind Almila Bagriacik (bekannt aus „4 Blocks”), Bastian Pastewka („Pastewka“), Martina Hill („Die Martina Hill Show“), Maximilian Mundt („How to Sell Drugs Online (Fast)“) und Alexander Scheer („Gundermann“). Die Regie übernahm Nilz Bokelberg, dem man schon seit über fünf Jahren in seinem eigenen Podcast „Gästeliste Geisterbahn“ zuhören kann.

Aber Moment, Gimlet? Gimlet ist ein klassischer Cocktail. Er besteht aus … Ups, falsche Wikipediaseite. Jetzt aber: Gimlet ist ein Label für narrative Podcast, das 2019 von Spotify für stolze 230 Millionen Dollar gekauft wurde. Gimlet-Podcasts wie „Reply All“ oder „Homecoming“ haben zahlreiche Preise gewonnen, zweiterer wurde sogar als eine TV-Serie umgesetzt.

„SUSI“ ist die erste Adaption eines Gimlet-Podcasts für den deutschen Markt. Grund genug, mal mit Regisseur und Lokalisator Nilz Bokelberg zu telefonieren.

War mit 17 schon Mitglied der ersten Viva-Moderatoren-Generation: Nilz Bokelberg (Foto: Antonio Castello)

Wie erklärst du deinen Eltern eigentlich deinen Job als Regisseur eines Fiction-Podcasts?

Ich glaube, meine Eltern haben schon lange aufgehört zu versuchen zu verstehen, was ich beruflich mache (lacht). Es ist ein ausgedachter Podcast, den jemand inszenieren muss und ich habe die Regie geführt.

Es hat auch etwas von einem Hörspiel, es funktioniert wie eins, nur in der Form eines Podcasts. Dadurch, dass es etwas Serielles hat, ist es aufregender als ein Drei-Stunden-Hörspiel.

Da es ja eine Adaption des US-Formats „SANDRA“ ist: Wie viele Freiheiten hattest du bei der Umsetzung?

Ich habe davon gehört und war begeistert. Ich wollte das sofort machen. Von Spotify habe ich die Bücher zur Überarbeitung bekommen und in sehr enger Absprache überarbeitet. Ich habe erst einmal übersetzt und natürlich versucht, das zu lokalisieren, also auf Deutschland anzupassen. Im Original spielt die Geschichte in Amerika und ich wollte keinen synchronisierten Podcast haben, sondern die Story sollte auch hier funktionieren.

Dann habe ich einfach mal gemacht und drauf los gearbeitet. Die Originalbücher sind wahnsinnig gut geschrieben, sehr dicht, schlau und wie amerikanisches Screenwriting. Wenn es um Storytelling geht, ist dieses Writing  immer sehr effizient – im Gegensatz zu deutschem, wo oftmals viel Leere stattfindet.

Daran habe ich mich entlang gehangelt und mal hier und da versucht, es etwas runder für den deutschen Markt zu machen. Es war kein schwieriger Prozess, ich musste nicht um Dinge kämpfen oder sowas.

Hast du dir schon beim Bearbeiten gedacht, wer welche Rollen sprechen könnte? Hattest du da Wunschkandidat*innen?

Bastian Pastewka, Maximilian Mundt, Alexander Scheer und Almila Bagriacik waren totale Wunschkandidat’*innen. Auf Martina Hill bin ich auch sehr schnell gekommen, weil ich wusste, dass ich für die Stimme von SUSI eine Frau brauchte, die komödiantisches Super-Timing hat – und dass die sich in eine Computerstimme reindenken kann.

Als Martina ins Studio kam und die ersten Sätze eingelesen hat, war es noch Tausendmal geiler, als ich es mir vorgestellt hatte. Wir wollten eigentlich ihre Stimme ein wenig verfremden, damit sie sich wie ein Gerät anhört, aber sie hat sich raufgeschafft, genauso zu sprechen. Was man im Podcast hört, ist zu 100 Prozent Martina Hill, da wurde nichts bearbeitet.

Musstet ihr jemanden überzeugen oder waren alle Schauspieler*innen interessiert und schnell dabei?

Es ging immer viel über die Agenturen und die haben sich sehr schwergetan, diese Arbeit einzuordnen. Ist das nun ein Sprech-Job oder doch ein Schauspiel-Job? Von Podcasts hatten sie schon gehört, aber sie fragten sich, ob das auch seriös sei, ob man das machen könne oder dadurch eher der Reputation schade.

Wir hatten das große Glück, dass Spotify als Name ein Begriff war. Trotzdem glaube ich, dass wir ein, zwei Schauspieler*innen nicht bekommen haben, weil sie sehr skeptisch dieser Form eines Jobs gegenüber waren.

Hast du bei den Aufnahmen auch immer regisseur-mäßig Feedback gegeben à la „Mach nochmal, aber mit mehr Gefühl“?

Als die Schauspieler*innen ins Studio kamen, habe ich erstmal mit ihnen besprochen, wie ihre Figur funktioniert. Sie hatten auch eigene Ideen. Alexander Scheer zum Beispiel hatte sich schon einen super Charakter aufgebaut, den er mitgebracht hat und an dem wir noch ein bisschen rumgefeilt haben.

Dann gingen sie ins Studio, ich habe mitgehört und die anderen Rollen eingesprochen. Ich habe gesagt, wenn ich mir das mit einem anderen Tempo oder einer anderen Mood vorgestellt habe, dann haben wir das noch ein- oder zweimal gemacht und dann saß das. Meist ging das über zwei, drei Takes nicht hinaus, weil das eben wahnsinnig tolle Schauspieler*innen sind.

Ist es nicht seltsam, dass ausgerechnet Hörspiele in Form von Fiction Podcasts in Zeiten des Streamings ein kleines Revival erleben?

Ich finde das im ganzen Hype-Business konsequent. Einerseits sind Podcasts das Medium der Stunde, weil sie das unkomplizierteste von allen sind. Man muss sie nur hören, kann dabei zur Arbeit oder in den Urlaub fahren, durch die Stadt laufen, kochen oder auf dem Klo sitzen. Trotzdem kann man währenddessen Inhalte erfahren. Das ist der große Vorteil von Podcasts.

Andererseits ist ein Fiction Podcast wie „SUSI“ in seiner Form sehr modern. Es wird zum ersten Mal ein Hörspiel in die Serienform gegossen. Die Folgen sind bewusst relativ kurz gehalten, sie sind nie länger als 20 Minuten. So kann man selbst entscheiden, in welchem Rhythmus man das konsumieren will.

Den Hörer*innen diese Freiheit sehr offen anzubieten, halte ich für eine sehr moderne Form des Medienvertriebs.

Denkst du, es wird jetzt viel mehr Fiction Podcasts geben?

Es wird mehr, als es jetzt gibt, aber es wird nicht den Hauptteil der Podcasts ausmachen. Der Aufwand ist zu riesig. Das rechnet sich nicht für alle und erfordert Geduld. Wir haben ein gutes Jahr an „SUSI“ gearbeitet. Dazu haben nicht alle die Zeit und Mittel für.

Ich glaube schon, dass Fiction Podcasts eine völlig berechtigte Nische sind, die hoffentlich auch durch uns ein bisschen mehr Aufmerksamkeit bekommen wird. Das Medium Podcast als solches ist ja so weit bespielbar, da hat man in der deutschen Podcast-Szene gerade mal an der Oberfläche gekratzt.

Man sagt ja, der amerikanische Markt ist uns immer fünf bis sechs Jahre voraus. Wenn man sich also die USA anguckt, gibt es noch eine ganze Menge an Formaten und Ideen, die man machen kann.

Hast du einen Tipp an neue Podcastmacher*innen, was man bei einem neuen eigenen Podcast unbedingt beachten sollte?

Jeder soll erstmal machen, womit er sich am wohlsten fühlt und was er am besten kann. Der wichtigste Tipp ist: durchhalten. Dadurch, dass die Einstiegs- und Produktionsschwelle in Podcasts so niedrig ist, gibt es eine Quadrillion an Podcast-Leichen von Leuten, die nur fünf Folgen geschafft und dann die Lust verloren haben. Oder die gemerkt haben, dass ihr Thema gar nicht mehr hergibt.

Das ist ein Tipp meiner Frau Maria, Gründerin der Podcast-Produktionsfirma Pool Artists​: Erstmal überlegen, wovon die ersten zehn Folgen handeln können. Damit man weiß, ob das Thema einen größeren Podcast hergibt.

Sieh dann zu, dass du regelmäßig stattfindest und du durchhältst. Auch wenn du zwischendurch das Gefühl hast, dass du nur für zwei Leute sendest. Dann sende eben nur für zwei Leute. Da muss man Sitzfleisch beweisen.

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