Warum Entrepreneure in der Klimakrise mit Konzernen zusammenarbeiten müssen

Von Felix Staeritz, Founder & CEO FoundersLane

Am 12. Dezember 2015 flutete brandender Applaus den Ausstellungspark der französischen Gemeinde Le Bourget. Die politischen Entscheidungsträger*innen dieser Welt klopften sich auf die Schultern, das Pariser Klimaabkommen wurde im Rahmen der UN Klimakonferenz beschlossen. Die Vereinbarung sollte das ausgelaufene Kyoto-Protokoll mit dem Ziel ablösen, die Erderwärmung im globalen Mittel auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen; möglichst sogar unter 1,5 Grad Celsius.

Das Mercator Institute on Global Commons and Climate Change berechnete daraufhin ein CO2-Budget. Forscher*innen sind sich einig, dass der Klimawandel ab einer Erwärmung von über zwei Grad Celsius unaufhaltsam wird. Das CO2-Budget bemisst die Summe an Kohlenstoffdioxid, die wir noch ausstoßen können, bevor wir die zwei Grad unweigerlich überschreiten.

Drastisch formuliert: Es handelt sich hierbei nicht um ein Girokonto. Weder können wir es überziehen, noch durch eine Lohneinzahlung wieder aufstocken. Stattdessen schmilzt das Budget wie das Packeis des arktischen Ozeans. Eigentlich muss es noch für Generationen ausreichen – doch nach derzeitigem Verbrauch ist es in knapp 25 Jahren und fünf Monaten ausgeschöpft. Die Pariser Klimaziele können wir dann vergessen.

Felix Staeritz, Founder & CEO FoundersLane sowie Mitglied des Board of Digital Leaders im Weltwirtschaftsforum, ist Autor von „FightBack“. Aktuell arbeitet er an einer zweiten Version des Buches.

Zur Klarstellung: Weder soll hier eine depressive Grundstimmung geschaffen, noch Weltuntergangsszenarien skizziert werden. Es sollen jedoch die Sinne für eine Tatsache geschärft werden. Die Uhr tickt. Der Druck für innovative Lösungen der Probleme steigt.

Um die drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen anzupacken, brauchen wir keine Frischlinge wie Startups oder Experimentierstuben wie dem ein oder anderen Corporate Lab, sondern radikale Innovationen unter Berücksichtigung des Status Quo. Gemacht dafür sind neue digitale Geschäftsmodelle mit der Durchschlagskraft der Konzerne.

Wir müssen Innovationen neu denken

Die wichtigsten Botschaften lauten „Jetzt”, „Groß gedacht”, „Systemisch”, „Gemeinsam”. Dies ist kein Pathos, sondern beschreibt, was nun von Nöten ist: Wir müssen Innovation fundamental neu denken – nicht nur das Rumexperimentieren im Lab, sondern ihre Umsetzung am Markt mit echten Kund*innen und rasanter Skalierung.

Denn bei der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen wie dem Klimawandel oder der Modernisierung des Gesundheitswesens reden wir nicht von einer neuen eCommerce-Plattform. Internetshop, Bezahlsystem, Logistik? Damit ist es diesmal nicht getan. Die Probleme sind systemisch. Das bedeutet, dass diverse Gewerke – Regierungsinstitutionen, Wirtschaft, Anwender, Forschung – zusammenarbeiten müssen, um geeignete Lösungen zügig und groß umzusetzen.

Uber oder AirBnB kämpfen etwa mit gewachsenen Strukturen. Die Gesetzgeber*innen haben sie nur allzu oft in die Schranken gewiesen. Mieter*innen und Stadtplaner*innen oder auch das Taxi-Gewerbe und der ÖPNV – alle wollen ein Wörtchen mitreden. Dabei ist die Sache noch recht einfach.

Richtig schwierig wird es erst in richtig komplexen, hochregulierten und wissenschaftsbasierten Bereichen – wie etwa im Gesundheitswesen oder beim Klima. Wer hier vorankommen will, braucht Überzeugungskraft, Netzwerke und vor allem viel Expertise. Gleichzeitig ist es gerade hier so wichtig wie nirgends sonst, dass wir unser Verhalten ändern. 

Wo man nur hinschaut, herrscht Marktversagen.

Stehen und fallen große Innovationen mit den Konzernen?

Sind am Ende also doch die viel gescholtenen Konzerne die Brutstätten für bahnbrechende Innovationen? Jein, Konzerne verfügen zwar über Netzwerke und Ressourcen – doch ihnen fehlt oftmals die Expertise, um in Windeseile digitale Geschäftsmodelle zu planen, aufzubauen und zu skalieren. 

Außerdem müssen sie einen anderen Weg einschlagen als in der Vergangenheit. Mit einem Lab oder Accelerator ist es nicht länger getan. Das hört sich zwar fancy an, bereitet auch allen Beteiligten viel Spaß und Freude, es kommt aber wenig Output dabei rum.

Sie sind schlicht nicht für radikalen Wandel im großen Stil gemacht. Innovation Labs sind per Definition für die Entwicklung von innovativen Prototypen und deren Test am Markt gedacht und nicht für die massive Skalierung neuer digitaler Geschäftseinheiten konzipiert. Ähnliches gilt für Acceleratoren. Sie unterstützen Gründer*innen bei der Umsetzung von Ideen, der Produktentwicklung und ersten Schritten am Markt. Es ist nicht ihr Ziel, Startups in Sekundenschnelle von Null auf Hundert zu treiben. 

Noch schwerwiegender: Erfolgreiche und erfahrene Gründer*innen treten selten einem Accelerator-Programm bei. Sie brauchen kein Coaching in der Startup-Gründung, und Anteile treten sie dafür erst recht nicht an das Programm ab. Doch genau diese Gründer*innen brauchen wir für bahnbrechende gesellschaftliche Innovationen.

Was wir brauchen, sind hybride Unternehmen

Wie aber bringen wir das Entrepreneur-Mindset und die Konzern-Power an einen Tisch? Die Antwort besteht aus zwei Wörtern: hybride Unternehmungen. Keine Sorge, dahinter verbirgt sich nicht der nächste leere Hype-Begriff der Digitalbranche. Hybride Unternehmungen definieren die Zusammenarbeit von Tech-Unternehmern und Konzernen neu. 

Ihr Ziel: Innovation wird in den Konzernen nicht länger als nettes Randthema oder Kreativ-Session für die Business Development Teams behandelt, sondern auf Vorstandsebene groß gedacht. Top-Down.

Damit die operative Umsetzung anschließend die nötigen PS (in diesem Fall ganz klimaneutral) auf die Straße bringt, holen sich die Konzerne erfahrene Gründer*innen an Bord. Aber nicht irgendwen, sondern diejenigen, die bereits gezeigt haben, dass sie große Herausforderungen binnen kurzer Zeit bewältigen können. 

Wenn es gelingt, Unternehmen so zu gestalten, dass Konzerne Innovation nicht als nette Spielerei begreifen und Europas Top-Entrepreneur*innen ihren Spirit in Konzernstrukturen ausleben können, dann trifft das Beste aus zwei Welten aufeinander. Und dann klingen auch die ganz großen aktuellen Herausforderungen weit weniger utopisch.

Wie das geht? Ziel hybrider Unternehmen ist, neue digitale Geschäftsmodelle und -ideen unter dem Schirm einer neuen Innovationseinheit aufzubauen. Diese Unternehmenseinheit agiert unabhängig vom Kerngeschäft und treibt die Zukunftsinvestments der Firma voran. 

An der Schnittstelle zwischen Konzern und Innovationseinheit sitzt das Entrepreneurial Growth Board. Dort treffen die Lenker*innen und Entscheider*innen aus der Konzernebene auf die Tech-Entrepreneur*innen und Chef*innen der neuen Ventures; sie entscheiden gemeinsam über die strategischen Unternehmungen der Innovationseinheit des Konzerns und der Entrepreneur*innen. Im Mittelpunkt dieser neuen Unternehmensstruktur stehen Mitsprache und neue Anreize für die Tech-Unternehmer und Konzerne.

Hybride Unternehmen kombinieren das unternehmerischen Mindset und die Agilität der Entrepreneur*innen mit der Durchschlagskraft der Konzerne, gelöst von den Fesseln des Dienstleister-Daseins. Gemeinsam bieten sie innovativen Ideen die strukturelle und unternehmerische Basis, um schnell und im großen Stil zu florieren. 

Die Notwendigkeit ist eindeutig: Wir haben bereits zu viel Zeit verprasst. Wir brauchen jetzt Antworten auf die drängenden Fragen unserer Gesellschaft – und zwar durch umgehende Innovationen. Für das Basteln von Prototypen ist aktuell nicht der passende Moment.


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