Mission „Bessere Welt“: So will die Rainforest Alliance unseren Konsum nachhaltiger gestalten

Den meisten von euch dürfte die Rainforest Alliance vor allem durch ihr Siegel mit grünem Frosch bekannt sein. Wir haben uns mit dem Chief Program Officer Nigel Sizer über die Ziele der Rainforest Alliance unterhalten und wie Farmer*innen von dem Zertifizierungsprogramm der Organisation profitieren können.

Eure Mission ist es, nachhaltige Lieferketten aufzubauen, ist das richtig? 

Nigel Sizer: Unsere Mission ist schon etwas weitreichender als das. Wir wollen im Grunde eine nachhaltige Welt schaffen. Das tun wir auf verschiedene Weisen. Eine der wichtigsten ist dabei sicherlich eine nachhaltigere Lieferkette. 

Wir betreiben seit Jahrzehnten eines der größten Zertifizierungsprogramme für nachhaltige Landwirtschaft auf der Welt. 

Welche Produkte erhalten das Rainforest-Alliance-Siegel und welche Anforderungen müssen die Produkte erfüllen? 

Nigel Sizer: In Deutschland sieht man unser Siegel sehr häufig auf Bananen. Außerdem findet sich das Siegel auf Tee- und Kaffeeprodukten und auf vielen Waren, die Kakao enthalten. Wir zertifizieren beispielsweise den Kakao für Magnum-Eiscreme.

Das Siegel wird von Tausenden Unternehmen genutzt, darunter sind einige Hundert der ganz großen Marken. Es bedeutet, dass die Rohstoffe von einer Farm stammen, die zertifiziert ist und dem Rainforest-Alliance-Sustainable-Agriculture-Standard entspricht. 

Wir können zurückverfolgen, woher die Zutat kommt und den Verbraucher*innen versichern, dass sie unter verantwortungsvolleren Bedingungen produziert wurde. Um Abholzungsrisiken in der Nähe der Farmen zu erkennen und anzugehen, nutzen wir Satellitenbilder und setzen auf die Hilfe unserer Partner*innen vor Ort. 

Wir versuchen außerdem, das Risiko von Kinderarbeit auf den Farmen so weit wie möglich zu reduzieren. Kinder sollen die Möglichkeit haben, eine Schule zu besuchen.  

Wie sieht das mit der Nutzung von Düngemittel und Chemikalien aus?  

Nigel Sizer: Auf unseren Farmen achten wir auf den Gebrauch von Chemikalien: welche verwendet werden sollten, welche nicht und wie sie sicher verwendet werden können. Unser Programm deckt alle wichtigen Aspekte der Nachhaltigkeit ab. 

Auch der Klimawandel ist ein wichtiger Teil davon. Wir arbeiten darauf hin, Treibhausgasemissionen durch den richtigen Einsatz von Düngemitteln zu reduzieren. 

Die Abholzung der tropischen Wälder ist natürlich auch ein großer Teil der Geschichte des Klimawandels. Deshalb arbeiten wir in all diesen Fragen mit den verschiedenen Parteien zusammen.  

Wenn ich das Siegel auf einem Produkt sehe, bedeutet das nur, dass ein Inhaltsstoff dieses Produkts zertifiziert ist? 

Nigel Sizer: Ja, es ist meist nur eine bestimmte Zutat zertifiziert. Wenn man also ein Eis kauft, in dem Kakao enthalten ist, und es von der Rainforest Alliance zertifiziert ist, würde eindeutig Kakao draufstehen.

Das Siegel sagt nichts über die Milch und den Zucker aus oder ob es Teil einer gesunden Ernährung ist. Natürlich sind das auch wichtige Aspekte der Nachhaltigkeit. 

Nigel Sizer (Credits: Rainforest Alliance)

Wie wird euer Siegel von den Verbraucher*innen akzeptiert? Denn viele wissen vielleicht gar nicht, welches Siegel was genau aussagt.  

Nigel Sizer: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Ich glaube, es gibt vier- oder fünfhundert Arten von Ökosiegeln da draußen. Die meisten von ihnen sind sehr klein, sehr spezifisch. Sie umfassen nicht annähernd, was unser Programm alles umfasst. 

Fairtrade ist vor allem im deutschen Raum ein sehr bekanntes Siegel, mit ähnlicher Tragweite wie unseres.

Die verschiedenen Siegel können für Konsument*innen natürlich verwirrend sein. Wir arbeiten allerdings hart daran, dass Verbraucher*innen verstehen, was unser Siegel bedeutet.

Wir treten über unsere sozialen Medien jährlich mit Millionen von Menschen in Kontakt. Unsere Website wird außerdem sehr sorgfältig auf dem neuesten Stand gehalten, sodass die Leute immer aktuelles von uns erfahren können.  

Wir haben anfangs schon darüber gesprochen: Die Rainforest Alliance setzt sich für nachhaltigere Lieferketten ein. Was ist das Problem an konventionellen Lieferketten? 

Nigel Sizer: Ein konventionelles Geschäft verkauft Produkte mit Kakao, Kaffee oder Tee und gibt an, wieviel des Rohstoffes enthalten ist, welcher Qualität die Zutat entspricht und vielleicht auch, aus welchem Land es kommt. Es werden allerdings keine Angaben zur Herstellungsweise und den Arbeitsbedingungen gemacht.

Für sie ist nur wichtig, dass der Rohstoff pünktlich geliefert wird und dabei so billig und effizient wie möglich ist. Es ist unglaublich, wie günstig es ist, in New York oder Frankfurt eine Banane zu kaufen, die irgendwo aus Ecuador, Kolumbien oder den Philippinen gekommen ist.

Deswegen ist in den letzten Jahrzehnten natürlich die Sorge über die Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, die Abholzung, den Klimawandel und die Lieferwege gestiegen. Jetzt wird plötzlich von diesem unglaublich effizienten System verlangt, etwas zu ändern, was quasi das genaue Gegenteil von all dem ist.  

Was ist denn das genaue Gegenteil der bisherigen Lieferketten? 

Nigel Sizer: Es sollte eben nicht darum gehen, so schnell und billig wie möglich an die Rohstoffe zu kommen. Wir sagen, dass der gesamte Prozess so umgestaltet werden muss, dass Verbraucher*innen und die großen Marken genaue Informationen haben, wie es produziert wurde und was für ökologische und soziale Maßnahmen berücksichtigt wurden. 

Das bedeutet natürlich, dass Unternehmen ziemlich genau wissen müssen, welche Farmer*innen den Rohstoff angebaut haben. Wir verfügen über große Datenmengen, mit denen wir Informationen entlang der Lieferkette sammeln und analysieren können. Durch unsere großartigen Partner*innen vor Ort können wir eine Menge Informationen sammeln und die Lage beobachten. 

Dadurch konnten wir Systeme aufbauen, die die Informationen verwalten und sicherstellen, dass ökologische und soziale Integrität in den Lieferketten eine zunehmende Bedeutung spielen. Aber es ist immer noch ein kleiner Teil aller globalen Lieferketten. 

Credits: Rainforest Alliance/Charlie Watson

Selbst wenn du uns, Fairtrade und die anderen Großen zusammenzählst, kommt man höchstens bei Kakao und Kaffee auf über 50 Prozent zertifizierter Rohstoffe weltweit. Bei anderen Rohstoffen ist es deutlich weniger. Es ist also noch ein langer Weg.

Im Vergleich zur Situation vor 20 oder auch zehn Jahren sehen wir dennoch schon einen deutlichen Unterschied. 

Wie stellt ihr sicher, dass sich die Farmer*innen an die Standards der Rainforest Alliance halten?  

Nigel Sizer: Zuerst einmal: Die Farmer*innen und Konzerne in der Lieferkette haben sich freiwillig für unser Programm verpflichtet und damit auch, unsere Standards einzuhalten.

Dann haben wir natürlich ein Netzwerk von so genannten Zertifizierungsstellen. Das sind Organisationen (einige von ihnen sind NGOs, einige von ihnen sind Unternehmen), die Prüfer*innen beschäftigen, die die Farmen und Konzerne besuchen. 

Sie gehen im Grunde von Partner*in zu Partner*in und überprüfen, ob der Betrieb die freiwilligen Verpflichtungen einhält. Die Ergebnisse werden in einem umfassenden Prüfungsbericht festgehalten. Wenn ein Betrieb das Audit erfolgreich abschließt, erhält er die Zertifizierung. 

Aber natürlich kann keine Zertifizierung und keine Organisation hundertprozentig garantieren, dass die Anforderungen vollständig erfüllt werden. Wir geben aber unser Bestes und arbeiten ständig daran, das Programm zu verbessern.  

Credits: Rainforest Alliance/Charlie Watson

Auf eurer Homepage sprecht ihr von bestimmten Vorteilen für eure Farmer*innen. Welche Vorteile sind das? 

Nigel Sizer: Durch unsere Standards sollten die Farmen zuallererst eine höhere Produktivität im Vergleich zu konventionellen Farmen erreichen. Es werden also mehr Kaffeebohnen pro Hektar produziert, was sich in einem höheren Einkommen niederschlägt. 

Auf den Farmen werden weniger Chemikalien, Düngemittel und Pestizide verwendet, was sich in niedrigeren Chemikalienkosten niederschlägt. Das bedeutet wiederum ein höheres Einkommen und eine umweltfreundlichere Produktion. 

Die meisten Farmer*innen erhalten auch einen höheren Preis für das Produkt. Das hängt auch davon ab, was auf dem Markt passiert und wie die Firmen, die die Rohstoffe kaufen, die Produkte etikettieren. Da gibt es auf alle Fälle noch etwas zu tun. Aber wir arbeiten sehr hart daran, einen möglichst hohen Preis für die Produkte unserer Farmer*innen zu erzielen. 

Wir stellen den Zugang zu Schulungen und neuen Informationsmöglichkeiten bereit. Zudem sind unserer Farmer*innen Teil einer großen Gemeinschaft, die sich untereinander austauscht und voneinander lernen kann.  

Woran arbeitet die Rainforest Alliance neben dem Siegel und den Farmen noch für mehr Nachhaltigkeit? 

Nigel Sizer: Unsere Arbeit mit den Farmen wird durch die Arbeit in der weiteren Landschaft vor Ort ergänzt. All diese Farmen sind Teil eines größeren Systems, das aus Wäldern, Flüssen, Städten und Gemeinden besteht.

Deshalb haben wir auch unser Programm „Landschaften und Gemeinden“, mit dem wir Naturschutzbemühungen, bessere Überwachung, Ausbildung, Finanzierung und nachhaltige Initiativen in diesen Ländern unterstützen. 

Ein weiterer Teil unserer Arbeit ist das politische Engagement. Wir haben ein kleines Team, das sich weltweit und in einigen wichtigen Ländern für politische Entscheidungen und Vorschriften einsetzt. So arbeiten wir zum Beispiel in Europa derzeit mit der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament zusammen. 

Auch in Großbritannien arbeiten wir derzeit gemeinsam mit der Regierung. Es wird gerade beispielsweise an der Verabschiedung einer neuen Verordnung gearbeitet, die den Import von Waren, die mit der Rodung tropischer Wälder zusammenhängen, nach Europa auf verschiedene Weise einschränken würden. 

Wir versuchen, mit einer guten Mischung aus Regierungsarbeit und freiwilliger Verpflichtung der Farmer*innen und Konzerne, ein gutes Ergebnis für unser Gemeinschaft zu erzielen.  

Credits: Rainforest Alliance/Giuseppe Cipriani

Worauf sollten die Verbraucher*innen achten, um nachhaltiger zu handeln?  

Nigel Sizer: Ich glaube, dass die Verbraucher*innen die Macht unterschätzen, die sie haben. Man kann zum Beispiel beim Unternehmen anfragen, woher die angebotenen Produkte stammen, um zu erfahren, ob die Rohstoffe durch die Rainforest Alliance oder einem anderen verantwortungsbewussten Programm zertifiziert sind.

Falls nicht, stellt sich die Frage: Warum nicht? Denn wir wissen, dass die Möglichkeit besteht und die Kosten für die Endverbraucher*innen durch die Zertifizierung nicht wesentlich höher sein werden.

In vielen Ländern ist außerdem der Gang zur Wahlurne ein guter Schritt, um etwas zu verändern. Es gibt so viele Menschen, die sich für mehr Nachhaltigkeit einsetzen. Viele von ihnen werden wahrscheinlich nicht an unserer Wahl im November teilnehmen. Bei der letzten Wahl haben sie das auch nicht getan. Es ist wirklich wichtig, dass mehr Leute wählen gehen.  


Michael Gnahm

Michael studiert Marketingkommunikation, weil er es mit klassischen Studiengängen wie Wirtschaftswissenschaften einfach nicht so hat. In den Journalismus ist er zufällig reingestolpert und mittlerweile voll in Love. In seiner Freizeit hört er gerne musikalische Kunstwerke aus dem Bereich des deutschen Sprechgesangs. Also komm ins Café, wir müssen reden!

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