Innovation & Future German Bionic: Exoskelette aus Berlin

German Bionic: Exoskelette aus Berlin

Nie mehr müde 

Der unternehmerische Vorteil liegt klar auf der Hand: „Roboter können immer“, sagt Hoeft. Der Mensch hingegen ermüdet.

Hoeft zufolge hebt ein*e Mitarbeiter*in in einem Logistikbetrieb im Schnitt eineinhalb Tonnen pro Betriebsstunde, umgerechnet ein bis zwei Elefanten am Tag. „Es ist unglaublich, was diese Mitarbeiter*innen leisten, teils im Akkord“, sagt Hoeft.

Dadurch steige das Risiko von Fehlern und Verletzungen. Exoskelette wie das Cray helfen also auch dabei, Krankheitstage zu reduzieren. Diese seien vor allem in der Logistikbranche mit rund 18 Krankheitstagen im Vergleich zu den sonst durchschnittlich elf Tagen ein großes Problem. In der Altenpflege, wo die Exoskelette künftig ebenfalls zum Einsatz kommen sollen, ist von rund 30 Ausfalltagen die Rede. 

Armin Schmidt, Norma Hoeft und Eric Eitel (v.l.) von German Bionic in der Nähe ihres Berliner Büros (Foto: Tobias Heuser)

Hoeft hat auch in ihrer eigenen Familie erlebt, was es bedeutet, wenn die Arbeit den Körper kaputtmacht: „Ich bin ein Kid aus der Arbeiterklasse“, sagt sie. Ihr Stiefvater und ihr Vater hätten beide als Handwerker gearbeitet, als Maurer und im Tiefbau, „die körperlich anstrengendsten Gewerke“.

Obowhl die Männer in ihrer Familie ihre Arbeit liebten, seien beide mittlerweile schwer geschädigt und könnten ihren Beruf inzwischen nicht mehr ausüben – dabei seien sie noch keine 60. „Knie, Rücken, die Klassiker.“  

Hoeft erinnert sich: „Diesen klassischen Moment: Das kleine Kind läuft auf Papa zu, Papa hebt Kind hoch – das gab’s bei uns nicht. Wegen Rücken.“ Handwerker*innen wüssten, dass die Arbeit sie irgendwann kaputtmachen wird, sagt sie. Sie machten sie trotzdem, weil es sie mit Stolz erfülle, etwas mit ihren Händen zu erschaffen.

Dieser Stolz sei auch ein Grund, warum die Exoskelette so designt seien, dass die Nutzer*innen immer die Kontrolle behielten über ihre Tragehilfen. Der Mensch solle unterstützt werden, nicht gesteuert. 

Auch bei Hoeft selbst erkennt man einen gewissen handwerklichen Stolz: Statt wie andere ein Open-Source-System zu nutzen, schrieb sie mit ihrem Team kurzerhand ein eigenes Betriebssystem für ihre Exo­ske­lette: das German Bionic IO. „Wir wollen auch langfristig den Markt gestalten. Das geht aus meiner Sicht nur dann, wenn man von ‚ground up‘ die Dinge selbst versteht“, sagt Hoeft.

Wichtig sei das auch für ihre Kund*innen, denn es ginge ja darum, dass man sich einen Roboter auf den Rücken packt. Hoeft würde sich nicht von jedem Hersteller alles anziehen wollen, sagt sie. Es müsse garantiert werden, dass die Geräte sicher sind und nicht zu Fehlhaltungen führen.

Bei ihren Produkten sei das durch die medizinischen Beratenden gewährleistet. Sicherheit und Qualität stünden für German Bionic im Fokus. „Bei uns wird jede Schraube doppelt verbolzt“, sagt Hoeft. Outsourcing gäbe es kaum. Das sei im Startup-Umfeld besonders, aber das spiegele sich eben später in der Produktqualität wider.  

Hoeft und Schmidt sind sich sicher: Körperliche Arbeit wird es immer geben.

Die Coronakrise habe gezeigt, wie tragend viele der körperlich anspruchsvollen Berufe sind. Auch in der Automobilbranche gehe der Trend weg von der Vollautomatisierung. Bei Tesla, erzählt Schmidt, sollte eigentlich die komplette Produktion auf Maschinen umgestellt werden, aber es hakte an allen Ecken und Enden, kam zu Lieferengpässen – und so kehrte der Autohersteller zurück zu einem hybriden Modell von Menschen und Maschinen als Mitarbeiter.

Foto: Tobias Heuser

Ersetzt werden könne der Mensch – Stand heute zumindest – nicht. „Der Mensch hat Vorteile durch seine kreative Intelligenz“, sagt Schmidt. Das Ziel sei nicht mehr Maschine statt Mensch. Sondern ein kluges und gesundes Zusammenspiel von Mensch und Maschine. 

Damit dieses Zusammenspiel auch unternehmerisch funktioniert, vertreibt German Bionic seine Exoskelette als Robotics-as-a-Service-Geschäftsmodell. Das bedeutet, dass die Exoskelette nicht gekauft werden müssen, sondern für 699 Euro im Monat geleast werden können. Das neue Pricing wurde erst im Herbst 2019 eingeführt, vorher wurden die Skelette nur zum Kauf angeboten.

Doch der neue Modus, erzählt CEO Schmidt, funktioniere besser, der heutige Leasinganteil betrage bereits 90 Prozent. Durch das Leasingmodell sei die Eintrittsbarriere gesunken, sagt Schmidt. Das Ergebnis: mehr Abschlüsse und eine andere Skalierung, wodurch das Unternehmen schneller wachsen könne. 

Wie viele Exoskelette German Bionic bereits verkauft hat, wird nicht verraten. Hoeft sagt nur: „Wir haben eine sehr große Cloudlösung.“

Die brauche es auch, denn jedes Exoskelett sendet durch seine Sensoren circa 80 Megabyte an Daten am Tag. Davon wird nur circa ein Megabyte behalten, der Rest wird nach 30 Tagen gelöscht. Daten müssten vergessen werden, erklärt Hoeft, ansonsten würden die Servergrößen explodieren. 

Viele Entwickler von German Bionic hätten ähnliche Motivationen wie Hoeft, das Arbeiterkind. Einer von ihnen käme aus der Landwirtschaft, seine Familie hat einen landwirtschaftlichen Betrieb. „Der nimmt sein Cray mit nach Hause, um die Kartoffeln auszubuddeln.“ Sie ergänzt lachend: „Gerade für uns Büroarbeitende ist ein Cray perfekt.“  

Everyday Exoskelett 

Wie das Beispiel zeigt, könnte man in Zukunft auch im privaten Umfeld vermehrt Exoskelette sehen. Schon heute bekunden Privatpersonen immer wieder ihr Interesse an German Bionics Hebehilfe, zum Beispiel wenn sie sich um alte oder kranke Angehörige kümmern müssen.

Aktuell sei das Cray X noch zu starr, zu schwer und auch zu teuer. Aber Schmidt ist überzeugt, dass es in ein, zwei Jahren spezielle Geräte für zu Hause geben wird. „Wir hoffen, dass auch Krankenkassen das dann übernehmen, ein Exoskelett auf Rezept sozusagen – Prothesen werden ja auch übernommen“, sagt er.

Gerade in der Pflege sollen schon bald die ersten Roboter eingesetzt werden. Im B2C-Bereich sollen 2022 die ersten Geräte zum Einsatz kommen. 

Der menschliche Traum, durch Maschinen besser und stärker zu werden, ist natürlich nicht neu. Doch dass diese Utopie bald schon Alltag wird, ist faszinierend. Was ist mit der oft angeführten Angst, dass Roboter uns ersetzen? Vielleicht noch in zu weiter Ferne. Bei Exoskeletten geht es erst einmal nur um Hilfe. 

Und doch hat Schmidt ein klares Bild von der Zukunft vor Augen. Er zeigt aus dem Fenster im 18. Stock auf die Straßenzüge: „Wenn wir in fünf Jahren hier rausschauen, dann werden wir viele Menschen sehen, die Exoskelette nutzen.“ 

Freunde und Freundinnen, zum Abschluss des Jahres das Beste – und die Besten: 100 Menschen aus allen wichtigen Branchen, die ihr 2021 auf dem Zettel haben müsst. Unbekannte, Bekannte, Überraschende, die alle eine Sache eint: Das kommende Jahr wird ihr Jahr, und wir erzählen, was sie vorhaben. Die ganze Liste der 100 Gründer*innen, Macher*innen und Kreativen jetzt in der neuen Ausgabe von Business Punk am Kiosk – oder natürlich im Abo: shop.business-punk.com.

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