Innovation & Future „Zuerst hat uns Google kommentarlos rausgeworfen“ – Zwei Freunde bauen Kontakt-Tracking-App

„Zuerst hat uns Google kommentarlos rausgeworfen“ – Zwei Freunde bauen Kontakt-Tracking-App

Oliver Schneider, Gründer von 2mt Software Solutions und Oliver Kemmann, Co-Founder der Digitalagentur Kemweb, haben zusammen eine App rausgebracht, mit der man Kontakte tracken kann. Das haben sie dabei erlebt, als sie ihr „Cluster Diary“ rausgebracht haben.

Irgendwann im Laufe der Pandemie haben wir die Kontrolle verloren. Zu Beginn dieses Chaos Namens Corona, sah es irgendwie so aus, als würde Deutschland ganz gut durch kommen. Doch als es auf den Herbst zuging, meldeten immer mehr Gesundheitsämter, dass sie es schlicht nicht mehr leisten können, die Kontakte aller Infizierten nachzuverfolgen. Diese, so hieß es, mussten das von nun an selbst machen.

„Das war vor rund acht Wochen“, sagt Oliver Kemmann, Co-Founder der Digitalagentur Kemweb aus Mainz. Es ist also ebenfalls acht Wochen her, seit er und Oliver Schneider, ein Freund und der Gründer von 2mt Software Solutions, beschlossen haben, etwas zu tun. Kemmann und Schneider folgten damit einer Idee, die Virologe Christian Drosten angestoßen hatte: Jede*r solle doch bitte selbst Buch führen – „nur wer kann sich noch daran erinnern, wen er heute Morgen getroffen hat, geschweige denn vor zwei Wochen?“, fragt Kemmann. Die Idee, sagen die beiden, sei eigentlich ganz einfach: „Wir haben beschlossen, eine App zu bauen, in der jede*r die Menschen eintragen kann, die er*sie getroffen hat“, sagt Kemmann.

Jede*r soll selbst Kontakte tracken

Mit den Daten, die die Nutzer*innen in der App hinterlegen, können Kontakt-Cluster schnell und unkompliziert nachverfolgt werden. Also legen die beiden los. Eigentlich keine große Sache für sie. Aber: „Wir wussten ja, dass es extrem schnell gehen muss“, sagt Schneider. Innerhalb von drei Tagen habe sein Team den ersten Prototyp der App rausgehauen. „Wir sind auf agile Produktentwicklung spezialisiert“, sagt Schneider. Und: Seitdem haben Schneider und Kemmann jeden Freitag ein Update der App nachgelegt.

So sieht die App aus:

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Ein Kalender zeigt die Tage, an denen man sich mit anderen getroffen hat.
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In der Übersicht, sieht man die Kontakte eines einzelnen Tages.
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Man kann auch eintragen, ob man Maske getragen hat und ob das Treffen drinnen oder im Freien war.
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Seine eigenen Daten kann man eintragen, muss man aber nicht. Doch die App speichert alle Daten lokal auf dem Handy. Es gibt keinen Austausch mit einem Server.

Jede*r kann etwas machen

Dass die beiden eine App rausbringen, die der Allgemeinheit hilft, die die Gesundheitsämter entlasten könnte und die allen auch noch die Möglichkeit gibt, etwas an der Gesamtsituation zu verbessern, ist eine Sache. Die andere ist, dass die App, wenn auch nicht offiziell, entfernt etwas mit Corona und der Pandemie zu tun hat. „Und dafür gibt es in den App-Stores sehr strenge Regeln“, sagt Kemmann.

Also flog sie ohne behördliche Zulassung aus den Stores. „Zuerst hat uns Google kommentarlos rausgeworfen“, sagt Schneider. Ein paar Tage später sei dann auch Apple gekommen und habe gemeint, „dass wir ja eigentlich eine Corona-App seien.“ Und eine solche App könne nicht ohne eine Zulassung von offizieller Seite im Store bleiben. Was folgt, sagen Kemmann und Schneider, sei so etwas wie die Suche nach Passierschein A38 im „Haus, das Verrückte macht“ aus dem Film „Asterix erobert Rom“.

Denn nicht nur verlangen die App-Stores eine Zulassung von den Behörden, sie verlangen auch, dass eine Account, über den solche Apps an die Öffentlichkeit gehen, Organisations-Accounts sind. „Das heißt, wir mussten alle unsere Daten noch mal übertragen“, sagt Schneider. Um wenigstens das Zulassungs-Problem zu lösen, sprechen die beiden mit Politiker*innen, mit dem Städte- und Gemeindentag. „Wir haben mit den regionalen Gesundheitsämtern und denen des Landes gesprochen“, sagt Schneider. Meistens seien am Ende Bedenken um den Datenschutz vorgeschoben worden – „und dann war die Tür zu“.

Datenschutz an oberster Stelle

Dabei versichern die beiden, dass ihnen bei der Entwicklung der App der Datenschutz an oberster Stelle gestanden habe. „Die Eingaben werden ausschließlich auf dem jeweiligen Endgerät gespeichert – es steht kein Server dahinter, auf dem die Daten einlaufen. Das bringt maximale Sicherheit für die Nutzerinnen und Nutzer. Sie haben die vollständige Kontrolle über ihre Daten.“

Irgendwann überzeugen die beiden einen Politiker, ihnen einen Brief, den sie sowohl bei Apple als auch bei Google einreichen konnten. Trotzdem, was bleibt ist eine Palette von Problemen, durch die die beiden gehen müssen. Eines davon ist, dass nicht der Staat die Hoheit darüber hat, zu definieren, was eine Corona-App ist und was nicht, sondern die Tech-Gigant*innen. Und sie zwingen damit allen ihre Regeln auf. „Und um Apple gibt es keinen Workaround“, sagt Schneider.

Zudem haben Politiker*innen in Deutschland Angst, Neues zu machen. „Damit bremsen sie Leute aus, die etwas machen wollen“, sagt Kemmann. Viele in der Politik würden erst einmal nach rechts und links schauen, um zu sehen, ob andere Kreise oder Gemeinden eine App bereits nutzen – und wenn nicht, wollen sie aus Angst, sich die Finger zu verbrennen, nicht die Ersten sein. Dabei könnte das „Cluster Diary“ uns allen dabei helfen, uns zu erinnern, wen wir vor zwei Wochen getroffen haben – und den überlasteten Gesundheitsämtern damit viel Arbeit abnehmen.

Außerdem ist das „Cluster Diary“ jetzt wieder im Play-Store und im Apple-Store zu haben – und es gibt einen guten Grund, sie runterzuladen.

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