Innovation & Future Krise? Welche Krise? Wie Zeiss zeigt, dass es in Deutschland trotzdem läuft

Krise? Welche Krise? Wie Zeiss zeigt, dass es in Deutschland trotzdem läuft

Die Schwaben bauen weltweit die anspruchsvollsten optischen Geräte. Ohne sie läuft in der Produktion von Spitzen-Mikrochips nichts. Der Umsatz hat gerade die zweistellige Milliardenmarke übersprungen, und sogar neue Mitarbeiter finden sie zu tausenden. Das alles mitten in der Krise, in der Deutschland steckt. Was ist ihr Rezept?

Irgendwie ist es abgedroschen, dieses Bild aus dem Anfang von jedem Asterix-Heft hier voranzustellen, aber es hat sich so schön eingebrannt: Da ist das friedliche Dorf zu sehen und dann dieser Satz: „Ganz Gallien ist besetzt – ganz Gallien? Nein, denn ein kleines Dorf Unbeugsamer leistet tapfer Widerstand.“

Ganz Gallien, das ist in dieser Geschichte ganz Deutschland. Es ist nicht besetzt, aber es liegt wie unter Mehltau: Die Wirtschaft produziert nicht, wie sie soll, weil die Regierung nicht macht, was sie soll, weil die Welt nicht in Ordnung ist, wie sie soll. Das böse Wort der Deindustrialisierung macht die Runde, die Energiepreise sind hoch, die Inflation noch nicht unten, die Zinsen dafür oben, wer an Digitalisierung denkt, denkt zeitgleich an Funklöcher, und überhaupt: diese Bürokratie!

Das Dorf dagegen liegt auf der Schwäbischen Ostalb. Karger Boden, fleißige Menschen und nun ja: Funklöcher gibt es hier auch. Es heißt Oberkochen, weltweit müsste es Zeiss-City heißen. Denn hier steht die Zentrale jenes Unternehmens, das Opa noch aus Feldstecher-Zeiten kannte. Inzwischen ist es ein weltweit führender Konzern der optischen Industrie. Kräne überragen das kleine Städtchen und seine Umgebung, weil Zeiss jede verfügbare Fläche neu bebaut. Aus Feldstechern sind Extreme Ultra Violet Lithographie-Systeme geworden, mit denen sich Mikrochips der nächsten Generation herstellen lassen. Feldstecher produzieren die 43 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch noch immer, aber eher nebenbei. Ihre Schar ist in den vergangenen sieben Jahren um 18 000 gewachsen. Der Umsatz hat im letzten Geschäftsjahr die zehn Milliarden Euro-Marke überschritten und der Gewinn liegt bei 1,25 Milliarden Euro. Der Chef heißt Karl Lamprecht, er findet sich in keiner Talkshow und postet nicht auf X. Wenn er sich, was selten ist, öffentlich äußert, dann mit einfachen Sätzen wie: „Unser Erfolg basiert auf unserer prägenden Innovationsstärke.“ 

Neulich landete die populäre Zukunftsforscherin Amy Webb aus Chicago bei einem dieser hochkarätigen Partykongresse in Deutschland und rief den 40 000 Zuschauern als erstes ihre Verwunderung zu: „Hi guys, why don’t you all do the same as Zeiss?“ Warum es in Deutschland nicht alle so machten wie Zeiss?  Dann würde es hierzulande wieder flutschen. Ganz Gallien staunte mit Webb und schlug schnell nach, was sich über Zeiss finden ließ: Zum Beispiel, dass es in Jena gegründet wurde, steht dann da. Die Anekdote, dass nach Kriegsende ein US-Laster 70 Topleute von Zeiss in Jena auflud und ihm auf dem Rückweg in den Westen in Oberkochen womöglich der Sprit ausging, weswegen Zeiss nun da seinen Sitz hat, ist auf Wikipedia aber nicht zu finden. Und was die Rezeptur für jenen Zaubertrank ist, in den die Shwaben gefallen sind, schon gar nicht. Was macht diese Unternehmung im 177. Jahr ihres Bestehens so unempfindlich gegen die große Depression, die sich über Deutschland gelegt hat?

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