Productivity & New Work Was einen Arbeitsplatz toxisch macht

Was einen Arbeitsplatz toxisch macht

Ein Gastbeitrag von Tara Wittwer

„Ich bin der Einzige, der hinter Ihnen steht – lassen Sie mich das nicht bereuen!“

Ein kollegiales Zwinkern, ein leichter Stupser auf die Schulter und zwei Jahre Bauchschmerzen.

Dieser Satz hat mich damals aus den Socken gehauen und ich, froh, überhaupt einen Job als Werkstudentin ergattern zu können, habe das geglaubt. Seit diesem Einzelgespräch mit dem Chef, der ein typisches Klischeebild von einem Chef war, bin ich anders durch unsere Bürogänge gegangen.

Wenn jemand gelacht hat, dann habe ich mich verunsichert umgeguckt und dachte, dass man über mich lacht. Wenn Leute zum Lunch gegangen sind, ohne mich zu fragen, dann dachte ich automatisch, dass sie das nur tun, um dann schlecht über mich reden zu können.

Jedes mal bin ich mit geducktem Kopf am HR Office vorbeigegangen, weil ich Angst hatte, dass jemand mich zu sich zieht – „Hey, Tara wo du gerade schon einmal hier hergehst – du bist gefeuert und wir hassen dich alle!“

Gaslighting statt Leadership

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass das nicht nur eine schlechte Führung war, sondern sogar Gaslighting. Dass mein Bleiben in der Firma und mein Arbeitspensum nicht durch Leadership sichergestellt wurde, sondern durch Angst und Kontrolle.

Gaslighting ist nämlich ein Konzept, das sich nicht nur in Paarbeziehungen findet, sondern in jeder zwischenmenschlichen Beziehung – und ja, auch zu unseren Vorgesetzten oder Mitarbeiter*innen. Diese Art von emotionaler Manipulation stellt ein Machtverhältnis her, dem man in einem sowieso schon hierarchischen Gefälle kaum entrinnen kann.

Schüren von Selbstzweifel

Die eigenen Fähigkeiten werden vom Gegenüber untergraben und – noch schlimmer – man selbst beginnt sich in Frage zu stellen. „Kann ich vielleicht wirklich nichts? Bin ich tatsächlich nur hier, weil dieser eine Mensch hinter mir steht, da meine eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen?“

Die Gedanken beginnen zu rasen – und meist rast man damit Vollgas gegen die Wand. Eine Wand, die man sich selber baut: Wut, Selbstzweifel und Angst steuern den Arbeitsalltag anstatt Motivation und Spaß am Job und den gemeinsamen Aufgaben.

Toxische Menschen stecken an

Ein toxischer Mensch kann eine ganze Gruppe herunterziehen – die Mitarbeiter*innen werden unmotiviert, langsamer und unproduktiver. Vor allem, wenn die Vorgesetzten narzisstische Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Es geht nicht um qualitative Arbeit, sondern um die Kontrolle – Micromanagement steht über Effizenz.

Denn toxische Beziehungen machen vor allem eins: Sie saugen unsere Energie. Sie entmutigen und ermüden. Auch toxische Mitarbeiter*innen können die Qualität von anderen herunterziehen. Die Rechnung ist simpel: Je demotivierter und ungesünder das Arbeitsklima, desto öfter sind Leute krank oder können sogar ein Burnout erleiden.

Manchmal fällt das Toxische subtiler aus …

Es muss nicht immer klares Mobbing, Ausgrenzen oder der fünfte Wutausbruch sein. Manchmal sind toxische Beziehungen viel subtiler.

Vor allem in Großstädten und durch die Startup-Kultur angeschwemmt, gibt es eine neue Form von Toxizität auf dem Arbeitsplatz: Die „We are Family“- Culture. Sobald in Bewerbungsgesprächen die Schlagworte „wir sind wie eine Familie“, die „CompanyName-Familie“ oder „Wir sind alle auch im Privaten enge Freunde“ fallen, kriege ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Ungesunde „Leiden“-schaft

Denn unbezahlte Überstunden, Extraarbeit und sich krumm machen geht vor allem dann, wenn man doch EINE FAMILIE ist – „you do love your Job, right!?“. Guilt Tripping, wenn man um 18:30 Uhr gehen möchte und ein erwartetes, passioniertes Aufschreien, wenn man mal wieder für ein Projekt bis 02:00 Uhr Nachts in Calls hängt, weil man „seine Mitarbeiter*innen ja nicht hängenlassen kann“, sind hier an der Tagesordnung.

Und wenn man dann seine eigenen Grenzen setzt – eben für besagte mentale Gesundheit und weil man beruflich und privat eben doch trennen will, ist man leider kein „Culture Fit“ oder es liegt ein „erheblicher Mangel an Leidenschaft“ vor.

Dass der Job mittlerweile immer auch Selbsterfüllung sein muss – obwohl manche von uns ihre Erfüllung vielleicht nicht in ihrer Karriere sehen und sehen wollen – macht ein gesundes Arbeitsverhältnis zusätzlich schwierig. Denn auch das ist toxisch: ungesunde Arbeitsbereitschaft gepaart mit einem billigen Gehalt.

Grenzen ziehen

Wichtig ist, seine eigenen Grenzen und vor allem auch seinen Selbstwert zu kennen. Dass man weiß, wann man rausmuss – und sich dessen bewusst ist, dass kein Job der Welt am Ende den Preis von Gesundheit zahlen kann.

Tara Wittwer ist Sinnfluencerin, Coach und Betreiberin des Instagram-Blogs „wastarasagt“ – vor allem aber auch Expertin für toxische Beziehungen

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