Innovation & Future Wie die Industriestadt Heilbronn ihre Wirtschaft retten will, obwohl es ihr bestens geht

Wie die Industriestadt Heilbronn ihre Wirtschaft retten will, obwohl es ihr bestens geht

Der schwäbischen Industriestadt Heilbronn geht es gut. Zu gut? Politik und Universität haben den ehr­geizigen Plan, die City für die
Zukunft umzukrempeln

Eine Stadt retten, der es bestens geht? Keine leichte Aufgabe. Martin Diepgen aber, Erster Bürgermeister Heilbronns, einer der Städte, die in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren den größten Wohlstand angesammelt haben, hat sich genau dem verschrieben. Die Menschen hier verdienen gut, es gibt wenige Arbeitslose, viele geben an, gerne in der Stadt am Neckar zu wohnen – warum also der Aufriss?

Heilbronn ist eine dieser Städte, von denen kaum jemand ein Bild vor dem inneren Auge hat. Muss man auch nicht. Dank eines massiven Bombenangriffs im Zweiten Weltkrieg besteht die Stadt hauptsächlich aus Nachkriegsarchitektur. Heilbronn liegt eine Stunde nördlich von Stuttgart, ebenfalls eine Stunde entfernt im Westen sind Städte wie Heidelberg oder Karlsruhe. Neben Stuttgart, Heidelberg und Ulm ist Heilbronn eine dieser anderen, mittelgroßen Städte in Baden-Württemberg. Eine, die man gerne übersieht – dabei ist Heilbronn ein Powerhouse. Die Wirtschaft brummt. Seit Jahren. Und als Erster Bürgermeister hat Martin Diepgen die Aufgabe, dass das so bleibt.

In sein Aufgabenfeld fällt die Wirtschaft der Stadt. Er war in einem früheren Leben mal Leiter der Arbeitsagentur. Kein Wunder also, dass er sich seine jetzige Aufgabe zu eigen gemacht hat.

Den Wohlstand verdankt Heilbronn dem Maschinenbau, kaum eine andere Region in Deutschland weist eine so hohe Dichte an Unternehmen in dem Bereich auf. „Nirgends“, sagt Diepgen, „gibt es so viele mittelständische Weltmarktführer*innen wie hier.“ Auch die Lebensmittelindustrie ist groß in der Stadt, Knorr, Lidl, dazu ein Zulieferer von Audi. Was soll man hier bitte retten?

Gründen, bitte!

Diepgen sieht das anders. Bisher hatte Heilbronn die Gewissheit, dass fast jeder Uniabgänger einen Job in einem der großen Unternehmen im Umland findet – doch die Gewissheit schwindet. „Man nennt Heilbronn auch das schwäbische Liverpool“, sagt der 64-Jährige. In Liverpool ging über Jahrzehnte ein Ozeanriese nach dem nächsten vom Stapel. Das ist lange vorbei. Die Angst, dass das mit dem Maschinenbau in Heilbronn irgendwann auch mal so sein wird, treibt Diepgen an. Schon heute zeigt sich, dass die großen Player in der Region längst nicht mehr so viele Arbeitsplätze und Sicherheiten bieten wie noch vor zehn Jahren. Und genau deshalb hat Heilbronn beschlossen, etwas gegen den Niedergang zu tun, bevor dieser überhaupt angefangen hat.

Martin Diepgen ist Heilbronns erster Bürgermeister. Er will die Wirtschaft der Stadt retten, bevor sie überhaupt gerettet werden muss. Foto: Stadtarchiv Heilbronn

Das Konzept, das man in der Stadt verfolgt, baut sich um einen Kristallisationskern auf, an dem – so die Hoffnung – die Zukunft beginnen soll: den Bildungscampus im Zentrum Heilbronns. Hier haben sich in den vergangenen Jahren viele Hochschulen und Institute angesiedelt, Bildungseinrichtungen und Schulungszentren – darunter etwa das Experimenta Science Center, das mithilfe der Schwarz-Stiftung aufgebaut worden ist und in dem Schulklassen spielerisch Wissenschaft und Technik lernen sollen, die Hochschule Heilbronn, ein Ableger der Technischen Universität München, ein Fraunhofer-Institut sowie die Campus Founders. Die Stadt will sich damit als Wissens- und Ausbildungszentrum in der Region etablieren. Mit Erfolg: 10 000 Studierende kommen pro Jahr. „Das verändert eine Stadt sehr“, sagt Diepgen.

Schnell gute Jobs

Damit hat Heilbronn zwar die Köpfe der Zukunft in der Stadt. Aber noch keine neuen Unternehmen. Der Mann, der für den zweiten Schritt zuständig ist, heißt Oliver Hanisch. Er ist der Chef der Campus Founders, eines der wichtigen Player, die ebenfalls von der Schwarz-Stiftung am Campus angesiedelt worden sind. Die vergangenen 14 Jahre hat Hanisch im Silicon Valley verbracht – jetzt ist er zurückgekehrt in seine schwäbische Heimat. Sein Job hier, sagt er, sei es, „den Gründergeist wieder zu wecken“. Das klingt erst mal kryptisch. Doch auch er sagt, dass Heilbronn-Franken eine Gegend sei, in der Studienabgänger schnell gute Jobs finden. „In guten Firmen und gut bezahlt“, sagt Hanisch.

Hanisch findet hier das von Clayton Christensen beschriebene „Innovator’s Dilemma“ vor: „Der Erfolg der früheren Gründergeneration hat dazu beigetragen, dass der Gründergeist verloren gegangen ist“, sagt Hanisch. Und genau das ist die Aufgabe der Campus Founders – eine, wenn man so will, verloren gegangene Tradition wieder zum Leben zu erwecken. Denn die Firmen, die Heilbronn heute reich machen, sind nichts anderes als die Startups vergangener Tage. Die Frage ist doch, was sind dann die Firmen, die heute gegründet werden? „Unser Job ist es, den Leuten hier zu zeigen, dass es noch andere Karrierewege gibt“, sagt Hanisch.

Reinhold Geilsdörfer ist der Chef der Dieter-Schwarz-Stiftung. Die Stiftung sieht sich wie eine Gärtnerin, die kleine Unternehmenssetzlinge pflanzt. Foto: Fotoatelier M

Das ist die Wette der Campus Founders: Wenn man nur genügend Leute dazu befähigt, zu denken wie Unternehmer*innen, dann wird es eben auch eine gewisse Zahl an Neugründungen geben. Natürlich weiß Hanisch, dass sich nicht alle überzeugen lassen werden: „Selbst wenn wir hier einen guten Job machen, werden nur wenige Prozent gründen.“ Aber wenige Prozent sind besser als niemand. Und für die, die sich wagen, etwas Eigenes aufzubauen, sind die Campus Founders dann da. „Wir bieten hier einen Raum, in dem sich die Leute ausprobieren können. Und wir begleiten sie – von der Idee bis zum fertigen Startup.“ Und die anderen nehmen das Wissen dann mit in die etablieren Unternehmen.

Gegründet, um das Studium zu finanzieren

Natürlich weiß keiner besser, was man benötigt, wenn man seine Geschäftsidee umzusetzen versucht, als jemand, der selbst schon mehrere Ideen umgesetzt hat. Hanisch hat sein erstes Unternehmen gegründet, als er sein Abitur gemacht hat. „Ich habe mich in unserem Jahrgang darum gekümmert, dass wir Abi-Shirts haben“, sagt er. Das sei damals so schleppend gewesen, dass er sich entschlossen hat, das Ganze effektiver zu gestalten. Ein Business war geboren, mit dem er sich immerhin sein Studium finanzieren konnte. „Mir hat damals jemand gefehlt, der mir gesagt hat, dass ich größer denken kann“, sagt Hanisch – und er fasst damit den Arbeitsansatz der Campus Founders eigentlich schon recht hübsch zusammen.

„Es geht doch darum, dass die Leute das Glas halb voll und nicht halb leer sehen. Es geht darum, dass wir hier in Heilbronn eine Macher*innen-Mentalität entwickeln“, sagt der Founders-Chef. Und es geht um Geschwindigkeit. Deshalb richtet sich das Angebot der Campus Founders nicht nur an Studierende der Hochschulen und Universitäten, sondern an jede*n mit einer Idee. „Neben der Ausbildung ist die Inspiration einer unserer Schwerpunkte“ – und Freiraum zur Anwendung geben. Egal, wie alt jemand ist oder in welchem Fachbereich man unterwegs ist.

„Für die Stadt ist das ein Glücksfall“, sagt Bürgermeister Diepgen. Stadt und Bildungscampus und damit auch die Campus Founders arbeiten eng zusammen, man tauscht sich aus. Und auch die lokalen Unternehmen partizipieren. Diepgen sieht das Ganze nicht nur als einen Anfang, mit dem sich die Wirtschaft der Region in den kommenden Jahrzehnten neu erfinden kann. „Auch die Mentalität der Menschen hier verändert sich positiv“, sagt er.

Neue Gewohnheit

Die Bundesgartenschau 2019 habe das Stadtbild verändert. „Wir haben da fast mehr als doppelt so viele Dauerkarten verkauft wie prognostiziert“, sagt Diepgen. Und entgegen den Gewohnheiten der Heilbronner*innen saßen diese auf einmal mit einem Glas Wein am Neckarufer – ganz in der Nähe des damals neu gegründeten Stadtteiles Wohlgelegen, in dem die Stadt einen Wirtschaftspark aufbaut. Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft – das sind Zukunftskomponenten, die hier zusammenfinden sollen. Startup-Flair, wie etwa in Berlin, wird man hier wohl auch in Zukunft nicht finden. Dafür aber die Strukturen, in denen es sich wirtschaften lässt.

Das Investment, das die Stadt betreibt, ist groß – in der Dieter Schwarz Stiftung hat sie eine Verbündete, die ihr tatkräftig zur Seite steht. „Unser übergeordnetes Ziel ist es, Zukunft zu gestalten“, sagt deren Geschäftsführer Reinhold Geilsdörfer. Dieter Schwarz, Gründer und Chef von Lidl und Kaufland, hat in Heilbronn sein Unternehmen aufgebaut und ist hier zu einem riesigen Vermögen gekommen. Über die Stiftung gibt er davon etwas an die Region zurück. „Wir fördern hier Wissenschaft, Forschung und Bildung“, sagt Geilsdörfer. Die Stiftung wirkt dabei wie ein Gärtner für Unternehmenssetzlinge. Wenn sie groß genug geworden sind, setzt er sie aus. Dass der Bildungscampus und die Campus Founders dabei ins Portfolio der Stiftung passen, hat einen Grund: Im vergangenen Jahr hat Heilbronn in einem Dynamikranking der „Wirtschaftswoche“ den sechsten Platz belegt – und konnte sich mit Städten wie München messen, das den zweiten Platz belegte. Das benachbarte Stuttgart schaffte es erst gar nicht unter die Top Ten. „Das bedeutet, dass wir hier einen hohen Wohlstand haben und dass die Industrien in der Region sehr gut im Wettbewerb stehen.“ Noch. Denn im Zukunftsranking hat die Stadt es nur auf Platz 26 geschafft. Das wiederum zeige, dass die lokale Wirtschaft einem Transformationsprozess unterliege, „den wir begleiten wollen“. Die von ihm geleitete Stiftung hat ein klares Ziel: Sie will Heilbronn zu einer Schwarmstadt machen. Einer Stadt, die einen positiven Ruf hat, dessentwegen die Menschen kommen. Und dann so gute Lebens- und Arbeitsbedingungen bietet, dass sie bleiben, erklärt Geilsdörfer.

Tübingen ist so eine Stadt. Oder das große Vorbild in der Region: Darmstadt. Also heißt es: fördern, fördern und nochmals fördern, vor allem die Wissenschaften. „Aber es braucht auch eine gewisse Urbanität“, sagt Geilsdörfer – und einen Geist, der neue Existenzgründungen begünstigt. „Wir wollen dafür sorgen, dass junge Menschen mutig sind, deshalb fördern wir eine Startupszene“ – wie man das aus Berlin kennt. In einem kleineren Maßstab natürlich und in einem anderen Sektor. Digitale Bildung gehört zu diesem Prozess unweigerlich dazu.

Noch ein*e Player*in

Dafür hat man sich einen der größten Player überhaupt an den Bildungscampus geholt: die Codingschool 42. „Uns gibt es in über 20 Ländern, wir haben 10.000 Studierende“, sagt Thomas Bornheim, der Chef der Schule. Der 44-Jährige ist mit Google durch die ganze Welt gekommen – und sieht in seiner Schule, die neben dem Silicon Valley auch in Frankreich und Wolfsburg Niederlassungen betreibt, die beste Chance für junge Menschen, die programmieren lernen wollen.

Die Ausbildung an der 42 funktioniert ohne Lehrer und Lehrpläne. Sie ist aufgebaut wie ein Spiel. Löst ein*e Schüler*in eine Aufgabe, erhält sie*er Erfahrungspunkte und steigt ins nächste Level auf. Das soll die Problemlösungskompetenz fördern. Heilbronn ist für die 42 als Standort spannend, da hier viele junge Menschen, viele Initiativen und viele andere Bildungseinrichtungen zusammenkommen. Und mit ihrem praktischen Ansatz passen 42 und Campus Founders zusammen, die beiden Konzepte ergänzen sich: Zu den Köpfen kommt die Förderung – und die Kompetenzen.

Doch noch ist das Ganze neu. Die 42 requiriert gerade ihre ersten Schüler*innen. Und auch die Campus Founders suchen gerade nach einem passenden Portfolio – trotzdem gibt es schon Gewinner*innen dieser jungen Zukunftsmaschine. Einer von ihnen ist Tobias Rieker. Der 25-Jährige hat das Startup Markt-Pilot gegründet, eine Software, wie maßgeschneidert für die Region. „Wir bringen erstmalig Preistransparenz in den Ersatzteilmarkt von Maschinenbauunternehmen und lösen dadurch das größte Problem im After Sales“, sagt Rieker. Manchmal gäbe es etwa 15 baugleiche Elektromotoren in 15 unterschiedlichen Onlineshops zu 15 verschiedenen Preisen. „Diese Preise machen wir sichtbar“, sagt der Gründer. Dass er mit seinem Produkt ein Problem löst, beweise die Conversion-Rate von 90 Prozent – fast alle, die sein Produkt testen, werden danach seine Kund*innen.

Keine Sekunde zu früh

Für seine Idee ist er deshalb auch mit dem CyberOne Hightech Award des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet worden. „Ohne die Campus Founders wäre das nicht möglich gewesen“, sagt er. Dass man auch Fehler machen darf, dass man lieber schnell mit seinem Produkt auf den Markt geht und da erst testet, ob es dafür Kund*innen gibt, das habe er erst dort begriffen. „Als ich angefangen habe, war ich 21. Woher hätte ich das wissen sollen?“, fragt Rieker – das ist die Machermentalität, von der Founders-Chef Hanisch spricht. Hinzu komme das Netzwerk an Leuten, von denen man etwas lernen kann, und von Kund*innen, das einem weiterhelfe. Dass Initiativen wie die Campus Founders helfen, zeige allein, dass er es geschafft habe, sich in einem Umfeld wie dem Maschinenbau mit einer Idee durchzusetzen. „Da muss eine Software einfach funktionieren. Ohne große Erklärungen und Schulungen.“ Sonst habe man keine Chance.

Tobias Rieker hat mit 21 gegründet. Sein Unternehmen hat inzwischen 12 Mitarbeiter*innen. Foto: Björn Brenner

„Wir müssen etwas machen, gerade in Süddeutschland“, sagt Rieker. Für ihn kommt die Zukunftsinitiative in Heilbronn keine Sekunde zu früh. Die Unternehmen müssten sich verändern, um auf dem Weltmarkt ihren Erfolg halten zu können. Da helfe es nur, altes Denken aufzubrechen. „Tesla hat es geschafft, in nur zehn Jahren dieses Produkt auf den Markt zu bringen.“ Rieker fragt sich, wer das in Deutschland schaffen würde. Das heiße aber nicht, dass man sich dabei an den USA orientieren sollte: „Wir müssen unseren eigenen Stil finden. Wir haben ja gute Werte hier. Pünktlichkeit, Fleiß, Genauigkeit.“

Es sind genau diese Werte, die sowohl Diepgen als auch Hanisch und Geilsdörfer der Generation der neuen Gründer und Macher einimpfen wollen – immer wieder fällt das Wort Nachhaltigkeit. „Ich meine das gar nicht im ökologischen Sinne“, sagt etwa Hanisch. Vielmehr geht es darum, Unternehmen aufzubauen, die nachhaltig wirtschaftlich erfolgreich sind, die den industriellen und digitalen Wandel von vorne mitgestalten. So sollen die Heilbronner in 100 Jahren noch mit einem Viertele Wein am Neckar sitzen und auf einen neuen Gründungsboom blicken, der den Wohlstand der Region gesichert hat. Weil jemand die Stadt gerettet hat, ehe sie überhaupt in Gefahr war.

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