Green & Sustainability Historiker-Interview: Warum es mehr Hühner denn je gibt – und das gefährlich ist

Historiker-Interview: Warum es mehr Hühner denn je gibt – und das gefährlich ist

Paul R. Josephson forscht zur Technologiegeschichte und ist Professor am Colby College in Maine – eine der sogenannten „Little Ivies“ der US-Ostküste. Er hat eine ganze Monographie dem Huhn gewidmet, dem meistgegessenen Tier unserer Zeit: Nach Berechnungen der UN produzierte die Welt vor sechzig Jahren weniger als zehn Millionen Tonnen Hühnerfleisch. 2018 waren es weit über hundert Millionen. Wir erreichen Josephson per Videoanruf in Barcelona, wo der gebürtige Amerikaner heute lebt.

Professor Josephson, wie unterschiedlich schmeckt Huhn in den USA und in Europa?

In den USA schmeckt es gar nicht nach Huhn! Es ist auch etwas zäher, die Farbe weniger fleischig, grauer. Diese Beobachtung war der Ursprung meiner Idee für das Buch.

Wie kommt das mit dem Geschmacksunterschied?

Ich glaube, es liegt daran, dass in Europa ein klein wenig mehr Humanität in der Fleischproduktion herrscht.

Das Huhn ist heute auf tragische Weise erfolgreich. Es gibt Milliarden der Tiere auf der Welt. Wie kam es dazu?

Ab den 60er Jahren wurden die Menschen auf die Probleme aufmerksam, die Schweine- und Rindfleisch unserer Gesundheit bereiten. Hühner brauchen zweitens weniger Futter als etwa Rinder. Und man konnte sie in diesen CAFOs halten. Concentrated animal feeding operations – Massentierhaltung, die besonders billig pro Tier ist. Die haben da nur so viel Platz wie eine DIN-A4-Seite. Sie müssen sich mal Videos von automatischen Hühnererntemaschinen ansehen.

Ich schaue!

Es soll die Hühner einsaugen, ohne sie zu verletzen. So wird es zumindest behauptet.

Das sieht wirklich nach Ernte aus, als seien es keine fühlenden Wesen.

Es gibt in einigen US-Staaten Gesetze, die verhindern sollen, dass es Berichte über die Zustände in den CAFOs gibt. Man nennt sie „gag laws“ – gag ist das englische Wort für knebeln. Sie sind gegen die Verfassung, befinden Gerichte immer wieder, aber die landwirtschaftlich geprägten Staaten verabschieden sie trotzdem.

Die Journalistin Felicity Lawrence schreibt, das Huhn sei eines der definierenden Handelsgüter unserer Zeit. Der Tee und das Opium unserer Epoche.

Völlig einverstanden. Eine internationale Handelsware. Produziert weit weg von den Menschen. Sonst würden sie es wahrscheinlich nicht mehr essen. Und dann essen die Chinesen zum Beispiel lieber dunkleres Fleisch, die Amerikaner das weiße. Eine faszinierende internationale Story.

So glücklich wie diese kenianischen Hühner leben nicht alle der Tiere. Foto: AusAID Kate Holt CC BY 2.0

Auch eine Story grausamer Arbeitsbedingungen.

Ja, hier in Europa ist es wiederum etwas besser als in den USA. Die Arbeitskräfte werden dort als Selbstständige behandelt. Sie haben keine Krankenversicherung. Sie müssen diesen grässlichen Gestank ertragen, die ganze Scheiße. Sie sind unterbezahlt. Und „deskilled“ – das heißt sie brauchen keine Fachkenntnisse.

Heute interessiert natürlich auch die Frage, wie Massentierhaltung sich auf Viren auswirkt. Der britische Forscher Steve Hinchliffe etwa argumentierte schon 2017, dass die Massenhaltung von Hühnern die Entstehung gefährlicher Krankheitserreger begünstige. Sehen Sie das auch so?

Ja. Da geht es um mehrere Faktoren. Wenn Sie ein lebendes Wesen immer weiter überzüchten, wird es anfälliger für Krankheiten. Das Skelett und die Muskulatur leiden. Aber auch das Immunsystem. Dann gibt es die Antibiotika, die dem Futter beigemischt werden. So gelangen die auch in unsere Nahrung. Das schwächt unsere Immunität für bestimmte Infektionen. Und drittens ist da die Übertragung von Krankheiten vom Tier auf den Menschen wie in der Corona-Pandemie. Es wird immer wahrscheinlicher, dass so etwas passiert.

Viele Leute wollen gerne einen Sündenbock finden – etwa China. Diese Labortheorie. Bis es dafür Beweise gibt, scheint es mir viel wahrscheinlicher, dass es eine Übertragung vom Tier auf den Menschen war. Es ist absolut klar, dass die industrielle Produktion von Tieren ein großes Risiko darstellt. Ich esse deshalb nur Fleisch aus biologischer Herstellung oder zumindest aus Freilandhaltung, wie Sie das in Deutschland nennen.

Vegetarier sind Sie nicht.

Nein. Mein Stiefsohn ist elf und hat sich dafür entschieden. Ich wünschte, ich könnte so sein wie er. Die Menschen werden wohl weiter Fleisch konsumieren, so traurig es ist. Wir sollten es nicht tun. Aber wir können wenigstens mehr ausgeben und Fleisch kaufen, das humaner produziert ist.

Sie sind Experte für Sowjet-Geschichte. In der ehemaligen DDR gab es Hühner unter dem Namen „KIM“ zu kaufen. Das stand für „Kombinat Industrielle Mast“ – für die Kund:innen wurde es jedoch zu „Köstlich immer marktfrisch“ umgedeutet. Klingt nicht ehrlicher  als im kapitalistischen Westen, oder?

Ich scherze gerne, dass die sowjetischen Hühner sechs oder acht Extremitäten hatten. Nicht nur zwei Beine und Flügel. Da waren nämlich immer so viele Knochen in der Suppe. Die Landwirtschaft war der große Schwachpunkt der sowjetischen Produktion. Die Investitionen gingen in die Schwerindustrie. Zum Ende der Breschnew-Zeit änderte sich das. Sie haben sich ins Zeug gelegt, mehr Hühnerfleisch und Eier zu produzieren. Aber als die Sowjetökonomie kollabierte kam es wieder zu Hunger. Die USA, unter Bush Senior, exportierten Hühnerbeine nach Russland. Man nannte sie „Bushs Beine“. Das hatte humanitäre Gründe. Aber man wollte auch in diesen Markt.

Haben Sie Hoffnung, dass sich diese Branche ändern wird?

Wenig. Es gibt da dieses deterministische Argument in der Technikforschung, dass die Technik sich selbst vorantreibt und wir Institutionen so anpassen müssen, dass der Output immer größer wird. Dass wir machtlos sind, uns dem entgegenzustellen. So könnte man wohl auch für die CAFOs argumentieren. In vielen Ländern ohne Regulierung sind sie attraktiv für die Produzierenden. Denn die ökologischen und sozialen Folgen trägt am Ende die Allgemeinheit.

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