Productivity & New Work Ruth Herzberg über 30 Tage Microdosing: „Fühlte mich wie in einem Sicherheitsnetz“

Ruth Herzberg über 30 Tage Microdosing: „Fühlte mich wie in einem Sicherheitsnetz“

Die Berliner Autorin und Kolumnistin Ruth Herzberg über eine seltsame Ironie der Geschichte: Psychedelische Drogen als Helferlein für Produktivität im Alltag.

Frau Herzberg, Sie haben einen Monat lang mikrodosiert halluzinogene Drogen genommen. Empfehlen Sie die Erfahrung weiter?

Es hat wirklich geholfen. Zum einen der Placebo-Effekt: Dass ich wusste, ich habe meine Medikamente. Da habe ich mich sicherer gefühlt. Sonst bin ich morgens manchmal gar nicht hochgekommen. Ich wusste, jetzt muss ich gleich funktionieren, und das hat mich so wahnsinnig viel Kraft gekostet. Als ich wusste, ich kann gleich meine komischen Pilzdinger nehmen, fühlte ich mich wie in einem Sicherheitsnetz.

Placebo hätte aber auch ohne Psilocybin geklappt.

Man hat eben auch diesen Drang rauszugehen, mit psychedelischen Drogen. In die Natur, spazieren. Das ist ja auch nachweislich gut gegen Depressionen. Wir sind sogar bei schlechtem Wetter im Mauerpark Fußball spielen gegangen. Bei Kokain wiederum ist das ganz anders. Da willst du nicht rausgehen, da willst du immer aufs Klo. Entweder zum Vögeln oder um noch was zu ziehen oder zum Quatschen. Niemand sagt auf Kokain: Lass uns rausgehen und spazieren.

Haben Sie das Pilz-Gelee jeden Tag genommen?

Es verschwimmt irgendwie. Jedenfalls war die erste Packung eines Tages aufgebraucht. Ich bin nicht so diszipliniert gewesen, habe es manchmal vergessen. Was ja ein gutes Zeichen ist. Ich habe das auch aus therapeutischen Gründen begonnen. Es war mitten in der Coronakrise, und ich war mit allem allein. Kinder, Homeschooling, berufliche Verpflichtungen. Mein Roman war gerade erschienen. Ein Ende war nicht absehbar. Ich schlitterte hart am Rande einer Depression.

Viele haben sich in der Pandemie therapeutische Hilfe gesucht.

Ich dachte mir: Therapie, wann soll ich das jetzt auch noch machen? Und das dauert mir auch zu lang. Von Microdosing hatte ich schon viel von Freunden gehört.

Waren die begeistert?

Nee, gar nicht. Die meisten haben es irgendwann wieder vergessen. Knallereffekte habe ich also gar nicht erwartet. Ich hatte auf Facebook eine personalisierte Werbung dieses niederländischen Unternehmens gesehen und dachte mir, das ist genau das, was ich brauche: Wach sein, mit sich selbst connectet sein.

Drogen nehmen für Normalität statt für Exzess also?

Ja, gut gelaunt, aber nicht übertrieben gut. Durch diese leichte Depression war ich sehr abgeschlagen. Es war Winter, da hat man ja auch ohne Corona immer mal wieder Durchhänger. Ich wollte meinen Alltag bewältigen. Das klingt jetzt echt absurd, weil es eigentlich der Normalzustand sein sollte.

Drogen als Produktivitätsbooster. Es geht nicht mehr ums Ausklinken aus dem Alltag.

Das ist eigentlich ein Niedergang. Aber bei Psychopharmaka könnte man das genauso sagen. Die nehmen Menschen aus den gleichen Gründen. Viele Drogen haben ja eine frühere Karriere als verschreibungspflichtige Alltagshelferlein.

Von John F. Kennedy weiß man, dass er unter starken Schmerzen litt und fast täglich starke Medikamente nahm: Barbiturate, Steroide, Ritalin, Methadon. Während seiner Präsidentschaft blieb das natürlich verborgen. Interessant, dass selbst solche idealisierten Figuren wie JFK den Alltag nicht ohne Drogen meistern konnten.

Ja, ich habe da gar nicht mehr eine solche Idealvorstellung. Alle dopen sich in irgendeiner Form. So sehe ich das zumindest in meiner kleinen Bubble.

Man kann ja auch nach vielem süchtig sein, das nicht als Droge gilt. Und sei es Sport oder Essen.

Gibt’s auch, genau! Das ist das Dilemma unserer Gesellschaft. Dass wir in diesem Großstadtleben unter Entfremdung leiden. Und das dann mit diesen neurotischen Verhaltensweisen kompensieren.

Sie sind in Berlin-Weißensee aufgewachsen, leben heute in Prenzlauer Berg. Sehnen Sie sich nach dem Landleben?

Ja, manchmal. Aber ich würde auf dem Land auch irgendwann durchdrehen. Wahrscheinlich so nach 14 Tagen. Ich nehme mir immer wieder vor, mehr aufs Land zu fahren. Es tut so wahnsinnig gut. Aber so richtig dort leben? Ich habe das Gefühl, ich würde dort verblöden. Es würde wahrscheinlich funktionieren. Aber es wäre, als sei ich eine Pflanze, von der man einen großen Ast abgeschnitten hat.

Jedenfalls ist es in der Stadt leichter, neue Kontakte zu knüpfen.

Auf dem Land kann man paranoid werden. Du hast ja die Anonymität nicht mehr. Bist nur noch mit deinen Nachbarn zugange. Es wird ja auch extrem viel getrunken. Und noch viel mehr Drogen konsumiert. Das weiß ich von Freunden, die aufs Land gezogen sind und jetzt Verbindungen in diese Landjugendkreise haben. Was da konsumiert wird, das ist noch viel krasser als in der Großstadt.

In einem Wort – das Schlimmste an Berlin?

Der Dreck. Ekelhaft. Das klingt vielleicht spießig, aber das finde ich teilweise echt too much.

Und das Beste?

Das viele Grün. Früher wollte ich immer in Paris leben. Das könnte ich jetzt nicht mehr. Auf dem Land ist man von hier auch schneller als in Paris. Es gibt ja jetzt viele, die aufs Land ziehen. Ich finde das immer etwas enttäuschend. Es ist wie ein Verstecken vor den Herausforderungen des Lebens. Da verliere ich ein bisschen den Respekt.

Ruth Herzberg: „30 Tage Microdosing“, erschienen im Eigenverlag, 163 Seiten, 9,99 Euro

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