Leadership & Karriere Haftbefehl: „Jeder, der fleißig ist und etwas wirklich möchte, schafft es auch“

Haftbefehl: „Jeder, der fleißig ist und etwas wirklich möchte, schafft es auch“

Business School of Rap: Das Offenbacher Rap-Schwergewicht mit türkisch-kurdischen Wurzeln Haftbefehl hat nie einen Hehl aus seiner Person gemacht. Wer er ist und was er denkt, lässt er seine Hörer:innen seit jeher ungefiltert wissen. Wir durften mit der Deutschrap-Ikone über eines seiner Lieblingsthemen sprechen: Business. Herausgekommen sind sechs essenzielle Learnings, die Haftbefehl aus seiner bisherigen Karriere ziehen konnte – und weitergeben kann.

• Personal Branding öffnet Türen

„Ich kann zwar nicht perfekt Deutsch, Cho / Doch hab mehr Cash stecken als der Wert von deinem Volvo“, verkündet Haftbefehl selbstsicher auf seinem Straßen-Classic „Ich muss wach sein“. Sei es die Klamottenmarke Chabos, die Shishabar Babos oder seit Neuestem sein eigener Eistee „Haftea“. Haftbefehl weiß, wie man Geld verdient – auch abseits der Musik. „Eine musikalische Karriere öffnet weitere Türen. Wir haben es leichter, einen Laden zum Laufen zu bringen oder einer Marke die nötige Aufmerksamkeit zu geben“, verrät er uns.

Hiermit steht der Rapper nicht allein da, viele Deutschrap-Größen wie etwa Capital Bra oder Shirin David ziehen einen geschäftlichen Vorteil aus ihrer Reichweite und vertreiben Produkte außerhalb der Musik. Dies verdeutlicht die immense Wichtigkeit der Gesichter hinter einer Brand. Verkörpern diese einen bestimmten Lifestyle, lässt sich eine emotionale Verbundenheit zur Zielgruppe einfacher herstellen. Natürlich sollten die Produkte selbst überzeugen. Doch eine gewisse Reichweite kann einen drastischen Boost bedeuten. Um es mit Haftbefehls Worten zu sagen: „Jemand, der mit einer Reichweite wie meiner keine weiteren Geschäftszweige angeht, muss doch dumm sein, oder nicht?“

• Original ist originell

„Chab, das ist Echte Musik/ Du rappst zwar zum Beat, doch bist nur ’ne Sefyu-Kopie“, heißt es im Song „Hungrig und stur“. Echte Musik bezeichnet nicht nur das Musiklabel, bei dem Haftbefehl damals unter Vertrag stand, sondern kann auch als Aushängeschild für seine Musik gesehen werden. Haftbefehl wirkt authentisch und echt. Durch seine Einzigartigkeit ist er zum Phänomen geworden. „Hört auf, andere Künstler zu kopieren. Ihr dürft nicht wie jeder andere klingen“, mahnt er in unserem Gespräch im Hinblick auf die riesige Schar an Newcomer:innen. Deutschrapper:innen gibt es heutzutage wie Sand am Meer. Seine Marke zu etablieren bedeutet auch, sich innerhalb seiner Branche abzuheben.

Doch wie gelingt das? Ein Haftbefehl zufolge recht simples Rezept: indem man sich selbst treu bleibt. „Ich habe mich nicht hingesetzt und etwas erfunden, weil es das noch nicht gibt. Ich bin, wie ich bin.“ Als Business-Learning können wir daraus schließen: Die eigenen Stärken sollten immer hervorgehoben und ausgebaut werden. Die Orientierung am Markt ist bis zu einem gewissen Grad sinnvoll, jedoch sollte es letztlich darum gehen, die Eigenheiten seiner Marke herauszukristallisieren und zu fördern.

Auf dem Track „Wieder am Block“ geht Haftbefehl zu seinen Rap-Wurzeln zurück und beschreibt das Leben im Hochhausblock.

• Spaß muss sein

Eine Karriere beinhaltet immer Hochs und Tiefs, und manchmal scheinen alle Stricke zu reißen. Daher ist es unverzichtbar, dass wir einen Sinn hinter unserem Tun sehen und den Spaß an der Sache nicht vergessen. Haftbefehl macht im Gespräch klar, dass Musik für ihn nicht nur eine reine Einnahmequelle ist, sondern Erfüllung bedeutet: „Ich mache das, worauf ich Bock habe. Es kann sein, dass ich irgendwann damit aufhöre, Musik zu veröffentlichen – aber mit Musik komplett aufhören würde ich nie. Ich werde immer einen Bezug zur Musik haben.“

Natürlich ist es für das eigene Business unabdingbar, dass sich Erfolg über kurz oder lang einstellt und schwarze Zahlen geschrieben werden. Doch ist nicht zu unterschätzen, welche Rolle die eigene Überzeugung und der Spaß an der Sache hierbei spielen. Gerade wenn das eigene Umfeld nicht die erwünschte Unterstützung bietet. So heißt es in Haftbefehls Song „IHNAMG (Ihr habt nicht an mich geglaubt)“: „Klammer dich an deinem Traum fest / Und du schaffst es raus aus dem Dreck, bloß nicht aufgeben.“

• Work Hard, Play Hard

„Ich wurde groß zwischen hohen Betonblocks / Überlebenskampf, kein Geld auf den Kontos“, erzählt Haftbefehl eindrücklich auf seinem Track „Hass – Schmerz“. Viele seiner Texte sind von der Erfahrung auf den Straßen Offenbachs geprägt – und von dem Umstand, wie er und sein Umfeld gesellschaftlich gelesen werden.

Ein sogenanntes südländisches Aussehen und ein ausländischer Name führen leider nach wie vor zu Diskriminierung und Benachteiligung – etwa bei der Job- oder Wohnungssuche. Chancengleichheit gibt es leider nur in der Theorie. Etliche Faktoren – das Elternhaus, der Wohnort, das Aussehen, das Umfeld – haben einen großen Einfluss darauf, welche Türen einem Menschen offen stehen und welche mitunter für immer verschlossen bleiben.

Trotzdem hält Haftbefehl wenig von Selbstmitleid und Resignation: „Jeder, der fleißig ist und etwas wirklich möchte, schafft es auch. Natürlich gibt es Vorurteile, aber wenn man sich halbwegs anpasst und Ziele vor Augen hat, dann ist es eine Frage der Zeit und Geduld. Man kriegt nichts im Leben geschenkt“, macht er klar. Gerade wenn man mit Benachteiligungen klarkommen und leben muss, sind Fleiß und Disziplin wichtige Anker, um durchzuhalten und weiter nach vorne und oben zu kommen. Haftbefehl ist ein Arbeitstier, das ist augenscheinlich. Oder wie er auf dem Song „Ich muss wach sein“ spöttisch rappt: „Was für Ferien – Hustle macht mehr Gewinn.“

• Rolle mit den Besten

Obwohl Haftbefehl beim Labelgiganten Universal unter Vertrag steht, scheint es, dass er sich als Artist vollkommen frei ausleben kann und keiner Anpassung zum Opfer fällt. „Das Album kommt über Universal, Hafti Abi macht Money / Auch wenn ich ein Millionär bin, bleib’ ich ein Azzlack Stereotyp“, lässt er seine Hörer etwa auf dem Track „Russisch Roulette“ wissen. Sein Geheimnis dahinter? Ein sorgfältig ausgewähltes Team. „Meine A&R’s Neffi Temur und Max Mönster geben mir den nötigen Freiraum, den ich brauche. Dafür bin ich den Jungs sehr dankbar“, sagt er im Interview.

Irgendwann kommen die meisten Business-Allrounder:innen an einen Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht, da die eigene Kapazität an ihre Grenzen stößt. Die Lösung hierfür ist ebenso einfach: Aufgaben abgeben, Prozesse delegieren. Doch auch das ist herausfordernd, immerhin taugt nicht jeder Mensch dazu, zuverlässig zu arbeiten und sich als echter Support zu erweisen: „Baut euch ein richtiges Team auf, in dem alle eine bestimmte Funktion erfüllen und miteinander harmonieren“, rät Haftbefehl. Neben den nötigen Skills und der Expertise ist es wichtig, dass sich das Team untereinander vertraut.

Bei Haftbefehl ist auffallend, dass viele seiner Partner:innen langjährige Wegbegleiter sind – wie etwa sein Bruder Capo, mit dem er auch musikalisch eng zusammenarbeitet. Sein Team ist gewissermaßen also auch seine Gang, wie Haftbefehl auf „Ja Ja Ve Ve 2“ festhält: „Azzlack ist die Gang, das gestörte Team.“

• Know Your Value

„Komm’ kurz mal in dei’m Dorf vorbei / Wenn du mich seh’n willst, musst du zahl’n“, rappt Haftbefehl auf dem Song „Kobrakopf“. Fest steht: Wer mit Haftbefehl Geschäfte machen will, sollte sich lieber nicht lumpen lassen. Der Mann weiß um seinen Wert. Haftbefehls Superstar-Dasein im deutschen Rap hängt nicht nur mit seinen Verkaufszahlen oder seinem künstlerischen Einfluss zusammen. Ausschlaggebend ist das Auftreten.

In der Haftbefehl-Doku „Du weißt, dass es Haft ist“ von Amazon Music werden Rapper-Kollegen unter anderem nach Haftbefehls Pünktlichkeit gefragt. Der Rapper Casper, erfolgstechnisch mindestens gleiche Liga wie Haftbefehl, erzählt in heiterer Stimmung: „Haftbefehl, fünf Stunden zu spät – bisschen angepisst vielleicht – aber wenn er dann kommt: Riesenfreude […] Der kann sich das erlauben, weil er die Legende und der Rockstar ist, auf die man wartet.“

Im Umkehrschluss gilt natürlich: Steckt das eigene Business noch in den Kinderschuhen, liegt es in der Natur der Sache, bestimmten Menschen oder Organisationen erst einmal hinterherlaufen zu müssen. Kund:innen müssen gefunden, Anträge gestellt und nicht selten mit Absagen oder Unzuverlässigkeit umgegangen werden. Bis zu einem gewissen Grad ist dieser Prozess unausweichlich und längst bekannter Teil des täglichen Hustles. Doch Vorsicht: Für seine Ziele zu kämpfen bedeutet keineswegs, sich unter Wert zu verkaufen. Keine Bedingungen eingehen, die man insgeheim ablehnt. Es gilt: nicht mit Menschen oder Marken kooperieren, die der eigenen Agenda zuwiderlaufen. Macht euch den eigenen Wert bewusst und steht dazu.

Das ist ein Text aus unserer Ausgabe 6/2021: Außerdem findet ihr darin 100 spannende Menschen, von denen wir im neuen Jahr Großes erwarten. Wir haben die Musik-Chefin von Youtube Deutschland im Berliner Google-Büro getroffen. Und der CEO von Reddit war in der Redaktion zu Gast und hat mit uns über Memes und WallStreetBets diskutiert. Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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