Productivity & New Work LSE-Direktorin im Interview: „Es reicht nicht, am Anfang des Lebens zu lernen“

LSE-Direktorin im Interview: „Es reicht nicht, am Anfang des Lebens zu lernen“

Der bisherige Gesellschaftsvertrag ist kaputt, ein neuer muss her: Minouche Shafiks Plädoyerfür lebenslange Bildung und staatliche Förderung

Interview: Stefan Schmitz und Roland Lindenblatt

Frau Shafik, überall auf der Welt haben Menschen das Gefühl, dass der Staat nicht für sie da ist. Warum?

Die moderne Welt hat sich rasend schnell verändert, aber der Gesellschaftsvertrag hat damit nicht Schritt gehalten – also die Vorstellung davon, was wir einander schulden, was der Einzelne zu regeln hat und wo er sich auf die Gemeinschaft verlassen kann. Viele Menschen sind zutiefst verunsichert und voller Sorgen, auch wenn es ihnen finanziell besser gehen mag als früheren Generationen. Sie erwarten mehr Fürsorge von staatlicher Seite.

Aber Staaten wie Deutschland haben zuletzt unfassbare Ressourcen zur Unterstützung mobilisiert.

Nur reicht Geld allein nicht aus. Die Gesellschaften müssen sich anpassen an grundsätzliche Veränderungen. Auch in Deutschland ist die Zeit vorbei, in der ein junger Mensch nur einmal eine Ausbildung machen musste, um dann ein Leben lang gute Arbeit zu haben. Das schafft Unsicherheit.

Und es lockt Populisten und Verschwörungstheoretiker an.

Leider. Weder Nationalismus noch Fremdenhass oder Protektionismus werden den Menschen helfen. In einer globalen Wirtschaft ist Technologie der Treiber, durch den alte Jobs verschwinden und neue geschaffen werden. Das ist nicht leicht zu stoppen. Ohne einen neuen Gesellschaftsvertrag geraten offene Gesellschaften und offene Märkte in Gefahr.

Sie fordern, Menschen im fortgeschrittenen Alter bei der Weiterbildung zu helfen. Aber werden wirklich alle die Chance haben, Arbeit zu finden, wenn die alte wegfällt?

Ich glaube, dass jeder einen Beitrag leisten kann, auch wenn damit manchmal vielleicht kein auskömmlicher Lohn verbunden ist und er zusätzlich Unterstützung braucht. Vielleicht müssen wir auch neue Jobs erfinden. So könnten wir Menschen bezahlen, damit sie einsamen Heimbewohnern Gesellschaft leisten. Vor allem jedoch brauchen wir ein neues Verständnis dafür, dass es nicht reicht, am Anfang des Lebens zu lernen.


Minouche Shafik

Die Direktorin der London School of Economics war Deputy Governor der Bank von England und ist Ehrenmitglied der British Adademy. Zuletzt erschien von ihr: „Was wir einander schulden“, Ullstein Buchverlag, 352 Seiten, 22 Euro.


Was schlagen Sie konkret vor?

In meinem Buch rege ich eine Art Budget an, das der Staat für die Ausbildung zur Verfügung stellt. Und dieses Budget sollten die Bürger nicht nur am Anfang des Lebens nutzen können, sondern auch in späteren Phasen, wenn sie sich neue Fähigkeiten aneignen müssen oder wollen. Es wird nicht mehr funktionieren, wenn wir irgendwann in unseren Zwanzigern aufhören zu lernen.

Aber sollte diese Weiterbildung nicht im Job stattfinden? -> Seite 2

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