Innovation & Future Erst Hype, dann Abgesang: Coursera und die MOOC-Millionen

Erst Hype, dann Abgesang: Coursera und die MOOC-Millionen

Was Lieferando in der Gastro ist, könnte Coursera in der Bildung sein. Eine Plattform für die Homeoffice-Ära. Der digitale Hörsaal. Der einzige, der unter Lockdown-Bedingungen offensteht. Einen Kurs über römische Architektur in Yale belegen? Mit Coursera nur ein paar Klicks entfernt.

Und das reine Lernen ist gratis. Für 42 Euro gibt es ein Zertifikat dazu. Weltweit angesehene Hochschulen waren von Anfang an dabei: Princeton, Penn, you name it. Heute gibt es auf Coursera um die 200 Kursanbieter, bis hin zu voll anerkannten Masterabschlüssen. Außerdem setzen Unternehmen wie Facebook, Google und IBM den Dienst für die Weiterbildung ein. 82 Millionen Menschen nutzen die Plattform den Angaben des Unternehmens zufolge.

Das ist viel. Aber nicht so viel, wie manche erwartet hatten. Es gab nämlich mal eine Zeit, in der es schien, als fände die Zukunft der Bildung komplett virtuell statt. Alle sprachen 2012 begeistert von MOOCs , also den Massive Open Online Courses. Coursera, edX, Udemy. Doch schon wenige Jahre darauf sah die Zukunftsvision aus wie veraltete Science-Fiction: ein bisschen Wahrheit, ziemlich viel sonderbare Kulisse.

Ebenfalls zwei Jahre Pandemie haben Lernende und Lehrende gelehrt, dass reines Onlinelernen auch nicht nur Freude bringt. Für Anbieter wie Coursera folgte daraus, dass man sich hybriden Modelle hinwenden sollte. Denn es wurde außerdem gelernt: Nicht alles, aber vieles geht virtuell dann doch um einiges einfacher.

MOOC ohne MO

Doch noch einmal zurück zum ersten Hype. Der war tatsächlich intensiv und vor allem kurz. Schon 2013 fragte die „Washington Post“, ob MOOCs passé seien. Und der damalige Stanford-Präsident John Hennessy erklärte in einem „Financial Times“-Interview, dass man das M und das O aus dem Akronym streichen müsse. Die Kurse waren nämlich weder massive (kaum jemand brachte sie zu Ende), und sie waren auch nicht open (vielen gingen sie zu schnell, anderen zu lahm). Bleibt nur das OC übrig. Das klang schon realitätsnäher.

Es gibt eine Lehre zur Innovation, die sich aus dem Schicksal von Coursera und der Konkurrenz ziehen lässt. Erst kommt der Hype, dann kommt der Abgesang und dann leben die Totgesagten gut weiter.

Milliardenbewertung

Das Weiterleben wurde auf 7 Mrd. Dollar beziffert. So hoch lag die Bewertung von Coursera beim Börsengang im Frühling 2020. Sicher ist das im Vergleich zu Spotify oder Uber kein Spitzenwert. Aber es ist eine Menge Geld für eine Firma, die so etwas Ähnliches tut wie die behäbigen E-Learning-Portale traditioneller Unis. Moodle oder Blackboard, wie diese Systeme heißen, dürften vielen ehemaligen Studierenden bis heute einen Schauer über den Rücken laufen lassen.

Coursera-CEO Jeff Maggioncalda findet übrigens überhaupt nicht, dass Coursera die Unis ersetzen soll. Er positioniert seinen Dienst als Werkzeug. Mit idealistischer Mission, wie er im Videocall erklärt.

Wollen Plattformanbieter traditionelle Bereiche der Wirtschaft und Kultur umkrempeln, fallen zwei Buzzwords: bei Fans „Demokratisierung“, bei der kritischen Fraktion „Kommerzialisierung“. Beide haben recht. Denn natürlich kann man den traditionellen Unis vorwerfen, dass sie Reproduktionsorgane des Bildungsbürgertums sind. Kinder von Professorinnen und Anwälten werden hier Anwältinnen und Professoren. Das Versprechen von Coursera ist, dass Geld und die Ausstattung des Bücherregals im Wohnzimmer der Eltern weniger entscheidend für die Zukunft der Kinder sein sollen.

Dass Coursera damit auch selbst Geld verdienen will, ist ebenso wahr. „In Deutschland oder Frankreich sei zwar auch die Uni-Ausbildung kostenlos“, sagt Maggioncalda. „Aber sie wird natürlich bezuschusst. „Jemand muss ja dafür zahlen. Die Regierung tut das, und sie finanziert es über Steuern. Also zahlt die Gesellschaft.““ Der CEO sieht keinen Konflikt zwischen privatwirtschaftlichen Anbietern und öffentlichen Bildungseinrichtungen. Aber solange man an deutschen Unis umsonst studieren kann und die US-Unis auf Coursera Geld kosten, haben die Hochschulen hierzulande einen klaren Vorteil.

Elisabeth Mayweg muss sich also keine Sorgen machen. Die Bildungsforscherin befasst sich an der Humboldt-Universität in Berlin mit digitalem Lernen. „Schwierig wird es, wenn Bildung zur Ware verkommt“, sagt sie. „„Bei Angeboten von MOOCs kommt es darauf an, dass sie nicht exklusiv sind, sondern Bildung für breitere Kreise öffnen.““ Und ein Mehrwert, den Mayweg sieht: Im Digitalen ist der Zugang einfacher: „Menschen mit Kindern. Menschen mit Behinderung. Sie können barrierefreier teilnehmen.““

Nicht überall sind Unis gratis

Immerhin gibt es auch bei den kostenpflichtigen Kursen auf Coursera die Möglichkeit, einen Erlass zu beantragen. Etwas, das sich Jeff Maggioncalda in Sachen Demokratisierung als Pluspunkt verbuchen kann. Und Gratis-Unis sind freilich nicht überall auf der Welt zu finden. „Es gebe große Ungleichheit, fast in jeder Weltgegend, zwischen Geschlechtern, über den sozio-ökonomischen Hintergrund. „Bildung ist der große Gleichmacher““, sagt Maggioncalda. Über 460 Mio. Dollar Gegenwert an Stipendien habe Coursera bis heute vergeben.

Für Maggioncaldas idealistisches Ziel spricht auch eine weitere Zahl: zehn Millionen. So viele Menschen aus Indien sind auf Coursera als Lernende registriert, das ist die zweitgrößte Gruppe nach den USA. Indiens Bildungssystem kann bei Weitem nicht auf die gleichen Ressourcen zurückgreifen wie wohlhabendere Staaten. „„Einige der indischen Bildungseinrichtungen, die IITs, Indian Institutes of Technology, zählen wir zu unseren Kronjuwelen““, sagt Maggioncalda. „Dort können aber weniger als 0,5 Prozent derjenigen studieren, die sich bewerben. Die räumlichen Kapazitäten reichen einfach nicht aus.“ Für Coursera eine Chance. „„Wir hatten in den vergangenen Monaten mehr neue Lernende aus Indien als aus irgendeinem anderen Land. Und wir haben dort ein Team von 150 Leuten, das weiter wächst.““

Platz drei der Online-Immatrikulationen mit knapp vier Millionen Lernenden belegt Mexiko. Maggioncalda sieht hier sein Unternehmen im Vorteil, weil es Bildung günstig anbieten könne: „Die Kosten zu senken ist einer der wichtigsten Wege, um mehr Menschen Zugang zu Bildung zu eröffnen.“

Ein Englischkurs „for Career Development“ der University of Pennsylvania ist weltweit der fünftbeliebteste, liegt auch in Indien und Mexiko in den Top Ten. Dass Coursera in Mexiko nicht nur der Englischkurse wegen beliebt ist, zeigt, dass sieben der zehn beliebtesten Studiengänge von mexikanischen Unis stammen.

Professor Google

In den USA sind alle Kurse in den Top Ten Angebote heimischer Anbieter. Allein fünf der zehn beliebtesten stammen von Google. Platz elf belegt allerdings ein Koreanischkurs der Yonsei University. In Mexiko ist er sogar auf Platz drei. „Squid Game“ und die K-Pop-Band BTS dürften ihren Anteil daran haben. Weltweit auf Platz eins ist übrigens ein Machine-Learning-Kurs aus Stanford. Außerdem der Meta-Kurs „Learning How to Learn“.

Eine Herausforderung für eine globale Lernplattform besteht darin, auf das aktuelle Weltgeschehen zu reagieren. Wie etwa auf den russischen Angriff auf die Ukraine. Zuletzt kündigte Coursera an, dass alle ukrainischen Unis und ihre Studierenden die Tools der Plattform völlig kostenfrei nutzen können. Russische Hochschulen hingegen flogen raus.

Coursera verdient noch kein Geld. Aber Maggioncalda ist unbesorgt: „Zunächst braucht man ein Produkt, das ein Bedürfnis in einem großen und wachsenden Markt befriedigt.“ Dadurch wachse der Umsatz. Er sieht sein Unternehmen dabei auf einem guten Weg: „Investoren schauen außerdem darauf, wie hoch die Kosten für jeden weiteren Nutzer sind. Das gibt ein Gefühl dafür, wie die Profitabilität langfristig aussehen könnte.“ Also erst mal Software entwickeln und Kunden finden – währenddessen macht man eventuell Verluste, aber der Umsatz wächst. Das Geld werde ihm bei der Wachstumsstrategie nicht ausgehen. „„Wir haben 800 Mio. Dollar Cash auf der Bank.““

Fragt man Bildungsforscherin Mayweg, wird in Zukunft vor allem eins wichtig sein: „„Es braucht kollaborative Lernformen. Bildung funktioniert nur im Team.““ Doch ein schnödes Diskussionsforum reiche dafür nicht aus. „„Das muss man genauso gut vorbereiten wie eine spannende Präsentation““, sagt sie. Ein Tool, das dabei eine Rolle spielt, unterstützt die sogenannte Group-Awareness: Lernende können sehen, wie die anderen aus der Gruppe vorankommen.

Im Yale-Kurs über römische Architektur übrigens lernt man schon in der ersten Vorlesung eine Menge Imponiervokabular für die nächste Italienreise, von „Kenotaph“ bis „Karyatiden“. Kulturelles Kapital auf Ivy-League-Niveau. Gratis und nur noch ein paar Klicks entfernt.


Das ist ein Text aus unserer Ausgabe 2/22. Außerdem zu lesen: Krypto-Art-Dossier. Big-Wave-Surfen in Portugal. Der CEO der Online-Uni Coursera. Und Cannabis aus Sachsen. Zum Bestellen geht es hier.

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