Life & Style Auf ein Bewerbungsgespräch mit: Rapper Sero

Auf ein Bewerbungsgespräch mit: Rapper Sero

Bewerbungsgespräche sind nie leichtMan präsentiert sich selbst auf dem Silbertablett und sitzt unbekannten Menschen gegenüber, die genau prüfen, ob man zum Team und Unternehmen passt. Dabei dreht sich alles um die richtigen Fragen – und die können manchmal echt abwegig sein. Die perfekte Ausgangslage für Business Punk, um bekannte Persönlichkeiten zum Bewerbungsgespräch einzuladen. Weil wir natürlich super woke sind, duzen wir.

Heute sprechen wir mit dem Musiker und Deutschrapper Sero. Vor fünf Jahren erschien sein erstes Album, 2020 spielte er in einer Episode vom Kieler Tatort mit.

Hallo Sero, schön dich kennenzulernen. Freut mich, dass es mit unserem Gespräch klappt. Wir sehen uns gerade über Zoom. Wo bist du gerade?

Ich bin in meinem Zimmer in Schöneberg. 

Ich habe bei meiner Vorbereitung auf unser Gespräch gesehen, dass dein Spitzname ist „der Regenmacher“. Woher kommt er? 

In meiner Elternwohnung in Schöneberg, in der ich aufgewachsen bin, war ein leichter Riss in der Decke. Immer wenn es stark geregnet hat, hat es durch die Decke getropft. Das war der Vibe meiner Kindheit. 

Ich habe eine riesen Melancholie in meiner Seele. Das ist das Einzige, das ich habe, worüber ich rappen kann. Das ist mein Regen. So kam es zu der Line: „Ich bin der Regenmacher“. Das waren meine ersten Worte, die ich in der Öffentlichkeit gerappt habe. 

Jetzt mal zum Real Talk: Du hast drei Studiengänge abgebrochen. Wieso?

Ich war früher der schlimmste Schüler an meiner Schule und war übelst auf der schiefen Bahn, hab aber die Kurve bekommen und war dann total ambitioniert. Ich hatte schon immer einen großen künstlerischen Teil in mir und großes kreatives Interesse.

Musik mache ich zwar schon seit ich elf Jahre alt bin, aber ich wollte auch realistisch sein und gut Geld verdienen. Deswegen habe ich verschiedenes angefangen zu studieren. Aber: Beim Psychologiestudium habe ich mich auf Sprache fokussiert und menschliche Gefühle, beim Wirtschaftsingenieurwesen auf Marketing und beim Regiestudium auf Musikvideos. Es musste also am Ende auf Musik hinauslaufen, ich konnte nicht anders als das Studium abzubrechen. An den meisten Tagen bereue ich das nicht. 

Aber manchmal schon?

Es gibt Tage, da wäre ich gerne Tischler – einfach nur etwas mit meinen Händen machen und wissen, wenn der Tisch fertig ist, dann ist er fertig. Dann hat man nicht diesen Moment, in dem man über Monate an einem Song arbeitet, nicht weiter weiß, sich das Hirn zermartert und genau dann, wenn der Song draußen ist, einem 100.000 Optionen einfallen, wie man ihn hätte besser machen können. 

Du machst Rapmusik. Was magst du daran?

Mit Sprache Bilder zu malen und mit Sprache Geschichten zu erzählen ist mein Ding. Das Stärkste, das die Menschheit hat, sind Geschichten. Die Art und Weise, wie man Geschichten erzählt, ist in meinen Augen Macht. Die Personen, die Geschichten am besten erzählen können, erreichen Menschen. Das hat mich schon immer fasziniert. 

Und eine andere Komponente, die hinzu kommt: Mein Vater ist Tunesier, spricht sehr gut deutsch, macht aber manchmal kleine grammatikalische Fehler. Es ist ein sehr deutsches Phänomen, dass Menschen dann direkt einen auf Bourgeoisie machen und diese Fehler korrigieren. Das hat mich als kleiner Junge getriggert. Da habe ich mir vorgenommen, Sprache im Griff zu haben. Ich bin ein richtiger Sprach-Fetischist.

In deinem Lied Nuit Blanche rappst du: „Gefangen im goldenen Käfig/ Fühle mich gelangweilt in meiner Komfortzone“. Bist du jemand, der eher in seiner Komfortzone bleibt?

Der Song ist schon relativ alt, aus 2019. Meine Musik war da sehr raplastig. Die Line ist darauf bezogen, dass es meine Komfortzone war, der King zu sein. Auf den darauffolgenden Platten habe ich mir dann extra neue Wege für mich gesucht und mich musikalisch weit außerhalb meiner Komfortzone gewagt, mich ganz neu entdeckt und ganz neue Facetten von mir gefunden. Ich bin mehr in das gesanglich Melodische gegangen, hab angefangen mich zu trauen, Sachen noch mehr zu machen, wie ich sie will. 

Hast du ein Beispiel dafür? 

Der Song „Untergehen“. Da bin ich komplett ehrlich, zeige Schwächen, rede über Themen wie Angst und Depressionen. Das sind Sachen, die mich total verletzlich machen, gerade in so einem Kosmos wie Rap-Musik. Auch bei Sounds versuche ich immer wieder Neues auszuprobieren. Egal, was andere sagen könnten. Ich bin Künstler und kein Dienstleister. Würde ich Songs nur auf Bestellung machen, würde ich mir vorkommen wie bei McDonald’s. Ich persönlich finde es wichtig, dass man als Künstler auch mit seinen Ideen ein Provokateur ist. 

Wenn du es dir aussuchen könntest, wie sieht ein perfekter Arbeitstag für dich aus? 

Ich wünschte, ich hätte mehr Alltag. Gerade wenn man wie ich ADHS und Panikattacken hat, ist Struktur das A und O. Aber ich habe keine Struktur und keinen klassischen Alltag. Ich versuche mittlerweile meine Arbeit zu kategorisieren in Schreib-Phasen, Promo-Phasen und Recording-Phasen. In den Schreibphasen bin ich oft sehr lange wach und es passiert vieles im Kopf. Die Promo-Phasen finden eher im außen statt und man ist viel unterwegs und die Recording Phasen sind am energetischsten. Und dann ist da noch ein kleiner Funken Freizeit.

Wie gehst du mit diesem Stresslevel um?

Indem ich mich gut um mich kümmere, realistische Erwartungen an mich stelle und mich immer wieder daran erinnere, dass ich einen Beruf habe, bei dem es keinen wirklichen Feierabend gibt und Pausen einlegen muss. Eine Sache, die für mich über allem steht im Moment ist Spaß. Die letzten Jahre bin ich einfach nur gerannt und war nur am husteln. Es sind so krasse Sachen passiert, aber ich habe sie nicht mitbekommen. Ich habe die tollen Partys vergessen, das gute Essen in Restaurants und auch Erfolgserlebnisse. Das darf nicht sein. 

Wenn du auf eine Aufgabe in deinem Job als Musiker verzichten könntest, welche wäre das?

Es wäre Social Media. Das zieht unfassbar viel Zeit und Energie. Ich mache Feed-Posts, Stories und Reels für Instagram, mache Youtube-Videos und Youtube-Shorts und mehrere TikToks am Tag. Aber: Ich liebe den Austausch mit meiner Fanbase. Mir macht es auch Spaß, Content für Social Media zu kreieren und ich bin auch dankbar dafür, dass wir in Zeiten leben, in denen man seine Vermarktung komplett selbst machen kann.

Wenn du ein Fisch wärst, wo würden wir dich im Schwarm finden – vorne, mittig, hinten? 

Ich wäre nicht im Schwarm. Ich wäre ein Hai mit zwei roten Augen.

Gefühle zeigen am Arbeitsplatz – wie stehst du dazu?

Da ich meine Emotionen kapitalisiert habe, wäre es ungünstig, wenn ich sie während der Arbeit nicht zeigen würde. Ich glaube die Frage nach „Emotionen zeigen oder nicht” stellt sich auch gar nicht. Die Frage ist eher, zeigt man sie direkt oder platzen sie irgendwann aus einem heraus. Emotionen kann man nicht unterdrücken. 

Was ist dein Lieblingsfilm?

„Der Pate“, alle drei Teile. Ich liebe die Atmosphäre des Films, ich liebe Marlon Brando, aber vor allem liebe ich den Familienzusammenhalt der Gangster. Das hört sich zwar Paradox an, aber ich liebe die Werte, die der Film kommuniziert. 

Gibt es etwas aus dem Film, das du für dich gelernt hast? 

Don Vito ist an einem Herzinfarkt im Orangengarten gestorben, aber er wusste, wann er aufhören muss und hat so sein Ende schön erlebt. Michael aber ist immer nur gerannt. Man muss Wert auf Glück und Seelenfrieden legen.

Was ist Erfolg für dich? 

Erfolg ist unfassbar wichtig. Jetzt wo ich augenscheinlich nach gesellschaftlichen Parametern Erfolge erzielt habe, ist mir klar geworden: It will be never enough. Man darf nicht den kapitalistischen Erfolgen hinterherrennen, die uns eingebläut werden. 

Ich fühle mich erfolgreich, wenn ich das tue, was ich am besten kann, wenn ich einen effizienten Output habe, das Ganze langlebig ist, ich mich damit wohlfühle und sich andere Menschen in meiner Musik zu Hause fühlen. Erfolg ist für mich auch, wenn ich mit den kreativsten Menschen zusammenarbeiten kann, wenn ich Musik mache, die ich gerne meinen Eltern zeige und wenn ich übelst ehrlich sein kann, indem was ich tue. 

Mal eine klassische Frage für ein Bewerbungsgespräch: Was ist deine Schwäche und wie hast du sie gelöst?

Ich hatte früher ungesunde Ansprüche an mich selbst. Ich hatte in meinem Leben keinen Feind, der so gemein zu mir war wie ich selbst. Es gibt eine Übung, bei der man alle negativen Gedanken und Vorwürfe an an sich selbst aufschreibt. Dann stellt man sich vor, wie das jüngere Ich vor einem auf dem Stuhl sitzt und man ihm diese Sachen sagt. Als ich das gemacht habe, war ich echt traurig. Wie konnte ich so böse zu dem kleinen Jungen sein? Das hatte er nicht verdient. Und er war ja ich, also habe ich es auch nicht verdient.

Im Kopf spielen sich jeden Tag die gleichen negativen Glaubenssätze ab. Man kann daran arbeiten. Es ist ultra schwierig, aber es geht. Dafür muss man aber auch offen über Themen wie Panikattacken, Depressionen und Leistungsdruck reden. Ich weiß nicht, wer entschieden hat, dass wir in einer Hochglanzwelt leben sollen, aber ich finde es falsch. 

Das könnte dich auch interessieren

„Barbie“: Wie Mattel ein großer Marketing-Coup gelungen ist Life & Style
„Barbie“: Wie Mattel ein großer Marketing-Coup gelungen ist
Liebe in der Matrix: Wie virtuelle Realitäten das Dating revolutionieren Life & Style
Liebe in der Matrix: Wie virtuelle Realitäten das Dating revolutionieren
10 deutsche Traditionen, die ausländische Menschen verwirren Life & Style
10 deutsche Traditionen, die ausländische Menschen verwirren
Ältere Menschen am Steuer verursachen häufiger Unfälle Life & Style
Ältere Menschen am Steuer verursachen häufiger Unfälle
Geheimtipps für die Wohnungssuche – Studie zeigt, was Vermieterinnen und Vermieter wollen Life & Style
Geheimtipps für die Wohnungssuche – Studie zeigt, was Vermieterinnen und Vermieter wollen