Innovation & Future „BeReal“: authentischer Content für User:innen – und auch für Marken?

„BeReal“: authentischer Content für User:innen – und auch für Marken?

Ein Gastbeitrag von Jan-Niklas Schmidt, Geschäftsführer Kreation bei Buddybrand

Hurra, ein neuer Social-Media-Trend ist da. Er trägt den Namen BeReal – und ist eigentlich gar nicht so neu. Genauer gesagt haben die beiden Franzosen und Co-Gründer Alexis Barreyat und Kevin Perreau das soziale Netzwerk schon im Dezember 2019 in die großen App Stores gebracht.

Die Idee hinter BeReal trifft den Zeitgeist und ist zugleich wahnsinnig simpel. Anstelle von Doomscrolling, nerviger Werbung und „Accounts, die dir gefallen könnten“ siehst du nur eines: deine Freund:innen. Und selbst die kannst du nicht die ganze Zeit beobachten. Es geht darum, das reale Leben zu zeigen. Jede:r Nutzer:in soll sehen, was die eigenen Freund:innen just in diesem Moment machen.

Freund:innen aus den USA erzählten mir, dass es Momente gibt, in denen Menschen auf der Straße plötzlich zeitgleich stehen bleiben. Sie verharren und nehmen ein Foto mit ihrem Smartphone auf. Nein, dabei handelt es sich nicht um gechipte Smombies, sondern um BeReal-Nutzer:innen. Verrückt, oder?

Jan-Niklas Schmidt

Ob auf dem Klo oder in der Besprechung: BeReal ist die Zwei-Minuten-App

BeReal buhlt bewusst nicht um die Aufmerksamkeit der Nutzer:innen. Du hast richtig gelesen: BeReal ist nicht das nächste Instagram, TikTok oder Facebook, dem es gelingen möchte, dass wir möglichst lange – im Zweifel sogar ein paar Stunden – vor dem Smartphone hängen. Und das ist richtig gut!

Das Konzept der Hype-App ist einfach: Du bekommst einmal am Tag eine Push-Benachrichtigung. Die Nachricht ist mit einem kleinen gelben Ausrufezeichen versehen und weist dich darauf hin, dass du genau jetzt zwei Minuten Zeit hast, etwas zu posten. Sobald du die App öffnest, läuft ein Countdown. Dabei verspüre ich fast so etwas wie Stress – ich habe 120 Sekunden, um ein Motiv aufzunehmen.

Der Clou: BeReal nimmt mit deiner Front- und Selfie-Kamera gleichzeitig auf. Deine Freund:innen sehen also nicht nur, was du machst, sondern auch dein zerknautschtes Gesicht auf der Couch beim Binge Watching. Das ist vielleicht am Anfang unangenehm. Zugleich ist es doch so real. Andersherum gilt: Wenn deine Freund:innen deine BeReals sehen wollen, müssen sie auch selbst Fotos posten. Stille Zuschauer:innen-Accounts, wie wir sie von Instagram kennen, gibt es bei BeReal nicht. Wer etwas sehen will, muss auch etwas zeigen.

Doppelkinn und Einmal-Konsum statt Facetuning und Handy-Sucht

Und ganz ehrlich: Meiner Meinung nach brauchen wir mehr Realität. Studien zeigen, dass bei Jugendlichen der Wunsch nach Schönheits-OPs massiv steigt, weil sie durch soziale Medien ein falsches Bild vermittelt bekommen. Viel zu selten verraten uns Influencer:innen, dass die Taille retuschiert oder das Doppelkinn entfernt worden ist.

BeReal steht für mich für Body Positivity und Selbstliebe. Niemand ist perfekt – und das ist auch gut so. Wir – und vor allem die Generation Alpha, die mit Smartphone, iPad und Co. aufwächst – benötigen ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper, sollten dringend mehr Psychohygiene betreiben und Abstand zum Smartphone gewinnen. Eben das schaffen Alexis Barreyat und Kevin Perreau, indem sie ein soziales Netzwerk kreiert haben, das nur einmal am Tag spontan genutzt wird.

Keine Werbung, keine Unternehmen?

Tatsächlich zieht eine neue Social-Media-Plattform nicht nur Nutzer:innen, sondern auch innovative Unternehmenslenker:innen an, die die Chance wittern, den großen Wurf – und das große Geld – zu landen. Doch BeReal macht es findigen Markenverantwortlichen nicht unbedingt einfach. Es gibt keine bezahlte Werbung, keine Business-Accounts wie bei Instagram und auch keine Bearbeitungs- oder Planungstools.

Nichtsdestotrotz weckt BeReal bei Unternehmen natürlich enorme Begehrlichkeiten, allein schon aufgrund der Nutzer:innen-Zahlen. So kommt die App im August 2022 auf inzwischen zehn Millionen täglich aktive User weltweit. Und auch in den deutschen App Stores ist der Hype angekommen.

Dass BeReal für Unternehmen kein Potenzial bietet, ist übrigens nur die halbe Wahrheit. Auch im Businesskontext besteht die Möglichkeit, auf BeReal aktiv zu sein und junge Menschen für Marken zu begeistern. Alles, was Unternehmenslenker:innen dafür brauchen, ist der Mut zur Offenheit und eine Menge Kreativität.

BeReal als Unternehmen nutzen: Employer Branding und Rabatt-Codes

Falls auch du als Verantwortliche:r mit deiner Brand überlegst, auf BeReal durchzustarten, will ich dir aus meiner Erfahrung mit Social-Media-Trends zwei Denkanstöße mitgeben. Erstens: Von Instagram kennen wir alle die gestellten Hochglanzbilder professioneller Fotograf:innen, die uns zeigen sollen, wie wunderbar doch die Welt im Unternehmen X oder in der Agentur Y ist. Dass dieser Schein trügt, dürfte inzwischen klar sein.

BeReal bietet mit Blick auf das Employer Branding neue Chancen. Wer als Chef:in bereit ist, die Realität zuzulassen, kann Kolleg:innen ein Dienst-Smartphone geben, auf dem BeReal installiert ist – für echte Einblicke in ermüdende Konferenzen oder amüsante Mittagspausen.

Zweitens kann man mit Rabatt-Codes oder Coupons auf die eigene Marke aufmerksam machen. So setzte beispielsweise schon die mexikanische Fast-Food-Kette Chipotle auf BeReal, um junge Menschen in die eigenen Restaurants zu locken. Die ersten 100 Nutzer:innen, die den Code „FORREAL“ eingaben, bekamen eine kostenlose Vorspeise.

Wer als Unternehmen mitspielen will, muss meiner Meinung nach den Spirit von BeReal aufnehmen. Es geht nicht darum, Nutzer:innen mit der Werbekeule zu erschlagen. Stattdessen braucht es viel Feingefühl und Empathie, damit Marketing auf BeReal funktionieren kann. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Allerdings lohnt sich der Download so oder so auch für jede:n privat. Schließlich schadet ein bewusster Social-Media-Konsum mit mehr persönlichen Eindrücken niemandem.

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