Life & Style Streetwear-Legende: Karl Kani hat uns seine Geschichte erzählt

Streetwear-Legende: Karl Kani hat uns seine Geschichte erzählt

Ein Zwölfjähriger in Brooklyn, Anfang der Achtziger. Seine Mutter übernimmt die Nachtschichten im Krankenhaus, um ihm die katholische Privatschule bezahlen zu können. Er versucht, bei den anderen Kindern Eindruck zu machen. Aber sie lachen ihn aus: keine teuren Marken, kein Style.

An solche Szenen aus seiner Kindheit erinnert sich Karl Kani heute mit einer Mischung aus Abgeklärtheit und ja, irgendwie auch Dankbarkeit. „Ich bin zu meiner Mutter gelaufen und habe geweint. Ich brauche neue Kleider, sagte ich zu ihr.“ Ihre Reaktion: „Zeig mir mal deine Schuhsohlen. Da sind ja gar keine Löcher drin. Dann kommst du schon klar.“ Um sich seinen eigenen Stil zusammenkaufen zu können, hatte sie einen Rat für ihn: „Such dir einen Job.“

Und so wurde Karl zum Zeitungszusteller. Später hatten er und all seine Freunde einen kleinen Nebenverdienst – „aber am Wochenende waren wir immer dead broke“. Jedenfalls sieht er die Reaktion seiner Mutter heute als wertvolle Lektion. „Ich habe verstanden, dass dir nichts geschenkt wird.“

Karl Kani (rechts) und P. Diddy in einer Kani-Kampagne (oben)

Es war eine Lektion, die Karl Kani mit ein paar Umwegen zum „Godfather of Urban Streetwear“ machen sollte, wie „Forbes“ es ausdrückte, zu einem millionenschweren Modeunternehmer. Und die Anekdote sagt zugleich viel aus über das, was Kleidung bedeutet: dass man sich damit zu einem anderen Menschen macht. Dass man ein wenig über das hinauswachsen kann, was man sonst ist. Dass man sich den Kategorien entzieht, die die Welt sonst für einen übrig hat. Mit all ihren rassistischen, klassenbezogenen, kulturellen Vorurteilen.

Kani steht für „Can I?“

Karl Kani hieß eigentlich Carl Williams. Den Nachnamen hatte sein Vater angenommen, als er aus Panama einwanderte. Aber „Carl Williams Jeans“? Das hatte noch nicht den richtigen Sound. Kani, das spricht Karl aus wie „Can I?“. Eine Frage, ein Ausdruck von Selbstzweifel. Fast klingt es rückblickend wie eine Ironie der Geschichte, wie eine Antwort, dass Barack Obama mit dem Slogan „Yes, we can“ zum ersten nicht weißen Präsidenten der USA werden sollte.

Wenn man Kani heute zum Interview trifft, dann wirkt er wie ein Mann, der mit seinem Vermächtnis zufrieden ist. Der es genießt, für einen Auftritt mit viel Publikum aus den USA nach Hamburg zu fliegen (das er viel schöner als Berlin findet).

Aber zurück zu Carl Williams’ Vergangenheit, bevor er Karl Kani wurde. Mit 16 habe er mal vor einer Frau im Park glänzen wollen, erinnert er sich. Erzählt von den Outfits, die er designt hat. Aber sie glaubt ihm nicht. Zum Glück kam jemand vorbei, der Karls Design trägt, bestätigt die Geschichte. Aber: „Damals war auf meinen Kleidern noch kein Name zu lesen. Und da wurde mir klar: Es geht nicht nur darum, coole Kleidung zu entwerfen und etwas Geld zu verdienen. Ich musste mir einen Namen machen. Eine Marke aufbauen.“ Mit der handschriftlichen Signatur, die bis heute auf den T-Shirts zu sehen ist.

Die Stadt als Laufsteg

Und sie sind tatsächlich zu sehen, in der „Inner City“, wie Karl sagen würde. Wer sich heute durch Berlin-Neukölln oder durch den Bezirk Wedding bewegt, entdeckt die Kani-Signatur immer wieder. Die Viertel, die man mit nur einem Hauch Ironie als das Brooklyn Deutschlands beschreiben kann, sind Laufstege für die gestreiften Kani-Shirts. An Teenagern bis hin zu Papis und Mamis begegnet die Marke der aufmerksamen Beobachterin immer wieder.

Gehen wir zurück in die frühen Neunziger. Um das Besondere am Erfolg von Kani zu verstehen, muss man sich die damalige Zeit vergegenwärtigen: Thelma und Louise begeben sich auf einen Roadtrip durch die USA, der Fall O. J. Simpson spaltet das Land – und wo man auch hinschaut, tragen Männer einen paradoxen Stil zur Schau: bunte Sakkos, die zugleich schlabberig und steif wirken.

Das war für Breakdance nicht zu gebrauchen, wie Kani erklärt. Die Hip-Hop-Mode entstand aus praktischen Gründen. Man sollte sich darin gut bewegen können. Und weil das mit den Oversize-Sakkos eher schlecht funktionierte, entwickelte er den Streetwear-Stil. Er sollte noch einen enormen Einfluss entfalten, indem er Sportkleidung salonfähig machte.

Rap für Community

Aber es war eben auch eine Zeit, in der die Mainstream-Musikszene von Bryan Adams, Céline Dion und Mariah Carey dominiert wurde. Kani sagt: „Damals wurden Rapper wie Terroristen betrachtet, Public Enemy Number One. Rap war noch sehr politisch, es ging um soziales Gewissen. Darum, sich für die Community einzusetzen, die Gewalt zu beenden.“

Im Rückblick eine erstaunliche Entwicklung, sagt Kani: „Niemand hätte gedacht, dass Hip-Hop zu dem würde, was er heute ist.“ Die Aneignung von Underground-Kultur, von politischen Bewegungen diskriminierter und ausgegrenzter Menschen hat eine lange Tradition. Schwarze Traditionen hatten auch Funk und Soul hervorgebracht. Aber ab den 70er-Jahren war vom rebellischen Potenzial stetig weniger sichtbar – Disco, dieses Genre war das Überbleibsel. Ein fröhlicher Sound, der dem weißen Mittelschichtspublikum keine Angst machte. Und deswegen auch der Plattenindustrie zusagte.

Tupac x Kani: Ein Bild, das Karl beim Aufstieg half.

In den Neunzigern sollte auch der Rap eine ähnliche Entwicklung durchmachen: von der ungezähmten, politisch geladenen Kulturszene hin zu einem kommerziellen Produkt. Hin zu einem auch in den Suburbs dominanten Musikstil, und nicht nur das: zu einem markttauglichen, erstrebenswerten Lifestyle. Es war die Zeit, in der auch die Brand Karl Kani richtig groß wurde.

Legendäre Anzeige

Etwa durch die legendäre Tupac-Anzeige, die eng mit Kanis Durchbruch verknüpft ist: „Ich habe immer wieder Bilder von Tupac in Hip-Hop-Magazinen gesehen, in ,Word Up!‘ zum Beispiel. Aber damals konnte man so jemanden nicht einfach anrufen.“ Zum Glück kannte ein Freund von Karl einen Freund von Tupac. Sie arrangierten ein Treffen in einem Hotel in Beverly Hills:

„Wir führten ein sehr intelligentes Gespräch. Aber trotzdem war ich die ganze Zeit nervös, ob er mitmachen würde.“ Schließlich nimmt Karl all seinen Mut zusammen und fragt den aufstrebenden Star, ob er bei seiner Kampagne dabei sein würde. „Stille, man hätte eine Stecknadel fallen hören können.“ Und dann kam die Zusage. „Blacks don’t charge blacks“ – er berechnet nichts. Nur eine Bitte hatte Tupac: „Kannst du meine Crew mit in die Anzeigen aufnehmen?“

Diese Crew war die Gruppe Thug Life, zu der Tupac damals gehörte. Für Karl Kani ein Moment der Euphorie. Diesen Tribut zu zollen natürlich kein Problem. Kurzer Einschub: Thug Life übrigens steht für etwas anderes, als viele denken: Es ist die Abkürzung für „The hate u give little children fucks everybody“. Der Hass, den du Kinder spüren lässt, fällt auf alle zurück – um es mal frei zu übersetzen. Jedenfalls Ausdruck genau des politischen Bewusstseins der Rap-Kultur, auf das Kani anspielt. Und das für Tupac bedeutete, dass er Kani aus Solidarität unterstützen wollte, nicht für Geld.

Snoop Dogg, Aaliyah, Nas

Es sollten noch viele andere große Namen folgen: Aaliyah, Biggie Smalls, Nas, Snoop Dogg. Kani wird zu einer globalen Marke: Allein in Europa liegt der Umsatz im Jahr 1999 bei 80 Mio. D-Mark – um dann in einem guten Jahrzehnt auf quasi null zu fallen. Denn die Lizenzagentur in den Niederlanden flutet den Markt mit Produkten, die nicht ankommen. Kani ist 2013 am Boden, es ist generell nicht die beste Zeit für die Hip-Hop-Kultur – Lorde, die Arctic Monkeys und Miley Cyrus beherrschen die Charts.

Und hier kommt dann die Firma Snipes ins Spiel, außerdem zwei Deutsche namens Sven Voth und Simon Bus. Voth ist der Gründer, Bus der Entertainment- und PR-Chef der Streetwear-Handelskette Snipes. Voth gründete das Unternehmen im Jahr 1998. Später dann kaufte sich einer der ganz großen Namen der deutschen Fußgänger:innerzone mit Snipes auch ein bisschen Street-Credibility: Deichmann.

Voth, der einmal in einem Interview sagte, dass Karl Kani ihn lange versehentlich „Seven“ genannt habe, hat schon einige Jahre mit Karl zusammengearbeitet und die Marke als Sales Representative vertreten. Als deren Erneuerung bevorstand und Kani die Lizenzen neu vergab, fiel aufgrund der etablierten Zusammenarbeit die Wahl auf „Seven“ und Snipes. Auch wenn Kani sagt, dass es durchaus lukrativere Angebote gab.

Seither kümmert sich bei Snipes ein Team darum, dem Erbe der Marke gerecht zu werden. „Das funktioniert auch über die großartige Freundschaft von Sven und Karl“, sagt Simon Bus. „Karl kümmert sich sehr um die Marke und reist regelmäßig nach Europa, wenn nicht gerade eine Pandemie dazwischenkommt.“ Und das Team achtet auch darauf, den kulturellen Anspruch zu erhalten, dass es weiter eine Wechselwirkung zwischen Musik und Mode gibt wie in den Anfangszeiten von Kani.

Rap ist derzeit vielleicht massentauglicher denn je. Und Snipes sichert sich Collabs mit der spanischen Rapperin Santa Salut, J Lord aus Italien, Young Leosia aus Polen oder Badmómzjay aus Berlin. Das Unternehmen expandiert auch in den USA, bereits gut 300 Filialen gehören den Kölnern, knapp 700 weltweit. Das gelang mit einigen Zukäufen, wie etwa der Kette Jimmy Jazz. Sogar in Brooklyn ist Snipes so 20-mal zu finden. Und damit auch der Name Karl Kani. Vielleicht die beste Antwort auf die Frage: Kann ich?

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 4/22. Gregor Gysi, Claudia Obert und die Tiktokker Elevator Boys haben mit uns über Geld gesprochen. Außerdem haben wir Streetwear-Legende Karl Kani getroffen und unseren Reporter Dolce Vita auf der Modemesse Pitti Immagine Uomo genießen lassen. Hier geht es zur Bestellung – oder ihr schaut am Kiosk eures Vertrauens vorbei.

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