Leadership & Karriere Karriere der Zukunft: Coding-Bootcamp statt Berufsschule

Karriere der Zukunft: Coding-Bootcamp statt Berufsschule

Paul E. kam per Rad nicht ans Ziel. Das war im Fall des 32-Jährigen der nächste Schritt auf der Karriereleiter – mit einem besseren Gehalt. Nach einem Designstudium in London hatte er sich auf den Bau von maßgefertigten Fahrrädern spezialisiert. Nachfrage gibt es dafür an seinem Wohnort Berlin reichlich. Reich wird man damit aber nicht. Beim Einkommen ging es für Paul irgendwann einfach nicht über gut 2 000 Euro Monatsbrutto hinaus.

Er entschied sich zu einem großen Schritt. 10 000 Euro sollte der ihn kosten und ihn 15 Stunden an fünf Tagen pro Woche vor den Rechner bannen. Ein Drittel seiner Gruppe stieg nach dem Start aus. Das ist einkalkuliert. Harte Schule. Und doch hat E. das Bootcamp an der Spiced Academy nie bereut. Im Gegenteil: „Ich habe den Kurs mehreren Kumpels weiterempfohlen.“

Freiwillig in die harte Schule

Der Begriff Bootcamp erinnert an Rekrut:innenlager beim Militär oder an US-Umerziehungslager für aufmüpfige Jugendliche. Die sind für ihre brutalen Methoden bekannt, Insassen werden in kidnappingähnlichen Aktionen abgeholt. In die Coding-Bootcamps wiederum weist man sich stattdessen selbst und freiwillig ein.

Während die klassische Ausbildung an den Unis theorielastig daherkommt, versprechen Turbolehrgänge wie an der Spiced Academy sofort praxisnahe Fertigkeiten. Nicht immer, aber häufig sind es Programmierkurse. Die lassen auf besonders gut bezahlte Jobs hoffen – und schrecken viele Menschen im Erststudium ab, weil Informatik als trocken und wenig anwendungsorientiert gilt. Für Paul E. hieß es hingegen 100 Prozent Learning by Doing. HTML, CSS, Javascript. Vermittelt in bloß drei Monaten. In den Details weichen weitere Anbieter wie Career Foundry oder 42.fr ab. Aber die Idee bleibt: Druck formt Digitaltalent.

„Ich mag das so, lerne unter Druck besser“, sagt Paul. Dass er sich auf eine intensive Zeit einließ, das war ihm von Vorneherein klar. „Die haben mir gesagt, dass ich nichts nebenbei machen kann.“ Immerhin: Die Wochenenden konnte er sich freihalten. Aber Montag bis Freitag galt: Schlafen, essen, coden. Und am nächsten Tag das Ganze wieder von vorne.

Gehalt verdoppelt

Mit Erfolg. Heute arbeitet E. als Softwareentwickler bei einem großen Digitaldienstleister. Sein Gehalt hat er im Vergleich zum Fahrradbau mehr als verdoppelt. „Ich bin sehr zufrieden. Mein Hauptmotiv für die Veränderung war ja, besser zu verdienen.“

Die Bootcamp-Mentalität muss man dabei aber auch in die Phase des Bewerbens mitnehmen. Blogger Felix Feng etwa hat es so gemacht. Er berichtet von 291 Bewerbungen, die er verschickt habe. Um am Ende acht Jobangebote zu erhalten. Eine ernüchternde Erfolgsquote von 2,8 Prozent. Topgehalt aber immerhin 125 000 Dollar.

Seinen heutigen Job fand auch Paul E. erst ein Jahr nach dem Ende des Bootcamps und nach etwa 100 Bewerbungen. Er nutzte die Zwischenzeit, um sich selbstständig weiterzubilden.

Hinter der Entwicklung steht auch ein Kulturwandel: Zum einen nehmen die Alleinstellung und Strahlkraft klassischer Bildungsinstitutionen ab. Zum anderen suchen Digitalunternehmen sehr spezifische Fähigkeiten. Laut „Handelsblatt“ absolvierten im ersten Pandemiejahr 2020 knapp 25 000 Menschen in den USA ein Programmier-Bootcamp. Fünf Jahre zuvor waren es nur gut 10 000.

Allerdings ist die Entwicklung nicht aufs Programmieren beschränkt. Die Grundidee ist, sich nicht an Titeln und Uni-Diplomen festzuklammern, sondern Ergebnisse abzuliefern. „Ein Studium oder eine Ausbildung können ein Weg zu bestimmten Kenntnissen sein, aber es gibt auch andere Wege dorthin“, sagt Carolin Ochsendorf.

Google nimmt auch GeiWi

Sie ist Personalerin bei Google in Hamburg und stellt Vertriebsmitarbeiter:innen ein, die dann Großkunden betreuen. Es gehe bei dem Technologieweltkonzern auch ohne Studium oder abgeschlossene Ausbildung. Oder mit „Studium in Geisteswissenschaften, Sprachwissenschaften, Veterinärmedizin, BWL, VWL, Pädagogik und vielem mehr“. Ochsendorf selbst hat übrigens Psychologie studiert.

Der Google-Mitarbeiterin geht es dabei auch um Offenheit für Neues. „Je bunter gemischt, desto mehr Innovationskraft liegt in den Teams“, sagt Ochsendorf. Was sie berichtet, bestätigt eine alte Weisheit: Wenn die Chemie stimmt, dann kann man die konkreten Skills auch noch gemeinsam ausbauen. „Ist erwünscht, dass jemand die Programmiersprache SQL beherrscht, dies aber noch nicht kann, wollen wir die Person trotzdem einstellen.“ Es handelt sich um eine Bereicherung für das Team – und das muss dem neuen Teammitglied dann dabei helfen, sich diese Kenntnisse anzueignen.

Für die neue Arbeitswelt eine entscheidende Fähigkeit: „Mit kontinuierlichen Veränderungen umzugehen. Daher kann es einer Person leichter fallen, wenn sie im eigenen Werdegang schon häufiger damit konfrontiert war.“ Deshalb sei sie etwa von Bewerber:innen beeindruckt, die nicht aus einer Familie kommen, wo Abitur und Studium selbstverständlich sind.

Für Paul E. war übrigens die Spiced Academy nicht das erste Bootcamp. Auch den Fahrradbau hatte er in einem Intensivprogramm gelernt. Im vorherigen Job hat er fachfremde Fähigkeiten trainiert, die ihm heute als Entwickler helfen. „Fahrradrahmenbau, das ist kreatives Basteln und Problemlösen, Kundenwünsche verstehen.“ So sei er oft schnell darin, eine Lösung für technische Herausforderungen zu finden. „Mein Kollege kommt dann mit seinem technischen Wissen und poliert die Bastellösung, die ich gefunden habe.“

Dieser Kollege nämlich hat den klassischen Informatikerhintergrund und einen Uniabschluss. Der sich mit Pauls Anpack-Mentalität gut ergänzt. Um beim Fahrradbild zu bleiben: Sicher kann man das Fahren mit Bootcamp-Mentalität an einem Tag lernen. Um im Stadtverkehr klarzukommen, ist aber ein sorgfältiges Studium der Regeln der eigenen Gesundheit zuträglich.

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