Personal Finance Nur Bares ist wieder Wahres: Warum junge Menschen Cash lieben

Nur Bares ist wieder Wahres: Warum junge Menschen Cash lieben

In Dänemark ist Bargeld am Höhepunkt der Bedeutungslosigkeit angekommen. Es ist dort derart irrelevant, dass im Jahr 2022 kein einziger Banküberfall stattgefunden hat. Grund ist, dass sich der Einbruch nicht mehr lohnt: Zu wenig Bargeld lagert im Land nördlich der Grenze in den Tresoren. Ganz anders auf Tiktok: Unter der Gen Z ist es laut der US-Studie „Diary of Consumer Payment Choice 2021“ sogar ein beliebtes Zahlungsmittel im Alltag. Warum? Wegen, natürlich, Influencer:innen. Die haben das Phänomen Cash-Stuffing für sich entdeckt.

Beim Cash-Stuffing wird Bargeld allerdings nicht etwa unter die Matratze oder ins rosa Sparschwein gestopft, sondern in verschiedene Umschläge. Alles, was man dafür benötigen soll, ist ein kleines Ringbuch im A6-Format. Farbe nach Wahl. (Ein alter Leitz-Ordner war trotz gründlicher Recherche allerdings nicht zu erspähen.) In das Ringbuch werden dann durchsichtige Umschläge mit Zip-Verschluss eingeheftet. Die Funktionsweise von Cash-Stuffing ist simpel.

Und so geht’s

Laut der Bubble funktioniert das Ganze so: Zunächst verschafft man sich einen Überblick über die eigenen Finanzen, indem man die Fixkosten bezahlt und den Rest vom Konto abhebt. Dieses Geld wird auf verschiedene Umschläge verteilt, etwa: einen Fünfziger für Kino und Restaurants, einen weiteren für Shopping, vier Fünfziger für Lebensmittel und jeweils einen Zwanziger für Notfälle, Haushalt und Geburtstageschenke.

Auf der Rückseite des Umschlags findet sich dann ein sogenanntes Budget-Sheet. Das soll für den Überblick sorgen. Darin trägt man ein, wie viel Geld man im besagten Monat in den Umschlag gegeben hat und welche aktuelle Summe sich darin befindet. Gleiches gilt, wenn man Geld aus dem Umschlag für Anschaffungen entwendet. Heißt: rechnen, rechnen, rechnen. Neben den kleineren Kategorien gibt es noch groß angelegte Sparziele: den nächsten Urlaub, ein Auto, eine Immobilie oder auch die Nebenkostenabrechnung. Und ja, es ist schon extrem komisch, dass ausgerechnet in Zeiten hoher Inflationsraten das Geld wieder zu Hause gelagert wird.

Das alles kommt in der Gegenwart natürlich nicht ohne Gamification aus: Daher kann man auch an einer Challenge teilnehmen, zum Beispiel der Pfandflaschen-Challenge. Die Idee dahinter ist selbsterklärend. Bringt man seine Pflandflaschen zurück, lässt man sich den Betrag im Supermarkt bar auszahlen und stopft das Geld in den Umschlag. Das alles klingt katastrophal nach deprimierenden und prekären Zuständen, gerade mal zwei Jahre, nachdem der Nachwuchs mit Trading-Apps, Wallstreetbets und „To the Moon“-Geschrei die Welt der Investments für sich entdeckt hat.

Das moderne Haushaltsbuch

Immerhin: Die Gestaltung von Deckblättern für Cash-Stuffing ist auf Etsy bereits ein kleines Geschäftsmodell. Einige Nutzer:innen entwerfen verschiedene Designs und Challenges für die Sparmethode und bieten die Vorlagen meist für 3 bis 5 Euro als PDF zum Ausdrucken an. Andere Finanz-Influencer:innen verderben den Markt und stellen diese auf Instagram kostenlos zur Verfügung.

Im Prinzip ist Cash-Stuffing ein modernes Haushaltsbuch. Es ist wie der Trend Journaling, hier allerdings mit Geld. Eigentlich nur folgerichtig, nachdem in den vergangenen Jahren nette Ausmalbücher zu den Themen Karriere und Lebensziele die Runde gemacht haben. Es ist ein Trend für Menschen mit zu viel Zeit, wenig Stress und noch viel weniger Verantwortung. Nur so lässt sich erklären, warum man sich das Leben bewusst schwer macht. (Die Regeln sehen vor, dass Spontankäufe untersagt sind – für jeden Kauf muss der dazugehörige Umschlag mit ins Geschäft geführt werden.)

Cash-Stuffing jedenfalls schafft es, das altmodische Sparbuch mit seinen Winzzinsen wieder fortschrittlich erscheinen zu lassen. Keine kleine Leistung.

Da ist das Ding! Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das ewige Leben. Was geht bei KI, Kryotechnologie, Longevity und Brain-Uploads? Außerdem: Hollywoods Indie-Genie Todd Field über Cancel-Culture, ein Graf aus Bayern begeistert die Gen Z auf Tiktok mit Benimm-Videos und wir haben uns die Startupszene von Stockholm genauer angesehen. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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