Life & Style Die Traum-Villa für 1 Euro? Warum das in Italien möglich ist

Die Traum-Villa für 1 Euro? Warum das in Italien möglich ist

Dolce Vita gegen eine Münze: Italien bietet immer mehr Ein-Euro-Häuser an. Was steckt dahinter – und lohnt sich der Kauf?

Ein Besuch in Italien ist seit jeher gelebte Erholung: Die Sonne scheint so wunderbar warm, als Beschreibung der Landschaft haben andere Menschen ganze Großwerke verfasst, und auch die Preise sind trotz Euroraumzugehörigkeit Balsam für den Mitteleuropäer:innen.

Das hat sich seit ein paar Jahren auch auf die Hauspreise übertragen. Mittlerweile werben immer mehr italienische Gemeinden damit, Immobilien für einen Euro zu veräußern.

Bereits 2019 las Rubia Andrade aus den USA das erste Mal von den Ein-Euro-Häusern in Italien. „Natürlich ist der erste Gedanke, dass das nicht wahr sein kann. Ich musste es vor Ort sehen“, sagte die Amerikanerin 2021 gegenüber der „Washington Post“.

Sie flog nach Mussomeli, ein Städtchen mitten auf Sizilien, um sich ein Bild von den ungewöhnlich günstigen Immobilien zu machen – und kehrte mit einer neuen Immobilie im Gepäck zurück.

Es begann in Salemi

Die Idee der Ein-Euro-Häuser ist allerdings schon viel früher entstanden, nämlich 2008. Vittorio Sgarbi, Bürgermeister, Kunstkritiker und umtriebige TV-Bekanntheit aus der 10 000-Seelen-Provinz Salemi, war damals der Erste, der ein Haus für nur einen Euro anbot. Die Bedingung für den Kauf: Der Käufer musste das Haus innerhalb von zwei Jahren auf eigene Kosten restaurieren.

Die Reaktion der Einheimischen: Aufschrei. Unklare Eigentumsverhältnisse, außerdem wollte sich natürlich die Mafia gleich einmischen. Man verstand das Angebot damals nicht sofort als Ansiedlungsprojekt – als Vorhaben, das den enormen Bevölkerungsschwund in den italienischen Provinzen stoppen könnte. Das Erfolg hatte: Denn international wurde großes Kaufinteresse geweckt.

Heute, 15 Jahre später, sind gleich mehrere Kommunen dem Beispiel von Sgarbi gefolgt: unter anderem Sizilien, Apulien, Kalabrien und die Toskana. Alles beliebte Urlaubsziele, die aber schon lange nicht mehr von Ferienzeit bis Ferienzeit planen und wirtschaften können, sondern dringend langfristige Perspektiven benötigen.

Der Haken liegt allerdings auf der Hand: Die angepriesenen Ein-Euro-Häuser erweisen sich fast allesamt als schwer baufällig, gleichen teilweise glorifizierten Ruinen. „Die Dächer sind eingestürzt und die Böden aufgerissen. Viele sind mit toten Tauben oder Ungeziefer übersät“, heißt es in der „Washington Post“.

Ein Projekt für den ganzen Freundeskreis

Zustände, die die italienischen Provinzen allerdings nicht davon abhalten, ihre Immobilien Interessent:innen auf der ganzen Welt anzubieten. Sgarbi rechtfertigt sich: „Wir denken an Leute, die die Sensibilität und die wirtschaftlichen Mittel haben, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.“

Es ist ein Vorhaben, das man vor allem jungen und abenteuerbegeisterten Menschen zumuten kann, und um die geht es ja beim Verjüngungsprojekt auch in erster Linie. Warum nicht mit Freund:innen zusammentun, jeder wirft Geld in den Topf, und gemeinsam päppelt man das Objekt wieder auf?

Das investierte Geld zur Renovierung kommt den Unternehmen vor Ort zugute, die jungen Zugezogenen können dank Remote Work nebenbei ihrem Hauptjob nachgehen.

Auch Rubia Andrade hat sich vom Zustand der Häuser nicht abschrecken lassen. „Selbst mit den Gebühren und den Kosten für die Renovierung kostet es weniger als ein Timeshare in den USA“, sagte sie gegenüber der „Washington Post“.

Und auch in Deutschland haben die nachträglichen Renovierungskosten einige Interessent:innen nicht abschrecken können. Zum Beispiel Susanne Heinson aus Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie im Jahr 2017 ein Haus im sizilianischen Sambuca für einen Euro gekauft – und verbringt dort jedes Jahr mehrere Monate, erzählt sie der „Berliner Morgenpost“.

Von der Ruine zur Villa

Der Zustand des Hauses: eine „Ruine mit eingestürztem Dach“. Egal: „Viele Menschen aus den USA, Deutschland und der Schweiz haben uns besucht, sich in Sambuca verliebt und ein Haus, auch auf dem Privatmarkt, gekauft“, sagt Giuseppe Cacioppo, der Vizebürgermeister Sambucas.

Das schreit natürlich alles geradezu danach, von Plattformen besetzt zu werden. Dementsprechend mischt Airbnb den Ein-Euro-Häuser-Markt mittlerweile auf. „Mit uns kannst du nach Sizilien ziehen, im wunderschön restaurierten Ein-Euro-Reihenhaus wohnen und Gäste empfangen“, steht auf der Website von Airbnb.

Airbnb hat das Portemonnaie aufgemacht, Schnäppchenhäuser gekauft und renoviert. Dann wurden Leute gesucht, die in Sambuca Gastgeber:in werden wollen. Die Person wohnt mietfrei im Haus und kümmert sich um das Inserieren.

Foto: Airbnb

Wobei hier gesagt werden muss, dass es sich beim Namen „Ein-Euro-Haus“ oft um das Mindestgebot handelt. Am Ende wird das Anwesen dann für deutlich mehr verkauft, im Schnitt sollen es 25 000 Euro sein. Was trotzdem nicht viel ist, wenn man sich überlegt, ab welchem Tarif man in Deutschland mit seinen vielen, vielen grauen Monaten einsteigen muss.

Schauen wir nach nebenan in eine andere Region: Auch bei den Immobilienangeboten in Presicce handelt es sich nicht um Ein-Euro-Häuser, der Twist hier besteht in einer Art Cashback-System. Die Besonderheit: In Presicce bekommt man für den Kauf eines Hauses eine „Belohnung“ von 30 000 Euro.

„Es gibt viele leere Häuser im historischen Zentrum, die vor 1991 gebaut wurden und die wir gerne mit neuen Bewohnern wiederbeleben würden“, sagt Stadtrat Alfredo Palese gegenüber „CNN“. Die Prämie gibt es allerdings nur, wenn man es auch wirklich ernst meint.

Tiktok-Kommunen bald auch in Italien?

Und das bedeutet, dass man in Presicce offiziell seinen Wohnsitz anmeldet. Auch hier ist die Hoffnung, dass man die Region verjüngt – idealerweise mit Menschen, die in der Lage sind, Kapital in die Region zu bringen.

Auch die nächste Stufe lässt sich leicht vorausahnen: Wer in den letzten Jahren den massiven Erfolg der Tiktok-Villen in Los Angeles und Umgebung mitbekommen hat, kann sich vorstellen, dass eine ganze Horde an Creators in den Startlöchern steht, um möglichst billig Content in weichem Sommerlicht zu erstellen.

Denkbar wäre, dass hier junge Digitalkommunen zusammenkommen, um gemeinsam Objekte zu renovieren und anschließend zusammenzuleben. Gut erreichbar, geringe Kosten, offenbar dankbare Verwaltung. Eigentlich eine schöne Vorstellung: viele kleine Kliemannsländer in der Sonne.

Da ist das Ding! Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das Thema Immobilien und den Traum vom Eigenheim. Außerdem haben wir Netflix-Showrunnerin Anna Winger getroffen und die Brüder Ahmed und Mike Chaer, die deutsches Wrestling groß machen wollen. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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