Life & Style Ahmed Chaer: „Wrestling ist die ehrlichste Form des Entertainments“

Ahmed Chaer: „Wrestling ist die ehrlichste Form des Entertainments“

Let the Show begin

Ein Sonntag im März im Festsaal Kreuzberg beim „Light Heavyweight World Cup ’23“ . Acht Wrestler kämpfen um den Titel. In der Mitte des Saals der Ring. Davor die Bühne, auf der sich die Wrestler vor dem Kampf präsentieren. Rechts davon sitzen Techniker an Laptops, Angestellte bereiten die Getränkebar vor. Links Lounges mit roten Ledersofas. Unmittelbar hinter, vor und rechts neben der Bühne stehen schon die Stühle für die Zuschauerinnen und Zuschauer bereit.

„Wrestler waren für mich wie reale Superhelden“

LJ Cleary

Mit einem Klemmbrett unter dem Arm bespricht Ahmed mit den Wrestlern grobe Abläufe und gibt Anweisungen. Die Stimmung ist entspannt. Evil Jared, bekannt als Bassist der Rockband Bloodhound Gang und Kotz-Koryphäe bei Joko und Klaas, läuft vorbei und grüßt. Überhaupt: Alle grüßen. „Auch Backstage müssen sich Wrestler einen Namen machen“, sagt Mike. „Ich würde immer den respektvollen und weniger talentierten Wrestler einem Arschloch vorziehen und empfehlen.“ Im Ring besprechen Wrestler aufwendige Moves. Verständigt wird sich nämlich in „Wrestlingsprache“, viele Bewegungsabläufe sind festgeschrieben.

LJ Cleary aus Irland feiert heute sein Debüt beim GWF: lange, lockige, schwarze Haare, trägt eine enge, lange, grün glitzernde Hose mit weißen Streifen auf den Seiten. Auf dem Po sein Gesicht im Comic-Stil. An der Seite steht sein langer Spitzname „It’s a Beautiful Life“. Dazu eine lila-weiße College-Jacke. Sein Auftreten hat etwas von einem Glamrocker ohne Schminke. Der 24-Jährige ist einer der wenigen, die Vollzeit-Profiwrestler geworden sind. „Seit ich drei bin, bin ich besessen vom Wrestling“, sagt er. „Wrestler waren für mich wie reale Superhelden.“

Ein Buch von Wrestler Chris Jericho ermutigte ihn, auch ohne ein übertrieben riesiges Muskelpaket zu sein. Laut Cagematch, einer Wrestlingdatenbank, kämpfte Cleary letztes Jahr in 24 verschiedenen Promotions, hatte insgesamt 74 Matches in Irland, Belgien, Italien, England, Deutschland und Spanien. Dieses Jahr wurde er bereits von acht Promotions gebucht und stand für 14 Shows im Ring. Der Sport selbst sei für Cleary keine Herausforderung sagt er, dafür aber das viele Sitzen in Flugzeugen, Zügen und Bussen sowie die richtige Trainingsbalace zwischen Wrestling und Fitnessstudio. „Muskelkater ist das Schwierigste am Wrestling.“ Was der größte Unterschied zwischen ihm und seinem Gimmick ist? Es gibt keinen, sagt Cleary. Er sei im Ring meistens er selbst. Als Babyface spielt er seine fröhlichste Version, als Heel geht er seinem Gegner auf die Nerven und ist weinerlich. „Ich weiß, dass ich nicht sehr einschüchternd aussehe“, sagt Cleary. „Jemandem drohen, dass ich ihn umbringen würde, wäre unglaubwürdig.“

„Wenn ein Wrestler auf der Bühne steht, hat er Klamotten im Wert von 3 000 bis 4 000 Euro an“

Mike Chaer

Einer seiner Mitstreiter – aber kein direkter Gegner im Ring – ist heute Crowchester. Seine Augen sind mit Kajal umrandet, er trägt eine schwarze, mit Federn besetzte Maske, die eine Art Schnabel hat. Dazu ein enges, kurzes, schwarzes Höschen mit einer Krähe darauf. Seit zwei Jahren bucht ihn die GWF für ihre Shows. Mit Wrestling angefangen hat er erst vor vier Jahren, mit 22 Jahren. Relativ spät, aber er wollte erst mal herausfinden, wie es ist, im Job zu arbeiten, sprach mit befreundeten Wrestlern, die ihm rieten, einen Hauptverdienst zu haben.

Also arbeitet Crowchester als Head of Payment bei einer Bank in Hamburg. Was sein Bürojob und Wrestling gemeinsam haben? „Hierarchien“, sagt er. Wrestling sei stark strukturiert. Der Boss macht Ansagen, die anderen folgen. Sein Gimmick ist inspiriert vom Film „The Crow“ mit Brandon Lee. Und auch wenn sein Auftreten mystisch wirkt, ist er im Ring ein Babyface. „Ich liebe es, der Gute zu sein und mit dem Publikum zu interagieren“, sagt er. „Ich bin auch mehr der akrobatische Wrestler, weil ich früher Parkour gemacht habe. Wenn das Publikum mich bejubelt, habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird.“ Um sich in die richtige Stimmung zu bringen, egal welche, hört er russische Volksmusik oder Metal. Dann geht’s in den Ring.

Auf die Fresse!

Mittlerweile sind 650 Leute im Festsaal Kreuzberg. Die Veranstaltung ist ausverkauft – wie immer. Licht aus, Spotlight an. „Auf die Fresse, auf die Fresse, auf die Fresse“, brüllt das Publikum. Eine Kick-off-Veranstaltung mit weniger erfahrenen Wrestlern und Wrestlerinnen heizt dem Publikum ein. Dann steht das erste Match des Abends an: Crowchester gegen Tim Stübing. Stübing steht auf der Bühne, präsentiert sich von allen Seiten und zerreißt ein Pappplakat von einem Fan mit der Aufschrift: „Keiner mag den Tim.“ Die knappen Outfits haben übrigens einen stolzen Preis: „Wenn ein Wrestler auf der Bühne steht, hat er Klamotten im Wert von 3 000 bis 4 000 Euro an“, sagt Mike. Und dann haben sie gleich mehrere Outfits im Schrank, um etwa auf Reisen ausweichen zu können, falls der Gegner die gleichen Farben tragen sollte. Sonst reist man eher leicht – allein um zu vermeiden, dass das Zeug aus Autos gestohlen wird. „Ist schon oft passiert“, sagt Mike. „Mir nicht, aber Schülern von mir.“

Genau 13 Minuten lang kämpfen Crowchester und Stübing. Ihre Rücken sind vom Fallen knallrot. Während das Publikum Crowchester anfeuert, disst es Tim mit Gesängen: „Keiner mag den Tim, mag den Tim, keiner mag den Tim.“ Plötzlich liegt Crowchester am Boden, Stübing setzt sich mit dem Rücken auf seine Brust, hebt Crows Bein an und streckt die Zunge raus. Der Schiedsrichter schmeißt sich auf den Ringboden, und schlägt dreimal drauf. Ding, ding, ding macht die Glocke. Sieg für Stübing.

Ist es frustrierend, dass Sieg oder Niederlage vorbestimmt sind? „Die Show und die Unterhaltung stehen im Vordergrund“, sagt Crowchester. „Wir werden nicht mit Siegen belohnt, sondern mit Versprechen von Promotern, uns eine Plattform zu bieten. Dann hat sich das Training ausgezahlt.“

„Wenn deutsches Wrestling im TV startet, wird es genauso schnell wachsen wie das amerikanische“

Mike Chaer

Backstage verfolgen die anderen Wrestler die Matches. Es gibt mehrere Räume mit Sofas zum Umziehen und Austausch. Manche gehen im Gang Griffe durch, andere machen auf der Treppe noch ein paar Liegestütze, und wieder andere stehen am Buffet. Es gibt Nudelsalat, Gemüserohkost und Blätterteigtaschen. Ahmed und Mike verfolgen hinter der Bühne auf mehreren Monitoren die Veranstaltung. Jetzt ist LJ Cleary dran. Auch er hat an dem Abend bei seinem Debüt kein Glück. Der Moderator kündigt ihn als „Irish Wrestling MVP“ an.

Cleary legt los: Er reißt seinem Gegner die Cap vom Kopf und wirft sie ihm anschließend vor die Füße. Vom Publikum gibt es dafür Buhrufe. Mit einem zweifachen Salto und Body-Slam beendet Gegner Peter Tihanyi das Match. Trotzdem: Schaut man sich das Ganze nachträglich auf Youtube an, wertet der Kommentator die Performance von LJ Cleary als herausragend. Gelungenes Debüt.

Die Stimmung in der Festhalle Kreuzberg ist mitreißend. Die Fangesänge so eingängig, dass man schneller „auf die Fresse“ brüllt, als einem lieb ist. Immer wieder gerät man ins Staunen, vor allem wenn die Wrestler sich gegenseitig aus dem Ring werfen oder mitten im Publikum kämpfen. Turntraumata werden hier nicht ausgelöst, eher Faszination und Respekt vor der Leistung der Wrestler. Ahmed sagt dazu auch „Live-Action-Movie“. Hier im Festsaal Kreuzberg versteht man GWF.

Am Ende ihrer Ziele sind die Chaers aber noch nicht. Als Nächstes wollen sie ihre eigene Halle, in der sie ihre Schülerinnen und Schüler trainieren können. In Berlin bekommen Ahmed und Mike nur die Sonntage für Shows, die Locations verdienen mit klassischen Partys an den Bars mehr. Und dann wollen sie deutsches Wrestling noch ins TV bringen. Erste Gespräche mit Sendern laufen. Mittlerweile kann man auch von der WWE entdeckt werden, wenn man sich hierzulande einen Namen macht. Denn laut Mike hat die WWE die GWF im Blick. „Wenn deutsches Wrestling im TV startet, wird es genauso schnell wachsen wie das amerikanische“, sagt Mike. Ahmed will Wrestling in Deutschland so etablieren, dass man davon leben kann. Dann müsse auch niemand mehr in die USA auswandern.

Da ist das Ding! Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das Thema Immobilien und den Traum vom Eigenheim. Außerdem haben wir Netflix-Showrunnerin Anna Winger getroffen und die Brüder Ahmed und Mike Chaer, die deutsches Wrestling groß machen wollen. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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