Life & Style Ahmed Chaer: „Wrestling ist die ehrlichste Form des Entertainments“

Ahmed Chaer: „Wrestling ist die ehrlichste Form des Entertainments“

„Wir sind die dümmsten Manager der Welt“, sagt Hussen Chaer, besser bekannt als Crazy Sexy Mike. Er sitzt auf einer schmalen Holzbank in der Sporthalle einer Schule im Berliner Bezirk Neukölln. Mike und sein Bruder Ahmed trainieren hier Anfänger und Fortgeschrittene im Wrestling und bauen Karrieren auf. Für das Management der Schüler nehmen sie keinen Cent. Deren Erfolg ist für die beiden die Bezahlung. Dumm? Oder nobel?

Durch die Halle tönt ein dumpfer Schlag. Dann noch einer. Und noch einer. Zwischendurch Schreie und lautes Klatschen, als hätte jemand eine Ohrfeige kassiert. Es riecht nach Schweiß. Die holzvertäfelten Wände und der grüne Linoleumboden rufen Turnsport-Traumata hervor. Auf den Sporthallenmatten greifen die Arme und Beine zweier Männer ineinander. Wie beim Spiel „Twister“. Knapp daneben lässt sich jemand seit einer Stunde auf den Rücken fallen.

Erste Wrestling-Schule in Deutschland

Wrestling, erinnert man sich, hatte seine Blütezeit in den 80er- und 90er-Jahren. Muskelbepackte Fleischberge in knappen Glitzeroutfits mit Ringnamen, die nach der ersten eigenen Hotmail-Adresse klingen. The Honky Tonk Man. Rowdy Roddy Piper. The Ultimate Warrior. 1995 gründeten in Berlin auch die beiden Chaer-Brüder ihre erste Promotion, sprich Liga, und Wrestlingschule namens German Wrestling Federation (GWF).

Ihre Leidenschaft fürs Wrestling haben Ahmed und Mike von Bud Spencer und Terence Hill. Sie spielten die Prügelszenen aus den Filmen nach, dann sahen sie mit ihrem Vater eine Wrestlingsendung – und waren begeistert. „Unser Onkel erzählte uns, dass unser Vater im Libanon Wrestler war. Das wussten wir gar nicht. Ab da haben wir ihn genervt, dass er uns alles beibringen soll.“

Die Ringkarriere der beiden begann bescheiden. Sie reisten durch Deutschland und zahlten dafür, als Wrestler auftreten zu dürfen. Denn Ahmed und Mike brachten den US-Stil mit, und sie waren die Ersten in der weniger muskelbepackten Mittelgewichtsklasse. Die war 1994 nicht wirklich gefragt. Was zur Folge hatte, dass die Chaer-Brüder gegeneinander kämpfen mussten. Für die Veranstalter natürlich nicht ideal. Ahmed durfte seinen Namen behalten, Hussen wurde zu Crazy Sexy Mike.

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LJ Cleary im Backstage. ©Jan Philip Welchering
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Momentaufnahme kurz vor dem Fall. ©Jan Philip Welchering
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Crowchester macht sich ready. ©Jan Philip Welchering
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Die Trophäe, um die es an dem Abend geht. ©Jan Philip Welchering
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Unsere Redakteurin Nicole durfte auch mal ein paar Moves testen. ©Jan Philip Welchering
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Detailaufnahme Outfit Crowchester. ©Jan Philip Welchering
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Vor der Show wird sich warm gemacht. ©Jan Philip Welchering

Er spielte im Ring dann den Heel, sprich den Bösen, der das Publikum provoziert. Bunte, knappe Höschen und lang geflochtene Zöpfe machten den Look komplett.

Die Wrestlingklamotten bestellten Mike und Ahmed anfangs noch in den USA, Mexiko und Japan. Alles Maßanfertigungen. Bloß Tank-Tops gab es nicht. Mike bekam den Tipp, in Berliner Sexshop zu suchen. Dort ging er mit einem Kollegen hin – und siehe da: „Ich fragte nach, ob die Tanktops reißfest sind“, sagt er. „Der Verkäufer meinte nur: ,Kommt drauf an, wie hart dein Kollege ist.‘“

In den Sommermonaten, in denen keine Shows stattfanden, verdienten die beiden ihren Unterhalt mit Kirmes-Catchen. 2005 lebte Ahmed dann einen Monat in Amerika bei Dwayne Johnson aka The Rock, dem Wrestler, der mittlerweile in jedem zweiten Kinoblockbuster zu sehen ist. Dort lernte Ahmed, fürs Fernsehen zu wresteln, seine Mimik auf die Kamera auszurichten, nicht aufs Publikum.

Ein neuer Aufwind

Und jetzt? „Wrestling erlebt wieder einen Boom“, sagt Mike. Der ist auch am Markt zu erkennen. Erst im Februar widmete „Bloomberg“ die Titelstory Tony Khan, Nepo-Baby und Gründer der Promotion All Elite Wrestling (AEW). Die steht in den USA in direkter Konkurrenz zu der wohl größten Liga überhaupt: der World Wrestling

Entertainment (WWE). Khan gab seit der Gründung 2019 Dutzende Millionen aus, um die Liga aufzubauen und Stars aus der WWE zu engagieren. Er rekrutierte aber auch Wrestlingtalente aus Nachtclubs und Bingohallen. „Wenn ein Millionär eine Gegenpromotion zur WWE aufbaut und mit Wrestling Geld machen will, zeigt das, dass viel Potenzial in diesem Markt liegt“, sagt Ahmed.

„Wrestling ist die ehrlichste Form des Entertainments“

Ahmed Chaer

Im letzten Jahr nahm die AEW mehr als 100 Mio. Dollar ein, die WWE 1,2 Mrd. Dollar. Beides Rekordzahlen. Außerdem gehört der Youtube-Channel der WWE mit mehr als 93 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten zu den zehn größten der Videoplattform. „Bei der AEW gibt es viele Wrestler, die auf Leistung abzielen und nicht wie typische Wrestler aussehen“, sagt er. „Die WWE hingegen will nur Leute, die nicht wie Menschen aussehen.“ Der WWE wirft man vor, überaus kommerziell zu sein. Superstars seien wichtiger als gute sportliche Technik. „The Rock ist aber ein super Wrestler, der nicht viele Moves braucht,“ sagt Ahmed. Daher würden Schüler das Repertoire auch schnell beherrschen.

Doch dank Herausforderern wie der AEW kann der Markt wachsen. Der Druck für Wrestler und Wrestlerinnen, gut zu performen, sei heute größer als damals, sagt Mike. In den Neunzigern gab es hauptsächlich US-Wrestling. Mittlerweile existieren in jedem Land mehrere Promotions und Athleten, die alle körperlich an ihre Grenzen gehen. „Es gibt nur einen Sport, der noch undankbarer ist als Wrestling, und das ist Bodybuilding“, sagt Mike. „Ist der Hype um den Wrestler vorbei, muss er sich wieder von unten hochkämpfen.“ Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll sollte man also eher bleiben lassen. Mike kennt viele Wrestler, die noch im hohen Alter im Ring standen. „Nicht weil sie wollten, sondern weil sie wegen ihres Partylebens keine Kohle hatten.“ Die jetzige Generation sei da anders, nehme Wrestling ernster.

Zwischen Ring und Filmset

Zudem ist der Sport offener geworden. Athleten, die nicht dem Muskelklischee entsprechen, haben heutzutage gute Chancen. Übrigens auch Wrestlerinnen. Und auch die Shows selbst haben sich weiterentwickelt. Wie gut gescriptete Serien leben sie mittlerweile von ausgeklügeltem Storytelling.

Dafür ist bei der GWF Ahmed zuständig. Er entscheidet, wer gegen wen in den Ring steigt. Bei der Entwicklung der Storys achtet er auf das Können der eigenen Talente, bucht aber auch internationale Stars dazu. Die Storylines sind ein Balanceakt zwischen Überraschungen und Fanservice. „Wrestling macht man fürs Publikum“, sagt er. „Es ist die ehrlichste Form des Entertainments, die es gibt. Zuschauer bekommen, was sie erwarten: überzogene Charaktere, die sich in spektakulärer Art und Weise als Gut gegen Böse auf die Schnauze hauen.“

Die Shows, die Ahmed und Mike veranstalten, sind der größte Teil ihres Geschäftsmodells und damit auch ihre größte Einnahmequelle. Zudem gab es mal eine Paid-Membership über Patreon, mittlerweile sind die Inhalte – wie die Serie „Machtkampf“ – aber über den Youtube-Kanal frei zugänglich. Für 10 Dollar kann man Member werden. Hinzu kommen noch Erlöse aus Merchandise und gelegentliche Kooperationen mit Werbepartnern sowie die Einnahmen aus ihrer Wrestlingschule.

„Wrestler müssen arbeiten wie Influencer“

Mike Chaer

Für das Management ihrer Talente nehmen sie wie erwähnt kein Geld. Dazu kümmern sich die beiden um die Buchung der Schüler bei Promotions, verschicken deren Fotos, übermitteln Kleidergrößen, übernehmen Gehaltsverhandlungen für sie, bringen ihnen bei, wie man sich in diesem Biz verhält, und vermitteln sie letztlich noch als Stuntmen ans Fernsehen. Dahin hat die GWF gute Kontakte und ist die einzige Promotion in Deutschland, die das bieten kann. Die Aufträge reichen von Hollywoodproduktionen bis zur Serie „4 Blocks“, in der zwölf Schüler mitgespielt haben. Und auch Ahmed und Mike arbeiten immer wieder als Stuntmen. Ahmed hat bei „The Matrix Resurrections“, „Gunpowder Milkshake“ und „Babylon Berlin“ mitgespielt. „Je mehr man unsere Wrestler im TV sieht, desto höher wird ihr Marktwert und der unserer Promotion”, sagt Mike. Nichts Ungewöhnliches: Schauspieler wie Hulk Hogan, John Cena und eben Dwayne Johnson begannen ihre Karrieren im Ring.

Side-Hustle im Ring

Außerdem ist es für die Wrestler gut verdientes Geld. Die meisten Promotions gehören zum Independent Wrestling, bei dem die Wrestler pro Show gebucht werden und dafür eine Gage bekommen. Feste Jahresverträge gibt es nur bei der WWE und AEW. „Der Großteil der Wrestler bekommt im Monat so viel wie bei einem Minijob“, sagt Ahmed. „Nur wenige können ausschließlich vom Wrestling leben.“ Wrestling als Side-Hustle also. Ein Side-Hustle, der unheimlich viel Zeit fürs Training in Anspruch nimmt und deswegen nur schwer mit einem Bürojob zu vereinbaren ist. Nebenbei müssen die Wrestler auch noch Personal Branding betreiben. Jedes Talent ist seine eigene Marke und muss auf Social Media präsent sein. „Wrestler müssen arbeiten wie Influencer“, sagt Mike.

Der Selbstversuch zeigt: Jemanden einfach nur in den Schwitzkasten zu nehmen reicht nicht. Mit der linken Hand schnellt man an den Nacken des Gegners, zieht ihn im gleichen Tempo an die Brust und schiebt sofort den rechten Arm unter sein Kinn, sodass die Hände ineinandergreifen, ohne sich zu verhaken, sonst können sie leicht brechen. Letztlich hebt man das Kinn des Gegners mit den Daumen an, damit der sein schmerzverzerrtes Gesicht dem Publikum zeigen kann. Für einen selbst gilt: Brust raus. Das Gefühl der Dominanz in diesem Moment ist schon ganz geil. Wird man selbst in einen beliebigen Griff genommen, muss man es geschehen lassen und Positionen aushalten, bei denen es im Arm oder Bein zieht. Frühestens nach einem Jahr Training darf man in den Ring.

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