Personal Finance Das Startup Figures will für mehr Gehaltstransparenz beim Bewerben sorgen

Das Startup Figures will für mehr Gehaltstransparenz beim Bewerben sorgen

Bei einer Sache haben deutsche Behörden mehr New-Work-Prinzipien verinnerlicht als die meisten Startups: Sie geben in Stellenausschreibungen die Entgeltgruppe an. Das grauenvolle und alberne Gehalts-Pingpong wird dadurch vermieden. Bei dem heißt es am Ende in der Regel ohnehin meist „Spiel, Satz und Sieg für die Personalabteilung“ – und man bewirbt sich weiter.

Warum das Ganze? Fehlende Gehaltstransparenz im gesamten Markt, so lautet die Antwort von Virgile Raingeard. Startups hätten keine Ahnung, wie viel die Konkurrenz bezahlt oder wie aktuelle Gehälter aussehen. Aus diesem Mangel gründete er 2020 in Paris Figures, eine Vergütungsplattform, die auf einem Benchmarksystem basiert. HR-Abteilungen können darin Gehälter anderer europäischer Tech-Unternehmen einsehen. Die Daten werden in Echtzeit geliefert. „Nur durch Vergleiche können Startups ihre Angestellten bestmöglich bezahlen“, sagt Raingeard.

Von der Excel-Tabelle zur Plattform

Begonnen hat Figures mit einer Excel-Tabelle. Vor der Gründung arbeitete Raingeard als Vice President People Operations bei einem Marktplatz für Tech-Freelancer. Als er wissen wollte, wie viel er für die Position als Senior Data Analyst zahlen solle, fand er auf Google nicht genügend Angaben. „Ich rief andere HR-Kollegen an und fragte, wie hoch das Gehalt für diese Position bei ihnen ist“, sagt er. „Im Gegenzug gab ich Auskunft, wie es bei uns läuft.“ Alles eigentlich unnötige Zeitverschwendung. Also machte Raingeard anderen französischen Startups einen Vorschlag: Sie sollten ihm sämtliche Gehaltsdaten schicken, er komprimierte sie in eine Excel-Tabelle und stellte sie zur Verfügung.

Die heutige Software ist dann schon komplexer. Der Grundsatz ist allerdings wie bei der Excel-Tabelle: Wer Gehälter einsehen will, muss sich nackt machen. Heißt, im ersten Schritt melden sich Startups kostenpflichtig bei Figures an. Anschließend wird die Software an HR-Systeme wie Personio gekoppelt, um die Informationen über Gehälter an die eigene Software zu übertragen. So hat Figures die Sicherheit, dass die Angaben der Wahrheit entsprechen. Im zweiten Schritt können Personaler:innen Gehälter nach Position, Level, Stadt und Land vergleichen. Die meisten Kund:innen von Figures kommen aus dem Techbereich. Was Sinn ergibt: „Gehälter sind die größte Kostenquelle für Techunternehmen“, sagt Raingeard. „Für sie ist es wichtig, Benchmarks zu haben, um sicherzustellen, dass ihre Ausgaben gut angelegt sind.“

Niedrigste Gehaltstransparenz in Deutschland

Was Figures neben dem Vergleich außerdem anbietet: eine Gehaltsanalyse. Sie sagt Startups, ob ihre Teams im Vergleich unterdurchschnittlich, überdurchschnittlich oder durchschnittlich verdienen. Auch ob eine Gender-Pay-Gap vorliegt, teilt Figures den Startups mit: „Je transparenter Startups ihre Gehälter angeben, desto kleiner ist der Gender-Pay-Gap“, sagt Raingeard. Mehr als 1 200 Startups europaweit nutzen die Software bereits. Seit Oktober 2021 auch 304 Unternehmen aus Deutschland, darunter Deezer, Doctolib, Outfittery, Ecosia, Trade Republic und Urban Sports Club. „Eine Besonderheit am deutschen Markt ist, dass die Gehälter sehr dezentral sind“, sagt Raingeard. „Es gibt viele lokale Märkte.“ Das niedrigste Durchschnittsgehalt in Deutschland, das bei Figures aufgelistet ist, beträgt 30 000 Euro brutto. So viel bekommen Kundenbetreuer im B2C-Sektor. Chief Revenue Officers schlagen mit 140 000 Euro zu Buche.

Laut dem Gründer sei Deutschland das Land mit der niedrigsten Gehaltstransparenz in Europa. Überraschend? Wohl kaum. Vorreiter seien die angelsächsischen Länder. Das liegt unter anderem daran, dass es dort gesetzlich verpflichtend ist, eine Gehaltsspanne in der Stellenausschreibung zu nennen. Im DACH-Raum ist Österreich das einzige Land, in dem das Mindestgehalt schon seit 2011 in die Jobbeschreibung muss. Erst Ende März hatte das EU-Parlament einen Richtlinienentwurf zur Lohntransparenz gebilligt. Dieser sieht unter anderem auch die Pflicht vor, Gehaltsspannen in Stellenausschreibungen anzugeben.

Mit Figures will Raingeard Startups zur Freiwilligkeit erziehen. Seiner Meinung nach liege die Verantwortung nämlich bei den Unternehmen, nicht bei Bewerber:innen. „Man stelle sich vor“, sagt Raingeard, „man geht in ein Autohaus, sieht einen Wagen, und der Verkäufer fragt, wie viel man bereit ist, dafür zu bezahlen. Das wäre doch absurd. Wieso sollte es dann bei Jobs Sinn machen?“ Für Startups kann Gehaltstransparenz in Zeiten des Fachkräftemangels ein Wettbewerbsvorteil sein. Außerdem mache sie das laut dem Gründer zu einem attraktiveren Arbeitgeber. Verhandeln lässt sich das Gehalt schließlich immer noch.

Haben Bewerber:innen gute Argumente für eine überdurchschnittliche Bezahlung, kann man immer noch zusammenfinden. „Wir bekommen von Kunden das Feedback, dass Figures Diskussionen um Gehälter in Bewerbungsgesprächen vereinfacht“, sagt Raingeard. „Personaler können mit objektiven Marktdaten argumentieren. Das spart Zeit.“


Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 03/23. Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das Thema Danach. Wie geht es nach einem Fuck-Up oder Wendepunkt im Leben weiter? Außerdem haben wir mit Nationaltorhüterin Merle Frohms gesprochen
und die Seriengründerin Marina Zubrod erzählt alles über ihre Hassliebe zum Unternehmertum. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

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