Green & Sustainability So sieht das neue Gesicht der Bauernproteste aus

So sieht das neue Gesicht der Bauernproteste aus

Bei „BauerWilli“, einem online-Portal, auf dem Landwirte Dampf ablassen können, geht es härter zur Sache. Dort postet ein Leser zum Thema „Alternative zu Rukwied“: Der Deutsche Bauernverband habe immer nach dem Staat gerufen und gebettelt. „Das war in den ersten 30 oder 40 Jahren nach dem 2. Weltkrieg auch sicherlich nötig. Er hat es dann aber verpasst, die Strategie zu wechseln und mit dem Betteln aufzuhören. Und er hat offensichtlich immer noch nicht kapiert, dass er nicht mehr „geliebt” wird, hat „Beißhemmung” ohnegleichen und trotz Wohlverhalten werden viele seiner Mitglieder von oben “getreten” und ökonomisch in die Enge getrieben.

Die beiden Matadoren Rukwied und Lee könnten unterschiedlicher kaum sein: Rukwied, 62 Jahre alt ist Landwirt auf einem Hof, den er in achter Generation bewirtschaftet, einem Großbetrieb mit 360 Hektar bei Heilbronn. Er hat eine Funktionärskarriere erster Klasse hinter sich, tritt gern in traditioneller Tracht auf, ist CDU-Mitglied und seit mehr als einem Jahrzehnt Bauernpräsident. Zwischendurch war er auch mal Chef des europäischen Bauernverbands. Er ist wegen seiner Nähe zu Politik und Wirtschaft ins Visier derer geraten, für die er eigentlich unterwegs ist. Seine Bauern werfen ihm einen Kuschelkurs vor. Rukwied werden seine zweistellige Zahl von Aufsichtsrats- und Beirats-Mandaten angekreidet, angesichts derer schieren Menge sich die Bauern fragen, wann ihr Präsident eigentlich seiner Arbeit nachgehen soll. So sitzt Rukwied beispielsweise im Aufsichtsrat des Agrarkonzerns BayWA, er schaut bei Südzucker nach dem Rechten und hat einen Posten als Kontrolleur der KfW. 

Dazu soll er sich um seinen Betrieb kümmern und den DBV leiten, die größte Lobbyorganisation der Landwirte, ein Dachverband von 18 Landesbauernverbänden, deren frühere Präsidenten meist populärer waren als es die Bundeslandwirtschaftsminister jemals werden konnten. Unvergessen ist Rukwieds Vorvorgänger Constantin Heereman, der kürzlich verstorben ist. Er hatte in seinem Amt drei Kanzler überlebt. „Unsere Landwirte haben die Erfahrung gemacht, dass sie viel stärker von Finanzministern und Notenbankpräsidenten abhängig sind als von Petrus“, lautete eine von Heeremanns zentralen Erkenntnissen zum unter einer Decke stecken von Bauern und Politikern.


Die oft nicht besten Freunde der Bauernvertreter, die Naturschützer, stoßen sich schon längst an der Ämterhäufung des Bauernpräsidenten. Der NABU aus Rukwieds Heimat Baden-Württemberg ist den politischen Verflechtungen des Verbandes in einer eigenen Studie nachgegangen. Ergebnis: Eine solche Ämterhäufung muss zu Interessenskonflikten führen. Wie der Spitzenvertreter des Bauernverbandes die unternehmerischen Ziele der Agrar- und Ernährungswirtschaft mit den Interessen der Landwirte in Einklang bringen will, ist schleierhaft.“Die verfolgten Ziele und Interessen von Unternehmen aus der Finanz-

oder Agrar- und Ernährungswirtschaft dürften kaum in Einklang mit denen einer bäuer-

lichen Landwirtschaft stehen.

Anthony Robert Lee ist eine ganz andere Figur. Der drahtige 47jährige Ex-Bundesweh-Soldat, Sohn eines britischen Offiziers, geht keinem Streit aus dem Weg, äußert sich mit Vorliebe wortgewaltig auf Youtube und pflegt eine deftige Sprache, die im politischen Alltagsgeschäft fehl am Platze wäre. Er hat in einen bäuerlichen Betrieb bei Rinteln an der Weser eingeheiratet und eine Ausbildung zum Landwirt absolviert. „Die beste Lösung findet man im Dialog und mit Streit“, sagt er bei einem Vortrag, zu dem ihn jüngst eine Volksbank an den Niederrhein eingeladen hatte. Lee ist ein gefragter Vortragsredner. Bei Demonstrationen mobilisiert er die Massen. Heute müsse immer Harmonie herrschen, nur sei das unrealistisch. „Die Welt ist nicht so.“ Er auch nicht. 

Gern macht er deutlich, was er von manchen Debatten hält, die in der Gesellschaft geführt werden. Er erzählt, dass er verheiratet ist. „Mit einer Frau.“ Ein Lachen geht durch den Saal. Er fährt fort: Drei Kinder hätten sie, einen Sohn, zwei Töchter. „Da sind wir uns auch ganz sicher.“ Wieder Lachen. „Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt bestimmte Leute, die Probleme haben mit der Findung, was sie sind. Und das ist auch wichtig, dass man darüber spricht.“ Nur werde in Deutschland darüber mit höchster Priorität gesprochen. „Wir haben aber andere Probleme.“ Über Fridays for Future sagt er: „Die können, glaube ich, noch nicht einmal ein Weizenkorn von einer Banane unterscheiden. Es gab noch nie eine Jugend, die so satt war und nur fordert.“ Mehrmals lobt Lee Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán: „Glücklicherweise haben wir Menschen wie Viktor Orbán, die sagen: ‚Nein‘ zu Vorschlägen der EU-Kommission, den Anteil der Biolandwirtschaft stark zu erhöhen.“ Orbán würde der EU „’nen Vogel zeigen“, wenn Ungarn wie derzeit Deutschland wegen der Belastung des Grundwassers mit Dünger Strafzahlungen von mehr als 800.000 Euro täglich drohten.

Manche werfen Lee wegen solcher Sprüche rechtspopulistische Umtriebe vor, was in der Stimmung, die derzeit im Land herrscht, schnell verfängt. Lee steht auf Platz acht der Liste der Freien Wähler bei der kommenden EU-Wahl. Richtig ist wohl: Lees Verein vertritt den radikaleren Flügel der Bauernbewegung. Er ging aus der 2019 gegründeten Facebook-Gruppe „Land schafft Verbindung“ hervor, die Landwirte vernetzte, um so viele Trecker wie möglich auf die Straße zu bringen.

Marie Hoffmann setzt dagegen weniger auf Polemik als auf Aufklärung. Zum Beispiel in einem ihrer jüngeren Videos, wo sie sich über den Jubel der Vegetarier auslässt, die Beklatscht haben, dass die Zahl der in Deutschland gehaltenen Schwein rückläufig ist. Das habe weniger mit rückläufigem Fleischkonsum als mit Höfesterben zu tun, klärte sie auf und punktete unaufgeregt für ihre Landwirte.

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