Innovation & Future Ein Hirnimplantat half gegen Epilepsie. Bis die Herstellerfirma pleite ging

Ein Hirnimplantat half gegen Epilepsie. Bis die Herstellerfirma pleite ging

Der Australierin Rita Leggett haben Chirurgen einen Neuro-Chip ins Gehirn gepflanzt. Dann ging die Herstellerfirma NeuroVista pleite und der Chip, der ihr das Leben zurückbrachte, wurde wieder entfernt. Welches wirtschaftliche Risiko birgt die Neurochirurgie?

Die Australierin hatte ihr Gerät im Zuge einer klinischen Studie für Gehirnimplantate erhalten. Die Erfinder wollten Menschen mit Epilepsie helfen, einen beginnenden Anfall früh erkennen. Je vier Elektroden landeten dafür im Gehirn von Rita Leggett. Mit den gewonnenen Daten wurde ein Algorithmus geschult und das zweiteilige Gerät half vor einem Anfall mir einer Warnung. Das System funktionierte. Rita Leggett konnte sich vor den Anfällen rechtzeitig darauf vorbereiten. Die Angst, kalt erwischt zu werden, schwand.

2013 ging dem Start-up NeuroVista, das das System entwickelt hatte, jedoch das Geld aus. Man gab den Probanden den Rat, das Implantat entfernen zu lassen. Am Ende war Leggett die letzte Teilnehmerin des großangelegten Tests, der Chirurgen das Teil wieder herausoperierten – gegen ihren Willen. Der Zeitung Guardian sagte sie: „Ich habe mich seit der letzten Operation nie wieder so sicher und geborgen gefühlt wie vorher. Jetzt bin ich nicht mehr die fröhliche, aufgeschlossene, selbstbewusste Frau, die ich einmal war.“
NeuroVista war ein Unternehmen, das die Einheit von Menschen und Maschinen als Vision zum Unternehmensinhalt machte und verwirklichen wollte: Viele Krankheiten und körperliche Behinderungen lassen sich möglicherweise auf diesem Weg besser bekämpfen. Allerdings macht der Fall von Rita Legett auch die Gefahren deutlich: Einerseits gibt es wirtschaftliche Risiken und andererseits ethische Bedenken. In einer Studie der Technischen Universität München schreibt der Experte Professor Marcello Ienca mit Blick auf den Fall Leggett: Es könne durch diese Therapien „neue Formen von Menschenrechtsverletzungen geben, die wir noch gar nicht verstehen.“

NeuroVista ist kein Ausnahmefall. Der Blick in die Zukunft lässt ein gewaltiges Problem erkennen. So plant Elon Musk mit Neuralink seit 2016 solche Hirnprodukte im großen Stil. Er sagte bereits 2020, dass sein neuer Neuralink Chip Menschen helfen werde. Vor wenigen Wochen steuerte der erste Neuralink-Patient per Gedanken eine PC-Maus. Vier Jahre hatte der Tech-Milliardär einen ersten Prototyp des neuen Geräts vorgestellt. Der half schon damals dabei, Informationen aus dem Kopf zu einem Smartphone zu senden. Was genau plant Musk? Er wolle eine „Gehirnschnittstelle zur Wiederherstellung der Autonomie von Menschen mit unerfüllten medizinischen Bedürfnissen heute und zur Erschließung des menschlichen Potenzials in der Zukunft schaffen“, sagt er selbst. Wer will, kann sich im Netz bereits heute für weitere klinische Versuche registrieren lassen. In der Zukunft wäre es denkbar, verletztes Nervengewebe mit Hilfe der Technologie zu überbrücken, etwa damit Menschen wieder laufen könnten, berichtet Musk. Der Prototyp ist unter anderem mit Temperatur-, Druck- und Bewegungssensoren ausgestattet: „Das Gerät könnte also die Gesundheit überwachen und zum Beispiel bei Gefahr von Herzinfarkt oder Schlaganfall warnen.“ Der Mini-Computer im Kopf soll per Bluetooth-Funk mit einer App auf dem Smartphone kommunizieren. Was passiert jedoch, wenn eines Tages damit auf der Welt Zehntausende unterwegs sind und Musk seine Firma an die Wand fährt? Rücken dann Operateure aus und entnehmen im großen Stil jene Hirnimplantate, weil sie Gläubigern und Banken gehören? 

Zurück zu den Finanzen von NeuroVista. Firmenmitgründer Daniel J. DiLorenzo erinnert sich rückblickend so: „Wir faxten die Dokumente und je drei Millionen Dollar von Canaan Partners und Three Arch Partners landeten auf dem Firmenkonto.“ Und weiter: „Ein Meilenstein, denn Risikokapital-Firmen sehen Tausende Geschäftspläne – und sie finanzieren nur 0,1 Prozent der Deals.“ Elf Jahre später liegen 71 Millionen US-Dollar bereit. Es gibt valide wissenschaftliche Daten, die den Erfolg beim Menschen belegen. Alles sieht gut aus, bis die Firma aufgeben muss. Der 2008er-Finanzbörsencrash, der „die Beschaffung neuer Mittel durch Risikokapitalfirmen erschwerte“, zieht Gründer DiLorenzo rückblickend Bilanz. Investoren sorgen sich damals, wie sich ein erhöhter Kostendruck im US-Gesundheitswesen auf die Erstattung neuer und innovativer Technologien auswirken könnte. Weiteres Manko: Damals sein ein „großer Teil der Risikokapitalfinanzierung durch Fonds aufgebracht“ gewesen, die Rendite sehen wollen und zwar nicht erst übermorgen. Auch ein Problem: Einige „der neuen, Medizintechnikunternehmen bekamen keine FDA-Zulassung.“ Und ohne die Erlaubnis der US-Gesundheitsbehörde ließen sich die Geräte nicht auf dem nordamerikanischen Markt verkaufen. So kam es zum persönlichen Supergau für Mrs. Leggett. Die vermisst ihr Implantat dringend. Der Tageszeitung The Guardian sagte sie: „Es war ein Teil von mir.“

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