Green & Sustainability Wenn Profis vor lauter Nachhaltigkeit ihr eigentliches Ziel aus den Augen verlieren

Wenn Profis vor lauter Nachhaltigkeit ihr eigentliches Ziel aus den Augen verlieren

Jüngste Ernährungstipps, die auch in Kitas und Kantinen Einzug halten sollen, sind aus Ärztesicht schädlich. Klimaschutz werde da über gesunde Ernährung gestellt. Was Mediziner in Rage bringt, geht Ökonomen nicht anders: Sie sehen bei der EZB den gleichen Trend. Dort zähle Nachhaltigkeit inzwischen mehr als Geldwertstabilität.

Im Bemühen möglichst nachhaltig aufzutreten, verlieren manche Institutionen ihr Ziel aus den Augen – und dann wird es gefährlich. Zwei aktuelle, ganz unterschiedliche Beispiele belegen diese Entwicklung. Es geht um Ernährung und ums Geld, und in beiden Fällen läuft etwas gründlich schief, weil Nachhaltigkeit plötzlich zum entscheidenden Kriterium erhoben wird.

Erstes Beispiel: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat gerade ihre Hinweise vorgestellt, was Menschen am besten essen sollten, um gesund zu bleiben. Die Ratschläge können weitreichende Folgen für die Bevölkerung haben, da sie in der Regel für die Verpflegung in Kitas, Schulen, Kantinen und Seniorenheimen bis hin zu den Programmen der Krankenkassen als Richtschnur genommen werden.

Ärzte zeigen sich allerdings entsetzt angesichts der Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler. „Klimaschutz wird da über Gesundheit gestellt“, heißt es von der Deutschen Akademie für Präventivmedizin (DPAM). Der Ärzteverein sieht gravierende Fehler. Es könne keine einheitlichen Empfehlungen für die Ernährung aller Menschen in Deutschland geben, da sich deren gesundheitliche Ausgangslage unterscheidet. Die neuen Empfehlungen könnten größeren Teilen der Bevölkerung in Deutschland nicht nur nichts nutzen, sondern sogar schaden. 

So sei die Charakterisierung von Lebensmitteln in solche „pflanzlichen Ursprungs“ und solche „tierischen Ursprungs“ wissenschaftlicher Unsinn. Der allgemeine Verzicht auf tierische Lebensmittel könne bedenklich sein: Die ausreichende Versorgung relevanter Bevölkerungsteile (z. B. Kinder und Senioren) mit hochwertigem Eiweiß, essenziellen Aminosäuren und Fettsäuren sowie mit etlichen Spurenelementen und Vitaminen mit den Empfehlungen nicht gewährleistet sei. Die Empfehlung „an alle“ hingegen, täglich 300 g Getreideprodukte zu verzehren, sei für viele Millionen Menschen in Deutschland nicht nur nicht hilfreich, sondern sogar gesundheitsgefährdend. „Die Menschen müssen wissen, dass 300 Gramm Getreideprodukte pro Tag genauso wirken wie circa 45 bis 50 Teelöffel Zucker. Das liegt daran, dass die Stärke im Getreide nichts anderes ist als eine Kette von Traubenzucker“, erklärt Johannes Scholl, DAPM-Vizepräsident. „Für über 30 Millionen Menschen sind diese Empfehlungen gesundheitsgefährdend, weil schon Vorerkrankungen vorliegen.“ Das Fazit der Ärzte lautet deswegen: Etliche inhaltliche Aussagen sind „überholt und nicht evidenz-basiert“. Zusätzlich werde offenbar der Aspekt des Klimaschutzes tüber die gesundheitlichen Belange der Bevölkerung gestellt.

Das zweite Beispiel für eine Institution, die mit Blick auf nachhaltige Verhaltensweisen ihr Kernziel aus den Augen verloren hat, liefert gerade die Europäische Zentralbank (EZB). Dort gibt es derzeit intern Streit, um die Frage, ob die EZB ihre Politik darauf ausrichten soll, die Wirtschaft „grüner“ zu machen, oder ob sie sich auf ihr Hauptziel, nämlich die Preise in der Eurozone stabil zu halten, beschränken soll.

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