Life & Style Stromnotstand wegen Wärmepumpen und Ladestationen: Berlins Nachbargemeinde nimmt keine Neubürger mehr auf

Stromnotstand wegen Wärmepumpen und Ladestationen: Berlins Nachbargemeinde nimmt keine Neubürger mehr auf

In Oranienburg droht das Stromnetz in die Knie zu gehen. Schuld sind jahrelang versäumte Investitionen und ein unvorhergesehener Nachfrageboom als Folge der Energiewende. Jetzt hat die Stadt einen drastischen Schritt machen müssen.

Die knapp 50 000 Einwohnerstadt Oranienburg nördlich von Berlin hat der dem Wirtschaftsministerium von Robert Habeck unterstellten Bundesnetzagentur mitgeteilt, dass in ihrem Hochspannungsstromnetz keine ausreichende Leistung mehr zur Verfügung steht, um weitere Haushalte oder gar Unternehmen zu versorgen. Sie ist damit die erste Stadt in Deutschland, die den Stromnotstand ausruft. Die Versorgungsmöglichkeiten in der Stadt Oranienburg seien ausgeschöpft, sagte Peter Grabowsky, Geschäftsführer der Stadtwerke. Die Folge: Neuanmeldungen oder Leistungserhöhungen von Hausanschlüssen werden nicht mehr genehmigt. Neue Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur wird es nicht geben. Auch neue Gewerbe- und Industrieflächen können nicht ans Netz angeschlossen und mit Strom beliefert werden. 

Oranienburg ist bislang eine stark wachsende Gemeinde im Speckgürtel der Bundeshauptstadt. Dorthin ziehen Familien, die rauswollen aus dem Trubel der City, aber die Nähe der Großstadt schätzen. Dorthin ziehen auch Gewerbebetriebe, die hier günstigere Flächen finden als in Berlin und die eine gute Verkehrsanbindung lockt. Rund 10 000 Einwohner sind in den vergangen 20 Jahren dazu gekommen, was Seltenheitswert hat in einer brandenburgischen Mittelstadt. Das Rathaus von Oranienburg wirbt für die eigen Stadt mit diesen Worten: „Oranienburg ist eine schöne Stadt. Sie liegt an dem Fluss Havel. Immer mehr Menschen ziehen nach Oranienburg. Immer mehr Firmen kommen. In Oranienburg haben Firmen alles, was sie für gute Arbeit brauchen. Sie sind nah bei Berlin.“ Deshalb sei Oranienburg besonders wichtig für die Wirtschaft. Doch die Wachstumsstory der Stadt erhält jetzt einen empfindlichen Dämpfer. Denn der Strom geht ihr aus. Schuld dürfte ein Versagen der Stadtverwaltung sein. Aber auch die Folgen der Energiewende: Weil immer mehr bisher nicht dagewesene Stromverbraucher ans Netz gehen, bricht eben dieses Netz jetzt zusammen.

Ein zerknirschter Stadtwerkechef Grabowsky lässt sich so zitieren: „Wir bedauern diese Entwicklung außerordentlich. Sie ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich. Die Stadtwerke arbeiten zusammen mit der Hochspannungsnetzbetreiberin E.DIS Netz mit Hochdruck an einer Zwischenlösung, um den Engpass zu beseitigen, bis der Neubau des Umspannwerks der Stadtwerke Oranienburg in Betrieb gehen kann.“ Und Bürgermeister Alexander Laesicke fügt hinzu: „Der Strombedarf unserer wachsenden Stadt hat sich enorm entwickelt, schneller, als es in der Vergangenheit vorausgesehen wurde. Hier zeigt sich die Herausforderung, die Infrastruktur genauso schnell auszubauen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, Stadtentwicklung nicht komplett auszubremsen, sondern ausreichend Leistung zur Verfügung zu stellen, für unsere großen Industrieunternehmen, genau wie für private Häuslebauer.“ Tatsächlich aber dürfte es länger dauern. Der jetzt beschlossene Bau eines Umspannwerks benötigt vier bis fünf Jahre. Wie die „Zwischenlösung“ aussehen soll, ist unklar.

Ist Oranienburg die erste Stadt, die Opfer der Energiewende in Deutschland geworden ist? Das ist zum Teil richtig, wenn der Bürgermeister von einer nicht vorhersehbaren Stromnachfrage spricht. Die Bundesnetzagentur hatte deswegen bereits Anfang letzten Jahres vor Engpässen gewarnt und genau die gleichen Quellen wie jetzt der Bürgermeister genannt, die für mögliche Überlastungen des Stromnetzes verantwortlich sein könnten: private Elektroauto-Ladestationen und strombetriebene Wärmepumpen. Beide stehen eigentlich für die Energiewende weg von Gas, Öl und Kohle. Beides sind jedoch hohe Energieverbraucher, was dazu führt, dass sie Stromnetze stärker belasten als bisher.

Richtig ist allerdings auch, dass die Stadt selbst ihre Hausaufgaben nicht rechtzeitig erledigt hat. Bis zum vergangenen Jahr war über eine Dekade hinweg Alireza Akadi Vorgänger von Grabowsky als Chef der Stadtwerke. Er war der ehemalige Finanzvorstand von Teldafax, einem der größten betrügerischen Pleitefälle in der Energieversorgerbranche in der Bundesrepublik. Im Verfahren gegen die Teldafax-Manager hatte er als Kronzeuge ausgesagt. Nach dem Zusammenbruch des Unternehmens heuerte er in Oranienburg an, wo ihn am Ende die Lokalpolitiker allerdings lieber gestern als heute loswerden wollten und dazu sogar einen Untersuchungsausschuss einrichteten. Die eigentliche Aufgabe der Stadtwerke, nämlich die Energieversorgung langfristig sicherzustellen, geriet darüber offenbar ins Abseits.

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