Person
Interview icon Interview Gast:
Federico Battaglia
Unternehmer:

- Federico Battaglia

- Co-Founder & GF von unreleased

- Background: Musikliebhaber und PR-Experte

- Heute: Unternehmer,und Mitgründer von unreleased

- Ziel: Die Plattform für die Entdeckung neuer Artists aufzubauen


Unternehmen:

- Name: unreleased

- Gründung: 2023

- Sitz: Berlin

- Branche: Live-Entertainment & Konzertveranstaltung


www.unreleased.de
4. Juni 2026

Federico Battaglia

Warum Menschen für das Unbekannte Schlange stehen. Federico Battaglia über den Erfolg von unreleased.

Federico Battaglia baut mit unreleased ein Live-Format, das sich bewusst gegen die Dauerbeschallung der Musikbranche stellt. Geheime Acts, unveröffentlichte Songs und ein Publikum, das nicht filmt, sondern fühlt. Was als Gegenentwurf zum glatt durchproduzierten Konzertmarkt funktioniert, ist längst mehr als ein Underground-Moment: unreleased verkauft nicht nur Tickets, sondern das seltene Gefühl, bei etwas dabei zu sein, bevor es allen gehört. Ein Gespräch über Musik, Magie, Markenbildung – und die Frage, wie lange ein Geheimnis geheim bleibt, wenn es erfolgreich wird.

[André Patrzek]: Federico, wenn du an deine Kindheit zurück denkst: Würdest du sagen, du warst schon immer ein Kreativer? Oder hat sich das erst später entwickelt?

[Federico Battaglia]: Das ging bei mir schon sehr früh los. Ich habe früh angefangen, mich für Musik zu interessieren – für Hip-Hop, fürs Tanzen. Ich habe Breakdance getanzt und irgendwann angefangen, eigene Songtexte zu schreiben, das war ungefähr mit elf. Das hat mich durch Kindheit und Jugend begleitet. Insofern: ja, definitiv schon immer.

[AP]: Kommst du aus einer musikalischen Familie? Musstest du ein Instrument lernen?

[FB]: Tatsächlich komme ich aus keiner besonders musikalischen Familie. Meine Eltern waren sehr musikinteressiert – ich erinnere mich noch, wie ich in den CD-Regalen meines Vaters gestöbert habe und er mir begeistert von seiner Musik erzählt hat. Aktiv musiziert hat in meinem direkten Umfeld jedoch niemand. Instrumente habe ich nur im Schulunterricht gelernt – und war dort auch nicht besonders gut. Meine einzige Sechs in der Schulzeit habe ich ausgerechnet in Musik geschrieben. Die Kinder mit klassischem Klavierunterricht waren mir da einfach um einiges voraus. Zum Glück habe ich meinen Zugang zur Musik dann auf anderen Wegen gefunden.

[AP]: Welche Werte aus deiner Familie oder Jugend stecken heute noch in dir, wenn du Entscheidungen als Unternehmer triffst?

[FB]: Ganz klassisch: Ehrlichkeit und Respekt gegenüber allen, mit denen wir zusammenarbeiten. Das ist die Grundlage unserer Kooperationen und Entscheidungen. Meine Erziehung war in einigen Punkten noch klassisch sizilianisch geprägt – Respekt war ein sehr zentrales Thema. Darüber hinaus hatte ich das Gefühl, dass meine Eltern ein sehr natürliches Gespür dafür hatten, was das Richtige ist. Sie haben viel nach Intuition entschieden, und ich habe gelernt, mir das ebenfalls zuzutrauen. Das hat mir viel Selbstbewusstsein mitgegeben – und das ist besonders wertvoll, wenn man schnell entscheiden muss. Meine Mitgründer sind da oft rationaler, was eine gute Ergänzung ist.

[AP]: Welche Künstler und Songs haben dich damals geprägt – und welche Musik trifft dich heute noch so, dass sie etwas in dir verschiebt?

[FB]: Die allerersten CDs, an die ich mich erinnere, waren Rockalben meines Vaters – Nirvana, INXS. Dann bin ich mit Hip-Hop in Berührung gekommen: Snoop Dogg, Eko Fresh, die Ying Yang Twins. Das hat mich sehr geprägt. Auch heute ist es vor allem Hip-Hop, der mich bewegt – weil es immer Themen und Perspektiven waren, mit denen ich mich identifizieren konnte. Wir hatten in meiner Kindheit und Jugend nicht besonders viel, und bei Hip-Hop geht es immer ein bisschen ums Kämpfen, ums Durchsetzen. Das hat mir gut gefallen – und das gefällt mir bis heute.

[AP]: Wolltest du selbst mal auf die Bühne? Oder wusstest du schon immer, dass deine Stärke eher darin liegt, Räume und Momente für andere Artists zu schaffen?

[FB]: Ich wollte selbst auf die Bühne – und war auch selbst auf ihr. So hat das alles angefangen. Vor mittlerweile zehn Jahren habe ich meinen ersten Song veröffentlicht, durfte einige Konzerte spielen und viele Songs rausbringen. Einen großen Durchbruch hatte ich nicht, aber es war eine prägende Zeit. Was ich heute rückblickend besonders schätze: Genau diese Erfahrung hat dazu geführt, dass wir bei unreleased ganz genau wissen, wie es sich anfühlt, Artist zu sein. Das lassen wir in alles einfließen. Meine Rolle hat sich verändert – aber das ist eine sehr schöne Entwicklung.

[AP]: Warum bist du damals in Richtung PR gegangen – und nicht direkt in Musik- oder Eventmanagement? War das bewusste Strategie oder eher ein Umweg, der heute Sinn ergibt?

[FB]: Musik habe ich damals ausschließlich als Leidenschaft gesehen – ich hätte gar nicht daran gedacht, das mit einem Job zu verknüpfen. Eigentlich wollte ich Journalist werden. Ich hatte jedoch nicht das nötige Praktikum gemacht und dachte mir: irgendwas mit Medien, ich studiere erst mal PR und kann danach immer noch Journalist werden. Im Studium habe ich dann aber gemerkt, dass mir das wirklich Spaß macht – in Leute hineinzuversetzen, die richtigen Inhalte für sie zu entwickeln. Events hatte ich noch nie veranstaltet, als wir mit unreleased begonnen haben. Das war Learning by Doing. Rückblickend ist die Kombination aus echtem Musikverständnis und PR-Background eigentlich die beste, die ich haben könnte – auch wenn sie völlig zufällig entstanden ist.

[AP]: Du hast früh an Kampagnen und Marken gearbeitet. Wann kam der Drang, dieses Wissen für deine eigene Brand anzuwenden?

[FB]: Dieser Drang kam sofort, als wir über die Idee gesprochen haben. Ich habe unreleased von Anfang an als Marke verstanden. Wir haben noch alte Fotos von Flipcharts, auf denen wir sehr früh festgehalten haben: Wie soll das Markenbild aussehen? Welches Gefühl wollen wir erzeugen? Ich habe schnell gemerkt, dass ich hier vieles von dem anwenden kann, was ich gelernt hatte. Die ersten anderthalb Jahre habe ich täglich selbst gepostet, täglich überlegt, wie man diese Marke positioniert, welche Partnerschaften Sinn ergeben, wie man das Bild weiter schärft. Und auch heute dreht sich immer die Frage: Was sind die Momente, die die Marke immer wieder relevant halten? Der Drang war von Tag eins da.

[AP]: In deinen frühen Projekten ging es auch um Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Sensibilisierung. Fehlt dir heute manchmal dieser härtere gesellschaftspolitische Kern?

[FB]: Nein, der fehlt mir nicht – weil wir ihn tatsächlich sehr stark in unreleased einfließen lassen. Wir arbeiten viel mit NGOs zusammen und fragen uns regelmäßig: Wie können wir der Community etwas zurückgeben? Wie nutzen wir unsere Reichweite sinnvoll? Ich habe das Gefühl, dass ich heute mehr bewirken kann als je zuvor – gerade weil es aus einer anderen Perspektive heraus passiert. Früher hatte ich manchmal das Gefühl, mich nur innerhalb meiner eigenen Bubble zu bewegen. Heute kann ich freier denken, freier handeln und dabei eine viel größere Reichweite nutzen. Für mich ist das alles zusammengekommen.

[AP]: Du warst in Agenturwelt, Bildungsarbeit und Stiftung unterwegs. Welche dieser Welten war am ehrlichsten – und welche hat dich am meisten desillusioniert?

[FB]: Die Bildungsarbeit in der Stiftung war für mich beides zugleich – am ehrlichsten und am meisten desillusionierend. Am ehrlichsten, weil ich mit Menschen zusammenarbeiten durfte, die wirklich die Vision haben, die Welt ein Stück besser zu machen, und jeden Tag hart daran arbeiten. Dafür habe ich größten Respekt. Desillusionierend war es, weil man ohne Vorerfahrung in diesem Bereich mit dem Gefühl reingeht, die Welt sofort verändern zu können. In Wirklichkeit sind das sehr langwierige, zähe Prozesse. Jeder trägt seinen kleinen Teil bei, und ich konnte in den zwei Jahren durchaus etwas bewegen – aber die gesamtgesellschaftliche Verschiebung entsteht dadurch natürlich nicht. Man braucht enormes Durchhaltevermögen und sehr langfristiges Denken. Ich wollte immer das ganz Große sofort umsetzen – und musste dort erst einmal einen Schritt zurückgehen und kleiner denken lernen.

[AP]: Was hat dich an klassischer PR gereizt – und was hat dich irgendwann daran genervt?

[FB]: Mich hat immer gereizt, das wirklich Besondere herauszufiltern – also herauszuarbeiten, ob ein Unternehmen tatsächlich eine Geschichte zu erzählen hat, die einen Mehrwert bietet. Ich hatte das Gefühl, das gut übersetzen zu können, und es hat Spaß gemacht zu sehen, wenn das auch angenommen wurde. Besonders schön war es, junge Unternehmen über Jahre zu begleiten und einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass sie wachsen. Was mich irgendwann genervt hat, war die Rolle als Dienstleister an sich. Man ist immer abhängig und kann nie zu hundert Prozent frei entscheiden. Das ist etwas, das ich als Gründer heute sehr schätze: Wir haben eine Idee und müssen sie mit niemandem abstimmen. Wir setzen sie einfach um.

[AP]: Hat dich die Kommunikationsbranche eher inspiriert oder ernüchtert?

[FB]: Definitiv inspiriert. Ich habe dort zum ersten Mal wirklich gesehen, was alles möglich ist – mit welchen Persönlichkeiten man zusammenarbeiten kann, wie man Geschichten ganz anders denken kann. Ich habe spannende Menschen kennengelernt, die danach in die verschiedensten Unternehmen gegangen sind. Ich hatte das Gefühl, ab da das nötige Handwerkszeug zu haben, um den nächsten Schritt zu gehen.

„Wir handeln konsequent gegen die Regeln des Mainstreams.“
Federico Battaglia
Federico Battaglia

[AP]: War unreleased eher ein Experiment oder schon immer als Business geplant?

[FB]: Für uns hat es Berlin einfach an einer Live-Plattform für aufstrebende Künstler*innen gefehlt. Wir hatten zu Anfang überhaupt nicht den Plan, daraus ein Business zu machen, haben aber schnell gemerkt, dass so viel Potenzial dahintersteckt, dass wir es ernsthaft angehen mussten, um den Anforderungen gerecht zu werden, die wir an uns selbst und an die Shows für die Artists gestellt haben.
Wir wollten jede Show ein Stück besser machen und zur relevantesten Live-Plattform Deutschlands werden. Dafür mussten wir das Ganze professionalisieren.

[AP]: Ihr arbeitet mit Reduktion, Geheimhaltung und bewusstem Weglassen. Warum habt ihr euch gegen die lauten, planbaren Mechanismen des Konzertmarktes entschieden?

[FB]: Wir leben in einer Zeit, in der vieles sehr vorhersehbar ist – gerade durch Social Media, wo permanent Informationen verfügbar sind und Kaufentscheidungen darauf basieren: Ist der Headliner groß genug? Ist die Location besonders? Gleichzeitig kämpfen Artists heute gegen eine riesige Konkurrenz. Der Zugang zur Musikproduktion ist leichter geworden, aber es ist dadurch auch viel schwerer, aus dem Stream hervorzustechen und wirklich eine echte Verbindung aufzubauen. Wir haben uns gesagt: Wir brauchen ein Publikum, das wirklich aufmerksam ist, offen für Neues und vollständig im Moment. Nur so kann eine Plattform entstehen, die Artists wirklich nützt. Vieles, was wir gemacht haben – das geheime Line-up, das Abkleben der Handykameras – haben wir konsequent aus der Perspektive der Artists gedacht: Was brauchen sie, um sich wohlzufühlen und neue Musik zu zeigen? Die Antworten auf diese Fragen haben unser Konzept fast automatisch gegen die lauten, planbaren Mechanismen des Konzertmarkts positioniert.

[AP]: Was war in der Aufbauphase härter: Artists davon zu überzeugen, euch zu vertrauen – oder Partner, Sponsoren und Publikum für ein Konzept zu gewinnen, das sich nicht sofort erklären lässt?

[FB]: Definitiv Partner und Sponsoren zu überzeugen. Budgets werden kleiner, niemand investiert gerne ins Unbekannte – und ohne ein einziges veranstaltetes Event zu sagen: ‚Vertraut uns, wir gehen das professionell an‘ – das ist schwer. Bei den Artists war es einfacher, weil wir viele schon persönlich kannten. Die ganz Großen zu gewinnen hat dann zwar auch ein paar Events gebraucht. Aber nachdem die ersten ein, zwei Shows gelaufen waren, hat man schnell gesehen, was wir aufbauen – und die ersten Anfragen von namhaften Sponsoren kamen tatsächlich schon beim zweiten oder dritten Event. Wir haben uns dann bewusst dafür entschieden, Sponsoren erst etwas später einzubinden. Heute ist die Situation zum Glück eine andere.

[AP]: Wann habt ihr gemerkt, dass unreleased nicht nur eine gute Atmosphäre erzeugt, sondern auch wirtschaftlich trägt?

[FB]: Das hat auf jeden Fall eine Weile gedauert. Die ersten Events haben sich wirtschaftlich überhaupt nicht getragen. Wir hatten eine genaue Vorstellung davon, wie alles aussehen und sich anhören soll – vom Bühnenbild über den Live-Sound bis hin zum Content im Nachgang –, aber noch überhaupt nicht die Mittel, das alles zu finanzieren.
In dieser Zeit waren wir stark auf gute Freunde aus der Branche und unsere Familien angewiesen, die uns beim Aufbau unterstützt haben, sowie auf unsere eigenen Rücklagen.

[AP]: Fragt ihr inzwischen noch Artists an, oder werdet ihr von Artists angefragt?

[FB]: Es ist eine Mischung. Wir warten nicht darauf, dass ein Artist, den wir für die nächste Show im Kopf haben, von selbst auf uns zukommt – wir fragen dann auch aktiv an. Gleichzeitig sind wir mittlerweile sehr gut vernetzt mit Managements, Booking Agenturen und Labels, die uns regelmäßig Leute vorschlagen. Manche Artists stellen sich auch direkt selbst vor. Und ein großer Teil ist schlicht Recherche – wir sind den ganzen Tag auf TikTok und Instagram unterwegs, um neue Talente zu entdecken. Es ist also sehr gemischt. Was die Dimension verdeutlicht: Allein für unsere letzte Tour hatten wir rund 70 Slots und über 5.000 Bewerbungen.

[AP]: Was macht ein unreleased-Live-Erlebnis aus? Und welcher Moment hat dir gezeigt: Genau dafür machen wir das?

[FB]: Für mich macht ein unreleased-Live-Erlebnis vor allem dieser eine Moment aus, in dem der Funke überspringt – wenn Menschen in die Location kommen, ohne zu wissen, was sie erwartet, und man dann zusieht, wie der gesamte Raum auflebt. Es gibt viele solcher Momente, aber einer bleibt mir besonders in Erinnerung: Wir hatten einen Artist, der im Jahr zuvor stationär in einer Klinik war, wegen mentaler Probleme. Er stand dann bei uns wieder auf der Bühne, spielte einen Song über genau diese Entwicklung – und die gesamte Crowd applaudierte ihm, schenkte ihm echte Wärme. Der Artist kam danach sehr glücklich von der Bühne. In solchen Momenten merkt man, dass man etwas geschaffen hat, das wirklich bleibt.

[AP]: Was fehlt dir bei vielen heutigen Live-Konzerten – echte Nähe, Risiko, Magie? Oder ist vieles einfach zu glatt durchproduziert?

[FB]: Ehrlicherweise fehlt mir oft die Mischung aus sehr guter Produktion und starken Momenten. Ich habe häufig das Gefühl, dass viele Live-Produktionen nicht wirklich verstanden haben, worauf es ankommt.
Meistens braucht es kein unglaublich teures Bühnenbild oder die nächste große Pyro-Show. Es braucht genügend Abwechslung und unerwartete Momente, die das Publikum so nicht vorhersehen konnte. Menschen wollen überrascht werden – von einem Konzerterlebnis, das sie so nicht erwartet haben.
Ich glaube, diese Logik lässt sich auf die verschiedensten Künstler*innen und Formate anwenden, auch mit begrenzten Mitteln. Leider wird darauf oft – natürlich nicht immer – zu wenig Wert gelegt.

[AP]: Zu eurem Konzept gehört ja ein gewisser Underground-Vibe – habt ihr Angst, dass der Erfolg euch irgendwann zu “Mainstream” macht?

[FB]: Der Gedanke schwebt natürlich immer mit, gerade weil sich in der Popkultur ständig verschiebt, was als angesagt gilt und ab wann etwas diesen Punkt überschritten hat. Was wir aber aktiv tun, ist, an vielen Stellschrauben zu drehen, um dieses Gefühl so weit wie möglich zu minimieren. Wir handeln konsequent gegen die Regeln des Mainstreams: Wir stellen Artists auf die Bühne, die zum allerersten Mal auftreten. Wir kuratieren nach unserem Geschmack, nicht nach dem des Mainstreams. Und alles trägt weiter unsere Handschrift. unreleased ist deutschlandweit längst ein Begriff – und trotzdem schaffen wir es, das Gefühl in die Community zu tragen, das dieses Format braucht. Selbst auf großen Bühnen gelingt es uns, einen Underground-Vibe zu erzeugen.

[AP]: Wie groß darf unreleased werden, ohne seinen eigenen Zauber zu verlieren?

[FB]: Die Größe ist der falsche Maßstab dafür – das ist ein Trugschluss, den wir anfangs auch selbst gemacht haben. Wir haben in einer 180er-Venue gestartet, sind dann in eine 600er gegangen und hatten panische Angst. Viele haben uns attestiert, dass genau das passieren würde. Das Gleiche noch einmal bei 1.200 Kapazität. Und jetzt haben wir teilweise 1.500er-Locations bespielt – und einige der allerbesten Momente erlebt, die es bei unreleased je gab. Entscheidend ist nicht die Größe, sondern ob wir die Kernpunkte beibehalten: das geheime Line-up, das ein Publikum anzieht, das sich wirklich auf Neues einlässt; das Abkleben der Handys, das gleichzeitig die unveröffentlichten Songs der Artists schützt und Konzerte wieder erlebbar macht. Dieses Konzept funktioniert in sich so schlüssig, dass es nach oben keine feste Grenze gibt. Dazu können immer neue Formate entstehen – kleinere, intimere Abende, Community-Get-Togethers. Die Größe allein ist nicht der limitierende Faktor.

[AP]: Unreleased lebt davon, dass nicht alles dokumentiert, gepostet und ausgeschlachtet wird. Wie reagiert eure Community auf diese bewusste Lücke?

[FB]: Die Community nimmt das sehr gut an. Es ist für viele erfrischend, einen Ausweg aus dem Informations- und Content-Overload zu haben, dem man rund um die Uhr begegnet. Die Leute genießen es, bei uns mal nicht filmen zu müssen – einfach im Moment zu sein, Gleichgesinnte zu treffen und darauf vertrauen zu können, dass wir den richtigen Content im Nachgang ausspielen, der ihnen auch als Erinnerung dient.

[AP]: Ist das auch ein stiller Protest gegen die Content-Logik sozialer Medien?

[FB]: Ich würde sagen, es ist eher eine Ergänzung als ein Protest. Wir ignorieren die Content-Logik ja nicht. Im ersten Moment wirkt unreleased vielleicht wie eine romantische Idee – Handys ausschließen, Konzerte wie früher. Aber in Wahrheit geht es vor allem darum, was für die Artists das Beste ist. Die Kameras einfach rauszuwerfen, wäre viel zu kurz gedacht – damit würden wir einen wichtigen Marketingkanal für die Artists streichen. Deshalb haben wir von Anfang an aktiv eigene Content- und Marketingstrategien entwickelt, und wir posten seit drei Jahren täglich. Was wir also eigentlich tun: Wir haben die Logik umgedreht. Wir nehmen das Digitale aus dem Event heraus, schaffen einen besonderen Moment, der nur so entstehen kann – und erzählen ihn danach im digitalen Raum nach. Genau diese Nacherzählung, in der man sieht und fühlt, wie besonders es war, funktioniert online dann besonders gut. Auf dem Event bieten wir einen Gegenentwurf – im Netz spielen wir mit.

[AP]: Viele Artists müssen heute gleichzeitig Musiker*innen, Marke, Unternehmer*innen und Content-Creator sein. Was macht das mit der Musik – und mit den Menschen dahinter?

[FB]: Wie bei vielen Entwicklungen halte ich auch diese für Fluch und Segen zugleich. Dass Artists heute unglaublich günstig Musik produzieren und diese frei auf Plattformen veröffentlichen können, hat zu einer enormen Demokratisierung der Musikbranche geführt.
Die Abhängigkeit von Labels, Publishing-Unternehmen und anderen Gatekeepern war noch vor 20 Jahren oft Anfang und Ende vieler Karrieren. Heute sind Artists deutlich weniger auf diese Strukturen angewiesen, dafür aber umso mehr auf sich selbst und den eigenen Willen, erfolgreich zu sein.
Ich persönlich glaube, dass Artists ab einem gewissen Punkt von Bekanntheit und Erfolg schon immer auch Unternehmer*innen, Marken und Content-Creator werden mussten. Dieser Prozess beginnt heute lediglich deutlich früher in der Karriere.

[AP]: Ist die Musikbranche inzwischen zu datengetrieben – oder war sie vielleicht schon immer härter kalkuliert, als man romantisch glauben wollte?

[FB]: Ich glaube, ein Teil der Romantik ist durch Streaming auf jeden Fall verloren gegangen. Früher konnte man zwar auch sehen, wie oft ein Song im Radio gespielt wurde oder wie viele Platten verkauft wurden. Bis man als Band oder Solo-Artist aber überhaupt an diesem Punkt angekommen ist, lagen oft unzählige Live-Gigs in kleinen Bars und Clubs dazwischen.
Man musste seine Musik auf die Straße bringen und hoffen, von der einen richtigen Person entdeckt zu werden, die einem zum Durchbruch verhilft.
Heute entscheidet Social Media oft maßgeblich über Erfolg oder Misserfolg. Das nimmt der Branche aus meiner Sicht viel von ihrer Romantik und war mit einer der Hauptgründe, warum wir uns damals entschieden haben, Unreleased zu starten.

[AP]: Viele kleinere Festivals kämpfen ums Überleben: steigende Kosten, schwacher Ticketverkauf, weniger Förderung. Ist das eine Marktbereinigung – oder verlieren wir gerade kulturelle Vielfalt?

[FB]: Auf jeden Fall verlieren wir gerade kulturelle Vielfalt. In Krisenzeiten gehört die Kulturbranche oft zu den ersten Bereichen, die die Auswirkungen zu spüren bekommen. Genau diese Entwicklung erleben wir aktuell.
Deshalb ist es umso wichtiger, dass Kulturschaffende mit neuen Ideen und Konzepten kommen, die Menschen begeistern und die Branche lebendig halten.Kultur erleben zu können, ist unglaublich wichtig für unsere Gesellschaft. Sie schafft Begegnungen, inspiriert Menschen und bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen. Deshalb muss sie geschützt, gefördert und unterstützt werden.

[AP]: Wie blickst du insgesamt auf den aktuellen Musikmarkt: Aufbruch, Krise oder irgendwas dazwischen?

[FB]: Es kommt auf die Perspektive an. Auf der einen Seite bekommen Genres wie Hip-Hop gerade endlich ihre Anerkennung – immer mehr Menschen verstehen, wie prägend diese Musik für die Popkultur ist, wie sie Trends setzt. Das ist eine positive Entwicklung, die sich auf Streamingzahlen, Branddeals und vieles mehr auswirkt. Gleichzeitig bedeutet das: Es gibt Marken, Agenturen und Business Owner, die das ausnutzen wollen – und der Kultur damit schaden. Hier muss man sehr aufpassen, dass Musik und Kultur geschützt bleiben, während sich finanzielle Chancen für alle Beteiligten öffnen. Auf einer anderen Ebene haben wir das Thema KI. Songwriter:innen, Producer, Mix- und Master-Engineers können zunehmend ergänzt oder ersetzt werden. Für kleinere Artists, die sich Produktionen nicht leisten können, ist das auch eine echte Chance. Aber es stellen sich gleichzeitig dringende Fragen zu Musikrechten und Urheberrecht. Wir befinden uns in einem Spannungsfeld: Wie nutzen wir Neues, um Musik zugänglicher zu machen – ohne dabei die Menschen aus der Gleichung zu nehmen?

[AP]: Was bereitet dir daran am meisten Sorgen?

[FB]: Am meisten Sorgen bereitet mir, dass Kultur ausgenutzt wird. Es ist für viele schwer zu unterscheiden, wer sich wirklich innerhalb einer Kultur bewegt und wer sich das nur auf die Fahne schreibt. Culture Marketing ist gerade ein sehr geläufiger Begriff – und dabei ist es entscheidend, die richtigen Leute herauszufiltern. Die Menschen, die diese Kultur wirklich mitgeprägt haben, Teile davon aufgebaut haben und denen es ernsthaft darum geht – die müssen geschützt und gesehen werden. Gerade jetzt, wo an allen Ecken und Enden bei Kultur gespart wird, müssen Artists anderweitig schauen, wie sie ihre Musik finanzieren können. Das muss aber in einem Rahmen geschehen, der ihrer Kunst und der Kultur gerecht wird.

[AP]: Was liest, hörst oder schaust du, wenn du neue Ideen brauchst – und was bringt dich zuverlässig raus aus der eigenen Bubble?

[FB]: Ich habe mittlerweile ein festes Credo: Ich suche Inspiration dort, wo ich sie nicht erwarte. Das bedeutet: Ich gehe auf Konzerte von Artists und in Genres, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun habe. Wenn mich jemand fragt, ob ich zu etwas mitkomme, das nicht wirklich meins ist, sage ich ja – mit der Überzeugung, dass ich dort mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas finde, das mich bewegt. Oft bin ich an solchen Orten mehr inspiriert als in meiner eigenen Bubble. Und dann gehe ich spazieren. Das gibt mir am meisten – ich entdecke darin viel, manchmal in der Natur, manchmal im Stadtbild. Es ist meine Art zu meditieren.

[AP]: Wann bist du nach einem unreleased-Event so richtig stolz?

[FB]: Ich bin richtig stolz, wenn sehr junge Künstlerinnen und Künstler, die zum allerersten Mal auf einer Bühne stehen, es schaffen, das Publikum wirklich zu überzeugen – und selbstbewusst auftreten. Dann bin ich nicht nur stolz darauf, dass wir den richtigen Riecher hatten. Ich bin vor allem stolz auf die Artists selbst, dass sie sich trauen, sich ungefiltert zu zeigen und ihre Musik so zu präsentieren. Das braucht echten Mut. In diesen Momenten gehe ich sehr glücklich raus.

[AP]: Was sind eure kurz- und langfristigen Ziele – und was darf dabei auf keinen Fall verloren gehen?

[Federico Battaglia]: Unser langfristiges Ziel ist es, weltweit die wichtigste Plattform zu werden, um neue Artists zu entdecken. Kurzfristig wollen wir uns deutschlandweit weiter etablieren und in den einzelnen Städten die richtigen Artists finden – dort, wo sie wirklich wachsen und groß werden. Was dabei auf keinen Fall verloren gehen darf, ist unsere eigene Handschrift: die Qualität in der Kuration, unser Auftritt, und vor allem die Freiheit, uns nicht an Regeln zu orientieren. Wir sind an unreleased herangegangen, ohne je ein Event gemacht zu haben – und haben Dinge deshalb ganz anders gedacht, weil wir es schlicht nicht anders wussten. Genau das hat funktioniert. Diese Frische behalten wir uns.

[André Patrzek]: Danke, Federico, für das spannende Gespräch. Mit unreleased zeigt ihr, dass echte Erlebnisse und starke Communities auch in einer digitalen Welt ihren Platz haben. Eure konsequente Ausrichtung auf Artists, Authentizität und neue Wege im Live-Entertainment sind eine Inspiration und spannende mitzuverfolgen.

Company logo
Unternehmer:

- Federico Battaglia

- Co-Founder & GF von unreleased

- Background: Musikliebhaber und PR-Experte

- Heute: Unternehmer,und Mitgründer von unreleased

- Ziel: Die Plattform für die Entdeckung neuer Artists aufzubauen


Unternehmen:

- Name: unreleased

- Gründung: 2023

- Sitz: Berlin

- Branche: Live-Entertainment & Konzertveranstaltung


www.unreleased.de
4. Juni 2026

Federico Battaglia

Warum Menschen für das Unbekannte Schlange stehen. Federico Battaglia über den Erfolg von unreleased.

Federico Battaglia baut mit unreleased ein Live-Format, das sich bewusst gegen die Dauerbeschallung der Musikbranche stellt. Geheime Acts, unveröffentlichte Songs und ein Publikum, das nicht filmt, sondern fühlt. Was als Gegenentwurf zum glatt durchproduzierten Konzertmarkt funktioniert, ist längst mehr als ein Underground-Moment: unreleased verkauft nicht nur Tickets, sondern das seltene Gefühl, bei etwas dabei zu sein, bevor es allen gehört. Ein Gespräch über Musik, Magie, Markenbildung – und die Frage, wie lange ein Geheimnis geheim bleibt, wenn es erfolgreich wird.

[André Patrzek]: Federico, wenn du an deine Kindheit zurück denkst: Würdest du sagen, du warst schon immer ein Kreativer? Oder hat sich das erst später entwickelt?

[Federico Battaglia]: Das ging bei mir schon sehr früh los. Ich habe früh angefangen, mich für Musik zu interessieren – für Hip-Hop, fürs Tanzen. Ich habe Breakdance getanzt und irgendwann angefangen, eigene Songtexte zu schreiben, das war ungefähr mit elf. Das hat mich durch Kindheit und Jugend begleitet. Insofern: ja, definitiv schon immer.

[AP]: Kommst du aus einer musikalischen Familie? Musstest du ein Instrument lernen?

[FB]: Tatsächlich komme ich aus keiner besonders musikalischen Familie. Meine Eltern waren sehr musikinteressiert – ich erinnere mich noch, wie ich in den CD-Regalen meines Vaters gestöbert habe und er mir begeistert von seiner Musik erzählt hat. Aktiv musiziert hat in meinem direkten Umfeld jedoch niemand. Instrumente habe ich nur im Schulunterricht gelernt – und war dort auch nicht besonders gut. Meine einzige Sechs in der Schulzeit habe ich ausgerechnet in Musik geschrieben. Die Kinder mit klassischem Klavierunterricht waren mir da einfach um einiges voraus. Zum Glück habe ich meinen Zugang zur Musik dann auf anderen Wegen gefunden.

[AP]: Welche Werte aus deiner Familie oder Jugend stecken heute noch in dir, wenn du Entscheidungen als Unternehmer triffst?

[FB]: Ganz klassisch: Ehrlichkeit und Respekt gegenüber allen, mit denen wir zusammenarbeiten. Das ist die Grundlage unserer Kooperationen und Entscheidungen. Meine Erziehung war in einigen Punkten noch klassisch sizilianisch geprägt – Respekt war ein sehr zentrales Thema. Darüber hinaus hatte ich das Gefühl, dass meine Eltern ein sehr natürliches Gespür dafür hatten, was das Richtige ist. Sie haben viel nach Intuition entschieden, und ich habe gelernt, mir das ebenfalls zuzutrauen. Das hat mir viel Selbstbewusstsein mitgegeben – und das ist besonders wertvoll, wenn man schnell entscheiden muss. Meine Mitgründer sind da oft rationaler, was eine gute Ergänzung ist.

[AP]: Welche Künstler und Songs haben dich damals geprägt – und welche Musik trifft dich heute noch so, dass sie etwas in dir verschiebt?

[FB]: Die allerersten CDs, an die ich mich erinnere, waren Rockalben meines Vaters – Nirvana, INXS. Dann bin ich mit Hip-Hop in Berührung gekommen: Snoop Dogg, Eko Fresh, die Ying Yang Twins. Das hat mich sehr geprägt. Auch heute ist es vor allem Hip-Hop, der mich bewegt – weil es immer Themen und Perspektiven waren, mit denen ich mich identifizieren konnte. Wir hatten in meiner Kindheit und Jugend nicht besonders viel, und bei Hip-Hop geht es immer ein bisschen ums Kämpfen, ums Durchsetzen. Das hat mir gut gefallen – und das gefällt mir bis heute.

[AP]: Wolltest du selbst mal auf die Bühne? Oder wusstest du schon immer, dass deine Stärke eher darin liegt, Räume und Momente für andere Artists zu schaffen?

[FB]: Ich wollte selbst auf die Bühne – und war auch selbst auf ihr. So hat das alles angefangen. Vor mittlerweile zehn Jahren habe ich meinen ersten Song veröffentlicht, durfte einige Konzerte spielen und viele Songs rausbringen. Einen großen Durchbruch hatte ich nicht, aber es war eine prägende Zeit. Was ich heute rückblickend besonders schätze: Genau diese Erfahrung hat dazu geführt, dass wir bei unreleased ganz genau wissen, wie es sich anfühlt, Artist zu sein. Das lassen wir in alles einfließen. Meine Rolle hat sich verändert – aber das ist eine sehr schöne Entwicklung.

[AP]: Warum bist du damals in Richtung PR gegangen – und nicht direkt in Musik- oder Eventmanagement? War das bewusste Strategie oder eher ein Umweg, der heute Sinn ergibt?

[FB]: Musik habe ich damals ausschließlich als Leidenschaft gesehen – ich hätte gar nicht daran gedacht, das mit einem Job zu verknüpfen. Eigentlich wollte ich Journalist werden. Ich hatte jedoch nicht das nötige Praktikum gemacht und dachte mir: irgendwas mit Medien, ich studiere erst mal PR und kann danach immer noch Journalist werden. Im Studium habe ich dann aber gemerkt, dass mir das wirklich Spaß macht – in Leute hineinzuversetzen, die richtigen Inhalte für sie zu entwickeln. Events hatte ich noch nie veranstaltet, als wir mit unreleased begonnen haben. Das war Learning by Doing. Rückblickend ist die Kombination aus echtem Musikverständnis und PR-Background eigentlich die beste, die ich haben könnte – auch wenn sie völlig zufällig entstanden ist.

[AP]: Du hast früh an Kampagnen und Marken gearbeitet. Wann kam der Drang, dieses Wissen für deine eigene Brand anzuwenden?

[FB]: Dieser Drang kam sofort, als wir über die Idee gesprochen haben. Ich habe unreleased von Anfang an als Marke verstanden. Wir haben noch alte Fotos von Flipcharts, auf denen wir sehr früh festgehalten haben: Wie soll das Markenbild aussehen? Welches Gefühl wollen wir erzeugen? Ich habe schnell gemerkt, dass ich hier vieles von dem anwenden kann, was ich gelernt hatte. Die ersten anderthalb Jahre habe ich täglich selbst gepostet, täglich überlegt, wie man diese Marke positioniert, welche Partnerschaften Sinn ergeben, wie man das Bild weiter schärft. Und auch heute dreht sich immer die Frage: Was sind die Momente, die die Marke immer wieder relevant halten? Der Drang war von Tag eins da.

[AP]: In deinen frühen Projekten ging es auch um Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Sensibilisierung. Fehlt dir heute manchmal dieser härtere gesellschaftspolitische Kern?

[FB]: Nein, der fehlt mir nicht – weil wir ihn tatsächlich sehr stark in unreleased einfließen lassen. Wir arbeiten viel mit NGOs zusammen und fragen uns regelmäßig: Wie können wir der Community etwas zurückgeben? Wie nutzen wir unsere Reichweite sinnvoll? Ich habe das Gefühl, dass ich heute mehr bewirken kann als je zuvor – gerade weil es aus einer anderen Perspektive heraus passiert. Früher hatte ich manchmal das Gefühl, mich nur innerhalb meiner eigenen Bubble zu bewegen. Heute kann ich freier denken, freier handeln und dabei eine viel größere Reichweite nutzen. Für mich ist das alles zusammengekommen.

[AP]: Du warst in Agenturwelt, Bildungsarbeit und Stiftung unterwegs. Welche dieser Welten war am ehrlichsten – und welche hat dich am meisten desillusioniert?

[FB]: Die Bildungsarbeit in der Stiftung war für mich beides zugleich – am ehrlichsten und am meisten desillusionierend. Am ehrlichsten, weil ich mit Menschen zusammenarbeiten durfte, die wirklich die Vision haben, die Welt ein Stück besser zu machen, und jeden Tag hart daran arbeiten. Dafür habe ich größten Respekt. Desillusionierend war es, weil man ohne Vorerfahrung in diesem Bereich mit dem Gefühl reingeht, die Welt sofort verändern zu können. In Wirklichkeit sind das sehr langwierige, zähe Prozesse. Jeder trägt seinen kleinen Teil bei, und ich konnte in den zwei Jahren durchaus etwas bewegen – aber die gesamtgesellschaftliche Verschiebung entsteht dadurch natürlich nicht. Man braucht enormes Durchhaltevermögen und sehr langfristiges Denken. Ich wollte immer das ganz Große sofort umsetzen – und musste dort erst einmal einen Schritt zurückgehen und kleiner denken lernen.

[AP]: Was hat dich an klassischer PR gereizt – und was hat dich irgendwann daran genervt?

[FB]: Mich hat immer gereizt, das wirklich Besondere herauszufiltern – also herauszuarbeiten, ob ein Unternehmen tatsächlich eine Geschichte zu erzählen hat, die einen Mehrwert bietet. Ich hatte das Gefühl, das gut übersetzen zu können, und es hat Spaß gemacht zu sehen, wenn das auch angenommen wurde. Besonders schön war es, junge Unternehmen über Jahre zu begleiten und einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass sie wachsen. Was mich irgendwann genervt hat, war die Rolle als Dienstleister an sich. Man ist immer abhängig und kann nie zu hundert Prozent frei entscheiden. Das ist etwas, das ich als Gründer heute sehr schätze: Wir haben eine Idee und müssen sie mit niemandem abstimmen. Wir setzen sie einfach um.

[AP]: Hat dich die Kommunikationsbranche eher inspiriert oder ernüchtert?

[FB]: Definitiv inspiriert. Ich habe dort zum ersten Mal wirklich gesehen, was alles möglich ist – mit welchen Persönlichkeiten man zusammenarbeiten kann, wie man Geschichten ganz anders denken kann. Ich habe spannende Menschen kennengelernt, die danach in die verschiedensten Unternehmen gegangen sind. Ich hatte das Gefühl, ab da das nötige Handwerkszeug zu haben, um den nächsten Schritt zu gehen.

„Wir handeln konsequent gegen die Regeln des Mainstreams.“
Federico Battaglia
Federico Battaglia

[AP]: War unreleased eher ein Experiment oder schon immer als Business geplant?

[FB]: Für uns hat es Berlin einfach an einer Live-Plattform für aufstrebende Künstler*innen gefehlt. Wir hatten zu Anfang überhaupt nicht den Plan, daraus ein Business zu machen, haben aber schnell gemerkt, dass so viel Potenzial dahintersteckt, dass wir es ernsthaft angehen mussten, um den Anforderungen gerecht zu werden, die wir an uns selbst und an die Shows für die Artists gestellt haben.
Wir wollten jede Show ein Stück besser machen und zur relevantesten Live-Plattform Deutschlands werden. Dafür mussten wir das Ganze professionalisieren.

[AP]: Ihr arbeitet mit Reduktion, Geheimhaltung und bewusstem Weglassen. Warum habt ihr euch gegen die lauten, planbaren Mechanismen des Konzertmarktes entschieden?

[FB]: Wir leben in einer Zeit, in der vieles sehr vorhersehbar ist – gerade durch Social Media, wo permanent Informationen verfügbar sind und Kaufentscheidungen darauf basieren: Ist der Headliner groß genug? Ist die Location besonders? Gleichzeitig kämpfen Artists heute gegen eine riesige Konkurrenz. Der Zugang zur Musikproduktion ist leichter geworden, aber es ist dadurch auch viel schwerer, aus dem Stream hervorzustechen und wirklich eine echte Verbindung aufzubauen. Wir haben uns gesagt: Wir brauchen ein Publikum, das wirklich aufmerksam ist, offen für Neues und vollständig im Moment. Nur so kann eine Plattform entstehen, die Artists wirklich nützt. Vieles, was wir gemacht haben – das geheime Line-up, das Abkleben der Handykameras – haben wir konsequent aus der Perspektive der Artists gedacht: Was brauchen sie, um sich wohlzufühlen und neue Musik zu zeigen? Die Antworten auf diese Fragen haben unser Konzept fast automatisch gegen die lauten, planbaren Mechanismen des Konzertmarkts positioniert.

[AP]: Was war in der Aufbauphase härter: Artists davon zu überzeugen, euch zu vertrauen – oder Partner, Sponsoren und Publikum für ein Konzept zu gewinnen, das sich nicht sofort erklären lässt?

[FB]: Definitiv Partner und Sponsoren zu überzeugen. Budgets werden kleiner, niemand investiert gerne ins Unbekannte – und ohne ein einziges veranstaltetes Event zu sagen: ‚Vertraut uns, wir gehen das professionell an‘ – das ist schwer. Bei den Artists war es einfacher, weil wir viele schon persönlich kannten. Die ganz Großen zu gewinnen hat dann zwar auch ein paar Events gebraucht. Aber nachdem die ersten ein, zwei Shows gelaufen waren, hat man schnell gesehen, was wir aufbauen – und die ersten Anfragen von namhaften Sponsoren kamen tatsächlich schon beim zweiten oder dritten Event. Wir haben uns dann bewusst dafür entschieden, Sponsoren erst etwas später einzubinden. Heute ist die Situation zum Glück eine andere.

[AP]: Wann habt ihr gemerkt, dass unreleased nicht nur eine gute Atmosphäre erzeugt, sondern auch wirtschaftlich trägt?

[FB]: Das hat auf jeden Fall eine Weile gedauert. Die ersten Events haben sich wirtschaftlich überhaupt nicht getragen. Wir hatten eine genaue Vorstellung davon, wie alles aussehen und sich anhören soll – vom Bühnenbild über den Live-Sound bis hin zum Content im Nachgang –, aber noch überhaupt nicht die Mittel, das alles zu finanzieren.
In dieser Zeit waren wir stark auf gute Freunde aus der Branche und unsere Familien angewiesen, die uns beim Aufbau unterstützt haben, sowie auf unsere eigenen Rücklagen.

[AP]: Fragt ihr inzwischen noch Artists an, oder werdet ihr von Artists angefragt?

[FB]: Es ist eine Mischung. Wir warten nicht darauf, dass ein Artist, den wir für die nächste Show im Kopf haben, von selbst auf uns zukommt – wir fragen dann auch aktiv an. Gleichzeitig sind wir mittlerweile sehr gut vernetzt mit Managements, Booking Agenturen und Labels, die uns regelmäßig Leute vorschlagen. Manche Artists stellen sich auch direkt selbst vor. Und ein großer Teil ist schlicht Recherche – wir sind den ganzen Tag auf TikTok und Instagram unterwegs, um neue Talente zu entdecken. Es ist also sehr gemischt. Was die Dimension verdeutlicht: Allein für unsere letzte Tour hatten wir rund 70 Slots und über 5.000 Bewerbungen.

[AP]: Was macht ein unreleased-Live-Erlebnis aus? Und welcher Moment hat dir gezeigt: Genau dafür machen wir das?

[FB]: Für mich macht ein unreleased-Live-Erlebnis vor allem dieser eine Moment aus, in dem der Funke überspringt – wenn Menschen in die Location kommen, ohne zu wissen, was sie erwartet, und man dann zusieht, wie der gesamte Raum auflebt. Es gibt viele solcher Momente, aber einer bleibt mir besonders in Erinnerung: Wir hatten einen Artist, der im Jahr zuvor stationär in einer Klinik war, wegen mentaler Probleme. Er stand dann bei uns wieder auf der Bühne, spielte einen Song über genau diese Entwicklung – und die gesamte Crowd applaudierte ihm, schenkte ihm echte Wärme. Der Artist kam danach sehr glücklich von der Bühne. In solchen Momenten merkt man, dass man etwas geschaffen hat, das wirklich bleibt.

[AP]: Was fehlt dir bei vielen heutigen Live-Konzerten – echte Nähe, Risiko, Magie? Oder ist vieles einfach zu glatt durchproduziert?

[FB]: Ehrlicherweise fehlt mir oft die Mischung aus sehr guter Produktion und starken Momenten. Ich habe häufig das Gefühl, dass viele Live-Produktionen nicht wirklich verstanden haben, worauf es ankommt.
Meistens braucht es kein unglaublich teures Bühnenbild oder die nächste große Pyro-Show. Es braucht genügend Abwechslung und unerwartete Momente, die das Publikum so nicht vorhersehen konnte. Menschen wollen überrascht werden – von einem Konzerterlebnis, das sie so nicht erwartet haben.
Ich glaube, diese Logik lässt sich auf die verschiedensten Künstler*innen und Formate anwenden, auch mit begrenzten Mitteln. Leider wird darauf oft – natürlich nicht immer – zu wenig Wert gelegt.

[AP]: Zu eurem Konzept gehört ja ein gewisser Underground-Vibe – habt ihr Angst, dass der Erfolg euch irgendwann zu “Mainstream” macht?

[FB]: Der Gedanke schwebt natürlich immer mit, gerade weil sich in der Popkultur ständig verschiebt, was als angesagt gilt und ab wann etwas diesen Punkt überschritten hat. Was wir aber aktiv tun, ist, an vielen Stellschrauben zu drehen, um dieses Gefühl so weit wie möglich zu minimieren. Wir handeln konsequent gegen die Regeln des Mainstreams: Wir stellen Artists auf die Bühne, die zum allerersten Mal auftreten. Wir kuratieren nach unserem Geschmack, nicht nach dem des Mainstreams. Und alles trägt weiter unsere Handschrift. unreleased ist deutschlandweit längst ein Begriff – und trotzdem schaffen wir es, das Gefühl in die Community zu tragen, das dieses Format braucht. Selbst auf großen Bühnen gelingt es uns, einen Underground-Vibe zu erzeugen.

[AP]: Wie groß darf unreleased werden, ohne seinen eigenen Zauber zu verlieren?

[FB]: Die Größe ist der falsche Maßstab dafür – das ist ein Trugschluss, den wir anfangs auch selbst gemacht haben. Wir haben in einer 180er-Venue gestartet, sind dann in eine 600er gegangen und hatten panische Angst. Viele haben uns attestiert, dass genau das passieren würde. Das Gleiche noch einmal bei 1.200 Kapazität. Und jetzt haben wir teilweise 1.500er-Locations bespielt – und einige der allerbesten Momente erlebt, die es bei unreleased je gab. Entscheidend ist nicht die Größe, sondern ob wir die Kernpunkte beibehalten: das geheime Line-up, das ein Publikum anzieht, das sich wirklich auf Neues einlässt; das Abkleben der Handys, das gleichzeitig die unveröffentlichten Songs der Artists schützt und Konzerte wieder erlebbar macht. Dieses Konzept funktioniert in sich so schlüssig, dass es nach oben keine feste Grenze gibt. Dazu können immer neue Formate entstehen – kleinere, intimere Abende, Community-Get-Togethers. Die Größe allein ist nicht der limitierende Faktor.

[AP]: Unreleased lebt davon, dass nicht alles dokumentiert, gepostet und ausgeschlachtet wird. Wie reagiert eure Community auf diese bewusste Lücke?

[FB]: Die Community nimmt das sehr gut an. Es ist für viele erfrischend, einen Ausweg aus dem Informations- und Content-Overload zu haben, dem man rund um die Uhr begegnet. Die Leute genießen es, bei uns mal nicht filmen zu müssen – einfach im Moment zu sein, Gleichgesinnte zu treffen und darauf vertrauen zu können, dass wir den richtigen Content im Nachgang ausspielen, der ihnen auch als Erinnerung dient.

[AP]: Ist das auch ein stiller Protest gegen die Content-Logik sozialer Medien?

[FB]: Ich würde sagen, es ist eher eine Ergänzung als ein Protest. Wir ignorieren die Content-Logik ja nicht. Im ersten Moment wirkt unreleased vielleicht wie eine romantische Idee – Handys ausschließen, Konzerte wie früher. Aber in Wahrheit geht es vor allem darum, was für die Artists das Beste ist. Die Kameras einfach rauszuwerfen, wäre viel zu kurz gedacht – damit würden wir einen wichtigen Marketingkanal für die Artists streichen. Deshalb haben wir von Anfang an aktiv eigene Content- und Marketingstrategien entwickelt, und wir posten seit drei Jahren täglich. Was wir also eigentlich tun: Wir haben die Logik umgedreht. Wir nehmen das Digitale aus dem Event heraus, schaffen einen besonderen Moment, der nur so entstehen kann – und erzählen ihn danach im digitalen Raum nach. Genau diese Nacherzählung, in der man sieht und fühlt, wie besonders es war, funktioniert online dann besonders gut. Auf dem Event bieten wir einen Gegenentwurf – im Netz spielen wir mit.

[AP]: Viele Artists müssen heute gleichzeitig Musiker*innen, Marke, Unternehmer*innen und Content-Creator sein. Was macht das mit der Musik – und mit den Menschen dahinter?

[FB]: Wie bei vielen Entwicklungen halte ich auch diese für Fluch und Segen zugleich. Dass Artists heute unglaublich günstig Musik produzieren und diese frei auf Plattformen veröffentlichen können, hat zu einer enormen Demokratisierung der Musikbranche geführt.
Die Abhängigkeit von Labels, Publishing-Unternehmen und anderen Gatekeepern war noch vor 20 Jahren oft Anfang und Ende vieler Karrieren. Heute sind Artists deutlich weniger auf diese Strukturen angewiesen, dafür aber umso mehr auf sich selbst und den eigenen Willen, erfolgreich zu sein.
Ich persönlich glaube, dass Artists ab einem gewissen Punkt von Bekanntheit und Erfolg schon immer auch Unternehmer*innen, Marken und Content-Creator werden mussten. Dieser Prozess beginnt heute lediglich deutlich früher in der Karriere.

[AP]: Ist die Musikbranche inzwischen zu datengetrieben – oder war sie vielleicht schon immer härter kalkuliert, als man romantisch glauben wollte?

[FB]: Ich glaube, ein Teil der Romantik ist durch Streaming auf jeden Fall verloren gegangen. Früher konnte man zwar auch sehen, wie oft ein Song im Radio gespielt wurde oder wie viele Platten verkauft wurden. Bis man als Band oder Solo-Artist aber überhaupt an diesem Punkt angekommen ist, lagen oft unzählige Live-Gigs in kleinen Bars und Clubs dazwischen.
Man musste seine Musik auf die Straße bringen und hoffen, von der einen richtigen Person entdeckt zu werden, die einem zum Durchbruch verhilft.
Heute entscheidet Social Media oft maßgeblich über Erfolg oder Misserfolg. Das nimmt der Branche aus meiner Sicht viel von ihrer Romantik und war mit einer der Hauptgründe, warum wir uns damals entschieden haben, Unreleased zu starten.

[AP]: Viele kleinere Festivals kämpfen ums Überleben: steigende Kosten, schwacher Ticketverkauf, weniger Förderung. Ist das eine Marktbereinigung – oder verlieren wir gerade kulturelle Vielfalt?

[FB]: Auf jeden Fall verlieren wir gerade kulturelle Vielfalt. In Krisenzeiten gehört die Kulturbranche oft zu den ersten Bereichen, die die Auswirkungen zu spüren bekommen. Genau diese Entwicklung erleben wir aktuell.
Deshalb ist es umso wichtiger, dass Kulturschaffende mit neuen Ideen und Konzepten kommen, die Menschen begeistern und die Branche lebendig halten.Kultur erleben zu können, ist unglaublich wichtig für unsere Gesellschaft. Sie schafft Begegnungen, inspiriert Menschen und bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen. Deshalb muss sie geschützt, gefördert und unterstützt werden.

[AP]: Wie blickst du insgesamt auf den aktuellen Musikmarkt: Aufbruch, Krise oder irgendwas dazwischen?

[FB]: Es kommt auf die Perspektive an. Auf der einen Seite bekommen Genres wie Hip-Hop gerade endlich ihre Anerkennung – immer mehr Menschen verstehen, wie prägend diese Musik für die Popkultur ist, wie sie Trends setzt. Das ist eine positive Entwicklung, die sich auf Streamingzahlen, Branddeals und vieles mehr auswirkt. Gleichzeitig bedeutet das: Es gibt Marken, Agenturen und Business Owner, die das ausnutzen wollen – und der Kultur damit schaden. Hier muss man sehr aufpassen, dass Musik und Kultur geschützt bleiben, während sich finanzielle Chancen für alle Beteiligten öffnen. Auf einer anderen Ebene haben wir das Thema KI. Songwriter:innen, Producer, Mix- und Master-Engineers können zunehmend ergänzt oder ersetzt werden. Für kleinere Artists, die sich Produktionen nicht leisten können, ist das auch eine echte Chance. Aber es stellen sich gleichzeitig dringende Fragen zu Musikrechten und Urheberrecht. Wir befinden uns in einem Spannungsfeld: Wie nutzen wir Neues, um Musik zugänglicher zu machen – ohne dabei die Menschen aus der Gleichung zu nehmen?

[AP]: Was bereitet dir daran am meisten Sorgen?

[FB]: Am meisten Sorgen bereitet mir, dass Kultur ausgenutzt wird. Es ist für viele schwer zu unterscheiden, wer sich wirklich innerhalb einer Kultur bewegt und wer sich das nur auf die Fahne schreibt. Culture Marketing ist gerade ein sehr geläufiger Begriff – und dabei ist es entscheidend, die richtigen Leute herauszufiltern. Die Menschen, die diese Kultur wirklich mitgeprägt haben, Teile davon aufgebaut haben und denen es ernsthaft darum geht – die müssen geschützt und gesehen werden. Gerade jetzt, wo an allen Ecken und Enden bei Kultur gespart wird, müssen Artists anderweitig schauen, wie sie ihre Musik finanzieren können. Das muss aber in einem Rahmen geschehen, der ihrer Kunst und der Kultur gerecht wird.

[AP]: Was liest, hörst oder schaust du, wenn du neue Ideen brauchst – und was bringt dich zuverlässig raus aus der eigenen Bubble?

[FB]: Ich habe mittlerweile ein festes Credo: Ich suche Inspiration dort, wo ich sie nicht erwarte. Das bedeutet: Ich gehe auf Konzerte von Artists und in Genres, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun habe. Wenn mich jemand fragt, ob ich zu etwas mitkomme, das nicht wirklich meins ist, sage ich ja – mit der Überzeugung, dass ich dort mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas finde, das mich bewegt. Oft bin ich an solchen Orten mehr inspiriert als in meiner eigenen Bubble. Und dann gehe ich spazieren. Das gibt mir am meisten – ich entdecke darin viel, manchmal in der Natur, manchmal im Stadtbild. Es ist meine Art zu meditieren.

[AP]: Wann bist du nach einem unreleased-Event so richtig stolz?

[FB]: Ich bin richtig stolz, wenn sehr junge Künstlerinnen und Künstler, die zum allerersten Mal auf einer Bühne stehen, es schaffen, das Publikum wirklich zu überzeugen – und selbstbewusst auftreten. Dann bin ich nicht nur stolz darauf, dass wir den richtigen Riecher hatten. Ich bin vor allem stolz auf die Artists selbst, dass sie sich trauen, sich ungefiltert zu zeigen und ihre Musik so zu präsentieren. Das braucht echten Mut. In diesen Momenten gehe ich sehr glücklich raus.

[AP]: Was sind eure kurz- und langfristigen Ziele – und was darf dabei auf keinen Fall verloren gehen?

[Federico Battaglia]: Unser langfristiges Ziel ist es, weltweit die wichtigste Plattform zu werden, um neue Artists zu entdecken. Kurzfristig wollen wir uns deutschlandweit weiter etablieren und in den einzelnen Städten die richtigen Artists finden – dort, wo sie wirklich wachsen und groß werden. Was dabei auf keinen Fall verloren gehen darf, ist unsere eigene Handschrift: die Qualität in der Kuration, unser Auftritt, und vor allem die Freiheit, uns nicht an Regeln zu orientieren. Wir sind an unreleased herangegangen, ohne je ein Event gemacht zu haben – und haben Dinge deshalb ganz anders gedacht, weil wir es schlicht nicht anders wussten. Genau das hat funktioniert. Diese Frische behalten wir uns.

[André Patrzek]: Danke, Federico, für das spannende Gespräch. Mit unreleased zeigt ihr, dass echte Erlebnisse und starke Communities auch in einer digitalen Welt ihren Platz haben. Eure konsequente Ausrichtung auf Artists, Authentizität und neue Wege im Live-Entertainment sind eine Inspiration und spannende mitzuverfolgen.