Person
Interview icon Interview Gast:
Dr. Alexander Trommen
Unternehmer:

- Dr. Alexander Trommen

- CEO & Mitgründer von Appsfactory

- Background: COO bei MINICK Group, CMO bei United-Mobile AG

- Heute: Unternehmer, Digitalexperte und CEO der Digitalagentur Appsfactory

- Ziel: Unterstützung von Unternehmen bei digitaler Transformation und Softwarelösungen


Unternehmen:

- Name: Appsfactory

- Gründung: 2009

- Sitz: Leipzig, Sachsen

- Branche: App- und Softwareentwicklung


www.appsfactory.de
12. März 2026

Dr. Alexander Trommen

Vom App-Goldrausch zur KI-Ära: Wie Alexander Trommen die Digitalbranche mitgestaltet hat

Dr. Alexander Trommen gehört zu den Unternehmern, die die digitale Wirtschaft von Anfang an mitgebaut haben – lange bevor Apps zum Alltag wurden. Nach Stationen in Beratung und Industrie wagte er 2009 mitten im App-Goldrausch den Sprung ins Unternehmertum und gründete die Appsfactory mit Rolf Kluge und Roman Belter. Heute ist das Unternehmen die größte inhabergeführte Digitalagentur Deutschlands nach bvdw Ranking und entwickelt Anwendungen für Millionen Nutzer. Im Gespräch erzählt Trommen, warum viele App-Agenturen verschwunden sind, weshalb KI die Branche gerade neu sortiert – und warum Unternehmertum am Ende immer auch eine Frage von Mut, Timing und Durchhaltevermögen ist.

[André Patrzek]: Alex, wie bist du aufgewachsen – eher im „Sicherer Job ist alles“-Umfeld oder wurde dir die Unternehmer-DNA schon von Haus aus mitgegeben?

[Dr. Alexander Trommen]: Ein Unternehmer-Gen wurde mir sicher nicht mitgegeben. In der gesamten Verwandtschaft findet sich kein Unternehmer. Mein Vater hat mal versucht nebenbei ein Business mit Kunststoffverpackungen aufzuziehen, ist dabei aber gnadenlos an Qualitätsproblemen gescheitert. Zum Glück ohne große Verluste…

[AP]: Gab es schon früh Momente, in denen absehbar war: Der wird mal ein Selbermacher?

[AT]: Nicht wirklich früh, aber mein erster Job war in der Unternehmensberatung bei Bossard Consultants, in Deutschland ein Spin-off von McKinsey, das später in Gemini Consulting aufgegangen ist. Die Partner von Bossard Consultants haben Ihr Team offensichtlich sehr stark in unternehmerischem Denken gefördert. Grob überschlagen sind von 100 Beratern sicher 70% Unternehmer geworden.

[AP]: Wann ist das Interesse für Wirtschaft, Technologie und Marketing zum ersten Mal wirklich erwacht?

[AT]: Ich fand Gesellschaft und Wirtschaft schon immer spannend. Mit 14 habe ich im Freibad immer die zwei Wochen alten “Der Spiegel” Zeitschriften meines Opas gelesen, was die Mütter meiner Freunde, die uns jeweils gefahren haben, immer sehr merkwürdig fanden.

[AP]: Auf einer Skala von 1 bis Computer-Nerd: Wo würdest du den jungen Alexander einordnen? War das Interesse an dem Thema schon immer vorhanden?

[AT]: 1 – Ich hatte im Gegensatz zu meinen Freunden keinen C64 Computer und war auch kein Gamer. Mein Fokus war damals eher Disko, Skifahren und Windsurfen.

[AP]: Erlangen-Nürnberg, ESCP, später Promotion an der FU Berlin – klingt nach Karriereplan. War das wirklich so strategisch gedacht?

[AT]: Ich muss zugeben, dass ich als Abiturient sehr viel Zeit investiert habe, um mir zu überlegen, was ich studieren will, wo ich studieren will und dass ich promovieren will, um später mal die Möglichkeit zu haben als Dozent oder Professor an die Uni zurück zugehen. Daraus ist dann irgendwie doch nichts geworden, auch wenn ich zwischenzeitlich einige Jahre Dozent für Design und App-Entwicklung an der HTWK in Leipzig war.

[AP]: Und was aus dieser akademischen Zeit nutzt du heute tatsächlich noch im Unternehmeralltag?

[AT]: Im Endeffekt natürlich sehr wenig. Aber vielleicht liegt es doch am starken akademischen Background (alle drei Gründer der Appsfactory haben promoviert), dass wir sehr viel Wert auf Strategie und ausgefeilte Managementinformationssysteme legen. Als Geschäftsführung verbringen wir in Summe pro Jahr mindestens 10 Tage in Strategieworkshops. Dort passen wir die Strategie jeweils auf das Marktumfeld und die Technologietrends an. Außerdem benchmarken wir unsere Konkurrenz sehr detailliert, auch nach Finanzzahlen. Aus meiner Sicht liegt darin auch einer der Schlüssel für unser überproportionales Wachstum: darwinistisches schnelles Anpassen an die Marktveränderungen.

[AP]: Du warst bei Bossard Consultants und später bei Knorr-Bremse. War das Deine ursprüngliche Karrierevision?

[AT]: Mitte der Neunziger Jahre war der Königsweg für Karriere als Absolvent entweder in der Managementberatung oder oder im Investmentbanking anzufangen, insofern habe ich das dann gemacht. Auch die Konzern Karriere war fest eingeplant inklusive Promotion, um die Chancen auf den Vorstandsposten zu erhöhen (bei 60% promovierten Vorständen zu der Zeit).

[AP]: Was hast du aus dieser Corporate-Zeit gelernt, das dir beim Gründen wirklich geholfen hat?

[AT]: Man lernt, dass man Ziele in Unternehmen, auch in größeren Startups oder Agenturen, nicht mehr erreicht, indem man immer mit dem Kopf durch die Wand will oder Leute überstimmt. Der negative Ausdruck dafür wäre vielleicht, man lernt politisch zu denken. Ich sehe das aber nicht so negativ. Man muss auch als CXO die Kollegen und Teamleiter überzeugen und hinter sich bringen. Sonst wird die Strategie nie richtig umgesetzt.

[AP]: Wann kam der Moment, in dem du dachtest: Angestellt sein reicht mir nicht?

[AT]: Wie so vieles im Leben durch Zufall. Ich war gerade COO bei der MINICK und wir waren nach der New Economy Krise in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Gelinde gesagt waren wir quasi pleite. In dieser Situation kam unser CTO zu mir und schlug vor, dass wir die Firma im Management Buyout übernehmen sollten. Das haben wir dann auch getan, einen leveraging Partner mit dem Spielehersteller THQ gefunden, Löhne und Gehälter stark gekürzt, ein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm aufgelegt und in einer hardcore Sanierung die Firma in 3 Monate in die Profitabilität geführt. Ich muss zugeben, dass ich am Anfang sehr skeptisch war, ob das klappt. Aber das Argument für die Übernahme war einfach: Wenn wir es nicht tun, haben wir in drei Monaten keinen Job mehr. Ich habe mir dann Geld bei meinen Eltern geliehen und bin Unternehmer geworden.

[AP]: Du warst COO bei der MINICK Group – mitten in der Zeit von Premium-SMS, MTV-Votings und Mobile Content. War das wirklich so wild, wie es von außen wirkte?

[AT]: Es war ja mitten in der New Economy und mit Sicherheit wird es nie mehr so viel Party und Events im Wirtschaftsleben geben. Nur ein paar Anekdoten: Siemens Mobile hatte damals zur Cebit eine 50 m breite Surfanlage aufgebaut. Ericsson hat uns zur Vorstellung neuer Handys nach New York geflogen. Wir hatten sogar einen der damals zwei besten DJs der Schweiz angestellt, um die Clubszene auf unsere SMS Lösung zu bringen. Was auch mit 70% Marktanteil gelungen ist.

„Aus meiner Sicht landen zu viele Unternehmer, wenn sie mal erfolgreich sind, in der Zufriedenheitsfalle und werden träge.“
Dr. Alexander Trommen
Dr. Alexander Trommen

[AP]: Und was lernt man, wenn man plötzlich mit Playern wie Vodafone, MTV oder RTL arbeitet?

[AT]: Dass man als Digitalagentur trotzdem immer nur ein Dienstleister ist und nie wirklich auf Augenhöhe Partner ist. Das geht nur, wenn man selbst eine bedeutende Brand ist. Aber das ist auch OK so. Es gibt ja genug Schmerzensgeld.

[AP]: 2009 war in der App-Entwicklung plötzlich Goldrausch. War die Gründung der Appsfactory ein logischer Schritt – oder ein mutiger Sprung ins kalte Wasser?

[AT]: Beides. Nach dem Verkauf der MINICK an die Swisscom suchte ich eine neue unternehmerische Möglichkeit und da bot sich die Kombination aus meinem Know-how und Netzwerk bei mobile Services aus der MINICK mit dem megatrend Apps an eine neue Digitalagentur mit Spezialisierung auf Apps zu gründen.

[AP]: Und wie schafft man es, daraus über 15 Jahre ein stabiles Digital-Produkt-Haus zu bleiben?

[AT]: Der Weg aus dem kleinen Startup eine Unternehmensgruppe mit fast 500 Mitarbeitern und 50 Millionen Euro Umsatz zu machen war schwierig, hatte viele Rückschläge und hat ja auch lange gedauert. Ich habe am Anfang im Office geschlafen, um Miete zu sparen und einmal nach 3 Jahren hatten fast alle iOS Entwickler gekündigt, weil es ihnen zu stressig war. Als wir das iOS Ressourcen Problem erst mit Freelancern und dann mit Neueinstellungen gelöst haben, wussten wir, dass uns nichts mehr umwerfen – nur noch aufhalten kann.

[AP]: Viele App-Agenturen sind wieder verschwunden. Warum lebt Appsfactory noch – und andere nicht?

[AT]: Die technologische Entwicklung im App-Bereich und allgemein, wie man am Beispiel der KI sieht, geht rasend schnell. Was vor drei Jahren noch State-of-the-Art war, mag jetzt schon wieder überholt sein. Es ist extrem wichtig, technologische Trends bewerten zu können und  auch mal bewusst ‚Nein‘ zu sagen. Wir haben beispielsweise den Beacon Trend vor zehn Jahren völlig ignoriert, weil wir nicht an die Einsetzbarkeit in der Praxis geglaubt haben, nachdem wir die Technologie bewertet haben. Es gibt zwei große Untersuchungen, warum so wenige Unternehmen 100 Jahre alt werden. Beide stellen zwei Punkte heraus: Erstens sollte man Management-Trends wie Shareholder-Value oder New Work nicht blind folgen, und zweitens bedarf es einer soliden Strategie.

[AP]: Im New Trend Society Podcast ist von rund 76 Millionen Umsatz die Rede. Was musstest du organisatorisch verändern, um aus einer kleinen Agentur ein Unternehmen dieser Größe zu machen?

[AT]: Die Zahl stimmt nicht ganz, es sind 50 Mio. Euro Umsatz in 2025. 2026 wollen wir 60 Mio. erreichen. Entscheidend war es bereits als kleine Agentur, die Tools und Prozesse zu etablieren, die Skalierbarkeit ermöglichen, wie z.B. Jira, Confluence, Harvest, Muchskills, Zoho und viele andere.

[AP]: Welche Entscheidung bei Appsfactory war die riskanteste – und welche im Rückblick die beste?

[AT]: Die Übernahmen der Top-Ten Designagentur Edenspiekermann sowie der Agentur Büro am Draht waren zwar riskant, erwiesen sich jedoch als die beste Entscheidung. Heute sind wir – gemessen an unserer Unternehmensgröße – die Einzigen, die Design und Engineering in dieser Qualität in einer Unternehmensgruppe vereinen. Ein Beleg für diesen Erfolg ist etwa der Gewinn des globalen Pitches eines OEMs im Bereich HMI direkt nach der Akquisition.

[AP]: Und ganz ehrlich: Was war dein größter Management-Fehler?

[AT]: Mir fallen hier spontan 2 ein: Mein Vertriebschef wollte mal 25.000 € Budget, um Klingeltonanzeigen in der BILD zu schalten, weil er gehört hatte, dass ein anderes Unternehmen damit viel Geld verdient. Ich meinte, dass wir dafür lieber 10 Laptops kaufen sollten. Das andere Unternehmen war nach 6 Monaten so erfolgreich, dass sie für 8 Mio. € verkauft wurden. Das andere war die Situation, in der mich Morten Sondergaard – einer der Angel Investoren bei Spotify – überzeugen wollte, zu Spotify zu kommen. Ich hab ihm gesagt, dass Musikstreaming über das Mobilfunknetz nie kommerziell funktionieren wird. Ich hatte gerade mein erstes Unternehmen an die Swisscom verkauft und alle Führungskräfte dort meinten, dass Video- und Musikstreaming von der Bandbreite her immer zu teuer bleiben würde…

[AP]: Ist der große App-Boom eigentlich vorbei – oder fängt mit KI gerade eine neue Phase an?

[AT]: Ich denke der App-Hype, also die Zeit, in der quasi jeder Blumenladen einen eigene App haben wollte, ist vorbei. Für viele Unternehmen ist die App jedoch der zentrale Touchpoint zum Kunden. Es wäre daher absurd, massiv in CRM zu investieren, aber den wichtigsten Kanal, die App, zu vernachlässigen.

[AP]: Ihr positioniert euch stark in Richtung KI und Machine Learning. Ist das gefühlt nicht auch viel Branchen-Buzz, statt echtem Geschäft?

[AT]: Der IT Services Markt in Deutschland wächst ungefähr um 3,5% je nachdem, welcher Marktstudie man glaubt. Der Markt für KI Solutions wächst aber die nächsten Jahre mit ca 20% und hat schon ein Volumen von über 1 Mrd. € in Deutschland. Das ist schon ein sehr attraktiver Markt. Wir erwarten, dass durch KI die Umsätze beim reinen Coding zurückgehen, aber die Umsätze in den Bereichen Beratung und Softwarearchitektur sowie im DevOPs und Security steigen werden.

[AP]: Wie radikal wird KI die Branche – und vielleicht unsere gesamte Arbeitswelt – verändern?

[AT]: Extrem radikal bei digitalen Produkten und Software. Wir erwarten, dass dieselbe Software in zwei Jahren mit 30% weniger Aufwand erstellt werden kann. Wenn man den Kern anschaut, also die Programmierung, dann werden es sogar mehr als 50% sein. Allerdings kommen neue Aufgaben dazu wie Beratung des Kunden zu KI-Agents und Modellen, Systemarchitektur wird wichtiger und Security und QA werden wichtiger. Gerade wurde ja bekannt, dass ein KI Agent in nur zwei Stunden die Wissensdatenbank der weltgrößten Beratung gehackt hat. Viele Unternehmen werden ihre Inhouse Entwicklungsteams signifikant reduzieren, weil nicht genug Arbeit da ist. Agenturen sind da besser aufgestellt und können sich zusätzliche Kunden suchen.

[AP]: Klassische Frage: Wo siehst du die Appsfactory in zehn Jahren?

[AT]: Als die erste Adresse, wenn es bei Projekten auf die Kombination von Design und Engineering auf höchstem Niveau ankommt.

[AP]: Seit 2024 sitzt du im Management Board von Edenspiekermann. Was hat dich daran gereizt?

[AT]: Edenspiekermann ist eine der Top 10 Designagenturen und ihr Gründer Erik ist eine Legende. Es ist extrem inspirierend mit Kreativen zu arbeiten, die das CD der Deutschen Bahn entworfen haben, die Schrift von Mercedes oder die erste Version von Red Bull TV. Bei Edenspiekermann definieren wir in vielen Projekten die Zukunft von Marken und Produkten.

[AP]: Hast du sowas wie eine persönliche Management-Philosophie?

[AT]: Mein Lieblingsspruch ist von Mario Andretti (F1 Weltmeister 78): “If everything seems under control, you are just not going fast enough”. Aus meiner Sicht landen zu viele Unternehmer, wenn sie mal erfolgreich sind, in der Zufriedenheitsfalle und werden träge. Wir versuchen das in der Appsfactory zu vermeiden, um weiter zu wachsen.

[AP]: Gibt es Unternehmer oder Denker, die dich geprägt haben?

[AT]: Ich verschlinge Biographien von Unternehmern. Ich glaube, man kann von fast allen etwas lernen.

[AP]: Wenn du jemandem, der gründen möchte, ein Buch empfehlen müsstest, welches wäre das?

[AT]: “The Crux: How Leaders Become Strategists“ von Richard P. Rumelt. Es hilft sehr, den Blick auf das Produkt zu schärfen und zu fragen, welches Problem man wirklich löst. The Crux kommt aus dem Freeclimbing und repräsentiert den härtesten Teil der Route. Die zentrale Message des Buches ist, das strategische Denken auf das härteste Problem zu fokussieren, das man hat und das lösbar ist. Anstatt die Strategie mit der Definition von Visionen und Zielen zu beginnen, wo man hin will, sollte man sich zunächst mit den Problemen auseinandersetzen.

[AP]: Und zum Schluss noch etwas ganz Privates: Wie schaltest du am besten ab, wenn der Kopf voll ist?

[Dr. Alexander Trommen]: Meine Familie würde wohl sagen: beim Skifahren. Da vergesse ich alles um mich herum – sogar Verabredungen, das Mittagessen oder die Kinder abzuholen.

[André Patrzek]: Danke, Alex, für dieses offene und inspirierende Gespräch. Dein Weg von der Unternehmensberatung bis zur Gründung der Appsfactory zeigt eindrucksvoll, wie Mut und ein gutes Gespür für technologische Trends entscheidend für unternehmerischen Erfolg sind. Ich finde das eine starke Inspiration!

Company logo
Unternehmer:

- Dr. Alexander Trommen

- CEO & Mitgründer von Appsfactory

- Background: COO bei MINICK Group, CMO bei United-Mobile AG

- Heute: Unternehmer, Digitalexperte und CEO der Digitalagentur Appsfactory

- Ziel: Unterstützung von Unternehmen bei digitaler Transformation und Softwarelösungen


Unternehmen:

- Name: Appsfactory

- Gründung: 2009

- Sitz: Leipzig, Sachsen

- Branche: App- und Softwareentwicklung


www.appsfactory.de
12. März 2026

Dr. Alexander Trommen

Vom App-Goldrausch zur KI-Ära: Wie Alexander Trommen die Digitalbranche mitgestaltet hat

Dr. Alexander Trommen gehört zu den Unternehmern, die die digitale Wirtschaft von Anfang an mitgebaut haben – lange bevor Apps zum Alltag wurden. Nach Stationen in Beratung und Industrie wagte er 2009 mitten im App-Goldrausch den Sprung ins Unternehmertum und gründete die Appsfactory mit Rolf Kluge und Roman Belter. Heute ist das Unternehmen die größte inhabergeführte Digitalagentur Deutschlands nach bvdw Ranking und entwickelt Anwendungen für Millionen Nutzer. Im Gespräch erzählt Trommen, warum viele App-Agenturen verschwunden sind, weshalb KI die Branche gerade neu sortiert – und warum Unternehmertum am Ende immer auch eine Frage von Mut, Timing und Durchhaltevermögen ist.

[André Patrzek]: Alex, wie bist du aufgewachsen – eher im „Sicherer Job ist alles“-Umfeld oder wurde dir die Unternehmer-DNA schon von Haus aus mitgegeben?

[Dr. Alexander Trommen]: Ein Unternehmer-Gen wurde mir sicher nicht mitgegeben. In der gesamten Verwandtschaft findet sich kein Unternehmer. Mein Vater hat mal versucht nebenbei ein Business mit Kunststoffverpackungen aufzuziehen, ist dabei aber gnadenlos an Qualitätsproblemen gescheitert. Zum Glück ohne große Verluste…

[AP]: Gab es schon früh Momente, in denen absehbar war: Der wird mal ein Selbermacher?

[AT]: Nicht wirklich früh, aber mein erster Job war in der Unternehmensberatung bei Bossard Consultants, in Deutschland ein Spin-off von McKinsey, das später in Gemini Consulting aufgegangen ist. Die Partner von Bossard Consultants haben Ihr Team offensichtlich sehr stark in unternehmerischem Denken gefördert. Grob überschlagen sind von 100 Beratern sicher 70% Unternehmer geworden.

[AP]: Wann ist das Interesse für Wirtschaft, Technologie und Marketing zum ersten Mal wirklich erwacht?

[AT]: Ich fand Gesellschaft und Wirtschaft schon immer spannend. Mit 14 habe ich im Freibad immer die zwei Wochen alten “Der Spiegel” Zeitschriften meines Opas gelesen, was die Mütter meiner Freunde, die uns jeweils gefahren haben, immer sehr merkwürdig fanden.

[AP]: Auf einer Skala von 1 bis Computer-Nerd: Wo würdest du den jungen Alexander einordnen? War das Interesse an dem Thema schon immer vorhanden?

[AT]: 1 – Ich hatte im Gegensatz zu meinen Freunden keinen C64 Computer und war auch kein Gamer. Mein Fokus war damals eher Disko, Skifahren und Windsurfen.

[AP]: Erlangen-Nürnberg, ESCP, später Promotion an der FU Berlin – klingt nach Karriereplan. War das wirklich so strategisch gedacht?

[AT]: Ich muss zugeben, dass ich als Abiturient sehr viel Zeit investiert habe, um mir zu überlegen, was ich studieren will, wo ich studieren will und dass ich promovieren will, um später mal die Möglichkeit zu haben als Dozent oder Professor an die Uni zurück zugehen. Daraus ist dann irgendwie doch nichts geworden, auch wenn ich zwischenzeitlich einige Jahre Dozent für Design und App-Entwicklung an der HTWK in Leipzig war.

[AP]: Und was aus dieser akademischen Zeit nutzt du heute tatsächlich noch im Unternehmeralltag?

[AT]: Im Endeffekt natürlich sehr wenig. Aber vielleicht liegt es doch am starken akademischen Background (alle drei Gründer der Appsfactory haben promoviert), dass wir sehr viel Wert auf Strategie und ausgefeilte Managementinformationssysteme legen. Als Geschäftsführung verbringen wir in Summe pro Jahr mindestens 10 Tage in Strategieworkshops. Dort passen wir die Strategie jeweils auf das Marktumfeld und die Technologietrends an. Außerdem benchmarken wir unsere Konkurrenz sehr detailliert, auch nach Finanzzahlen. Aus meiner Sicht liegt darin auch einer der Schlüssel für unser überproportionales Wachstum: darwinistisches schnelles Anpassen an die Marktveränderungen.

[AP]: Du warst bei Bossard Consultants und später bei Knorr-Bremse. War das Deine ursprüngliche Karrierevision?

[AT]: Mitte der Neunziger Jahre war der Königsweg für Karriere als Absolvent entweder in der Managementberatung oder oder im Investmentbanking anzufangen, insofern habe ich das dann gemacht. Auch die Konzern Karriere war fest eingeplant inklusive Promotion, um die Chancen auf den Vorstandsposten zu erhöhen (bei 60% promovierten Vorständen zu der Zeit).

[AP]: Was hast du aus dieser Corporate-Zeit gelernt, das dir beim Gründen wirklich geholfen hat?

[AT]: Man lernt, dass man Ziele in Unternehmen, auch in größeren Startups oder Agenturen, nicht mehr erreicht, indem man immer mit dem Kopf durch die Wand will oder Leute überstimmt. Der negative Ausdruck dafür wäre vielleicht, man lernt politisch zu denken. Ich sehe das aber nicht so negativ. Man muss auch als CXO die Kollegen und Teamleiter überzeugen und hinter sich bringen. Sonst wird die Strategie nie richtig umgesetzt.

[AP]: Wann kam der Moment, in dem du dachtest: Angestellt sein reicht mir nicht?

[AT]: Wie so vieles im Leben durch Zufall. Ich war gerade COO bei der MINICK und wir waren nach der New Economy Krise in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Gelinde gesagt waren wir quasi pleite. In dieser Situation kam unser CTO zu mir und schlug vor, dass wir die Firma im Management Buyout übernehmen sollten. Das haben wir dann auch getan, einen leveraging Partner mit dem Spielehersteller THQ gefunden, Löhne und Gehälter stark gekürzt, ein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm aufgelegt und in einer hardcore Sanierung die Firma in 3 Monate in die Profitabilität geführt. Ich muss zugeben, dass ich am Anfang sehr skeptisch war, ob das klappt. Aber das Argument für die Übernahme war einfach: Wenn wir es nicht tun, haben wir in drei Monaten keinen Job mehr. Ich habe mir dann Geld bei meinen Eltern geliehen und bin Unternehmer geworden.

[AP]: Du warst COO bei der MINICK Group – mitten in der Zeit von Premium-SMS, MTV-Votings und Mobile Content. War das wirklich so wild, wie es von außen wirkte?

[AT]: Es war ja mitten in der New Economy und mit Sicherheit wird es nie mehr so viel Party und Events im Wirtschaftsleben geben. Nur ein paar Anekdoten: Siemens Mobile hatte damals zur Cebit eine 50 m breite Surfanlage aufgebaut. Ericsson hat uns zur Vorstellung neuer Handys nach New York geflogen. Wir hatten sogar einen der damals zwei besten DJs der Schweiz angestellt, um die Clubszene auf unsere SMS Lösung zu bringen. Was auch mit 70% Marktanteil gelungen ist.

„Aus meiner Sicht landen zu viele Unternehmer, wenn sie mal erfolgreich sind, in der Zufriedenheitsfalle und werden träge.“
Dr. Alexander Trommen
Dr. Alexander Trommen

[AP]: Und was lernt man, wenn man plötzlich mit Playern wie Vodafone, MTV oder RTL arbeitet?

[AT]: Dass man als Digitalagentur trotzdem immer nur ein Dienstleister ist und nie wirklich auf Augenhöhe Partner ist. Das geht nur, wenn man selbst eine bedeutende Brand ist. Aber das ist auch OK so. Es gibt ja genug Schmerzensgeld.

[AP]: 2009 war in der App-Entwicklung plötzlich Goldrausch. War die Gründung der Appsfactory ein logischer Schritt – oder ein mutiger Sprung ins kalte Wasser?

[AT]: Beides. Nach dem Verkauf der MINICK an die Swisscom suchte ich eine neue unternehmerische Möglichkeit und da bot sich die Kombination aus meinem Know-how und Netzwerk bei mobile Services aus der MINICK mit dem megatrend Apps an eine neue Digitalagentur mit Spezialisierung auf Apps zu gründen.

[AP]: Und wie schafft man es, daraus über 15 Jahre ein stabiles Digital-Produkt-Haus zu bleiben?

[AT]: Der Weg aus dem kleinen Startup eine Unternehmensgruppe mit fast 500 Mitarbeitern und 50 Millionen Euro Umsatz zu machen war schwierig, hatte viele Rückschläge und hat ja auch lange gedauert. Ich habe am Anfang im Office geschlafen, um Miete zu sparen und einmal nach 3 Jahren hatten fast alle iOS Entwickler gekündigt, weil es ihnen zu stressig war. Als wir das iOS Ressourcen Problem erst mit Freelancern und dann mit Neueinstellungen gelöst haben, wussten wir, dass uns nichts mehr umwerfen – nur noch aufhalten kann.

[AP]: Viele App-Agenturen sind wieder verschwunden. Warum lebt Appsfactory noch – und andere nicht?

[AT]: Die technologische Entwicklung im App-Bereich und allgemein, wie man am Beispiel der KI sieht, geht rasend schnell. Was vor drei Jahren noch State-of-the-Art war, mag jetzt schon wieder überholt sein. Es ist extrem wichtig, technologische Trends bewerten zu können und  auch mal bewusst ‚Nein‘ zu sagen. Wir haben beispielsweise den Beacon Trend vor zehn Jahren völlig ignoriert, weil wir nicht an die Einsetzbarkeit in der Praxis geglaubt haben, nachdem wir die Technologie bewertet haben. Es gibt zwei große Untersuchungen, warum so wenige Unternehmen 100 Jahre alt werden. Beide stellen zwei Punkte heraus: Erstens sollte man Management-Trends wie Shareholder-Value oder New Work nicht blind folgen, und zweitens bedarf es einer soliden Strategie.

[AP]: Im New Trend Society Podcast ist von rund 76 Millionen Umsatz die Rede. Was musstest du organisatorisch verändern, um aus einer kleinen Agentur ein Unternehmen dieser Größe zu machen?

[AT]: Die Zahl stimmt nicht ganz, es sind 50 Mio. Euro Umsatz in 2025. 2026 wollen wir 60 Mio. erreichen. Entscheidend war es bereits als kleine Agentur, die Tools und Prozesse zu etablieren, die Skalierbarkeit ermöglichen, wie z.B. Jira, Confluence, Harvest, Muchskills, Zoho und viele andere.

[AP]: Welche Entscheidung bei Appsfactory war die riskanteste – und welche im Rückblick die beste?

[AT]: Die Übernahmen der Top-Ten Designagentur Edenspiekermann sowie der Agentur Büro am Draht waren zwar riskant, erwiesen sich jedoch als die beste Entscheidung. Heute sind wir – gemessen an unserer Unternehmensgröße – die Einzigen, die Design und Engineering in dieser Qualität in einer Unternehmensgruppe vereinen. Ein Beleg für diesen Erfolg ist etwa der Gewinn des globalen Pitches eines OEMs im Bereich HMI direkt nach der Akquisition.

[AP]: Und ganz ehrlich: Was war dein größter Management-Fehler?

[AT]: Mir fallen hier spontan 2 ein: Mein Vertriebschef wollte mal 25.000 € Budget, um Klingeltonanzeigen in der BILD zu schalten, weil er gehört hatte, dass ein anderes Unternehmen damit viel Geld verdient. Ich meinte, dass wir dafür lieber 10 Laptops kaufen sollten. Das andere Unternehmen war nach 6 Monaten so erfolgreich, dass sie für 8 Mio. € verkauft wurden. Das andere war die Situation, in der mich Morten Sondergaard – einer der Angel Investoren bei Spotify – überzeugen wollte, zu Spotify zu kommen. Ich hab ihm gesagt, dass Musikstreaming über das Mobilfunknetz nie kommerziell funktionieren wird. Ich hatte gerade mein erstes Unternehmen an die Swisscom verkauft und alle Führungskräfte dort meinten, dass Video- und Musikstreaming von der Bandbreite her immer zu teuer bleiben würde…

[AP]: Ist der große App-Boom eigentlich vorbei – oder fängt mit KI gerade eine neue Phase an?

[AT]: Ich denke der App-Hype, also die Zeit, in der quasi jeder Blumenladen einen eigene App haben wollte, ist vorbei. Für viele Unternehmen ist die App jedoch der zentrale Touchpoint zum Kunden. Es wäre daher absurd, massiv in CRM zu investieren, aber den wichtigsten Kanal, die App, zu vernachlässigen.

[AP]: Ihr positioniert euch stark in Richtung KI und Machine Learning. Ist das gefühlt nicht auch viel Branchen-Buzz, statt echtem Geschäft?

[AT]: Der IT Services Markt in Deutschland wächst ungefähr um 3,5% je nachdem, welcher Marktstudie man glaubt. Der Markt für KI Solutions wächst aber die nächsten Jahre mit ca 20% und hat schon ein Volumen von über 1 Mrd. € in Deutschland. Das ist schon ein sehr attraktiver Markt. Wir erwarten, dass durch KI die Umsätze beim reinen Coding zurückgehen, aber die Umsätze in den Bereichen Beratung und Softwarearchitektur sowie im DevOPs und Security steigen werden.

[AP]: Wie radikal wird KI die Branche – und vielleicht unsere gesamte Arbeitswelt – verändern?

[AT]: Extrem radikal bei digitalen Produkten und Software. Wir erwarten, dass dieselbe Software in zwei Jahren mit 30% weniger Aufwand erstellt werden kann. Wenn man den Kern anschaut, also die Programmierung, dann werden es sogar mehr als 50% sein. Allerdings kommen neue Aufgaben dazu wie Beratung des Kunden zu KI-Agents und Modellen, Systemarchitektur wird wichtiger und Security und QA werden wichtiger. Gerade wurde ja bekannt, dass ein KI Agent in nur zwei Stunden die Wissensdatenbank der weltgrößten Beratung gehackt hat. Viele Unternehmen werden ihre Inhouse Entwicklungsteams signifikant reduzieren, weil nicht genug Arbeit da ist. Agenturen sind da besser aufgestellt und können sich zusätzliche Kunden suchen.

[AP]: Klassische Frage: Wo siehst du die Appsfactory in zehn Jahren?

[AT]: Als die erste Adresse, wenn es bei Projekten auf die Kombination von Design und Engineering auf höchstem Niveau ankommt.

[AP]: Seit 2024 sitzt du im Management Board von Edenspiekermann. Was hat dich daran gereizt?

[AT]: Edenspiekermann ist eine der Top 10 Designagenturen und ihr Gründer Erik ist eine Legende. Es ist extrem inspirierend mit Kreativen zu arbeiten, die das CD der Deutschen Bahn entworfen haben, die Schrift von Mercedes oder die erste Version von Red Bull TV. Bei Edenspiekermann definieren wir in vielen Projekten die Zukunft von Marken und Produkten.

[AP]: Hast du sowas wie eine persönliche Management-Philosophie?

[AT]: Mein Lieblingsspruch ist von Mario Andretti (F1 Weltmeister 78): “If everything seems under control, you are just not going fast enough”. Aus meiner Sicht landen zu viele Unternehmer, wenn sie mal erfolgreich sind, in der Zufriedenheitsfalle und werden träge. Wir versuchen das in der Appsfactory zu vermeiden, um weiter zu wachsen.

[AP]: Gibt es Unternehmer oder Denker, die dich geprägt haben?

[AT]: Ich verschlinge Biographien von Unternehmern. Ich glaube, man kann von fast allen etwas lernen.

[AP]: Wenn du jemandem, der gründen möchte, ein Buch empfehlen müsstest, welches wäre das?

[AT]: “The Crux: How Leaders Become Strategists“ von Richard P. Rumelt. Es hilft sehr, den Blick auf das Produkt zu schärfen und zu fragen, welches Problem man wirklich löst. The Crux kommt aus dem Freeclimbing und repräsentiert den härtesten Teil der Route. Die zentrale Message des Buches ist, das strategische Denken auf das härteste Problem zu fokussieren, das man hat und das lösbar ist. Anstatt die Strategie mit der Definition von Visionen und Zielen zu beginnen, wo man hin will, sollte man sich zunächst mit den Problemen auseinandersetzen.

[AP]: Und zum Schluss noch etwas ganz Privates: Wie schaltest du am besten ab, wenn der Kopf voll ist?

[Dr. Alexander Trommen]: Meine Familie würde wohl sagen: beim Skifahren. Da vergesse ich alles um mich herum – sogar Verabredungen, das Mittagessen oder die Kinder abzuholen.

[André Patrzek]: Danke, Alex, für dieses offene und inspirierende Gespräch. Dein Weg von der Unternehmensberatung bis zur Gründung der Appsfactory zeigt eindrucksvoll, wie Mut und ein gutes Gespür für technologische Trends entscheidend für unternehmerischen Erfolg sind. Ich finde das eine starke Inspiration!