UnternehmerNEXT

Dr. jur. Can
Ansay

Im Interview mit André Patrzek
Dr. jur. Can Ansay

Der Mann mit dem digitalen Skalpell: Dr. jur. Ansay über KI & Cannabis


Kritiker:innen werfen dem Telemediziner Grenzüberschreitung und fragwürdige Geschäftsmodelle vor, seine Unterstützer:innen sehen in ihm hingegen einen radikalen Modernisierer. Dr. Can Ansay gründete Plattformen, die digitale Krankschreibungen und die unkomplizierte Online-Verschreibung von medizinischem Cannabis per Fragebogen vertreiben. Konzepte, die polarisieren und sich oft in rechtlichen Grauzonen bewegen …

[André Patrzek]  Can, du bist Jurist, giltst als Unternehmer, Aktivist und Influencer. Wie siehst du dich selbst?


[Dr. jur. Can Ansay]: Ganz klar als Unternehmer. Schon als Jurist wollte ich gestalten, nicht verwalten: Ich mache lieber, als mich zu beschweren. Und als Unternehmer kann ich genau das am besten: meine Kreativität nutzen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und Dinge zu schaffen, die es vorher nicht gab.

[André Patrzek] Was treibt dich an?

[CA]  Die Gesundheitsversorgung muss schneller, besser und günstiger werden. Innovative Produkte haben selten passende Regeln, müssen aber immer legitim sein – die Regeln folgen dann gegebenenfalls. Rebellion ohne die Frage „Warum?“ ist pubertär. Die Motivation, das Warum, ergibt sich bei mir aus den Patient:innen.

[André Patrzek] Warum eckst du so stark an?

[CA]  Das ist der übliche Zyklus bei Innovationen: Erst sind Kritiker:innen überrascht, dass sich große Probleme so einfach lösen lassen, später werden die Lösungen übernommen. In Deutschland kommen aus meiner Sicht noch Skepsis gegenüber Neuem und eine ausgeprägte Meckerkultur hinzu. Das deutsche Gesundheitssystem tut sich mit Veränderung extrem schwer, da viele Akteur:innen von den bestehenden Strukturen und ihrer Ineffizienz profitieren. Wer diese Strukturen also infrage stellt, eckt zwangsläufig an.

[André Patrzek] Du kämpfst mit Kammern, Behörden, Kritiker:innen und Widersacher:innen an vielen Fronten. Fühlst du dich manchmal ungerecht behandelt?

[CA]  Ja, insbesondere wenn sogar Gerichte das Märchen verbreiten, Patient:innen würden per se in der Arztpraxis besser behandelt als online mit digitalen Entscheidungshilfen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Manche Institutionen sind so an den Stillstand gewöhnt, dass sie Bewegung schon für einen Angriff halten.

[André Patrzek] Was war dein wichtigster Sieg – und was deine größte Niederlage?

[CA]  Der wichtigste Sieg ist keine Schlagzeile: dass die digitale Krankschreibung zur Selbstverständlichkeit wurde. Wenn etwas so normal wird, hast du etwas bewirkt. Die klarste Niederlage: Ich wollte in den Bundestag und bin beim ersten Anlauf gescheitert. Kein Drama, denn ich habe gelernt, worauf es ankommt und wie es beim nächsten Mal klappen kann.

[André Patrzek] Wie viel Regulierung verträgt echte Innovation?

[CA]  Innovation braucht sachdienliche Leitplanken, keine sinnlosen Straßensperren. Bei echten Innovationen gibt es oft noch keine Rechtslage, das ist Neuland. Gerade im Gesundheitswesen müssen neue Angebote von Anfang an medizinisch, rechtlich und ethisch sauber gedacht sein. Für mich gilt: Ein Service muss legitim sein, gut für Patient:innen. Und ich lobe gute Regulierung: Die Stärkung der Vor-Ort-Apotheken mit assistierter Telemedizin, Folgerezepten und Schnelltests, das ist eine kleine Revolution. Der Wille und die Gesetze sind da. Es scheitert, wie so oft, nur an der Umsetzung.

[André Patrzek] Welche KI-Projekte treibst du aktuell voran?

[CA]  Aktuell treiben wir vor allem unseren AI-Arzt-Chatbot für Zweitmeinungen voran, bald auch für Psychotherapie. Dazu kommen KI-Assistenzsysteme, die ärztliche Arbeit unterstützen und die Patient:innensicherheit verbessern. Bei unserer Cannabis-Versorgungsplattform nutzen wir beispielsweise einen von Mediziner:innen entwickelten Fragebogen, der Risiken erkennt und die Suchtgefahr einschätzt.

[André Patrzek] Wenn du Gesundheitsminister für einen Tag wärst: Was würdest du sofort tun?

[CA]  Ich würde sofort Psilocybin, also den Wirkstoff aus Zauberpilzen, als normales verschreibungspflichtiges Arzneimittel klassifizieren. Und abschaffen würde ich Regeln und Vorgaben, die keinen erkennbaren Nutzen für eine bessere oder sicherere Versorgung haben.

[André Patrzek] Du bist Sohn einer Ärztin und eines Juraprofessors. Kommt daher die Faszination für Medizin und Rechtswissenschaft?

[CA]  Zu hundert Prozent. Jura, ehrlicherweise auch wegen meines Vaters, der Juraprofessor in dritter Generation war. Ich habe es durchgezogen: zwei Staatsexamina, die härtesten Prüfungen der Welt, davon bin ich bis heute leicht traumatisiert. Von meiner Mutter, der Ärztin, kam nicht die Anatomie, sondern dass es bei Medizin um den Menschen geht. Von meinem Vater, dass Regeln vom Menschen gemacht sind, also änderbar. Dazu mein türkischer Migrationshintergrund: Er lässt mich Probleme anders sehen. Genau diese Mischung war die Grundlage für DrAnsay.

[André Patrzek] Was macht für dich einen guten Arzt aus – und was einen guten Juristen? Und was unterscheidet beide?

[CA]  Ein guter Arzt nutzt digitale Entscheidungshilfen mit KI, um effizienter und besser zu sein. Ein guter Jurist zeichnet sich nicht nur durch Intelligenz, Erfahrung, fachliche Kompetenz und hervorragende Examina aus. Er verfügt ebenso über kreative Soft Skills, um neue Wege zu finden und Vergleiche zu schließen. Als Jurist finde ich im Dschungel der Paragraphen die Lichtung, auf der Lösungen entstehen. Der Unterschied: Der Arzt heilt, was ist, der Jurist gestaltet, was sein könnte. Am spannendsten ist es, wenn beide dieselbe Person sind. Dann heilst du nicht nur Patient:innen, sondern das System, das sie krank warten lässt.

[André Patrzek] Wenn ich dich jetzt gar nicht kennen würde: Wie würdest du beschreiben, was du tust?

[CA]  Was ich möchte? Alle einfach glücklich machen. Meine konkrete Mission: die Gesundheitsversorgung radikal einfach, gut und günstig machen – mit klaren medizinischen Standards. Es geht nicht darum, Versorgung abzukürzen, sondern unnötige Hürden abzubauen. Konkret heißt das, den Zugang zu Ärzt:innen möglichst leicht zu machen und allen zu ermöglichen. Und weil es mir grundsätzlich darum geht, Dinge einfacher und besser zu machen, gehören für mich auch gemeinnützige Services oder Guerilla-Aktionen für die Cannabis-Legalisierung und künftig für Psilocybin dazu. Ein bisschen (Business) Punk gehört also dazu.

[André Patrzek] Was ist deine unbequemste Wahrheit über den deutschen Gesundheitsmarkt?

[CA]  Die Kosten unseres Gesundheitssystems steigen so immens, weil sich diejenigen Akteure durchsetzen, die von den alten, teuren Strukturen weiterhin profitieren, und deswegen kein Interesse an Veränderung oder mehr Effizienz haben. Wir rationieren Gesundheit über Wartezeit und tun so, als wäre das gerecht. Das System ist nicht für Patient:innen gebaut, sondern für seine eigene Verwaltung. Alle in der Branche wissen das, kaum jemand sagt es laut. Die weitere unbequeme Wahrheit: Über die Hälfte unserer Gesundheitskosten entsteht durch falschen Lebensstil, der zu chronischen Krankheiten führt (EU-Kommission, WHO). Wir reparieren teuer, statt vorzubeugen. Ein System, das erst aufwacht, wenn es teuer wird, ist ein Krankheitssystem.

[André Patrzek] Du sagst, KI könne Ärzte entlasten. Kritiker fürchten Arbeitsplatzverlust und Entmenschlichung. Haben sie Unrecht – oder einfach Angst?

[CA]  Sie haben Recht – und Angst. Das ist bei technologischem Fortschritt nichts Neues. Bei der Erfindung des Autos wurde auch der Kutscher irgendwann überflüssig. Je mehr unnötige Arbeit eine Erfindung ersetzen kann, desto wertvoller ist die Erfindung. Carl Benz ersetzte Pferde durch Motoren und maß deren Leistung in PS. Ich ersetze ärztliche Routinearbeit durch Technologie und messe unsere Erfindungen deshalb augenzwinkernd in ÄS (Ärztestärken). Auch „Entmenschlichung“ ist nicht per se schlecht. Menschen machen Aufwand und Fehler, Technologie kann beides reduzieren. Bei Reisebüros und Videotheken vermisst schließlich auch niemand die „Entmenschlichung“.

[André Patrzek] Wie sieht für dich ein freies, modernes Gesundheitssystem aus?

[CA]  So, dass das Potenzial der digitalen Revolution voll ausgeschöpft ist, vor allem Telemedizin und KI. KI kann niedrigschwellig der erste Anlaufpunkt sein, gerade bei den großen Kostentreibern: Sie ordnet ein, begleitet und leitet weiter, während Ärzt:innen und Therapeut:innen sich auf die Fälle konzentrieren, die sie wirklich brauchen. Dazu personalisierte Medizin und vor allem Prävention, denn ein großer Teil der Kosten entsteht durch vermeidbare, lebensstilbedingte Erkrankungen. Frei heißt: Du entscheidest, wann und wie du dich behandeln lässt. Die Technologie ist da. Für mich fehlt nur der Mut. Nun müssen die guten Lösungen für Selbstzahler sinnvoll in die Regelversorgung kommen, damit auch Kassenpatient:innen und am Ende die Staatskassen davon profitieren.

[André Patrzek] Welche Rolle wird KI in fünf Jahren im Gesundheitswesen spielen – mal ganz realistisch?

[CA]  Patient:innen werden sehr schnell immer mehr KI zur Selbstdiagnose und -therapie nutzen, insbesondere auch in der Psychotherapie. KI wird dabei so selbstverständlich werden wie heute das Internet – niemand wird irgendwann noch sagen: „Ich nutze jetzt KI.“ Dort, wo der Staat oder Praxisärzt:innen involviert sind, dauert alles viel länger. Aber auch bei Ärzt:innen werden sich KI-Entscheidungsunterstützungssysteme für Diagnose und Therapie stark verbreiten.

[André Patrzek] Wie bewertest du aktuelle EU-Regulierungen zu KI: notwendige Vorsichtsmaßnahme oder Innovationskiller?

[CA]  Beides und hier sehe ich das Drama. Der Grundgedanke ist richtig, bei Gesundheit will ich keine Blackbox, die niemand kontrolliert. Aber Europa macht aus guter Absicht gern ein Bürokratiemonster: Wir regulieren Technologien in einer Tiefe, die wir selbst nicht verstehen und wundern uns, dass die spannenden KI-Firmen in den USA und Asien entstehen. Meine These: Europa reguliert am liebsten, was es nicht baut. Ich wünsche mir Regeln, die Missbrauch verhindern und Fortschritte zulassen.

Ich kann die Regulierung im Einzelnen nicht beurteilen. Entscheidend sollte aber sein, dass Europa selbst führende KI-Technologien schafft, etwa durch bessere Finanzierungshilfen und konsequenten Bürokratieabbau.

[André Patrzek] Wie gehst du mit der Kritik um, dass deine Selbstinszenierung aus Luxus, Tech und Rebellion manchmal die Themen überlagert, die du eigentlich vorantreiben willst?

[CA]  Bisher haben unsere innovativen Produkte immer ein großes Medienecho bekommen, was unser bestes Marketing ist. Je mehr Menschen ich mit meiner Botschaft erreiche, desto besser. Reichweite hilft dabei, Themen wie Telemedizin, digitalen Zugang und Prävention aus der Fachnische in die breite Öffentlichkeit zu bringen. Ich inszeniere mich nicht, sondern zeige mich so, wie ich bin.

[André Patrzek] Wenn du in zehn Jahren zurückblickst: Woran würdest du erkennen, dass dein Kampf nicht nur laut, sondern auch richtig war?

[CA]  Das erkenne ich jetzt schon an unseren größten Erfolgen, bspw. den wertvollsten Services der Telemedizin in Deutschland seit 2011. Der beste Beweis, dass eine Innovation richtig war, ist, wenn sie irgendwann selbstverständlich wird. In zehn Jahren werden sicher noch viele weitere hinzukommen – insbesondere die Legalisierung von Psilocybin. Am Ende geht es darum, ob die Versorgung für Menschen spürbar besser geworden ist.

[André Patrzek] Danke, Can, für dieses offene Gespräch. Du gehst Risiken ein, die andere scheuen, und hältst den Gegenwind aus. Dass Du nach dem ersten gescheiterten Anlauf in den Bundestag einfach weitermachst, sagt viel über Dein Durchhaltevermögen. Ich bin gespannt, was als Nächstes selbstverständlich wird. Vielleicht ja Psilocybin auf Rezept?

„Die Sportart wechselt, die Werkzeuge wechseln, aber die Frage bleibt dieselbe: Wie kann ich meinen Körper wirklich verstehen, statt ihn nur zu bekämpfen.“
Dr. jur. Can Ansay
Dr. jur. Can Ansay