Nicholas Rudaz: Luxus braucht Verrücktheit
Luxus braucht ein bisschen Verrücktheit. CEO Nicholas Rudaz von Franck Muller Genève über Instinkt, Handwerkskunst und Uhren mit Seele. Hier die ausführliche Version des Interviews aus dem aktuellen Business-Punk-Heft „It’s a Match“, Ausgabe 3/2026.
Das Interview führte Wolfgang Winter
FRANCK MULLER: Erst mal die Fakten
Bevor Nicholas Rudaz erzählt, wie Luxus, Instinkt und ein bisschen Verrücktheit zusammenpassen, kurz die Hard Facts: Franck Muller wurde 1991 vom Uhrmacher Franck Muller und dem Gehäuse- und Edelsteinspezialisten Vartan Sirmakes gegründet. Das Zuhause der Marke ist das Watchland in Genthod bei Genf, weitere Produktionsstätten gibt es in Meyrin, Le Locle und Les Bois.
Rund 40.000 Uhren entstehen schätzungsweise pro Jahr, den bisherigen Höchststand gab es 2003 mit knapp 49.000. Rund 450 Menschen arbeiten im Watchland, weitere etwa 160 in den Produktionsstätten. CEO ist Nicolas Rudaz. Verkauft wird über rund 25 Boutiquen, zu den Schlüsselmärkten zählen Japan, Asien und der Mittlere Osten.
Und Auswahl gibt’s reichlich: Rund 1.000 Referenzen umfasst das Sortiment – darunter Cintrée Curvex, Vanguard, Crazy Hours, Long Island und Aeternitas. Preislich geht es bei unter 10.000 Euro los und reicht bis über eine Million Euro für die Aeternitas Mega. Gehäuse, Zifferblätter und Bänder entstehen komplett im eigenen Haus, die Werke zu etwa 50 Prozent aus eigener Fertigung. Der technische Endgegner: die Aeternitas Mega. 36 Komplikationen, 1.483 Komponenten. Mehr Uhr geht kaum.
Das Business Punk-Interview
Wie Nicholas Rudaz von Franck Muller Genève tickt? Verrät uns der CEO hier, in fünf Fragen und Antworten.

Business Punk: Welche Uhr aus Ihrer Sammlung tragen Sie am häufigsten – und warum?
Nicholas Rudaz: Ich wechsle meine Uhren sehr häufig – manchmal sogar mehrmals am Tag. Welche Uhr ich trage, hängt für mich von meiner Stimmung ab, davon, was ich anhabe und wohin ich gehe.
Eine besondere Zuneigung habe ich allerdings zur Franck Muller Crazy Hours. Sie verkörpert eigentlich alles, was ich an Franck Muller liebe: Sie ist technisch raffiniert, sofort wiederzuerkennen, ein wenig provokant und bringt die Menschen vor allem zum Lächeln. Sie erinnert uns daran, die Zeit – und auch uns selbst – nicht allzu ernst zu nehmen. Außerdem besitze ich noch eine Omega Seamaster, die mir meine Mutter zum Studienabschluss geschenkt hat. Finanziell ist sie sicher nicht die wertvollste Uhr meiner Sammlung, emotional aber ist sie unbezahlbar. Genau darin liegt für mich die Schönheit von Uhren: Diejenigen, die wir am meisten lieben, sind oft mit einem Menschen, einem Ort oder einem besonderen Moment unseres Lebens verbunden.
Business Punk: Warum muss eine Uhr über ihre technische Exzellenz hinaus auch eine Geschichte erzählen?
Nicholas Rudaz: Weil heute eigentlich niemand mehr eine mechanische Uhr braucht, um zu wissen, wie spät es ist. Wir alle tragen ein Telefon bei uns, das diese Aufgabe perfekt erfüllt. Wer sich dennoch für eine mechanische Uhr entscheidet, entscheidet sich deshalb für etwas Emotionales: für Handwerkskunst, Design, Geschichte, Persönlichkeit und manchmal auch für ein wenig Exzentrik.Bei Franck Muller ist technische Exzellenz selbstverständlich die Grundlage. Aber sie darf niemals kalt wirken. Ob Crazy Hours, Tourbillon oder eine unserer komplizierteren Uhren: Ich möchte, dass jemand sie ans Handgelenk legt und dabei etwas empfindet. Genau diese Emotion verwandelt ein schönes mechanisches Objekt in eine Uhr, die man ein Leben lang behalten möchte.

Business Punk: Wie viel Prozent Instinkt und wie viel Prozent Daten fließen in die Entscheidung für Ihr nächstes Modell ein?
Nicholas Rudaz: Wahrscheinlich 70 Prozent Instinkt und 30 Prozent Daten. Natürlich analysieren wir Verkaufszahlen, Märkte, Kunden und Trends. Alles andere wäre töricht. Aber wenn man sich ausschließlich an Daten orientiert, entwickelt man meist genau das, von dem die Menschen bereits wissen, dass sie es wollen.
Franck Muller wurde erfolgreich, weil die Marke genau das Gegenteil getan hat. Franck selbst schuf Uhren, wie sie die Menschen zuvor noch nie gesehen hatten. Die Crazy Hours ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Ich glaube kaum, dass irgendeine Marktforschung jemals zu dem Ergebnis gekommen wäre, dass sich Menschen eine Uhr mit scheinbar ungeordneten Ziffern und einem Stundenzeiger wünschen, der über das Zifferblatt springt.
Luxus braucht Kreativität, Überraschung und manchmal auch ein wenig Verrücktheit. Daten können einem zeigen, wo man gewesen ist. Instinkt kann einem manchmal zeigen, wohin man als Nächstes gehen sollte.
Business Punk: Was ist der größere Luxus: perfekte Mechanik oder die Unvollkommenheit echter Handwerkskunst?
Nicholas Rudaz: Für mich besteht wahrer Luxus in perfekter Mechanik, bei der die menschliche Hand dennoch spürbar bleibt. Eine mechanische Uhr muss präzise und hervorragend verarbeitet sein. Aber ich möchte nicht, dass Luxus zu industrieller Perfektion ohne Seele wird. Es ist etwas Besonderes zu wissen, dass eine Uhr durch die Hände hoch qualifizierter Uhrmacher, Polisseure, Graveure, Edelsteinfasser und Kunsthandwerker gegangen ist.
In unserem Watchland in Genf haben wir das Glück, sehr viel von diesem Know-how unter einem Dach zu vereinen. Maschinen können Außergewöhnliches leisten. Doch erst die Handwerkskunst verleiht einem Objekt seine Seele. Diese menschliche Dimension wird zunehmend seltener – und damit immer wertvoller.

Business Punk: Warum glauben Sie, dass die beste Zeit für Ihre Uhrenmarke gerade erst beginnt?
Nicholas Rudaz: Weil ich glaube, dass die Menschen Individualität wiederentdecken. Eine Zeit lang konzentrierte sich die Uhrenwelt sehr stark auf Investments, Wartelisten, Wiederverkaufspreise und darauf, genau das zu kaufen, was auch alle anderen haben wollten. Ich glaube, dass viele Sammler davon inzwischen müde werden. Sie wollen wieder Persönlichkeit. Sie wollen Farbe, Kreativität, Komplikationen und Uhren, die etwas über den Menschen aussagen, der sie trägt.
Genau darin war Franck Muller schon immer anders. Wir sind unabhängig, verfügen über eine eigene Manufaktur und besitzen ein außergewöhnliches Erbe im Bereich komplizierter Uhren. Gleichzeitig hatten wir nie Angst vor Farbe, Humor oder davor, Regeln zu brechen. Und vielleicht noch wichtiger: Eine mechanische Uhr – insbesondere eine Franck Muller – sollte mit Stolz und Freude getragen werden. Sie ist nicht dafür gedacht, ihr Leben in einem Tresor zu verbringen. Und sie wurde auch nie als Spekulationsobjekt geschaffen.
Generell sollte eine großartige Uhr einen Menschen durchs Leben begleiten, Erinnerungen sammeln und irgendwann seine Geschichte erzählen. Diese Philosophie gehört von Anfang an zu Franck Muller. Und ich glaube, dass sie heute relevanter ist, denn je. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass unsere spannendsten Jahre noch vor uns liegen.
Wer mehr über Franck Muller Genève erfahren möchte, findet auf www.uhrenkosmos.com weitere spannende Infos. Oder in unserem aktuellen Heft „It’s a match“ 3/2026 unter https://www.business-punk.com/ausgabe/
