PS, I Love Art
Autos werden zu Kunstwerken, Marken zu Kuratoren: BMW, Porsche, Rolls-Royce und Volkswagen R verhandeln ihre Zukunft längst auch im White Cube. Wie aus Performance kultureller Wert wird, zeigt unsere Geschichte aus dem aktuellen Business-Punk-Heft „It’s a Match“.
Die Zukunft des Autogeschäfts wird im White Cube verhandelt. BMW, Porsche, Volkswagen R und Rolls-Royce sind längst dort.
MATCH 1: BMW × KUNST
Kein Hersteller hat Kunst so konsequent in seine Marken-DNA eingeschrieben, Kultur ist das bessere Kund:innen-Event. BMW ist aus dem Sponsoring-Modus ausgestiegen und hat Kultur als eigenen Aggregatzustand der Marke definiert. Die Art Cars von Alexander Calder, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jeff Koons, Julie Mehretu sind fahrbare Sammlerstücke und zugleich das deutlichste Statement: Das Auto ist Leinwand, nicht nur Produkt.
Die langjährige Partnerschaft mit der Art Basel ist das institutionelle Rückgrat. Zur Ausgabe 2026 präsentiert BMW mit A.A. Murakami die immersive Installation „Symbiosis“ in Halle 1. Das Künstler:innen-Duo aus Tokio und London arbeitet mit „Ephemeral Tech“, eigens entwickelten Technologien, die vergängliche Materialien wie Blasen, Nebel und Licht in Szene setzen.
„Uns interessiert die Vorstellung, dass Existenz selbst zu einem Material werden kann“, sagt Azusa Murakami. „Sobald eine Blase in die Luft entlassen wird, gehört ihre Form nicht länger der Maschine, sondern dem Zufall.“ Die Symbiotic-Drive-Technologie der „Neuen Klasse“ wird so zur physischen Erfahrung. Im Mittelpunkt steht der BMW M760e xDrive, formal reduziert, eingebettet in ein Environment, in dem Ingenieurtechnik und Naturkräfte sich gegenseitig aushebeln. Das ist mehr als hübsches Setting für einen Messeauftritt. Thomas Girst, Leiter BMW Group Kulturengagement, spricht von „Driven by Culture“. Der Satz wirkt wie CorporatePoesie, bekommt aber Gewicht, wenn BMWGroupCulture sich eher wie ein Kunstmagazin liest als wie der Kanal eines Autoherstellers. Wer BMW über Kunst wahrnimmt, erlebt die Marke zuerst als Kulturakteurin. Die PS kommen später. Philosophisch verschiebt BMW damit den Fokus: Weg vom Auto als Zentrum, hin zur Frage, welche kulturellen Räume die Marke bespielt.

MATCH 2: PORSCHE × FRAUSCHER
Handwerkskunst als neues Muss, die interessantesten Kooperationen verlassen die Straße. Porsche hat seine E-Performance vom Asphalt gelöst. Zusammen mit der Frauscher Bootswerft entstand die Frauscher × Porsche 850 Fantom, ein Elektro-Sportboot mit Macan-Turbo-Antrieb. Die Daten sind klar: Hinterachsmotor mit bis zu 400 Kilowatt, 100-kWh-Batterie, schnelle DC-Ladung, Fahrmodi von Docking bis Sport Plus, Höchstgeschwindigkeit um 90 km/h. Die Technik könnte auch in einem SUV stecken, tut sie ja bereits. Spannend wird sie erst dort, wo sie das Element wechselt. Die First Edition ist auf 25 Boote limitiert, gebaut in Ohlsdorf. Studio F. A. Porsche und Style Porsche haben das Cockpit gestaltet, inklusive Sportwagen-Lenkrad, Sitzen mit Wappen, Screens, Ambientebeleuchtung, Unterwasser-LEDs.
Oakgreen Metallic Neo auf dem Rumpf, Trüffelbraun mit orangenen Nähten im Innenraum, diese Details gehören in die Welt der Sammler:innen, nicht in eine Flottenstrategie. Philosophisch ist die 850 Fantom eine Verschiebung des Bewegungsbegriffs. Mobilität wird räumlich und materiell erweitert. Die gleiche Technologie erzeugt andere Bilder, andere Geräusche, andere soziale Szenen, sobald sie das Medium wechselt. Der Motor verliert seinen Zwang zur Straße und taucht als Element eines See-Lebens auf. Die Nachhaltigkeitsrhetorik bleibt dabei heikel. Ein Elektro-Luxusboot ist kein Klimaheilsbringer. Es ist eher das sichtbare Symptom einer Gruppe, die sich die Transformation leisten kann.


MATCH 3: ROLLSROYCE × CYRIL KONGO
Luxus bewegt sich Richtung Asset, Kunst wird zur Währung. Rolls-Royce bewegt sich mit Black Badge bewusst in den Halbschatten der Marke. Der Black Badge Cullinan by Cyril Kongo geht noch einen Schritt weiter: Er macht das Fahrzeug zum Sammlerstück und den Innenraum zur Galerie. „Unsere Private Offices spiegeln unsere Überzeugung wider“, sagt Designchef Domagoj Dukec. „Aus Gesprächen erkannten wir den Wunsch bei einer besonderen Gruppe von Rolls-Royce-Sammler:innen nach mutiger, zeitgenössischer Kunst. Um diese Idee zum Leben zu erwecken, gingen wir eine Zusammenarbeit mit Cyril Kongo ein.“
Kongo arbeitet im Bespoke Collective, nicht nur an dessen Rand. Er bemalt Holzoberflächen, Dachhimmel, Lederdetails, komponiert Farbwelten au Phoenix Red, Turchese, Forge Yellow und Mandarin, lässt Formeln aus der Quantenphysik in den Starlight Headliner einfließen, integriert sein „Tag“-Motiv in Coachline und Innenraum. „Ich wollte meine eigene Interpretation jenes Universums erschaffen, dem der Black Badge entstammt, das ‚Kongoverse‘“, sagt Kongo. Der Begriff ist nicht zufällig. Hier entsteht eine eigene Welt, die sich über fünf Einzelstücke erstreckt, alle bereits über Private Offices vergeben. Philosophisch erzählt der Cullinan by Kongo etwas über Luxus im 21. Jahrhundert: Wert entsteht dort, wo Erzählungen und Objekte untrennbar werden. Das Auto ist nun Teil eines narrativen Systems, das in Händen einer kleinen Gruppe zirkuliert.
Alle vier Matches zeigen eine Bewegung: Technik wird Material, Kunst wird Lesebrille. Der klassische Prospekt beantwortet, wie schnell und wie effizient etwas fährt. Kunst fragt, warum es fährt, wer mitfährt und welche Geschichten dabei entstehen.


MATCH 4: VOLKSWAGEN R × IFA × FOTOGRAFISKA
Mobilität sucht kulturelle Relevanz, die spannendsten Ideen entstehen zwischen Galerie und Messehalle. Volkswagen R betritt die Kultur über einen Ort, an dem Technik traditionell gefeiert wird: die IFA Berlin. Gemeinsam mit Fotografiska Berlin entsteht eine Plattform für visuelle Kultur im Kontext von Technologie. R hängt sein R-Logo genau in diese Schnittstelle – ein durchaus mutiger Schritt für eine Marke, die normalerweise über Beschleunigungswerte spricht. Der Open Call „Art Shapes The Future“ ist der Versuch, den Diskurs zu öffnen. Weltweit sind Künstler:innen aus Fotografie, Video und KI-basierter Bildproduktion eingeladen, Arbeiten einzureichen, die sich mit Technologie und der Frage beschäftigen, was es heißt, in einer technologisierten Welt Mensch zu sein. „Die IFA ist nicht nur Tech-Event, sondern auch kulturelles Forum“, sagt IFA-Chef Leif Lindner. Reinhold Ivenz formuliert das Markennarrativ: „Volkswagen R steht für die Verbindung von Performance, Innovation und progressivem Mindset.“ Pedro Martinez Diaz ergänzt: „Die Zukunft entsteht dort, wo Technologie auf kulturellen Ausdruck trifft.“ Die starke Pointe liegt darin, dass R sich ausgerechnet auf einer Bühne zeigt, auf der Technik nicht in erster Linie bewundert, sondern seziert wird. Die coolsten Referenzen für „technologische Zukunft“ stammen aus Filmen, die oft eher warnen als werben. Nun stellt sich eine Performance-Marke dahin, wo diese Bilder diskutiert werden. Das kann nach hinten losgehen, wenn kritische Arbeiten direkt neben einem Hochglanz-R-Modell hängen. Es kann aber auch so etwas wie intellektuelle Glaubwürdigkeit erzeugen: Wer sich dem Blick der Kunst aussetzt, gibt zu, dass Technologie nicht nur Daten, sondern Auswirkungen hat.


Zum Titelbild:
Kunst als Geschäftsmodell der Mobilität? Im Premiumsegment ist sie längst zur eigenen Wertkategorie geworden. Hersteller installieren Private Offices für Sammler:innen, rechnen in Editionen und verschieben ihre Ingenieursleistung in Räume, in denen Kurator:innen und Künstler:innen mitentscheiden, ob ein Fahrzeug Produkt, Asset oder Kunstobjekt ist. Die BMW Art Cars markieren den Beginn dieser Verschiebung. Heute vergeben Rolls-Royce-Designer:innen Einzelstücke über Private Offices an eine Handvoll Kund:innen, bevor die Öffentlichkeit überhaupt erfährt, dass es sie gibt. Der Hebel lässt sich beziffern. Ein BMW M1 liegt als klassisches Sammlerfahrzeug im hohen sechsstelligen bis niedrigen siebenstelligen Bereich. Das von Andy Warhol bemalte BMW M1 Art Car wird aktuell bei rund 50 Mio. britischen Pfund gehandelt. Aus einem Sportwagen wird ein fahrbarer Warhol. Der Markt bewertet dieArbeit eher nach Kunstlogik als nach Autometrik. Der Multiplikator bewegt sich grob bei Faktor dreißig. Limitierung, Kuratierung, Plattformstrategien: Wertschöpfung entsteht über Fahrzeugverkäufe, über Lizenzrechte, Membership-Programme, Hospitality-Pakete und einen Sammlermarkt, der PS in kulturelles Kapital und langfristige Wertsteigerung übersetzt. Marke, Medium und Milieu greifen ineinander, bis aus einem technisch sauberen Prdukt ein sammelbares Statement entsteht. Wie das konkret aussieht, zeigen vier Matches, in denen sich diese Werteverschiebung verdichtet.
