drive & thrive

NIOs halbfester Wunderakku knackt 1.000 Kilometer Reichweite

Laden eines E-Autos
Resource Database für Unsplash+ Laden eines E-Autos
Erschienen
Lesezeit3 Min · 633 Wörter

WeLions Zellen treiben NIOs 150-kWh-Akku an und sollen 1.000 Kilometer Reichweite bringen. Nur: Fest ist daran vor allem das Marketing.

NIO-Chef William Li saß im Dezember 2023 vierzehn Stunden am Steuer eines ET7-Prototyps und fuhr 1.044 Kilometer am Stück. Bei minus zwei bis zwölf Grad, überwiegend teilautonom, gedrosselt auf 90 km/h, wie Engadget berichtete. Schnitt: 83,9 km/h. Li verkaufte das auf Weibo als Beweis für den 150-kWh-Akku. Und für die Idee, dass sich jedes NIO-Modell per Batteriewechsel auf diese Größe aufrüsten lässt. Starker Auftritt. Die spannende Frage ist, was wirklich im Auto steckte.

Der Name hinter der Zahl

Die Zellen kommen von Beijing WeLion New Energy Technology, gegründet 2016, Sitz Peking. Laut Cnevpost lieferte WeLion am 30. Juni 2023 erstmals Zellen mit 360 Wattstunden pro Kilogramm an NIO. Serienproduktion ab April 2024, Zugang für NIO-Kunden über Batterietausch und Miete seit Anfang Juni 2024.

„Fest“ heißt hier: halb

Wer „Festkörperbatterie“ liest, denkt an den großen Sprung. WeLion liefert ihn nur zur Hälfte. Der Elektrolyt ist teils fest, bleibt aber von Flüssigkeit umgeben. Das ist ein Hybrid, keine Vollfestkörperzelle. Engadget ordnet es so ein: Solche Halbfestkörper-Akkus sollen mehr Energie speichern und feuerfester sein. Von der doppelten Energiedichte echter Festkörperzellen sind sie aber weit entfernt.

Auch die 360 Wattstunden brauchen Kontext. Der Wert gilt für die einzelne Zelle. Für den kompletten Akku im Auto nennt Engadget nur 260 Wattstunden pro Kilogramm, rund 28 Prozent weniger. Teslas aktuelle Zellen liegen laut demselben Bericht unter 300 Wattstunden, ebenfalls auf Zellebene. Wer WeLions Zelle gegen fremde Packwerte stellt, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Rekordfahrt ist nicht Alltag

NIO gibt für den ET7 etwa 1.000 Kilometer nach dem chinesischen CLTC-Zyklus an. Die 1.044 Kilometer stammen aus einer Herstellerfahrt unter kontrollierten Bedingungen. Zwei Welten, beide wenig alltagstauglich.

Auch kommerziell bleibt der 150-kWh-Pack vorerst Nische. Laut Engadget wird er separat vermietet, zum Preis eines kompletten Einstiegsmodells ET5, umgerechnet rund 42.000 Dollar. Einen Kaufpreis nennt niemand. Wer nur den kleineren 75-kWh-Akku fährt, zahlt für den temporären Wechsel 150 Yuan pro Tag. Viel Reichweite und massentaugliche Kosten sind damit zwei getrennte Baustellen.

Peking wettet auf WeLion

WeLion denkt längst größer als NIO. Laut Cnevpost gehörte das Unternehmen Ende 2023 zu sechs chinesischen Firmen, die staatliche Grundlagenförderung für Festkörperforschung erhalten sollen, neben CATL, BYD, China FAW, SAIC und Geely. Das Volumen: umgerechnet rund 827 Millionen Dollar.

Die Menge wächst. Im Mai 2024 gingen in China 482,9 Megawattstunden Halbfestkörper-Akkus in Autos, rund 31 Prozent mehr als im April, so die China Automotive Battery Innovation Alliance. Einziger Lieferant dieser Zellklasse: WeLion. Echte Vollfestkörperzellen gelten in der Branche erst für etwa 2027 als Ziel. Bis dahin bleibt es ein starker Zwischenschritt, aber nicht das, was der Name verspricht.

Business Punk Check

Der Konflikt liegt in der Sprache. Eine Hybridzelle wird verkauft, als wäre sie der nächste große Sprung. Die 360 Wattstunden sind real, aber sie gelten für die Zelle und nicht für das, was im Auto steckt. Und selbst der Packwert von 260 sagt nichts über Langzeitverhalten, Crashsicherheit oder Herstellungskosten. Ein Mietpreis auf dem Niveau eines Kleinwagens und ein Produkt auf Abruf riechen nach Prestigeprojekt.

Bei Akku-Versprechen immer fragen, auf welcher Ebene gemessen wurde, Zelle oder Pack, und unter welchen Bedingungen. Unabhängige Langzeit- und Sicherheitstests fehlen bislang. Wer hier investiert oder einkauft, verlässt sich vorerst auf Herstellerangaben.

Auf einen Blick

  • Der Pack wird laut Engadget für rund 42.000 Dollar vermietet, echte Vollfestkörperzellen gelten erst für etwa 2027 als Ziel.
  • NIO-Chef William Li fuhr im Dezember 2023 mit einem ET7-Prototyp und 150-kWh-Akku 1.044 Kilometer am Stück.
  • Die Zellen stammen von WeLion und erreichen 360 Wattstunden pro Kilogramm, auf Packebene sind es laut Engadget 260.
  • Es handelt sich um eine Halbfestkörperbatterie mit flüssigem Anteil, nicht um eine Vollfestkörperzelle.

Quellen: Cnevpost, Engadget, KI-unterstützt

Portrait Uli Weißgerber

Uli Weißgerber

Seit über 25 Jahren bewegt er sich an der Schnittstelle von Medien, Marketing und Technologie. Stationen? Sport1, ProSiebenSat.1, Bertelsmann – er war beim Start von Sport1.de dabei hat unter anderem die erste Affiliate-Kampagne in Polen ausgerollt hat. Später hat er mit getperformance das erste TV-Performance-Tracking entwickelt und Marken wie Trivago ins Fernsehen katapultiert. Als Gesellschafter von Promipool wurde er Publisher und baute ein starkes, unabhängiges Content-Portfolio auf. Heute bringt er mit seinem Team und Partnern eigene, komplexe KI-Workflow-Lösungen in Verlage und Agenturen, die mehr können als Buzzwords – unter anderem steuern sie die komplette digitale Plattform von Business-Punk.com.