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Der Uhrenpunk aus Biel: Wie Horage sich in einer der umkämpftesten Branchen der Welt ein eigenes Uhrwerk erkämpft hat

Der Uhrenpunk aus Biel: Wie Horage sich in einer der umkämpftesten Branchen der Welt ein eigenes Uhrwerk erkämpft hat
Horage.com
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Vorspann: 2009 zeigen Andi Felsl und Tzuyu Huang in Basel ihre erste Uhr. Kurz darauf ist die Marke praktisch weg, weil ihr niemand mehr verlässlich Werke liefert. Statt aufzugeben, bauen die beiden ihr eigenes. Heute verkauft Horage Tourbillons für unter 10’000 Franken, schreibt seine eigene Handelssoftware und liefert gerade die erste mechanische Uhr aus, die ihr Besitzer selbst nachregulieren kann, ohne das Gehäuse zu öffnen. Eine Gründerstory über eine Branche, in der Newcomer eigentlich keine Chance haben, und darüber, wie man sie sich trotzdem nimmt.

Die Schweizer Uhrenindustrie ist ein geschlossener Club. Ein paar Konzerne besitzen die Marken, die Werke, die Zulieferer und oft auch die Läden. Wer neu reinwill, kauft sein Werk bei genau den Leuten, gegen die er antritt. Ich habe ein Faible für Firmen, die in so einem Markt das Falsche zur falschen Zeit tun und damit durchkommen. Horage ist so ein Fall. Gegründet von einem Ehepaar, finanziert über Kickstarter, mitten in Biel, also mitten im Revier der Swatch Group. Das ist ungefähr so, als würdest du direkt neben der Allianz Arena einen Bolzplatz eröffnen und hoffen, dass die Bayern nicht rüberschauen.

Wie Horage 2009 fast schon wieder vorbei war

Die Geschichte beginnt 2007. Andi Felsl kommt aus Deutschland, aus der Software, und hat nebenbei ein Federungssystem für Mountainbikes entwickelt. Das war seine erste ernsthafte Berührung mit Mechanik. Tzuyu Huang ist Taiwanerin, hat in Berlin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht studiert und führt in Biel die Momo Plus AG, einen Zulieferer, der Bauteile für viele Uhrenmarken beschafft. So steht es in einem Porträt von Europa Star aus dem März 2024. Sie kennt also die Lieferketten, er die Software. Die beiden sind verheiratet und gründen zusammen eine Uhrenmarke. Den Namen bauen sie aus „Hora“ (lateinisch für Stunde) und „Age“, das H spricht man nicht. Die Aktiengesellschaft folgt laut Handelsregister mit einer Gründererklärung vom 2. Oktober 2008.

Auf der Baselworld 2009 zeigt Horage die erste Kollektion, Omnium: rund, schlicht, Rotgold oder Weißgold, Direktvertrieb, und pro verkaufter Uhr 1’500 Franken Spende für Bildungsprojekte. Felsl sagt damals zu Europa Star, Luxus könne „etwas anderes sein, etwas Einfaches“. Das Timing war mies. Die Finanzkrise lief gerade auf Hochtouren, und der Markt wollte Uhren, die aussehen wie kleine Panzerschränke.

Das größere Problem lag im Gehäuse. Im Omnium tickte ein ETA-Werk, von Soprod umgebaut. ETA gehört zur Swatch Group, und die hatte angekündigt, Marken außerhalb des Konzerns nicht mehr zu beliefern. Für eine junge Marke ohne eigenes Werk heißt das: Du hast ein schönes Auto ohne garantierten Motor. Horage zieht 2009 die Notbremse. Fratello beschreibt das als Winterschlaf. Felsl fasst seine Lehre aus dieser Zeit so zusammen: Wer eine echte Marke bauen will, braucht ein eigenes Basiswerk und muss es so unabhängig wie möglich fertigen.

Sechs Jahre Werkbank statt Werbung

Was dann kommt, ist der Teil, bei dem Investoren normalerweise anfangen, nervös auf die Uhr zu schauen. Ende 2009 beginnt die Entwicklung des K1, eines Automatikwerks von null. Zuerst arbeitet Stephen Kussmaul daran, früher Ingenieur bei Eterna. Nach drei Jahren übernehmen Jonas Nydegger, ebenfalls ex Eterna, und Florian Serex, ex Vaucher Manufacture. Nydegger sitzt heute im Verwaltungsrat, Serex ist laut Felsl Aktionär und seit 15 Jahren als Simulationsexperte dabei.

Woher kam das Geld? Felsl hat das gegenüber Fratello recht offen gesagt: Sie hätten getan, was Unternehmer eben tun, und verdientes Geld aus dem ursprünglichen Kerngeschäft, private Mittel und Partnerschaften in die Werkentwicklung gesteckt. Eigene Fabrikhallen gab es anfangs nicht. Worn & Wound besuchte Horage 2016 und fand die Fertigung in den Räumen von Armin Strom, ebenfalls in Biel. Dazu Partnerschaften mit Mühle Glashütte: Maschinen mitnutzen, im Gegenzug dürfen die Partner Horage-Werke verwenden. Für ein Start-up aus der Haute Horlogerie ist das ziemlich kapitalschonend.

2015 ist das K1 fertig. Horage stellt es in einer Uhr namens Jonas K1 vor, benannt nach Nydegger, und schickt sie auf Kickstarter, damals noch unter dem Label Accurat Swiss. Laut Fratello kamen 121’803 Pfund zusammen, das Ziel waren 100’000. Für die Werkentwicklung ist das ein Witz von einer Summe, und darum ging es auch nicht. Die Kampagne war ein Markttest. Es folgten weitere Kampagnen, darunter Multiply, die erste konfigurierbare Uhr.

Ein Tourbillon in acht Monaten

Mein Lieblingskapitel spielt in der Pandemie. Horage wollte Tourbillon-Werke bei einem Schweizer Lieferanten einkaufen und mit eigener Silizium-Hemmung ausstatten. Prototypen waren gebaut, Vorbestellungen angenommen. Dann platzte der Deal. Statt Geld zurückzuzahlen, entwarf das Team ein eigenes Tourbillon, das K-TOU, und brauchte laut Horage acht Monate vom Reißbrett bis zum laufenden Werk. Der Käfig aus Titan wiegt 0,29 Gramm, die Gangreserve liegt bei fünf Tagen. Der Einstiegspreis lag bei 7’490 Franken. Horage sagt, das sei weniger als die Hälfte des zweitgünstigsten Schweizer Serien-Tourbillons gewesen. Nachgeprüft habe ich diesen Vergleich nicht, er stammt von Horage selbst.

Seitdem kamen das K2 mit Mikrorotor (72 Stunden Gangreserve) und das K3 in der DecaFlux dazu. Alle Werke haben Silizium in der Hemmung. Horage sagt, man habe seit 2011 daran gearbeitet und auf den Tag gewartet, an dem die Silizium-Patente auslaufen. Das war laut Felsl der 25. November 2022. Die ersten 500 Silizium-Werke gingen danach direkt zur Chronometerprüfung.

MicroReg: Der schlafende Uhrmacher im Gehäuse

Jetzt wird es richtig punkig. Jede mechanische Uhr geht falsch, die Frage ist nur, wie sehr. Reguliert wird sie im Werk unter Laborbedingungen, und dann trägt sie jemand, der Tennis spielt, am Schreibtisch sitzt oder die Uhr nachts auf den Nachttisch legt. Weicht sie ab, geht sie zum Service, und du wartest Wochen. Felsl schätzt, dass die Branche rund 800 Millionen Franken im Jahr für das Regulieren von Uhren ausgibt. Nachrechnen kann ich das nicht, aber die Richtung kennt jeder, der schon mal eine Uhr eingeschickt hat.

MicroReg dreht das um. In der Uhr sitzt ein winziger Ultraschall-Aktuator, der an der Regulierschraube der Unruh arbeitet. Gebaut hat ihn die Bieler Firma miniswys, eine Ausgründung des Ideenlabors Creaholic. Die Technik geht auf Elmar Mock zurück, einen der Erfinder der Swatch. Der Aktuator besteht aus Keramik und einem Metallträger, er braucht keine Spule, keinen Magneten und keinen Chip in der Uhr und im Ruhezustand keinen Strom. Horage nennt ihn den „schlafenden Uhrmacher“. Geweckt wird er von außen: Ein kleines Gerät wird aufs Gehäuse gesetzt, sendet einen Impuls, und die Uhr läuft danach um 0,1 Sekunden pro Tag schneller oder langsamer. Felsl hat in einem Leserkommentar bei Fratello verraten, wie das technisch klappt: ein 3-Volt-Puls, für die eine Richtung rund 500 Kilohertz, für die andere eine andere Frequenz. Das Gehäuse bleibt dabei zu.

Wie die Partnerschaft entstand, erzählt Felsl dem britischen Magazin Oracle of Time so: Er hielt eine Vorlesung an der Universität Lausanne, und unter den Zuhörern saß der Chef von miniswys. Ob es genau so lief, kann ich nicht prüfen. Als Gründerstory ist sie jedenfalls zu gut, um sie wegzulassen.

Die erste Uhr damit heißt Revolution 3 MicroReg. Das K2-Werk sitzt verkehrt herum im Gehäuse, damit du die Technik auf der Vorderseite siehst, die Zeit läuft auf einer Scheibe. Bei den Preisen musst du genau hinschauen. Bei der Vorstellung im Juli 2024 kostete die Founders Edition laut Fratello und Worn & Wound 3’900 Franken, der spätere reguläre Preis sollte 6’900 betragen. Heute steht die Founders Edition auf der Horage-Seite mit 4’950 Franken ohne Steuern. Auch der Termin ist gerutscht: Angekündigt war „late summer 2026“, jetzt nennt Horage Mitte Oktober 2026 für die ersten Vorbestellungen, wer ab September bestellt hat, bekommt seine Uhr Anfang 2027. Für ein Produkt, das es so noch nie gab, ist das eine überschaubare Verspätung.

Felsl denkt dabei schon weiter als bis zur eigenen Kollektion. Im Interview mit Watcher of Watches spricht er von „Black Swan potential“ und stellt die Frage, ob Horage ein Premium-Nischenanbieter bleiben oder eine Technologieplattform werden soll, die Werkhersteller in der Schweiz, China und Japan beliefert. Die Ironie hätte kein Drehbuchautor besser hinbekommen: Die Swatch Group hat Horage 2009 die Werke gestrichen, und 15 Jahre später baut Horage mit der Technik eines Swatch-Erfinders ein Bauteil, das die ganze Werkindustrie gebrauchen könnte.

Horage als Tech-Firma mit Uhrmacherei

Felsl nennt Horage gern eine „Tech-Mech“-Firma. Das ist mehr als ein Marketingwort. Zehn Leute schreiben bei Horage Software, darunter eine eigene Omnichannel-Plattform namens BrandCloud, für die Horage ein US-Patent angibt. Verkauft wird direkt an Kunden, ergänzt durch sogenannte Concierges in München, London, New York, Taipeh und anderen Städten. Händler müssen keine Lagerware vorfinanzieren. Felsl im Interview mit Watcher of Watches: „To keep prices reasonable, we must operate D2C.“

Dazu kommt eine kleine Spitze gegen die eigene Branche, die mir sehr gefällt. „Swiss Made“ sei verwässert, sagt Felsl, viele Firmen mit dem Label könnten kaum mehr als Werke ins Gehäuse setzen. Horage schreibt auf manche Zifferblätter deshalb „Biel/Bienne“. Bei den Werkteilen kommen laut Horage rund 98 Prozent aus der Schweiz, nur drei Silizium-Teile werden in Deutschland geätzt. Gehäuse, Zeiger und Zifferblätter kauft Horage dagegen weltweit, eines der besten Zifferblatt-Werke sitze in Thailand. Felsls Regel dazu: „buy from the best, not from a passport.“

Was Gründer bei Horage abschauen können

Ich habe mich beim Lesen der ganzen Quellen gefragt, was davon für Gründer außerhalb der Uhrenwelt taugt. Ziemlich viel, finde ich. Der erste Punkt ist der Engpass. Horage hat früh erkannt, dass das Werk der Hebel ist, an dem die Großen alle Kleinen festhalten, und hat genau dort investiert statt in Werbung. Wer sein Kernteil bei der Konkurrenz einkauft, baut auf deren Gnade.

Der zweite Punkt sind die Maschinen anderer Leute. Statt Millionen in eigene Hallen zu stecken, saß Horage jahrelang bei Partnern im Haus und mietet heute seine Versuchsfabrik am Stadtrand von Biel. Der dritte ist Kickstarter als Markttest. Die 121’803 Pfund von 2015 haben die Entwicklung nicht bezahlt, aber sie haben gezeigt, dass Leute für eine unbekannte Marke mit eigenem Werk Geld vorstrecken. Diese Erkenntnis war mehr wert als der Betrag.

Dann kommt die Not, die zur Abkürzung wird. Als der Tourbillon-Lieferant absprang, hatte Horage Vorbestellungen und keine Werke. Acht Monate später gab es ein eigenes Tourbillon. Und schließlich der Vertrieb: Weil Horage direkt verkauft und keine Händlermarge einpreisen muss, bleibt Geld für Technik übrig. Die Software dafür hat das Team selbst geschrieben. Jeder dieser Schritte klingt für sich unspektakulär. Zusammen ergeben sie eine Firma, die in einer der verschlossensten Branchen der Welt ihr eigenes Spiel spielt.

Nächster Halt: USA

Während die Swatch Group 2025 einen massiven Gewinneinbruch meldete, kam Felsl von der Windup zurück, einer Uhrenmesse, die durch die USA tourt, und sagte der Bilanz: „Wir sind dort der Porsche unter den Ausstellern.“ Der Plan klingt nach Größenwahn oder nach Weitsicht, wahrscheinlich nach beidem: eine „gespiegelte Factory“ in den USA. „Wir wären die erste Schweizer Marke, die dort produziert“, sagt Felsl. Dafür sucht er Partner und Investoren für eine Horage USA. Bei den aktuellen Zöllen wäre das ein ordentlicher Hebel.

Ob es so weit kommt, weiß heute niemand. Sicher ist, dass in diesen Wochen die ersten MicroReg-Uhren zu ihren Besitzern gehen sollen. Dann zeigt sich, ob der schlafende Uhrmacher im Alltag hält, was das Datenblatt verspricht.

FAQ

Wer hat Horage gegründet?

Das Ehepaar Andreas „Andi“ Felsl und Tzuyu Huang, 2007 in Biel. Die Aktiengesellschaft Horage SA geht auf eine Gründererklärung vom 2. Oktober 2008 zurück.

Wo werden Horage-Uhren hergestellt?

In Biel/Bienne. Die Werke K1, K2, K3 und K-TOU entwickelt Horage selbst. Die Werkteile stammen laut Horage zu rund 98 Prozent aus der Schweiz.

Was kostet eine Horage?

Laut Bilanz (2025) zwischen 2’700 und 25’000 Franken. Tourbillons beginnen auf der Website bei 8’990 Franken (Tourbillon 2).

Warum hat Horage ein eigenes Uhrwerk entwickelt?

Weil die Swatch-Tochter ETA Ende der 2000er-Jahre ankündigte, keine Fremdmarken mehr zu beliefern. Horage pausierte 2009 und brachte 2015 das eigene K1 heraus.

Was ist MicroReg?

Eine Technik von Horage und miniswys, mit der sich eine mechanische Uhr von außen in Schritten von 0,1 Sekunden nachregulieren lässt, ohne das Gehäuse zu öffnen. Die erste Uhr damit ist die Revolution 3 MicroReg, Auslieferung ab Mitte Oktober 2026.

Wie spricht man Horage aus?

Ohne H, also „Orage“.

Portrait Max Anzile

Max Anzile

Max Anzile hat die Social Media Pirates direkt aus der Uni heraus gegründet. Aus der Agentur ist die Holding Pirates World entstanden, die heute drei Bereiche bündelt: Social Media, Performance Marketing mit Black Flag Performance und künstliche Intelligenz mit der KI-Agentur AI Pirates. Max arbeitet täglich mit KI, entwickelt eigene Produkte damit und begleitet Unternehmen in der KI-Beratung. Er sieht in der Technologie vor allem Chancen und nutzt sie als Werkzeug, das gute Arbeit schneller und besser macht.