Work Hard · AnlagePunk

IT’s A MATCH oder doch nicht?

IT’s A MATCH oder doch nicht?
Petra Herbert
Erschienen
Lesezeit11 Min · 2.242 Wörter

Wer sich zusammentut, kann die Start-up Finanzierung besser stemmen: Sechs (Ex-) Duos verraten, wie sie sich getroffen haben. Und teils sogar, wann es Zeit war, sich zu trennen.

Von Friederike Trudzinski

Die arrangierte Ehe

Dass David Rau und Eva Neugebauer das Babynahrungs-Unternehmen Löwenzahn übernehmen sollten, war der Impuls ihrer Investor:innen. Das erste Treffen, ein Blind Date. Spoiler: Die beiden waren sofort auf einer Wellenlänge

Eva Neugebauer: „Bei Frischepost, meinem ersten Startup, musste ich mit meiner Co-Founderin im Rahmen der Finanzierungsrunden intensive Q&As machen, ganz viele Psychotests. Wir mussten etwa einen Fragebogen mit 1.000 Fragen ausfüllen. AmEnde kam heraus, welche „Farbe“ wir sind. Ich erinnere mich nicht mehr. Aber das bedeutete dann: Tolles Match. Mit David und Löwenzahn Organics habe ich genau solche Tests nicht gemacht. Ich habe natürlich versucht, Referenzen reinzuholen und viel mit ihm gesprochen, einmal kam er zu mir nach Hause zum Grillen mit meiner Familie. Aber am Ende war es vor allem eine Bauchentscheidung.“

Bild: David Rau und Eva Neugebauer (Foto: Petra Herbert)

Per Annonce

Rebecca Linneweber: „Nach drei Jahren in der Beratung wusste ich: Ich möchte in die Start-upRichtung gehen. Ich war auch schon mit anderen Investor:innen Im Austausch. Aber bereits bei Dianas Linked-In-Anzeige hatte ich ein gutes Bauchgefühl. Ich habe mich beworben – und Diana parallel eine Direktnachricht geschrieben. Sie antwortete sofort: ‚Lass uns in zwei Tagen bei Lucy’s in Mitte treffen.‘ Wir haben im ersten Gespräch kaum über Konditionen gesprochen, sondern vor allem über die Vision und unsere jeweiligen Hintergründe. Von den Skills her sind wir ein perfektes Duo. Natürlich muss man die Hard Facts am Anfang klären: Wie steht man zu externen Investoren? Wie viel ist man bereit zu riskieren? Wenn jemand sich im ersten Jahr 200.000 Euro Jahresgehalt auszahlen will, geht das natürlich nicht. Diana und ich waren uns einig: Wir gehen selbst in den Invest. Im ersten Jahr zahlen wir uns gar kein Gehalt aus. Das bedeutet natürlich, dass man etwas knapper kalkulieren muss. Aber wenn wir nach einem Jahr keinen Weg gefunden haben, wird es eh nicht funktionieren.“

Zweiter Versuch: Beim ersten Anlauf stimmte die Founder Konstellation bei der Oral-Care-Brand Artem noch nicht. Über eine LinkedIn-Stellenausschreibung fand Diana zur Löwen mit Rebecca Linneweber schließlich eine Businesspartnerin, die sie nicht nur perfekt ergänzt, sondern auch ihre Vision teilt. (Foto: PR)

Diana zur Löwen: „Die Idee zu Artem hatte ich schon vor fast zwei Jahren. Und dann bin ich mit einem Co-Founder aus meinem Bekanntenkreis losgeprescht. Aber der hätte die Brand eher im Medical-Bereich angesiedelt. Irgendwann habe ich gemerkt: Meine Vision ist eine andere. Ich wollte Artem als D-to-C-Produkt aufbauen. Über Linked-In habe ich dann eine Stellenanzeige geschaltet. Ich hätte sie auch einfach auf meinem Kanal posten können. Aber mir war es wichtig auch jenseits der eigenen Bubble zu suchen. Es gibt ja auch viele Lifestyle-Gründer:innen, die vor allem Founder in ihre LinkedIn-Profile schreiben wollen – aber gar nicht bereit sind, dafür zu arbeiten. Uns verbindet, dass wir beide wirklich etwas von Wert schaffen wollen. Das schweißt einen zusammen.“

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Der Solo-Schock

„FÜR 76% DER BEFRAGTEN HAT GELD EINFLUSS AUF DIE ENTSCHEIDUNG GEMEINSAM ZU GRÜNDEN“

Marc André Pfeiffer: „Ich habe Wellnest mit einem Co-Founder gegründet. Kurz nach der Eröffnung der ersten Filiale ist er ausgeschieden. Er kam aus einer Management-Rolle. Im Start-up wieder von ganz unten anfangen zu müssen, seinen Großteil seiner Freizeit erstmal aufzugeben, das passte nicht in sein Leben. Ich stand allein da. Mir blieb nichts anderes übrig, als erstmal weiterzumachen. Zeit, einen alternativen Co-Founder zu finden, blieb mir kaum. Zu allem Überfluss kam nämlich auch noch Corona auf mich zu. Nach zwei Jahren hatte ich dann endlich wieder die Kapazität, aktiver zu suchen. Es ist einfach was anderes, wenn man seine Themen teilen kann. Dazu kam der Wachstumskurs, für den es einfach ein weiteres Paar Schultern brauchte: Investor:innen finden es ebenfalls besser, wenn man mindestens zu zweit ist. Mit meinem Board habe ich dann ein ziemlich ausführliches Profil erarbeitet. Per Direct Sourcing sind wir an unterschiedliche Kandidaten herangegangen. Eine Person schien perfekt zu sein. Über Monate haben wir uns regelmäßig getroffen. Wir standen kurz vor der Unterschrift – dann habe ich doch noch einen Rückzieher gemacht. Die Wertebasis stimmte einfach nicht. Stattdessen haben wir dann Sebastian (Nisch, Anmerk. d. Red.) als Co-Founder mit an Bord geholt. Mit ihm hatte ich vorher bereits als Freelancer gearbeitet. Das passte wie Arsch auf Eimer. Bei ihm hatte ich ein ganz anderes Grundvertrauen. Das ist mein größtes Learning: Man kann sich vom Typ und den Fähigkeiten unterscheiden – im besten Fall ergänzt man sich – aber die Wertebasis, die muss passen.“ Eimer. Bei ihm hatte ich ein ganz anderes Grundvertrauen. Das ist mein größtes Learning: Man kann sich vom Typ und den Fähigkeiten unterscheiden – im besten Fall ergänzt man sich – aber die Wertebasis, die muss passen.“ 

Bildf: Marc André Pfeiffers, sein Co-Founder verließ das Private Sauna-Unternehmen Wellnest nach der Eröffnung der ersten Filiale. Allein ging es zwar auch. Aber der Austausch fehlte ihm doch … (Foto: PR / Wellnest / Volans)

Das Mutter Tochter-Duo

Ivon Blazevic: „Ich wollte eigentlich schon immer in die Modebranche. Aber meine Mutter hat das ihr ganzes Leben lang gemacht. Hat sich von der Näherin zur Schneiderin zur Atelierleitung hochgearbeitet. Mir hat sie immer davon abgeraten. Mega hart, krasse Konkurrenz: Lass es. Ich habe dann Wirtschaft und Marketing studiert, später erfolgreich in der Beautybranche gearbeitet. Aber, keine Ahnung, vielleicht waren es die Wechseljahre – irgendwann habe ich mir die Sinnfrage gestellt. Schnell war klar: Ich will Mode machen. Und weil sie diese wahnsinnige Expertise mitbringt – Karrieren wie ihre gibt es heute gar nicht mehr – wollte ich es unbedingt mit ihr machen. Als ich mit der Idee auf sie zukam, wurde sie richtig wütend. Sie sei pensioniert, wolle ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. Irgendwann meinte sie: ‚Wenn du das wirklich willst, dann brauchen wir …‘ Und dann kam eine irre lange Liste mit Maschinen, Ausrüstung und so weiter. Rückblickend sind wir ziemlich naiv losgegangen. Zum Glück hat es geklappt.“

Bild: Das Bademoden-Label Volans hat Ivon Blazevic mit ihrer Mutter Mira Blazevic gegründet. Der Vorteil der Mutter-Tochter-Konstellation: absolutes Vertrauen. Dabei hielt Rentnerin Mira am Anfang absolut nichts von der Idee. (Foto: Volans)

Vom Mentee zum Partner

Alexander Hoffmann machte eine Bauzeichnerlehre im Architekturbüro Mense Korte, später ein berufsbegleitendes Architekturstudium. Sein Einsatz beim Wagnis, Deutschlands erstes 3D-Gebäude zu drucken, beeindruckte Co-Chef Waldemar Korte (l.). Als sein Partner ausstieg, kaufte Hoffmann (r.) dessen Anteile. Ohne Eigenkapital – aber mit großen Plänen.

Bild: Waldemar Korte und Alexander Hoffmann (oto: PR / Hoffmann Kort)

Alexander Hoffmann: „Ich war gerade erst aus dem Studium raus, als Herr Korte mir anbot, ins Geschäft einzusteigen. Das Angebot war sehr gut, weil sie, als der Senior-Chef in Rente gehen wollte, keine Lust hatten, irgendwelche externen Leute reinzuholen. Aber ich hatte zu dem Zeitpunkt gar nichts. Ich war ein armer Student. Aber weil der Kredit übers Büro gelaufen ist, konnte ich ihn dann über meinen Gewinn abstottern. Ich habe knapp sechs Prozent Zinsen gezahlt – was eigentlich ein entspannter Deal war. Und die Zusammenarbeit mit Herrn Korte ist vielleicht gerade wegen unseres Altersunterschieds – ich bin jetzt 34, Herr Korte 46 – so gut. Das heißt, ich kann mit meinen jungen, kreativen, auch teilweise verrückten Ideen ankommen. Er lässt mir den Raum, bremst mich aber auch, wenn es nötig ist. Und er hat viel, viel mehr Erfahrung, was Baustellen angeht. Da kann ich immer noch viel von ihm lernen. Mittlerweile haben wir neben dem Architekturbüro auch neu gegründet: das Rohbauunternehmen Korte Hoffmann Gebäudedruck. Und hier sind wir viel eher ein Start-up: Wir mussten bei Null anfangen, was die Technologie angeht, was die Materialien angeht, was die Wissenschaft angeht. Und auch bei der Finanzierung: Die Banken stellen sich quer. Wir müssen die Fühler in alle Richtungen ausstrecken: Crowdfunding, Leasingbanken, aber auch Investor:innen können wir uns vorstellen. Wobei auch die hier zurückhaltender sind, wenn es um Innovationen geht. Zum Vergleich: Die US-Firma Icon, die sich auf eingeschossigen Gebäudedruck spezialisiert hat, hat mal eben 150 Mio. US Dollar Investment einwerben können.“

Per Matchmaker

Nachdem Nick Hellebergs Bruder und Schwägerin die Supplement-Brand Clever Chocolate verließen, suchte er eine:n neue:n Co-Founder: in. Meri Sdiri lernte er über einen Angel Investor kennen. Die unterschiedlichen Business-Hintergründe waren ein perfektes Match. Mindestens genauso wichtig: Der Vibe-Check.

Bild: Nick Helleberg und Meri Sdiri (Foto: PR/Clever Chocolate)

Nick Helleberg: „Ich habe zu meiner Frau gesagt: Okay, Schatz ich werde versuchen, jemanden zu finden – übrigens gezielt eine weibliche Mitgründerin – und ich werde die nächsten fünf, sechs, sieben Jahre wahrscheinlich mehr Zeit mit ihr verbringen als mit dir. Sie: ‚Toller Pitch, Schatz.‘ Man muss ehrlich miteinander sein. Tatsächlich ist meine Frau in viele Entscheidungen involviert. Sie hat auch einen Marketing-Hintergrund. Aber es stimmt trotzdem.“

Meri Sdiri: „Ich hatte schon mit anderen Gründer:innen gesprochen. Aber so richtig geklickt hatte es nicht. Bei Clever Chocolate hat mich bereits das Produkt überzeugt. Beim ersten Treffen in einem Café in Berlin waren da ganz viele Fragen – aber eben auch ein sehr gutes Gefühl. Bis wir tatsächlich zum Notar gegangen sind, hatten wir eine Kennenlernphase von zwei oder drei Monaten. Es war fast wie Dating. Ich wollte ihn auch auf der persönlichen Ebene kennenlernen. Wir haben sehr ehrlich gesprochen, auch über unsere Schwächen. Wir haben sogar einen Persönlichkeitstest gemacht. Wenn man so eng miteinander arbeiten will, muss man sich absolut vertrauen. So ist es bei uns.“

WIR HABEN DIE COMMUNITY GEFRAGT: WIE STEHT IHR ZUM CO-FOUNDEN?

@dudushair_   „Ich würde mich immer wieder für einen Co-Founder entscheiden, weil die richtigen Kompetenzen und Perspektiven ein Unternehmen langfristig stärker machen.“

@dkblue35 „Mir ist ein Co-Founder sehr wichtig, Geld dabei nicht so. Ich habe letztes Jahr allein gegründet und suche weiterhin nach Co-Foundern.“

@michellecalios „Beides hat Vor- und Nachteile. Ich würde immer wieder mit Partner gründen.“

Bluts Bande

Bild: Samuel (l.) und Johannes Voetter (r.) sind nicht einfach nur Co-Gründer. Die Brüder sind laut eigener Aussage seit jüngster Kindheit auch beste Freunde. Niemandem vertrauen sie so sehr wie dem jeweils anderen. Das liegt auch an den Werten, die beide teilen. (Foto: PR / Wir machen Druck)

Samuel Voetter: „Bereits in der frühen Jugend hatten wir gemeinsame, große Pläne. Wir wollten in unserem jugendlichen ‚Leichtsinn‘ die Welt verändern und große Erfindungen machen. In den darauffolgenden Jahren sind wir mehrfach gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen. Die größten Vorteile sind starkes Vertrauen in die Loyalität, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit des anderen, gemeinsame Werte, eine gemeinsam verbrachte Kindheit und Jugend – und ähnliche Ziele für die Zukunft. Wenn es Nachteile gibt, dann dass man sehr offen miteinander kommuniziert und ‚kein Blatt vor den Mund nimmt‘. Ein spielerischer Wettbewerb unter Brüdern treibt uns stets zu Höchstleistungen an. Wir wollen uns gegenseitig ‚beweisen‘, dass wir unsere Arbeit verstehen und die gemeinsamen Projekte erfolgreich nach vorne treiben. Gemeinsam und jeder in seinem Bereich. Johannes Voetter: „Am intensivsten – und ehrlich gesagt auch am emotionalsten – haben wir damals über den Verkauf von Wir machen Druck diskutiert. Kein Wunder: Es ging um unser Herzensprojekt, in das wir so viel Zeit und Leidenschaft gesteckt hatten. 2016 haben wir uns schließlich gemeinsam für den Verkauf entschieden, aber mit einem Kompromiss, der uns beiden am Herzen lag: Wir wollten unser ‚Baby’ nicht einfach loslassen, sondern es weiter eng begleiten. Und genau das tun wir bis heute – als Gründer, Gesellschafter, CEO und Aufsichtsratsvorsitzender sind wir nach wie vor mit vollem Einsatz dabei und treffen die Entscheidungen im Unternehmen. Rückblickend war es genau der richtige Weg für uns.“

WIE WICHTIG IST ES GEMEINSAM ZU GRÜNDEN?

50% wichtig

50% unwichtig

Die einvernehmliche Trennung

Stella-Oriana Strüfing hat im Duo gegründet – mittlerweile leitet sie die alkoholfreie Cocktail-Brand Laori aber alleine. Die Trennung verlief frei von Drama.

Bild: Gründerin Stella-Oriana Strüfing (Foto: Andrea Heinsohn)

Stella-Oriana Strüfing: „Als ich mit Laori angefangen habe, gab es auf dem Markt kein Produkt wie meins, also auch keine Marktzahlen, mit denen ich einen Bankkredit hätte rechtfertigen können. Ich war also auf Investor:innen angewiesen. Die finanzieren aber in der Regel keine Single-Founder, schon gar nicht weibliche. Abgesehen davon wünschte ich mir eine:n Sparringspartner:in. Ich entwickle Ideen, indem ich laut denke, da hilft jemand, der einem zuhört. Meinen Co-Founder habe ich auf einer Food-Messe kennengelernt. Wir haben literally drei Minuten geredet – und ich wusste, ich brauche ihn. Bis wir dann tatsächlich miteinander gearbeitet haben, gab es dann doch viele Treffen, Gespräche und gemeinsame Arbeit auf Probe. Meine Regel war: Behandle es wie eine Ehe, ohne dass es eine wird. Kommuniziere so offen und ehrlich wie in einer Partnerschaft. Ja, lass uns aber bitte nichts miteinander anfangen. Wenn jemand verliebt ist, dann … weiß ich nicht … nimmt er drei Wochen Urlaub. Entliebt sich. Das ist einfach keine Option. Nach vier Jahren Doppelspitze sind wir trotzdem auseinander gegangen. In gegenseitigem Einvernehmen und völlig dramafrei.“

Diesen Artikel und weitere spannende Themen gibt’s in unserem aktuellen Heft „It’s a match“ 3/2026 unter https://www.business-punk.com/ausgabe/

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