Grundsicherung oder Arbeit: Was sich wirklich lohnt
Wer nie gearbeitet hat, bekommt 563 Euro Grundsicherung. Warum sich Arbeit trotzdem lohnt und was Betriebe aus der Aktivrente lernen sollten. Wer arbeitet, steht nämlich trotzdem klar besser da.
Die Frage klingt nach Stammtisch, ist aber eine Standortfrage: Wenn der Staat auch ohne Erwerbsbiografie 563 Euro Regelsatz im Monat zahlt, warum sollte dann jemand morgens aufstehen? Die Antwort der Daten fällt unbequemer aus als die Parolen von beiden Seiten. Das Anreizproblem existiert. Es sitzt nur an einer anderen Stelle, als die Debatte meistens behauptet.
Der Sockel: 563 Euro, eingefroren bis auf Weiteres
Zum Stichtag Ende 2025 bezogen nach Angaben des Statistischen Bundesamts 1.283.860 Menschen Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, 1,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Regelsatz für Alleinstehende liegt 2026 bei 563 Euro im Monat, unverändert gegenüber 2024 und 2025. Auf dem Papier hätte er bei 557 Euro gelegen, eine Senkung verhindert die Besitzschutzregel im Sozialgesetzbuch XII, so die Bundesregierung. Hinzu kommen angemessene Wohnkosten. Das ist der Boden, auf dem alle Anreizrechnungen aufsetzen.
Die Zahl, die den Stammtisch stört
Wer Vollzeit zum Mindestlohn arbeitet, hat laut einer aktuellen Studie des WSI der Hans-Böckler-Stiftung in jeder Region und in jedem untersuchten Haushaltstyp deutlich mehr verfügbares Einkommen als bei Grundsicherung. Der Mindestlohn liegt seit 1. Januar 2026 bei 13,90 Euro brutto pro Stunde und soll 2027 auf 14,60 Euro steigen. Wie groß der Abstand ist, zeigt der Haushaltsvergleich: Zwischen Alleinstehenden und Familien liegen rund 130 Euro, zwischen Ost und West gut 50 Euro.
| Haushaltstyp | Vorteil bei Vollzeit zum Mindestlohn (Euro im Monat) |
|---|---|
| Alleinstehend, Deutschland | rund 623 |
| Alleinstehend, Osten inkl. Berlin | rund 664 |
| Alleinstehend, Westen | rund 609 |
| Paar mit zwei Kindern, ein Verdiener | rund 749 |
| Alleinerziehend mit einem Kind | rund 757 |
Stand: aktuelle WSI-Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Quelle: Hans-Böckler-Stiftung
Die Tabelle zeigt: Je mehr Kinder, desto größer der Abstand, weil Arbeit auch Transfers wie das Kindergeld freischaltet. Am kleinsten ist er dort, wo die Mieten am höchsten sind, etwa in München.
Der Haken: Wo der Mehrverdienst versickert
Genau dort liegt der blinde Fleck. Hohe anerkannte Wohnkosten treiben die Grundsicherung hoch und drücken den Abstand. CORRECTIV verweist in seinem Faktencheck auf ifo-Studien, nach denen in manchen Familienkonstellationen und in teuren Regionen höhere Verdienste durch wegfallende Transfers aufgezehrt werden können.
Die WSI-Berechnungen für Anfang 2025 fanden dagegen kein Szenario, in dem Bürgergeld-Haushalte mehr hatten als Mindestlohn-Verdiener. Beide Befunde stimmen zugleich: Im Schnitt lohnt sich Arbeit klar. Im Einzelfall frisst der Transferentzug einen Teil des Gewinns. Dabei bleiben Pendelkosten und Arbeitskleidung ohnehin unberücksichtigt, wie die Studien einräumen.
Auch das System selbst belohnt Beitragszeiten. Wer mindestens 33 Jahre Grundrentenzeiten vorweisen kann, behält nach den Anrechnungsregeln einen Freibetrag von bis zu 281,50 Euro, also die Hälfte des Regelsatzes (nach Berechnung von gegen-hartz.de). Wer nie eingezahlt hat, bekommt den Sockel und sonst nichts.
Der echte Hebel: Aktivrente nach der Regelaltersgrenze
Spannender als die Frage, wer nicht arbeitet, ist die Frage, wer länger arbeiten würde. Seit 1. Januar 2026 gilt die Aktivrente: Beschäftigte, die die Regelaltersgrenze erreicht haben und freiwillig weiterarbeiten, dürfen bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei verdienen. Ausgeschlossen sind Selbstständige, Beamte, Abgeordnete und Minijobber. Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge fallen weiter an. Der Freibetrag wird vom Arbeitgeber automatisch berücksichtigt. Das erklärte Ziel der Bundesregierung: länger Arbeiten attraktiver machen und den Fachkräftemangel dämpfen. Nach zwei Jahren soll evaluiert werden.
Ob das Instrument zieht, steht und fällt nicht allein mit dem Steuerrecht. Es hängt davon ab, ob Betriebe älteren Beschäftigten überhaupt Stellen, Arbeitszeiten und Respekt anbieten, die zum Weitermachen einladen.
Business Punk Check
Die These: Das Anreizproblem ist kleiner, als die Parolen behaupten und anders verteilt. Arbeit schlägt Grundsicherung in allen untersuchten Konstellationen. Die Schwachstelle sind Hochmietregionen und Transferkanten, nicht ein bequemer Sockel von 563 Euro.
Der Anreiz für Mehrarbeit entsteht nicht im Sozialrecht, sondern im Betrieb. Wer ältere Beschäftigte halten will, sollte prüfen, ob die Aktivrente im eigenen Haus als Argument funktioniert, und ob es Rollen, Teilzeitmodelle und Führung gibt, die jenseits der Regelaltersgrenze tragen. Die Steuer macht das Angebot attraktiver. Das Angebot selbst muss der Betrieb liefern.
Auf einen Blick
- Ende 2025 bezogen 1.283.860 Menschen Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr.
- Der Regelsatz für Alleinstehende bleibt 2026 bei 563 Euro im Monat, weil eine rechnerisch mögliche Senkung auf 557 Euro durch eine Besitzschutzregel ausgeschlossen ist.
- Vollzeit zum Mindestlohn von 13,90 Euro brutto pro Stunde bringt Alleinstehenden laut WSI im Schnitt rund 623 Euro mehr im Monat als Grundsicherung, in allen untersuchten Regionen.
- Die seit 1. Januar 2026 geltende Aktivrente macht bis zu 2.000 Euro Arbeitslohn im Monat nach Erreichen der Regelaltersgrenze steuerfrei und soll nach zwei Jahren evaluiert werden.
Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundesregierung (Regelsätze), Bundesregierung (Mindestlohn), Hans-Böckler-Stiftung, CORRECTIV, Bundesregierung (Aktivrente), gegen-hartz.de, KI-unterstützt