Business & Beyond DIE 80-MILLIONEN-EHRE von TSV 1860 München

DIE 80-MILLIONEN-EHRE von TSV 1860 München

Wie ein jordanischer Investor in fünfzehn Jahren einen 165 Jahre alten Münchner Klub zweimal in die Regionalliga schoss — und es Ehre nannte.

Update vom 8. Juli 2026: Seit Erstveröffentlichung (4. Juni) hat sich die Lage grundlegend entwickelt — die KGaA stellte am 23. Juni Insolvenzantrag (vorläufiger Verwalter: Dr. Max Liebig), die Mitgliederversammlung beschloss am 21. Juni mit über 99 Prozent eine eigene Spielbetriebs-GmbH (100 Prozent e.V., seit 30. Juni im Handelsregister), der e.V. kündigte den Kooperationsvertrag mit der HAM fristlos, Ismaik mandatierte Peter Gauweiler, parallel liefen laut SZ Exit-Verhandlungen. Zudem wurden in diesem Text mehrere Detailfehler korrigiert, darunter Personenangaben und ein nicht verifizierbares Zitat; wir bitten, das zu entschuldigen.

In der Geschäftsstelle des TSV 1860 München an der Grünwalder Straße ist es an diesem Mittwochnachmittag still. Eine Stille, wie sie nur in Räumen entsteht, in denen jeder weiß, was gleich passiert. Auf dem Tisch liegt ein DIN-A4-Blatt mit dem Wappen des Deutschen Fußball-Bundes. Daneben ein iPhone, das blinkt. Daneben ein Becher Kaffee, der seit zwei Stunden kalt ist.

Manfred Paula, Geschäftsführer der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA, schaut auf seine Uhr. Es ist 17:01 Uhr. Eine Minute zu spät, um noch zu hoffen. Eine Minute genug, um zu wissen, dass nichts mehr kommt.

In Dubai sitzt zur selben Sekunde Hasan Abdullah Mohamed Ismaik. Was er in diesem Moment tut, ist öffentlich nicht bekannt. Bekannt ist nur, was nicht geschieht: Die zugesagten Mittel werden nicht überwiesen.

Vierzehn Minuten später, um 17:14, wird sein Sprecher dem Sportschau-Redakteur die Bestätigung übermitteln: Die 2,7 Millionen Euro, die der DFB als Liquiditätsnachweis für die Drittliga-Lizenz 2026/27 verlangt hatte, werden nicht fließen. Nicht heute. Nicht morgen. Gar nicht.

Noch am selben Abend wird der Hauptsponsor, „Die Bayerische“, in einer Pressemitteilung die Sonderkündigung des Sponsorenvertrags bekannt geben. Wirksam: sofort.

Am Abend wird Ismaik auf seiner Facebook-Seite, der rund 250.000 Menschen folgen, einen knappen Eintrag absetzen: ein „Sad Day“, der Klub werde zurückkehren. Das große Pathos folgt noch am selben Abend auf Instagram: „Es schmerzt mich sehr.“

Es ist der zweite Zwangsabstieg dieses Vereins in neun Jahren. Beide Male: unter Mehrheits-Kapitalführung der HAM International Limited. Beide Male: ausgelöst durch eine Liquiditäts-Verweigerung in der finalen Stunde. Beide Male: gerahmt durch eine öffentliche Kommunikation, in der Hasan Ismaik sich selbst als Opfer beschreibt.

Beim ersten Mal, im Juni 2017, fühlte er sich nach eigener Darstellung vom Verein hintergangen.

Beim zweiten Mal, im Juni 2026, spricht er von „Ehre“.

Wir wollen in dieser Geschichte verstehen, wie es so weit kommen konnte. Wir wollen die fünfzehn Jahre rekonstruieren, in denen ein jordanischer Investor in Dubai versuchte, einen über 165 Jahre alten Münchner Traditionsverein zu einem global vermarktbaren Asset zu machen. Wir wollen die Entscheidungen, die Verluste, die Trainer, die Berater, die Notarverträge, die Briefkasten-Konstrukte, die Vereins-Präsidenten, die Aufsichtsrats-Pattsituationen, die Aufstiegs-Verheißungen und die Lizenzentzüge in eine Linie bringen.

Und wir wollen die Frage stellen, die in der deutschen Sportöffentlichkeit erstaunlich selten gestellt wird: Wer hat das eigentlich entschieden? Und was wäre passiert, wenn das jemand anders entschieden hätte?

Diese Reportage stützt sich auf Bundesanzeiger-Bilanzen 2011 bis 2024, auf Pressemitteilungen, auf Interviews, auf öffentliche Mitgliederversammlungs-Protokolle und auf jene Statements, die Hasan Ismaik zwischen dem 3. und 5. Juni 2026 selbst veröffentlicht hat. Einzelne szenische Details (Uhrzeiten, Ortsbeschreibungen, Randszenen) sind erzählerische Rekonstruktion auf Basis der dokumentierten Abläufe und als solche zu lesen. Sie ist nicht moralisierend. Sie ist nicht romantisierend. Sie versucht zu erklären, was passiert ist — mit den Mitteln, die ein investigatives Wirtschaftsmagazin hat: Daten, Chronologie, Vergleichsfälle und eine ehrliche Skepsis gegenüber jenen, die im Nachhinein das Wort Ehre in den Mund nehmen. Als Reportage stützt sie sich auf öffentlich zugängliche Quellen und Dokumente; Hasan Ismaik und die HAM International wurden nicht um eine gesonderte Stellungnahme gebeten — ihre Sichtweise ist über die von ihnen selbst veröffentlichten Statements wiedergegeben.

Fangen wir am Anfang an.

KAPITEL 1 · DER MANN AUS AMMAN

Hasan Abdullah Mohamed Ismaik ist 1977 in Jordanien geboren. 2006 gründete er in Dubai die HAMG-Gruppe — eine Investment-Holding mit Immobilien-, Trading-, Retail- und Hospitality-Aktivitäten in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Jordanien, Ägypten, Irak, Bahrain, Türkei, Frankreich, Deutschland und den USA. Im April 2025 wird die Holding in HAMIC Group umbenannt — Hasan Abdullah Mohamed Ismaik Capital. Ein Name, der zeigt, wer hier den Ton angibt.

In den späten 2000er Jahren entdeckt Ismaik den Fußball. 1860 wird sein erster dokumentierter Einstieg in den Fußball. Wer ihn aus diesen Jahren kennt, beschreibt einen freundlichen, theatralisch sprechenden, gut angezogenen Geschäftsmann, der Geld in eine Branche bringen will, in der Geld nicht gleich Geld ist.

2010 wird er auf den TSV 1860 München aufmerksam. Über welchen Mittelsmann genau, ist bis heute nicht restlos geklärt. Klar ist: Im Frühjahr 2011 sitzt er am Notartisch in München. Der Verein ist in schwierigem Fahrwasser. Die 2. Bundesliga ist gesichert, aber die DFL-Lizenzauflagen für die kommende Saison werfen Liquiditätsfragen auf. Es gibt verschiedene Lösungswege, die in dieser Zeit diskutiert werden — auch Überlegungen zu einem genossenschaftlich geprägten Mittelstands-Modell — belastbar dokumentiert ist davon wenig. Es gibt jedenfalls eine Wahl.

Die Wahl fällt auf Ismaik.

Am 30. Mai 2011 unterzeichnet die HAM International Limited (Dubai) den Kooperationsvertrag mit der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA. Sie erwirbt 60 Prozent der Kapitalanteile für 18,4 Millionen Euro. Wegen der deutschen 50+1-Regel werden ihr nur 49 Prozent der Stimmrechte zugesprochen — der Rest bleibt beim e.V., der Mutterverein behält die Stimmrechtsmehrheit. Im Gegenzug verpflichtet sich Ismaik zur Finanzierung der KGaA, „wenn Eigenmittel nicht ausreichen“. Diese Klausel — sie wird in dieser Geschichte noch eine Hauptrolle spielen.

Die mediale Resonanz im Mai 2011 war überwiegend wohlwollend. Die Lokalpresse beschwört das Wort „Rettung“. In der Boulevardpresse erscheinen Fotos von Ismaik, der mit Schals der „Sechzger“ posiert, von Ismaik, der dem Trainer auf die Schulter klopft.

In den Fan-Foren mischte sich früh Skepsis in den Jubel. Die Bilanzen werden den Skeptikern fünfzehn Jahre später recht geben.

Was Ismaik 2011 unterschreibt, ist nicht der Kauf eines Vereins. Es ist die Übernahme einer Mehrheitsbeteiligung an einer komplex strukturierten Kapitalgesellschaft mit eingeschränktem Stimmrecht in einer regulierten Branche. Der Unterschied klingt akademisch. Er wird in fünfzehn Jahren das gesamte Investment kosten.

KAPITEL 2 · DAS ARENA-GEFÄNGNIS

Wer 2011 die TSV 1860 München übernahm, übernahm einen Mieter. Die Allianz Arena im Münchner Norden, gebaut zur Fußball-WM 2006, war zur Hälfte Eigentum der TSV 1860 München AG, zur anderen Hälfte des FC Bayern München. Aber das war 2011 längst Vergangenheit. Im Sommer 2006 hatten die 1860er ihre Hälfte an den FC Bayern verkauft — für 11,3 Millionen Euro plus 1,3 Millionen für eine Rückkaufoption, die nie eingelöst wurde.

Was blieb: ein Mietvertrag, der bis 2025 lief. Ein Mietvertrag, der den 1860ern jährliche Fixkosten von rund fünf Millionen Euro abverlangte. Stadionmiete: 1,5 bis 2 Millionen pro Saison. Anteil an den Ticketeinnahmen, der an den FC Bayern zu zahlen war: rund 10 Prozent. Zuzüglich einer Mindestmiete von 10.000 Euro pro Heimspiel. Catering-Verpflichtung mit der Bayern-Tochter Arena One: 2,3 Millionen Euro pro Saison, zahlbar auch bei null VIP-Gästen. Werbeverzicht-Ablöse, weil die Bayern das Branding-Monopol hatten: rund 1 Million pro Saison.

Wer die Bilanz der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA für das Geschäftsjahr 2012/13 aufschlägt, findet dort einen Block „Sonstige betriebliche Aufwendungen“, der knapp sieben Millionen Euro umfasst. Ein erheblicher Teil davon: Allianz Arena. Wer dieselbe Bilanz für 2013/14, 2014/15, 2015/16 und 2016/17 aufschlägt, findet dieselbe Belastung. In Summe: gut dreißig Millionen Euro, gezahlt in sechs Saisons an einen Vermieter, der gleichzeitig der Hauptkonkurrent in derselben Stadt war.

Es gab Möglichkeiten, diesen Vertrag früher zu beenden. Bereits 2014 erkundete die Geschäftsführung — damals geleitet von Markus Rejek — Alternativen. Eine Rückkehr ins Grünwalder Stadion an der Grünwalder Straße in Giesing, der historischen Heimat von 1860, war ab 2013 wieder möglich, weil die Stadt München das Stadion saniert hatte. Es scheiterte daran, dass die Kapazität von damals 12.500 Plätzen für eine Zweitliga-Heimstärke zu klein war, und an einem Aufsichtsrat der KGaA, der von der HAM dominiert war — drei von sechs Sitzen, Vorsitz und Stichentscheid.

Erst 2017 endete der Allianz-Arena-Vertrag. Der Ausstieg kam erst, als 1860 nach dem Absturz nicht mehr zahlen konnte — FC Bayern und Stadiongesellschaft ließen den Vertrag auflösen. Die Schlagzeile lautete in jenem Sommer: „Bayern lässt 1860 ziehen.“ Die Realität war eine andere: 1860 hatte sechs Saisons lang einen Mietvertrag bezahlt, der den Gewinn der jeweiligen Geschäftsführung jedes Jahr aufs Neue auffraß. Eine unternehmerische Entscheidung des Aufsichtsrats — von der HAM dominiert (drei von sechs Sitzen plus Stichentscheid) — hätte diesen Mietvertrag früher beenden können. Sie wurde nicht getroffen.

Wer auf der Allianz Arena spielte, war nicht 1860. Wer für die Allianz Arena zahlte, war 1860. Die Sechzig zahlten dem stärkeren Nachbarn die Stadion-Hypothek mit ab. Sechs Saisons lang. Sie hatten einen Investor, der das zuließ.

KAPITEL 3 · DIE TRAINER, DIE KAMEN UND GINGEN

Es ist eine der Konstanten der Ismaik-Ära: die Trainer kommen, und sie gehen. Zwischen 2011 und 2026 verzeichnet die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA rund fünfzehn reguläre Cheftrainer plus mehrere Interimslösungen. Reiner Maurer. Alex Schmidt. Friedhelm Funkel. Markus von Ahlen. Benno Möhlmann. Ricardo Moniz. Kosta Runjaić. Vítor Pereira. Torsten Fröhling. Daniel Bierofka. Michael Köllner. Maurizio Jacobacci. Argirios Giannikis. Patrick Glöckner. Markus Kauczinski.

Eine durchschnittliche Amtszeit von rund einem Jahr. In einer Branche, in der erfolgreiche Klubs auf Trainer-Kontinuität über Jahre setzen. In einer Akademie-Konzeption, in der Spieler vom U-17-Trainer zum U-19-Trainer zur Reserve zum Profikader durchgereicht werden — was nur funktioniert, wenn am Ende dieser Reise ein Trainer steht, der lange genug bleibt, um den Spieler kennenzulernen.

Die Trainerwechsel waren nicht das Werk eines bösen Investors, der seine Macht missbrauchte. Sie waren das Resultat eines strukturellen Defizits: der Mehrheits-Kapitalgeber HAM hatte keine eigene Sport-Domain-Expertise im Haus. Es gab keinen Sport-Direktor mit langjähriger Bundesliga-Erfahrung im Aufsichtsrat. Es gab keinen Spielertypen mit unternehmerischer Erfahrung, der die Sportkompetenz an die Investorenebene zurückspiegelte. Es gab nur die Beratungsfirmen — Anthony Power als langjähriger Vertrauter Ismaiks, später wechselnde Sportmanagement-Firmen aus Dubai und London — und es gab die Trainer, die nach Misserfolg zurücktreten oder freigestellt werden mussten.

Daniel Bierofka, der zweite Aufstiegstrainer aus der Regionalliga zurück in die 3. Liga 2017/18, ist ein gutes Beispiel. Bierofka kam aus der eigenen Jugend, kannte den Klub, hatte ein eindeutiges Mandat: stabilisieren. Er warf im November 2019 selbst hin — zermürbt vom Dauerkonflikt in der Klubführung. Sein Abschiedssatz, unter Tränen am Trainingsgelände gesprochen, klang lange nach: „Es ging einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr zurück.“

Das war 2019. Sechs Jahre später, im Juni 2026, würde dieser Satz wie eine späte Diagnose klingen.

KAPITEL 4 · DIE RIBAMAR-KLASSE

Im Sommer 2016 standen die Sechzig vor einer Saison, die alles ändern sollte. Der von der HAM dominierte Aufsichtsrat (drei von sechs Sitzen plus Stichentscheid; den Vorsitz führte damals Yahya Ismaik, der Bruder Hasans) hatte ein Budget freigegeben, das auf Aufstieg in die Bundesliga rechnete. Der Personalaufwand für die Profimannschaft sprang in einer einzigen Saison von 11,6 auf 18,2 Millionen Euro. Eine Steigerung um 57 Prozent.

Zwei Transfers ragten heraus.

Im August 2016 verpflichtete die KGaA den brasilianischen Stürmer Ribamar von Botafogo Rio de Janeiro für eine Ablöse von 3,2 Millionen Euro. Ribamar war damals 19 Jahre alt, hatte in der brasilianischen Serie A vier Tore in 26 Spielen erzielt, und galt als „Rohdiamant“. Die damalige Geschäftsführung verkaufte den Transfer als strategische Investition in die internationale Vermarktung der Marke 1860.

Ribamar absolvierte genau vier Pflichtspiele für 1860. Er erzielte null Tore. Er bereitete null Tore vor. Nach nur einer Saison verließ er den Klub im Juli 2017 Richtung Athletico Paranaense Euro an Botafogo zurück verliehen — und dort nie wieder zum Einsatz gebracht.

Im Sommer 2016 verpflichtete dieselbe Geschäftsführung den Mittelfeldspieler Stefan Aigner von Eintracht Frankfurt. Ablöse: 3,0 Millionen Euro. Aigner hatte in der Bundesliga regelmäßig gespielt und galt als sicherer Zugang. Er erzielte in einer Saison vier Ligatore, blieb über weite Strecken unter den Erwartungen und verließ den Klub nach dem Absturz ablösefrei Richtung MLS, zu den Colorado Rapids.

Gesamt-Investment in zwei Spieler: 6,2 Millionen Euro. Sportlicher Output: knapp unter null.

Ob und in welcher Höhe Beraterhonorare flossen, weisen die Abschlüsse nicht aus — eine Transparenzlücke, die der Klub bis heute nicht geschlossen hat. Das ist legal — aber es ist auch ein Datenpunkt für sich.

Im Geschäftsjahr 2016/17 schloss die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA mit einem Jahresfehlbetrag von rund 21,9 Millionen Euro ab (Bundesanzeiger). Der größte Single-Year-Loss der Vereinsgeschichte. Im Mai 2017 stieg die Mannschaft aus der 2. Bundesliga ab. Im Juni 2017 verlor sie die Lizenz für die 3. Liga. Im Juli 2017 fand sie sich in der Regionalliga Bayern wieder.

Hasan Ismaik bezeichnete das später in einem Interview als „schwerste Stunde meines Lebens“. Es war auch die teuerste Saison seines Investments. Er hat dafür nie eine eigene operative Verantwortung übernommen.

KAPITEL 5 · DAS LIZENZ-DRAMA 2017

Es gibt im deutschen Profifußball Momente, die in die Geschichtsbücher eingehen. Der 2. Juni 2017 ist so ein Moment. An diesem Freitag lief die Frist des DFB für den Liquiditätsnachweis der Drittliga-Lizenz 2017/18 ab. Die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA brauchte rund zehn Millionen Euro, um die Lizenz zu erhalten. Die HAM hatte diese Mittel zugesagt. Die HAM lieferte sie nicht.

Was in den Tagen vor dem 2. Juni in der Münchner Geschäftsstelle geschah, haben Beteiligte später öffentlich geschildert. Über Stunden versuchte die Klubführung um Präsident Peter Cassalette, Hasan Ismaik telefonisch zu erreichen. Ismaik war in Dubai. Er ging nicht ans Telefon. Seine Mittelsmänner gaben widersprüchliche Auskünfte: ja, das Geld komme; nein, es komme nicht; ja, eine Tranche sei unterwegs; nein, die Banken hätten Probleme.

In jenen Tagen meldete sich Ismaik auf seiner damals noch wenig frequentierten Facebook-Seite — mit Klagen über fehlende Wertschätzung des Vereins. Posts, die eines zeigen: Ismaik war erreichbar. Das Geld kam trotzdem nicht.

Am Nachmittag des 2. Juni 2017 verstrich die DFB-Frist. Tags darauf stand die Entscheidung fest: keine Lizenz, Zwangsabstieg in die Regionalliga Bayern.

Die ökonomische Logik dieser Verweigerung ist bis heute nicht öffentlich nachvollziehbar. Der Marktwert der KGaA-Anteile sank durch den Lizenzentzug binnen einer Woche um mehrere Dutzend Millionen Euro. Die HAM-Buchexposure — Anteile plus Genussrechte plus Darlehen — verlor erheblich an Substanz. Eine zugesagte Liquiditätsspritze von zehn Millionen Euro hätte ein Engagement geschützt, das sich — Anteile, Genussrechte und Darlehen zusammengenommen — auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag summierte. Stattdessen entschied der Investor, das Geld zurückzuhalten — und damit das eigene Investment systematisch zu entwerten.

Es gibt für solche Entscheidungen einen Begriff in der Verhaltensökonomie. Sie heißen „Eskalations-Commitment“. Wer in den 1970er Jahren die Studien von Barry Staw an der Universität Berkeley gelesen hat, kennt das Muster. Wer in einem Investment mit kumulierten Verlusten festsitzt — sogenannten Sunk Costs — neigt dazu, weitere rationale Entscheidungen durch psychologische Eskalations-Logik zu ersetzen. Man kämpft nicht mehr um Gewinn. Man kämpft um Recht. Man kämpft darum, dass die Welt anerkennt, was man getan hat.

Genau in dieser Logik agierte Hasan Ismaik im Juni 2017.

Genau in dieser Logik agierte er im Mai und Juni 2026.

Dazwischen lagen neun Jahre, in denen er gelernt hat — aber nicht das, was zu lernen gewesen wäre.

KAPITEL 6 · DIE REISINGER-JAHRE

Mit dem Lizenzentzug 2017 kam ein neuer Mann an die Spitze des e.V.: Robert Reisinger, gelernter Speditionskaufmann, Betriebswirt und Unternehmensberater im Logistikbereich, seit 1974 Vereinsmitglied und einst Jugendspieler der Löwen, zuvor Fußball-Abteilungsleiter und stellvertretender Verwaltungsratsvorsitzender. Im Verein galt er als nüchterner Verfechter von 50+1 und solider Haushaltsführung. Reisinger wurde im Sommer 2017 zum Präsidenten gewählt. Er sollte es acht Jahre bleiben. (Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde Reisinger fälschlich als Maschinenbauunternehmer mit lokalpolitischem Hintergrund beschrieben. Wir haben die Passage korrigiert.)

Reisingers Politik gegenüber der HAM war eindeutig: Distanz. Nicht Feindschaft, aber strukturelle Distanz. Reisinger sah die HAM als unzuverlässigen Geschäftspartner, der den Verein 2017 fahrlässig in den Abstieg gestürzt hatte. Er weigerte sich, an Sponsoren-Events teilzunehmen, bei denen Ismaik anwesend war. Er gab in Interviews keine Kommentare zu Investor-Plänen ab. Er ließ die KGaA operativ arbeiten — und konzentrierte sich auf den e.V. und auf die anstehende Stadion-Frage.

Diese Politik war für Ismaik unverdaulich. Über Jahre wiederholte er in Interviews dieselbe These: „Reisinger blockiert mein Investment.“ Es ist ein bemerkenswerter Satz. Denn Reisinger hatte als e.V.-Präsident gar nicht die Macht, ein KGaA-Investment zu blockieren. Der KGaA-Aufsichtsrat war von der HAM dominiert (drei von sechs Sitzen plus Stichentscheid). Bei operativen Entscheidungen — Trainerwahl, Spieler-Transfers, Sport-Direktor-Besetzung — saß die HAM am längeren Hebel. Was Reisinger blockierte, war eine Stadion-Lösung, die ohne Beteiligung des e.V. zustande gekommen wäre. Was Reisinger nicht blockierte, war operativer Spielraum in der KGaA.

In den acht Reisinger-Jahren 2017 bis 2025 erlebte die KGaA dennoch keine sportliche Wende. Der direkte Wiederaufstieg in die 3. Liga 2018 unter Bierofka war ein kurzer Lichtblick. Es folgten acht Drittliga-Saisons mit insgesamt vier knapp verfehlten Aufstiegen in die 2. Bundesliga. Die kumulierten Jahresfehlbeträge dieser Jahre betrugen rund fünfzehn Millionen Euro. Hinzu kamen mehrere Kapital-Spritzen der HAM, die teilweise in Genussrechte umgewandelt wurden.

Reisinger und die HAM lebten in einem Modus vivendi — einer kalten Koexistenz, in der beide Seiten genau wussten, was sie aneinander hatten, und genau wussten, dass eine Trennung teurer wäre als der Status quo. Es war keine glückliche Beziehung. Aber sie war stabil.

Stabilität ist im Profifußball ein unterschätzter Wert. In der Reisinger-Ära hatte 1860 keine spektakulären Erfolge. Es hatte auch keine spektakulären Katastrophen. Bis zum Sommer 2025.

Im Juli 2025 trat Robert Reisinger nicht zur Wiederwahl an. Acht Jahre Reisinger waren genug — sowohl für ihn als auch für die Mitgliedschaft. Auf der Mitgliederversammlung am 6. Juli 2025 wurde Gernot Mang mit 512 zu 18 Stimmen zum neuen Präsidenten gewählt. Mang, 56, Bankkaufmann und BWLer, lebenslanger Sechzig-Fan, kam mit einer Strategie, die Reisinger nie gehabt hatte: konstruktive Annäherung an die HAM.

Mang wollte eine Lösung. Er wollte einen geordneten Ausstieg Ismaiks. Er wollte einen neuen Lead-Investor, eine Stadion-GmbH, eine Genossenschaft, eine Beteiligungs-Architektur, die in zehn Jahren funktionieren würde.

Im April 2026 traf Mang Ismaik in München zu einem persönlichen Gespräch. Beide Seiten signalisierten Konstruktivität. Beide Seiten sprachen vor Mitarbeitern und in Briefen davon, dass „ein neues Kapitel“ möglich sei. Beide Seiten arbeiteten — vermeintlich — an einer Lösung.

Fünf Wochen später kündigte die HAM zwei Darlehensverträge.

Dreieinhalb Wochen später war die Lizenz weg.

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