Business & Beyond Energiemarkt schlägt Geldpolitik: EZB Zinswende wird zum Risiko

Energiemarkt schlägt Geldpolitik: EZB Zinswende wird zum Risiko

Die EZB erhöht erstmals seit drei Jahren die Zinsen. Doch Energieschock und Geopolitik machen jede Prognose zur Makulatur. Europas Kapitalmärkte taumeln zwischen Inflation und Rezession.

Die Europäische Zentralbank steht vor ihrer ersten Zinserhöhung seit drei Jahren – und niemand weiß, ob das reicht oder der Anfang einer Hochzinsphase ist. Der Grund: Die Straße von Hormus bleibt gesperrt, Energiepreise explodieren, und die Inflation liegt bei 3,2 Prozent.

Gleichzeitig schwächelt die Konjunktur. Die EZB muss zwischen Pest und Cholera wählen. Am Donnerstag wird sie handeln – aber was danach kommt, ist völlig offen.

Märkte preisen drei Zinsschritte ein – unrealistisch?

Eine Anhebung um 25 Basispunkte gilt als ausgemacht. Doch Finanzprofis streiten bereits über den weiteren Kurs. Laut Wallstreet Online rechnet der Terminmarkt mit fast drei Zinserhöhungen bis Jahresende. Jan Felix Glöckner von Insight Investment hält das für ambitioniert. Der Inflationsdruck komme vor allem von gestiegenen Energiepreisen – ein angebotsseitiger Schock, auf den Geldpolitik kaum Einfluss habe.

Die EZB ziele weniger auf die Inflationsrate selbst ab, sondern wolle Zweitrundeneffekte verhindern. Glöckner erwartet, dass die Notenbank sich alle Optionen offenhält und auf neue Daten reagiert. David Zahn von Franklin Templeton sieht das anders. Er rechnet mit einer zweiten Zinserhöhung im September. Die Inflation bleibe hartnäckiger als gedacht, die EZB müsse entschlossener handeln als 2022 nach dem Russland-Ukraine-Krieg. Damals habe sie zu zurückhaltend reagiert. Diesmal dürfte sie stärker gegensteuern.

Geopolitik trifft Fiskalpolitik – Frankreich im Fokus

Parallel verschärft sich die politische Unsicherheit. Frankreich, Italien und Spanien stehen vor Wahlen. Besonders Frankreich bereitet Sorgen. Vor den Wahlen dürfte die Fiskalpolitik deutlich gelockert werden – schlecht für die Anleihemärkte. Die Renditeaufschläge französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen liegen bei 65 bis 70 Basispunkten.

Zahn hält das für zu niedrig. Ein fairer Wert läge bei 100 Basispunkten, angesichts der schwachen Haushaltslage und des politischen Risikos. Die EZB-Sitzung gewinnt damit zusätzliche Brisanz. Sie muss nicht nur die Zinserhöhung beschließen, sondern auch signalisieren, wie entschlossen sie gegen die Inflation vorgehen will. Gleichzeitig steht mit Boris Vujčić ein neuer Vizepräsident bereit, der Luis de Guindos ablöst.

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