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Der Mann, der Vielfalt findet

Fotocredit Angelika Salomon
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Erschienen
Lesezeit9 Min · 1.708 Wörter

Schmetterlingsforscher Thomas Greifenstein über eine verborgene Welt, überraschende Funde auf den HiPP-Bio-Wiesen und warum gute Landwirtschaft mehr Leben ermöglicht.

Schmetterlinge sind seine große Liebe, seit er zehn ist. Thomas Greifenstein, 40 Jahre bei HiPP und Hobby-Entomologe aus Leidenschaft, hat auf den Bio-Wiesen des Unternehmens eine kleine Sensation dokumentiert: 50 Prozent mehr Insektenarten als auf konventionell bewirtschafteten Flächen – doppelt so viele von der sogenannten „Roten Liste“. Wir haben mit ihm über „biologische Barcodes“, verschwundene Kindheitswiesen und die Frage gesprochen, warum die meisten Schmetterlinge eigentlich nachts fliegen.

95 Prozent unserer Schmetterlinge fliegen nachts. Was verpassen wir, wenn wir nur an Tagfalter denken?

Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt. Bei Schmetterlingen denken die meisten an einen Schwalbenschwanz auf einer Blüte. Die große Vielfalt bleibt uns dagegen verborgen, weil wir nachts selten auf einer Wiese unterwegs sind. Dabei lohnt sich der Blick: Auch Nachtfalter haben faszinierende Farben und Zeichnungen. Und viele übernehmen die Arbeit, die wir vor allem mit Bienen verbinden: Sie bestäuben Blüten. Wenn wir nur die Tagfalter im Kopf haben, übersehen wir also nicht nur schöne Tiere, sondern einen wichtigen Teil dessen, was unsere Landschaft am Blühen und unsere Landwirtschaft am Laufen hält.

Welchen Falter aus Ihrer Kindheit vermissen Sie am meisten?

Es ist weniger ein einzelner Falter als die Selbstverständlichkeit, mit der wir ihnen früher begegnet sind. Schwalbenschwänze, Schillerfalter, Perlmutterfalter oder Widderchen gehörten zu meiner Kindheit. Wir mussten nicht lange nach ihnen suchen. Heute sind solche Begegnungen viel seltener. Besonders fehlen mir die feuchten Ilm-Auen, in denen wir als Kinder Raupen gesucht haben. Sie sind inzwischen bebaut. Mit ihnen ist nicht einfach eine schöne Wiese verschwunden, sondern ein ganzer Lebensraum. Das trifft mich mehr als der Gedanke an eine einzelne Art.

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Sie beschreiben, wie über dem Klee die ersten Bläulinge „Pirouetten drehen“. Haben Schmetterlinge für Sie so etwas wie eine Persönlichkeit?

Eine Persönlichkeit im menschlichen Sinn würde ich ihnen nicht zuschreiben. Aber unterschiedliche Arten haben ihre ganz eigenen Strategien, und die sind manchmal verblüffend. Der Braune Bär etwa kann bei Gefahr seine auffälligen Hinterflügel zeigen, um Fressfeinde abzuschrecken. Wenn man so etwas beobachtet, sieht man plötzlich nicht mehr nur einen bunten Falter, sondern ein Tier, das sich in seiner Umwelt behaupten muss. Genau das fasziniert mich. Die Bläulinge über dem Klee erinnern mich daran, dass eine Wiese voller kleiner Geschichten steckt. Man muss sich nur die Zeit nehmen, sie zu entdecken.

Neben Fangnetz und Kamera arbeiten Sie heute auch mit DNA-Analysen. Was ist schöner: der Moment auf der Wiese oder die Überraschung, wenn das Labor eine unbekannte Art meldet?

Für mich gehören beide Momente zusammen. Auf der Wiese beginnt die Begeisterung. Im Labor merken wir, wie viel uns selbst bei genauem Hinsehen entgeht. Beim DNA-Metabarcoding lesen wir kurze Abschnitte des Erbguts aus einer Probe mit vielen verschiedenen Insekten aus. Diese funktionieren wie biologische Barcodes. Durch den Vergleich mit einer Referenzdatenbank können wir auch winzige oder äußerlich kaum unterscheidbare Arten identifizieren. Dabei stoßen wir auf Arten, die für die Region noch nicht nachgewiesen oder wissenschaftlich noch nicht beschrieben sind. Eine neue genetische Spur ist allerdings noch nicht automatisch eine neu beschriebene Art. Gerade diese Verbindung gefällt mir: Die Neugier ist dieselbe wie früher, nur unsere Werkzeuge sind heute viel besser.

Rund 10.000 Insektenarten, etwa ein Drittel aller bekannten Arten Bayerns, auf einem Fleck bei Pfaffenhofen. Hat Sie diese Zahl selbst überrascht?

Ja, vor allem hat mich überrascht, wie viel es direkt vor unserer Haustür noch zu entdecken gibt. Ich hatte mich jahrzehntelang mit Schmetterlingen in Südamerika beschäftigt. Als ich die Insektenwelt auf dem HiPP-Musterhof untersuchen sollte, dachte ich zunächst: Hier kennt man doch längst alles. Das Gegenteil war der Fall. Mit jeder Untersuchung wurde deutlicher, wie wenig wir über diese vermeintlich vertraute Landschaft wissen. Die rund 10.000 Arten wurden über mehrere Jahre im gesamten Untersuchungsgebiet nachgewiesen, nicht auf einem einzigen Fleck an einem Tag. Für mich ist das eine schöne Korrektur der eigenen Erwartungen: Das große Abenteuer muss nicht weit weg sein.

Eine Schmetterlingsart trägt den Namen von Claus Hipp. Wie kam es dazu?

Ich habe den Falter auf einer von HiPP unterstützten Forschungsreise in Ecuador entdeckt, im Bergnebelwald. Es war eine bis dahin unbekannte Grünspanner-Art. Mein guter Freund und Nachtfalterspezialist Dr. Axel Hausmann, Leiter der Sektion Lepidoptera in der Zoologische Staatssammlung München, beschrieb die Art und benannte sie Rhodochlora claushippi, um Claus Hipps langjährigen Einsatz für ökologische Landwirtschaft und Artenvielfalt zu würdigen. Diese Geschichte verbindet zwei Dinge, die lange nebeneinander liefen: meine Arbeit bei HiPP und meine Begeisterung für Schmetterlinge. Heute steht dieser Falter auch für das Nachhaltigkeitsengagement des Unternehmens.

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Ein Babynahrungshersteller setzt sich für Schmetterlinge und Insekten ein. Wie passt das überhaupt zusammen?

Ich habe bei HiPP als Produktentwickler Hunderte Menüs für die Gläschen entwickelt. Da ist die Verbindung für mich sehr konkret: Ohne landwirtschaftliche Rohstoffe gibt es keine Babynahrung, und ohne funktionierende Ökosysteme fehlen wichtige Voraussetzungen für ihren Anbau. Insekten bestäuben Pflanzen, dienen anderen Tieren als Nahrung und spielen eine entscheidende Rolle in natürlichen Kreisläufen. Qualität beginnt deshalb nicht erst im Labor oder in der Produktion, sondern dort, wo unsere Rohstoffe wachsen. Die Insektenstudie ergänzt diesen Blick um die Frage, wie lebendig diese Landschaft ist. Und bei Nahrung für Kinder liegt es nahe, auch daran zu denken, welche Natur diese Kinder einmal erleben werden.

Sie sagen, Unternehmen können Landwirten durch langfristige Verträge und faire Preise den Rücken stärken. Wie erleben Sie das bei HiPP und den Bauern, die für HiPP anbauen?

Bei HiPP gehört die enge Zusammenarbeit mit den Bio-Landwirten seit Jahrzehnten zum eigenen Qualitätsverständnis. Daraus ist ein eigenes Erzeugernetzwerk mit langfristigen Partnerschaften gewachsen. Die Betriebe verpflichten sich zu strengen Anbau- und Qualitätsanforderungen, das Unternehmen bietet ihnen im Gegenzug Abnahme und fachliche Begleitung. Qualität wird also nicht erst bei der Lieferung geprüft, sondern von Anfang an gemeinsam erarbeitet, von der Auswahl geeigneter Böden über das Saatgut bis zur Ernte. So übernimmt HiPP Verantwortung vom Anbau bis zum fertigen Produkt. Auch Erkenntnisse aus unserer Insektenstudie fließen in die Beratung ein. Für mich gehört das zusammen: hochwertige Rohstoffe und eine Landwirtschaft, die ihre natürlichen Lebensgrundlagen erhält. Dafür brauchen die Bauern Verlässlichkeit und faire Preise.

Der HiPP-Musterhof wird schon seit 1956 ökologisch bewirtschaftet. Was macht diesen Ort für Sie als Forscher so besonders, und was spürt man dort, wenn man über die Wiesen geht?

Dieser Hof verbindet etwas, das man selten zusammenbekommt: jahrzehntelange ökologische Bewirtschaftung und die Möglichkeit, ihre Wirkung systematisch zu untersuchen. Seit 2010 werden dort außerdem gezielt Maßnahmen für biologische Vielfalt erprobt. Die Insektenstudie läuft seit 2018. Der konventionelle Vergleichsbetrieb liegt in der Nähe, sodass Klima, Boden und andere Standortbedingungen ähnlich sind. Das hilft uns, Unterschiede in den Insektenbeständen einzuordnen. Wenn ich auf dem HiPP-Musterhof über die Wiesen gehe, sehe ich aber nicht zuerst Daten. Ich sehe Blüten, Falter und Lebensräume. Die Messungen helfen uns dann zu verstehen, was hinter diesem Eindruck steckt und was sich über die Jahre verändert.

Gibt es etwas, das Sie auf dem HiPP-Musterhof gelernt haben und das andere Höfe direkt übernehmen könnte?

Man kann beim Mähen anfangen. Wenn eine Wiese früh und häufig gemäht wird, verschwinden Blüten und damit Nahrung für viele Insekten. Auch Raupen brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Spätere Mahdtermine, weniger häufiges Mähen und stehen gelassene Teilbereiche können deshalb viel bewirken. Dazu kommen blütenreiche Säume mit heimischen Pflanzen, Hecken und strukturreiche Randzonen. Entscheidend ist, dass diese Maßnahmen zum jeweiligen Betrieb und Standort passen. Ein Blühstreifen allein löst nicht jedes Problem. Aber es muss auch nicht gleich der komplette Hof umgebaut werden. Schon mit einem anderen Blick auf die eigenen Flächen lässt sich erkennen, was  verändert werden kann.

Sie strahlen viel Optimismus aus? Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie morgens auf die Wiese gehen?

Optimismus heißt für mich nicht, den Rückgang kleinzureden. Wenn vertraute Arten verschwinden, tut das weh. Aber wir sehen auch, dass die Bewirtschaftung einen messbaren Unterschied macht. Auf den Bio-Flächen finden wir mehr Insektenbiomasse und doppelt so viele Schmetterlingsarten der Roten Liste wie auf den konventionellen Vergleichsflächen. Die HiPP-Insektenstudie liefert außerdem Hinweise, dass sich die Vielfalt nach Veränderungen in der Bewirtschaftung wieder erhöhen kann. Nicht jede Art kehrt sofort zurück, und nicht jeder Verlust lässt sich rückgängig machen. Aber wir kennen konkrete Möglichkeiten, etwas zu verbessern. Das gibt mir mehr Hoffnung als jede allgemeine Beschwichtigung.

Sie sagen, man müsse nur bereit sein, der Wiese zuzuhören. Was würde die Wiese uns heute erzählen?

Vielleicht: Schaut genauer hin. Eine Wiese kann auf den ersten Blick grün und gesund aussehen und trotzdem vielen Arten wenig bieten. Entscheidend ist, welche Pflanzen dort wachsen, wann gemäht wird und ob Insekten ihren gesamten Lebenszyklus durchlaufen können. Die Wiese würde uns wohl auch erzählen, dass Nutzung und Vielfalt kein Widerspruch sein müssen. Auf unseren Untersuchungsflächen wird Landwirtschaft betrieben, und trotzdem finden wir dort erstaunlich viel Leben. Entscheidend ist nicht, wie schön wir über die Wiese sprechen, sondern wie wir mit ihr umgehen.

Wie geht es mit dem Projekt weiter? Gibt es etwas, das Sie in den nächsten Jahren noch herausfinden oder bewegen möchten?

Gemeinsam mit HiPP setzen wir die Studie auch 2027 fort und erweitern den Projektrahmen. Das ist wichtig, weil wir langfristige Entwicklungen nur erkennen, wenn wir dranbleiben. Mich interessiert besonders, welche Maßnahmen über die Jahre Wirkung zeigen und wie unterschiedliche Insektengruppen darauf reagieren. Gleichzeitig sollen die Erkenntnisse nicht im Forschungsordner bleiben, sondern in die Beratung und Bewirtschaftung der Partnerbetriebe einfließen. Mein persönlicher Wunsch ist ganz einfach: Dass Kinder wieder mehr von der Vielfalt erleben können, die für mich früher selbstverständlich war. Nicht nur auf Bildern, sondern draußen auf einer Wiese.

Infokasten HiPP führt seit 2018 in Zusammenarbeit mit der Zoologischen Staatssammlung München, der Universität Salzburg und der Nicolaus Copernicus Universität in Toruń eine Studie durch, die den Einfluss von ökologischem und konventionellem Landbau auf Biodiversität untersucht. Die HiPP Insektenstudie ist weltweit die erste Studie, die über einen langen Zeitraum quantitative und qualitative Daten zur Insektenvielfalt auf ökologisch und konventionell bewirtschafteten Agrarflächen miteinander vergleicht. Dafür werden Fluginsekten über sogenannte Malaise-Fallen gesammelt und das Probenmaterial durch DNA-Metabarcoding ausgewertet. Durch das Verfahren kann ein detailliertes Bild der Artenvielfalt gezeichnet werden. Die Insektenstudie zeigt auf, wie eng die Entwicklung der Insektenwelt mit der Form der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung verknüpft ist. Die Ergebnisse aus den bisherigen Erfassungszeiträumen belegen, dass ökologisch bewirtschaftete Flächen deutlich artenreicher sind und das schon kleine Anpassungen in der Bewirtschaftung positive Auswirkungen haben können. HiPP wurde 2026 für die Insektenstudie mit dem Sonderpreis des UBi-Wettbewerbs „Biodiversitätspreis für die Wirtschaft“ ausgezeichnet.
Zur Person Thomas Greifenstein ist seit seiner Kindheit Hobby-Entomologe mit einer besonderen Leidenschaft für Schmetterlinge. Er war bei HiPP 40 Jahre in der Forschung und Entwicklung tätig und ist seit 2018 an der HiPP-Insektenstudie beteiligt, die den Einfluss von ökologischem und konventionellem Landbau auf die Biodiversität untersucht.

Portrait Susie von den Stemmen

Susie von den Stemmen

Mit über 30 Jahren Erfahrung in den Medien hat Susie eine vielseitige Karriere als TV-Redakteurin, Print- und Online-Journalistin verbracht. Ihr Fokus liegt auf Kultur, Auto- und Lifestylethemen, in denen sie eine umfassende Expertise aufgebaut hat. Diese Tätigkeiten haben ihr die Möglichkeit eröffnet, faszinierende Orte zu bereisen und ein umfassendes Netzwerk im Bereich der Persönlichkeiten hinter den Marken und VIPs aufzubauen. Susies beruflicher Werdegang begann nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften und Germanistik mit einer ersten Berufsstation beim Disney Club (ARD), gefolgt von Redaktionsarbeiten für Gottschalk Late Night (RTL) und Jay Leno (NBC Los Angeles). Sie hat zahlreiche Fernsehaufträge für verschiedene Sender durchgeführt, darunter die Produktion von TV Beiträgen, Leitung von Studioredaktionen und die Akquise von Neugeschäft. Nachdem sie mit ihrer Familie nach Hamburg gezogen ist, hat sie ihre Karriere im Printbereich gestartet, zunächst bei Park Avenue für Gruner & Jahr und später bei Gala und anderen renommierten Titeln. Als VIP-, Automobil- und Kultur-Beauftragte hat sie weiterhin die Welt bereist, ihr Netzwerk ausgebaut und ihre Leidenschaft für die Auto-, Reise- und Genussszene vertieft. Aktuell leitet sie das Office! von den Stemmen in Hamburg und München. Kunden waren und sind: Bild, Cosmopolitan, Travellers World, Ramp, Audi Magazin, Air Tours, Lufthansa Magazin, DB Magazin, Tagesspiegel, Myself, Zeit Online, Instyle Men und nun auch Business Punk. Neben ihrem Wohnsitz in Hamburg ist sie dank ihrer Porsche Rennlizenz weltweit im Einsatz, um fesselnde Geschichten rund um Automobilität, Kultur und Lifestyle zu generieren.